Zugbrücken wie in Holland, Wasserstraßen wie in Venedig

Es sind vor allen Dingen die Naturgewalten, die reißende Nordsee und das Wattenmeer, der ewige Wechsel von Ebbe und Flut, die Jagd auf Wale und Seehunde, die prägten. Aber ebenso die riesigen Moore im Innern, die kaum ein Durchkommen erlaubten, damit aber auch vor fremden Eroberern und deren Interessen schützten. Abgeschieden und abgeschnitten von fremden Einflüssen ist Ostfriesland immer seinen ganz eigenen Weg gegangen. Erst als die Preußen kamen war es vorbei mit der Ruhe im Land der feuchten Moore. Lange Kanäle und weiße Zugbrücken wie in den Niederlanden gehören seitdem zum Landschaftsbild einer Region, durch die man kilometerlang über Wasser streifen kann. Es ist hier fast wie in Venedig, nur viel, viel größer und weiter – und statt Paläste erheben sich mächtige Wasserburgen aus dem flachen Land.

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Klimawandel: Gefahr auch für die kleinen Knutts

Er gehört nicht einmal zu den »Flying Five«, den fliegenden Markenbotschaftern des Wattenmeers: Die Rede ist vom Knutt. Dabei ist er in großer Zahl und in Schwärmen überall am Wattenmeer zu sehen. Bis zu 72.000 dieser geselligen, amselgroßen Vögel sind allein in Niedersachsen unterwegs. Zweimal im Jahr machen sie an der Nordseeküste Zwischenstation. Sie haben bereits eine 4.000 Kilometer lange Strecke hinter sich, wenn sie im Frühjahr aus ihren Winterquartier in Westafrika ankommen, und eine ebenso lange vor sich, wenn sie weiterfliegen zu ihren Brutgebieten in Nordsibirien.

Während des anstrengenden Fluges reichlich abgemagert, haben die ausgesprochenen Langstreckenzieher keinerlei Reserven mehr und müssen dringend auftanken. Die weiten, geschützten Flächen des Nationalparks Wattenmeer sind dazu ideal. Auf seinen relativ kurzen Beinen sucht der Knutt dann im feuchten Boden der Ebbe nach Nahrung, watet durch flaches Wasser und stochert nach seiner Leibspeise: kleinen Muscheln und Wattschnecken, die er unzerkaut frisst und im Muskelmagen verdaut. Dabei legt er in seinem Körper ein Fettdepot an und kann in nur vier Wochen sein Gewicht von 140 auf 240 Gramm fast verdoppeln. Damit ist er bestens gerüstet für die bevorstehende lange Weiterreise in die arktische Küstentundra.

Dort droht der Vogelart seit einigen Jahren Gefahr. Denn durch den Klimawandel tritt die Schneeschmelze in den arktischen Zonen einige Wochen früher als bisher ein. Damit schlüpfen auch die Insekten in den Brutgebieten früher. Für Knutt-Küken, die wie gewohnt später auf die Welt kommen und sich von diesen Insekten ernähren, ist das ein schwerer und hungriger Start ins Leben. Sie wachsen schlechter, auch ihr Schnabel ist merklich kürzer. Was ihnen im Winter in Afrika zum tödlichen Verhängnis wird, da sie bestimmte, im Watt vergrabene Muscheln als Nahrungsquelle nicht mehr erreichen.

Wenn der Knutt sein Prachtgewand trägt, dann leuchtet die Unterseite rotbraun. Am Wattenmeer sieht man ihn nur in seinem Schlichtkleid, weiß mit grau gefleckter Brust. Auch im Winter kann man übrigens Knutts beobachten. Diese Gruppen sind dann nicht auf Durchreise wie die aus Afrika, sondern kommen aus Nordostkanada und Grönland zum Überwintern hierher.


All das ist nachzulesen in „111 Dinge über das Wattenmeer, die man wissen muss“ – ein Buch, das dieses Jahr ganz neu im Emons Verlag erschienen ist. Neben der Geschichte über die gefährdeten Knutts, kann man darin auch viel Interessantes über andere Vogelarten des Wattenmeers erfahren, über den Vogelzug und die Welt dieser faszinierenden Wesen des Himmels.

Das Wattenmeer ist ein wildes Stück Deutschland. Seit 2009 ist das Schwemmland im Norden, das sich von den Niederlanden bis nach Dänemark erstreckt, mit dem Titel UNESCO-Weltnaturerbe geadelt. Eine amphibische Landschaft, die von oben so schön ist wie das Mündungsdelta des Orinoco, heißt es. Das Buch nimmt Sie mit auf eine Reise in dieses Zwischenreich, nicht Land, nicht Meer, im ewigen Rhythmus von Ebbe und Flut, angezogen von gewaltigen kosmischen Kräften. Es erzählt von Spionage im Wattenmeer, von tragischen Unglücksfällen, kulinarischen Neuentdeckungen und spannenden Forschungsprojekten zu Klimawandel und Nachhaltigkeit. Ein Haufen Schlick? Mitnichten! Mehr Leben geht nicht.

13,5 x 20,5 cm, 240 Seiten

ISBN 978-3-7408-1081-8

Euro 16,95 [D] , 17,50 [AT]

Der Austernfischer | Omnipräsent: nicht zu übersehen und zu überhören – Die Flying Five | Der Alpenstrandläufer ist einer – von ganz vielen – Der Knutt | Viel unterwegs, der kleine Langstreckenzieher – Die Löfflerkolonie | Eine „absolute Erfolgsstory“ des Vogelschutzes – Der Ostatlantische Vogelzug | Raststätte Wattenmeer: die globale Drehscheibe – Die Pfuhlschnepfe | Langstreckenrekord eines bedrohten Zugvogels – Die Ringelgans | Vom gejagten Federvieh zum Halligen-Superstar – Der Rotschenkel | Ein sicheres Revier für den Nachwuchs und die Art – Die Seeschwalbe | Auf die lange Distanz: einmal um die ganze Welt – Die Silbermöwe | Groß und gesellig: als Paar durch ein langes Leben – Der Vogelbeobachtungssturm | Am Hafen von Neßmersiel: Watvögel zum Greifen nah – Die Zugvogeltage | Das große Fest im Herbst: die „Nomaden der Lüfte.


Die beiden Vogelbilder dieses Beitrages wie auch die Bilder des Buches sind von Andreas Klesse aus Jever, vielfach ausgezeichnet für seine meisterhaften Fotografien. Auf seiner Webseite www.klesse-fotos.de gibt es jede Menge weitere Motive zu sehen sowie diverse Foto-Kalender zu bestellen. Natürlich auch einer über das Wattenmeer!

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Traumberuf Nationalpark-Ranger: Jochen Runar

Seinen Rangerhut, den „Mounty“, trägt er nur zu besonderen Anlässen und durch die Dünenlandschaft streift er auch nicht wie Indiana Jones mit der Waffe im Anschlag, sondern friedlich mit dem E-Bike und in Dienstkleidung der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer. Dennoch ist sein Beruf einer von denen, bei dem der Gedanke an Abenteuer, Wildnis und grenzenloser Freiheit sehr schnell kommt. Jochen Runar ist der Nationalpark-Ranger von Langeoog.

Langeoog hat kein Nationalparkhaus wie die anderen Ostfriesischen Inseln. Dennoch muss sich einer vor Ort um den Nationalpark Wattenmeer kümmern, der mit Ausnahme des bebauten Dorfes und den für Tourismus reservierten Strandabschnitten weite Flächen der Insel einschließt: Es gilt die Natur im UNESCO Welterbe zu schützen, aber auch einer der zentralen Ansprechpartner und Informationsvermittler für viele Menschen zu sein. So lautet in etwa die Berufsbeschreibung eines Nationalpark-Rangers auf einer Urlaubsinsel. Jochen Runar ist in Ausübung seines Berufs immer beides: Wächter und Kommunikator in Personalunion. Die Medien schauen gerne vorbei zum Gespräch und Interview mit dem Ranger. Nicht nur Ostfriesland Reloaded, auch die FAZ war zum Portrait über ihn schon da, Buchautor:innen, und das Fernsehen sowieso.

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Spektakel: Das große Fest der Zugvögel am Wattenmeer

Jetzt, im Herbst, ist wieder Hochsaison des Vogelzugs. Auf der ostatlantischen Route, die von Sibirien über Nordeuropa immer die Küste entlang bis hinunter nach Südeuropa und hinüber nach Afrika führt, spielt das Wattenmeer eine existenzielle Rolle für die Tiere. Mit seinem riesigen Nahrungsangebot aus Würmern, Muscheln und Krebsen ist es für 12 Millionen Zugvögel die zentrale Raststation auf der langen Strecke. Ohne das Wattenmeer der Nordsee würde der ostatlantische Vogelzug zum Erliegen kommen.

Mit einem umfangreichen Programm, das die Verwaltung vom Niedersächsischen Nationalpark Wattenmeer auf den Inseln und an den Küsten Ostfrieslands, rund um den Jadebusen und in Cuxhaven auf die Beine gestellt hat, wird dieses grandiose Naturspektakel auch in diesem Jahr wieder gefeiert. Mehr als 250 Termine und Veranstaltungen stehen im Kalender der 13. Zugvogeltage vom 9. bis 17. Oktober.

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Schnupperkurs Strandsegeln: Manöver mit der Mini-Yacht

Auf Borkum hat die einzige Strandsegelschule der Ostfriesischen Inseln ihren Sitz. Und das hat auch einen guten Grund: Denn keine andere hat ein derartig breites Revier für segelnde Strandyachten wie sie mit ihrem riesigen Nordstrand. „World of Wind“ heißt die Schule, die 2016 von Chris John auf Borkum eröffnet wurde und Einsteigern die Möglichkeit bietet, hineinzuschnuppern in diesen außergewöhnlichen Strandsport, der wie kaum ein anderer mit der Nordsee und seinen Inseln im Wattenmeer verbunden wird. Drei Stunden dauert so ein Schnupperkurs Strandsegeln in Praxis und Theorie – und es ist schon erstaunlich, wie schnell Mann und Frau den Bogen heraus hat.

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Strandsegeln auf Langeoog: Spitzensport mit Bents

Rasend unterwegs: Immer mit der Nummer 605 segelt Thomas Bents die Strandregatta.

Auf Langeoog mit seinem 15 Kilometer langen Traumstrand wird das Segeln auf Sand schon besonders lange gepflegt. Der Langeooger Strandsegler Club, 1984 gegründet, besteht seit mittlerweile 37 Jahren. In dieser Zeit haben die rasanten Regattafahrer:innen der Insel unzählige nationale und internationale Meisterschaften gewonnen. Bis heute wird hier im Verein gesegelt, was mittlerweile eine Seltenheit auf den Ostfriesischen Inseln geworden ist. Das ist vor allen Dingen dem persönlichen und jahrelangen Einsatz vieler engagierter Strandsegler Langeoogs zu verdanken. Einer von ihnen ist Thomas Bents, selbst ein äußerst erfolgreicher Regatta-Segler, der von den fünfziger und sechziger Jahren zu berichten weiß, als es auf der Insel bereits frühe Spielarten des Strandsegelns gab.

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Segeln unter Regeln: Von FISLY und Formel 1 am weiten Strand

Wurde das Strandsegeln in den Anfangsjahren rein zum persönlichen Vergnügen betrieben, hat sich die Disziplin seit den Siebziger Jahren stark professionalisiert. Insbesondere beim Regatta-Segeln gibt es strenge Reglements, über die international die FISLY (Federation Internationale de Sand et Land Yachting) wacht – wie etwa über die Segelklassen des rasanten Sports. In welcher Klasse man ein Rennen segelt, das entscheidet beim Strandsegeln die Größe von Gefährt und Segel sowie die Geschwindigkeit, die maximal erreicht werden kann.

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Expedition Ostfriesland: Terra Incognita

Spätestens seit dem Bestseller „Die Vermessung der Welt“ ist Deutschlands berühmtester Mathematiker, Carl Friedrich Gauß, auch jenen ein Begriff, die sich ansonsten wenig um die Kunst der Berechnung von Dreiecken scheren. Triangulation heißt ein bis heute eingesetztes Verfahren, das erlaubt, mit Hilfe der Mathematik und Winkelfunktionen die Länge der Schenkel von Dreiecken zu berechnen und damit Entfernungen zu ermitteln. Nach einer Reihe von technologischen Innovationen bei den Messinstrumenten, zu der auch Gauß maßgeblich beitrug, begann man im 19. Jahrhundert ganze Landstriche mit einem Spinnennetz an Dreiecken zu überziehen und sie so exakt zu kartieren.

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Dichtung und Wahrheit: der „echte“ Gauß

Zum 200. Jubiläum der „Königlich Hannoverschen Landvermessung“ wird der komplette Briefwechsel zur historischen Mission unter Leitung von Carl Friedrich Gauß erstmals in transkribierter Form veröffentlicht. Mehr als tausend Briefe zeichnen ein neues Bild vom berühmtesten Vermesser der Welt. Geplant hatte er anfangs mit etwa 400, am Ende sind es genau 1072 handschriftliche Briefe in altdeutscher Schrift, die nun für jedermann lesbar in Druckschrift und ins Hochdeutsche transkribiert vorliegen. Das zunächst überschaubare Unterfangen nahm im Verlauf immer gewaltigere Dimensionen an. Neue Korrespondenz von und an Gauß tauchte auf, so wurden 200 verschollen geglaubte Briefe zwischenzeitlich entdeckt. Der letzte aus Washington D.C. erreichte André Sieland noch Anfang 2021.

Sieland ist Vermessungsexperte wie Gauß, Fachgebietsleiter im Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung Niedersachsen (LGLN) in Hannover, und damit zuständig für die Festpunkte der Gegenwart. In dieser Funktion erhielt er 2017 in Vorbereitung auf das bevorstehende Jubiläum eine Anfrage der Kollegen vom Landesamt für Denkmalpflege nach den alten Gauß’schen Messpunkten in Niedersachsen. Nur etwa 17 nachgewiesene seien ihnen bekannt. Doch schon erste Überprüfungen Sielands ergaben, es sind einige mehr. Schnell hatte er 120 gelistet, und bekam zunehmend Spaß an den Nachforschungen. Er investierte immer mehr Freizeit und schließlich jede freie Minute in das Projekt, unternahm Exkursionen und Wanderungen am Wochenende, traf auf leidenschaftliche Heimatkundler und konnte manch originalen alten Messpunkt neu verorten wie auf der Insel Langeoog oder sogar wiederentdecken wie auf dem Haußelberg in der Lüneburger Heide.

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