Wasserreich Ostfriesland: Geschichte und Geschichten zwischen Ems und Jade

Ostfriesland ist ein einzig Wasserreich – nicht nur wegen seiner maritimen Lage und der Nordsee direkt vor seiner Küste. Mit der Ems und dem Dollart ganz im Westen und dem Jadebusen im Osten umschließt Wasser die Halbinsel gleich von drei Seiten. Sie verbindet ein breiter Kanal: der Ems-Jade-Kanal. Er ist die wichtigste Wasserader einer Region, die von einem Netz unzähliger kleinerer Kanäle und Tiefs durchzogen ist. Um Geschichte und Geschichten zu diesem Wasserweg dreht sich viel im neuen Schwerpunkt von Ostfriesland Reloaded.

Das Portrait der aktuellen Ausgabe stellt Ihnen die Leiterin des Historischen Museum in Aurich, Brigitte Junge, vor. Sie weiß ziemlich genau, welche Anstrengungen es gekostet hat, den mehr als 70 Kilometer langen Ems-Jade-Kanal durchs Land zu schlagen. Davon erzählt auch sehr anschaulich der Auricher Beitrag zur Gemeinschaftsausstellung „Dat löppt!, die der Museumsverbund Ostfriesland in insgesamt elf beteiligten Museen verteilt über die Region präsentiert. Ein bißchen Holland, ein bißchen Venedig ist über die Jahrhunderte hinweg in Ostfriesland entstanden. Wie, wann und warum, das lässt sich äußerst kurzweilig nachlesen in „Klöster und Klinker, Kanäle und Kanonen“, einem Kapitel aus dem Geschichte(n)-Buch Ostfriesland. Ein schneller Ritt durch Raum und Zeit. Der Geschenk- und Lesetipp für Sie zu Weihnachten.

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Eine Museumsleiterin mit Mission: Die Ära Brigitte Junge

Seit 30 Jahren leitet sie nunmehr die Geschicke des Historischen Museums in Aurich. Und man mag es gar nicht glauben, wenn man sie so zart, fast mädchenhaft, vor ihrem Büro in der Alten Kanzlei stehen sieht:  Sie ist gerade 65 geworden, und in gut zehn Monaten, zum 1. September 2022, ist es tatsächlich so weit – sie geht ganz offiziell in Rente. In ihrem Fall ist der Ruhestand mehr als wohlverdient. Mit Brigitte Junge geht auch eine Ära zu Ende, sie hat für ihr Museum viele neue Wege beschritten und deutliche Spuren hinterlassen. Die Gelegenheit für Ostfriesland Reloaded, sich mit der großen Kennerin ostfriesischer Geschichte und Kultur zu unterhalten – so lange sie noch in Amt und Würden ist und unermüdlich wie gewohnt ihre Ausstellungen und zahlreichen Veranstaltungen plant.     

Ostfriesland Reloaded im Gespräch mit Brigitte Junge

Ostfriesland Reloaded: Können Sie sich eigentlich noch an die Anfänge in Aurich erinnern, an Ihren Start als Leiterin des Historischen Museums?

Brigitte Junge: Sehr gut sogar. Ich war damals 34 Jahre alt und konnte nicht wie geplant zum Januar, sondern erst zum 1. März 1991 meine neue Stelle antreten. Ich hatte noch letzte Verpflichtungen in Delmenhorst, wo ich bei der Stadt angestellt war und ein Konzept für das noch zu gründende Stadtmuseum erstellte. Doch dann ging es sofort los! Nur wenige Wochen später, bereits am 20. April des Jahres, habe ich mit „Ostfriesland – Völsprakenland“ meine allererste Sonderausstellung als Museumsleiterin eröffnet.

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Wenn es Winter wird am Ems-Jade-Kanal: „Dat löppt!“ in Aurich

Der Weg zu Sonderausstellungen weist im Historischen Museum der Stadt Aurich stets ganz nach oben, ins Dachgeschoss. Unter dem hohen Dachgiebel mit seinen freigelegten Holzbalken präsentiert das Museum auch „Dat löppt!“, seinen kulturhistorischen Rückblick auf die vielfältige und besondere Bedeutung von Wasser für Ostfriesland. In der Auricher Ausstellung läuft es ebenfalls – und zwar thematisch immer entlang des Ems-Jade-Kanals, Aurichs großer Wasserstraße, die die Stadt westlich mit Emden und östlich mit Wilhelmshaven verbindet.

Die Ausstellung erzählt mit vielen Schautafeln, Objekten und liebevoll bestückten Vitrinen von den Anfängen und ersten Plänen für einen Treckfahrtskanal von Aurich nach Emden, der immer wieder an der Finanzierung scheiterte, und schließlich nach mehreren Anläufen in nur zwei Jahren von 1798 bis 1800 gebaut wurde. Man erfährt so Manches über das prosperierende Aurich, das sein starkes Wachstum Ende des 19. Jahrhunderts und die Teilhabe am Welthandel auch diesem Kanal verdankte. Und man kann viel lernen über den weiteren, anstrengenden Ausbau der Wasserstrecke zum Ems-Jade-Kanal, der 1880 mit 700 Arbeitskräften auf Teilstrecken begann und zwischenzeitlich 6.000 bis 7.000 Menschen zählte. Sie hatten schwer zu kämpfen mit dem hohen Grundwasserspiegel, anhaltenden Regenfällen, Treibsanden und Erdrutschen. Es war harte Arbeit, bis die durchgehende West-Ost-Verbindung zu Wasser – von der Ems bis zur Jade und damit zwischen den beiden größten ostfriesischen Häfen – in Betrieb gehen konnte. 1888 wurde die lange Wasserader, die Ostfrieslands Binnenland nun komplett durchzog, eingeweiht.

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Zugbrücken wie in Holland, Wasserstraßen wie in Venedig

Es sind vor allen Dingen die Naturgewalten, die reißende Nordsee und das Wattenmeer, der ewige Wechsel von Ebbe und Flut, die Jagd auf Wale und Seehunde, die prägten. Aber ebenso die riesigen Moore im Innern, die kaum ein Durchkommen erlaubten, damit aber auch vor fremden Eroberern und deren Interessen schützten. Abgeschieden und abgeschnitten von fremden Einflüssen ist Ostfriesland immer seinen ganz eigenen Weg gegangen. Erst als die Preußen kamen war es vorbei mit der Ruhe im Land der feuchten Moore. Lange Kanäle und weiße Zugbrücken wie in den Niederlanden gehören seitdem zum Landschaftsbild einer Region, durch die man kilometerlang über Wasser streifen kann. Es ist hier fast wie in Venedig, nur viel, viel größer und weiter – und statt Paläste erheben sich mächtige Wasserburgen aus dem flachen Land.

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Vom gefährdeten Knutt, einem Nationalpark-Ranger und dem großen Zugvogelfest

Das grandiose Naturspektakel des Herbstes hat wieder begonnen: Millionen von Vögeln erheben sich nach ihrem überlebenswichtigen Stopp am Wattenmeer in die Lüfte und ziehen von uralten Instinkten gesteuert ihres Weges in den warmen Süden. Doch der Klimawandel verändert auch bei ihnen Verhalten und Gewohnheiten, und gefährdet sogar manche Arten. Wie etwa beim Knutt, einem kleinen Langstreckenzieher, dessen Jahresrhythmus und die Aufzucht des Nachwuchses von bestimmten Temperaturen im Brutgebiet abhängig ist.

Von den schweren Zeiten für die kleinen Knutts berichtet Ostfriesland Reloaded in seiner neuesten Ausgabe. Einer, der sich jahraus, jahrein für den Schutz der Vogelwelt einsetzt, ist Jochen Runar. Dem Nationalpark-Ranger von Langeoog ist ein Portrait gewidmet, das ihn und seine Arbeit vorstellt. Selbstverständlich dürfen auch Informationen über die 13. Zugvogeltage nicht fehlen, die kurz vor ihrem Höhepunkt stehen: dem Zugvogelfest in Horumersiel, der Treffpunkt schlechhin für alle Enthusiasten des Vogelzugs, für Ornithologen, für begeisterte Laien und fachkundige Experten.

Viel Spaß beim Lesen!

Klimawandel: Gefahr auch für die kleinen Knutts

Er gehört nicht einmal zu den »Flying Five«, den fliegenden Markenbotschaftern des Wattenmeers: Die Rede ist vom Knutt. Dabei ist er in großer Zahl und in Schwärmen überall am Wattenmeer zu sehen. Bis zu 72.000 dieser geselligen, amselgroßen Vögel sind allein in Niedersachsen unterwegs. Zweimal im Jahr machen sie an der Nordseeküste Zwischenstation. Sie haben bereits eine 4.000 Kilometer lange Strecke hinter sich, wenn sie im Frühjahr aus ihren Winterquartier in Westafrika ankommen, und eine ebenso lange vor sich, wenn sie weiterfliegen zu ihren Brutgebieten in Nordsibirien.

Während des anstrengenden Fluges reichlich abgemagert, haben die ausgesprochenen Langstreckenzieher keinerlei Reserven mehr und müssen dringend auftanken. Die weiten, geschützten Flächen des Nationalparks Wattenmeer sind dazu ideal. Auf seinen relativ kurzen Beinen sucht der Knutt dann im feuchten Boden der Ebbe nach Nahrung, watet durch flaches Wasser und stochert nach seiner Leibspeise: kleinen Muscheln und Wattschnecken, die er unzerkaut frisst und im Muskelmagen verdaut. Dabei legt er in seinem Körper ein Fettdepot an und kann in nur vier Wochen sein Gewicht von 140 auf 240 Gramm fast verdoppeln. Damit ist er bestens gerüstet für die bevorstehende lange Weiterreise in die arktische Küstentundra.

Dort droht der Vogelart seit einigen Jahren Gefahr. Denn durch den Klimawandel tritt die Schneeschmelze in den arktischen Zonen einige Wochen früher als bisher ein. Damit schlüpfen auch die Insekten in den Brutgebieten früher. Für Knutt-Küken, die wie gewohnt später auf die Welt kommen und sich von diesen Insekten ernähren, ist das ein schwerer und hungriger Start ins Leben. Sie wachsen schlechter, auch ihr Schnabel ist merklich kürzer. Was ihnen im Winter in Afrika zum tödlichen Verhängnis wird, da sie bestimmte, im Watt vergrabene Muscheln als Nahrungsquelle nicht mehr erreichen.

Wenn der Knutt sein Prachtgewand trägt, dann leuchtet die Unterseite rotbraun. Am Wattenmeer sieht man ihn nur in seinem Schlichtkleid, weiß mit grau gefleckter Brust. Auch im Winter kann man übrigens Knutts beobachten. Diese Gruppen sind dann nicht auf Durchreise wie die aus Afrika, sondern kommen aus Nordostkanada und Grönland zum Überwintern hierher.


All das ist nachzulesen in „111 Dinge über das Wattenmeer, die man wissen muss“ – ein Buch, das dieses Jahr ganz neu im Emons Verlag erschienen ist. Neben der Geschichte über die gefährdeten Knutts, kann man darin auch viel Interessantes über andere Vogelarten des Wattenmeers erfahren, über den Vogelzug und die Welt dieser faszinierenden Wesen des Himmels.

Das Wattenmeer ist ein wildes Stück Deutschland. Seit 2009 ist das Schwemmland im Norden, das sich von den Niederlanden bis nach Dänemark erstreckt, mit dem Titel UNESCO-Weltnaturerbe geadelt. Eine amphibische Landschaft, die von oben so schön ist wie das Mündungsdelta des Orinoco, heißt es. Das Buch nimmt Sie mit auf eine Reise in dieses Zwischenreich, nicht Land, nicht Meer, im ewigen Rhythmus von Ebbe und Flut, angezogen von gewaltigen kosmischen Kräften. Es erzählt von Spionage im Wattenmeer, von tragischen Unglücksfällen, kulinarischen Neuentdeckungen und spannenden Forschungsprojekten zu Klimawandel und Nachhaltigkeit. Ein Haufen Schlick? Mitnichten! Mehr Leben geht nicht.

13,5 x 20,5 cm, 240 Seiten

ISBN 978-3-7408-1081-8

Euro 16,95 [D] , 17,50 [AT]

Der Austernfischer | Omnipräsent: nicht zu übersehen und zu überhören – Die Flying Five | Der Alpenstrandläufer ist einer – von ganz vielen – Der Knutt | Viel unterwegs, der kleine Langstreckenzieher – Die Löfflerkolonie | Eine „absolute Erfolgsstory“ des Vogelschutzes – Der Ostatlantische Vogelzug | Raststätte Wattenmeer: die globale Drehscheibe – Die Pfuhlschnepfe | Langstreckenrekord eines bedrohten Zugvogels – Die Ringelgans | Vom gejagten Federvieh zum Halligen-Superstar – Der Rotschenkel | Ein sicheres Revier für den Nachwuchs und die Art – Die Seeschwalbe | Auf die lange Distanz: einmal um die ganze Welt – Die Silbermöwe | Groß und gesellig: als Paar durch ein langes Leben – Der Vogelbeobachtungssturm | Am Hafen von Neßmersiel: Watvögel zum Greifen nah – Die Zugvogeltage | Das große Fest im Herbst: die „Nomaden der Lüfte.


Die beiden Vogelbilder dieses Beitrages wie auch die Bilder des Buches sind von Andreas Klesse aus Jever, vielfach ausgezeichnet für seine meisterhaften Fotografien. Auf seiner Webseite www.klesse-fotos.de gibt es jede Menge weitere Motive zu sehen sowie diverse Foto-Kalender zu bestellen. Natürlich auch einer über das Wattenmeer!

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Traumberuf Nationalpark-Ranger: Jochen Runar

Seinen Rangerhut, den „Mounty“, trägt er nur zu besonderen Anlässen und durch die Dünenlandschaft streift er auch nicht wie Indiana Jones mit der Waffe im Anschlag, sondern friedlich mit dem E-Bike und in Dienstkleidung der Nationalparkverwaltung Niedersächsisches Wattenmeer. Dennoch ist sein Beruf einer von denen, bei dem der Gedanke an Abenteuer, Wildnis und grenzenloser Freiheit sehr schnell kommt. Jochen Runar ist der Nationalpark-Ranger von Langeoog.

Langeoog hat kein Nationalparkhaus wie die anderen Ostfriesischen Inseln. Dennoch muss sich einer vor Ort um den Nationalpark Wattenmeer kümmern, der mit Ausnahme des bebauten Dorfes und den für Tourismus reservierten Strandabschnitten weite Flächen der Insel einschließt: Es gilt die Natur im UNESCO Welterbe zu schützen, aber auch einer der zentralen Ansprechpartner und Informationsvermittler für viele Menschen zu sein. So lautet in etwa die Berufsbeschreibung eines Nationalpark-Rangers auf einer Urlaubsinsel. Jochen Runar ist in Ausübung seines Berufs immer beides: Wächter und Kommunikator in Personalunion. Die Medien schauen gerne vorbei zum Gespräch und Interview mit dem Ranger. Nicht nur Ostfriesland Reloaded, auch die FAZ war zum Portrait über ihn schon da, Buchautor:innen, und das Fernsehen sowieso.

Zugvogeltage – ein Highlight im Kalender des Nationalparks

Zu den größten Informationsveranstaltungen der Nationalparkverwaltung zählen die Zugvogeltage, das große Event des Jahres im Herbst, das in der gesamten Küstenregion Niedersachsens mit mehr als 250 Terminen und Veranstaltungen gerade wieder gefeiert wird. Jochen Runar trägt wie immer seinen Teil zum Programm bei: Neben täglichen Sprechstunden, die er die ganze Woche über zwischen 11 und 13 Uhr im Vogelwärterhaus des Nationalparks gegeben hat, hatte er in diesem Jahr zwei spezielle Highlights für Langeoog im Programm:

Am Montag fand im Anschluss an die Sprechstunde eine von ihm geführte Tour ganz in den Osten der Insel, ans Osterhook, statt. Und gerade Gestern hatte er von 13 bis 16 Uhr zu einer vogelkundlichen Fahrt mit dem Spektiv eingeladen. Diese Touren waren allesamt gratis und wurden wie letztes Jahr von vielen Besuchern angenommen. „30 bis 40 Leute waren jeweils dabei. Wetter und Stimmung waren super“, berichtet ein gut gelaunter und nach einer Woche unermüdlicher Öffentlichkeitsarbeit im Dienst der Natur leicht erschöpfter Ranger. „Wir konnten sogar einige Ohrenlerchen beobachten“, was die Vogelfreunde gefreut haben dürfte.

Beim „Aviathlon“ steht Langeoog in diesem Jahr scheinbar auch ganz gut da. Dabei handelt es sich um einen Wettbewerb, bei dem die Veranstaltungsorte möglichst viele unterschiedliche Vogelarten beobachten und zählen. In der Vergangenheit lag die Insel meistens im hinteren Mittelfeld. Sein Aufruf an Hobby-Ornithologen, ihn noch mehr zu unterstützen, hat scheinbar Früchte gezeigt: „Momentan stehen wir an dritter Stelle der Inseln hinter Norderney und Wangerooge.“

Jochen Runar freut sich schon auf Sonntag. Da geht es für ihn am 17. Oktober hinüber ans Festland, ins Wangerland, zum Abschlussfest der Zugvogeltage in Horumersiel: das große Treffen aller Freunde der Vogelwelt und des Wattenmeers, der so überlebenswichtigen Raststätte für Millionen Zugvögel auf der Welt.

Schnell ausgebucht: Mit dem Ranger ins UNESCO Weltnaturerbe Wattenmeer

Die Zugvogeltage sind der Höhepunkt des Jahres, doch auch in der Saison ist Runar regelmäßig in Sachen Informationsvermittlung unterwegs: „Denn nur was man kennt, wird man schätzen und schützen“. Auf Wunsch der Gemeinde bietet er im Sommer meist mittwochs seine „Führung durch das Weltnaturerbe Wattenmeer“ an. Sie gehört zu den beliebtesten Veranstaltungen im Angebot der Insel. Beim Deichschart am Seedeich geht es los mit einer Einführung zum Thema „UNESCO Weltnaturerbe“. Warum wurde das Wattenmeer überhaupt Weltnaturerbe? Und warum ist es eigentlich von universellem Wert für die Menschheit? Ohne zu viel zu verraten: Es sind genau drei Kriterien, mit denen das Wattenmeer punkten konnte. Schon eines davon hätte für die Ernennung ausgereicht.

Runar zieht mit seiner Gruppe und einem Spektiv radelnd weiter gen Osten zur Löfflerkolonie, einer der vogelreichsten Deutschlands. Während die „weißen Seltenheiten“ mit ihren auffälligen Schnäbeln durch das Wasser seihen, berichtet der Ranger von den größten Gefahren für die örtliche Vogelbrut: von den Igeln, die sich über die Eier hermachen und von den wilden Katzen, die die frisch geschlüpften Küken fressen. Das Problem mit den Igeln sei aktuell gelöst, mittlerweile seien wohl alle ans Festland verfrachtet. Doch mit den wilden Katzen sei es schwieriger – hier sei vor allem Kommunikation gefragt, man bitte um Verständnis für deren Regulierung.

Die Tour führt weiter auf den höchsten Punkt der Insel, die Melkhorndüne. In der Brutsaison lassen sich dort Möwen und ihre Küken so nah beobachten wie sonst wohl nirgendwo. Und das, ohne die Brut zu stören. Der Bestand der ehemals riesigen Kolonie an Silbermöwen hat stark abgenommen, dafür sind umso mehr Heringsmöwen zu sehen.

Unterwegs mit Runar lernt man auch viel über die Fauna: etwa über Arten, die nicht hier heimisch sind, wie die Kartoffelrose aus der Kamschatka, der japanische Knöterich, der Riesenbärenklau oder die Spätblühende Traubenkirsche (sie gedeihen hier allesamt prächtig und werden zu einem Problem der Naturschützer); aber auch über die heimische Krähenbeere, den Tüpfelfarn oder das Silbergras, die die so typische Dünenlandschaft Langeoogs prägen.

Traumberuf an einem Sehnsuchtsort

Runar gibt hier ausgesprochenes Expertenwissen weiter: Denn er hat Forstwissenschaft studiert, kann dazu noch eine Lehre als Gärtner vorweisen, und eine spezielle Ausbildung als Sonderpädagoge hat er ebenfalls. Der 61jährige kam 2015 als Ranger nach Langeoog. Damals wurden diese Stellen vom Nationalpark neu geschaffen. Vorher war die Arbeit von den Dünen- und Vogelwarten des Niedersächsischen Landesbetriebs für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz erledigt worden. Runar bekam einen der begehrten Posten und erfüllte sich damit einen Kindheitstraum: „Für mich ist das Wirken in dem spannendsten Naturraum, den Mitteleuropa zu bieten hat, eigentlich keine Arbeit. Es gibt meinem Leben sehr viel Sinn.“

13 Ranger, davon zwei Frauen, kümmern sich zurzeit im Niedersächsischen Nationalpark um den Naturschutz, bald werden es 14 sein. Zweimal im Jahr trifft man sich persönlich zu einer Dienstbesprechung und dem Austausch untereinander. Jedes Jahr am World Ranger Day, dem 31. Juli, präsentieren sie sich und ihren besonderen Berufsstand zudem mit vielen spannenden Aktionen an ihren jeweiligen Standorten. Dieses Jahr fiel der aber auch für Runar, der in der Flinthörnhütte des Nationalparks im äußersten Westen Langeoogs Position beziehen wollte, wegen orkanartiger Winde und heftiger Regenfälle ins Wasser. Zu seinen pädagogischen Aufgaben gehört ebenfalls die Ausbildung von Junior Rangern: „Da gab es in der Vergangenheit einen leichten Mädchenüberhang auf der Insel“, weiß er vom Nachwuchs zu vermelden.

Draußen in der Natur erkennt man den Ranger von Langeoog, außer am Fernglas, an seiner blauen Dienstkleidung mit dem Emblem der Nationalparkverwaltung. Er sieht sich zwar selbst nicht als „Reserve-Wachmann“, aber ein Freund der klaren Ansagen ist er schon.

Auf Jochen Runar sollte man hören, denn er hat viel zu erzählen. Regelmäßig tut er das auch im Utkieker, dem Monatsmagazin der Inselgemeinde. Dort öffnet er in jeder Ausgabe die Notizkladde und berichtet in seiner Rubrik über „Erfreuliches und weniger Erfreuliches aus der Langeooger Natur“. Die Themen für seine Beiträge gehen ihm, auch nach sechs Jahren des Schreibens, nie aus. Dazu gibt es jeden Monat einfach zu viel zu entdecken, liefert die Natur im Nationalpark Wattenmeer immer wieder neue spannende Geschichten.

Nationalpark-Ranger Jochen Runar weist den Weg: Da geht’s hinein ins UNESCO-Weltnaturerbe.

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Hinweise: Dieser Artikel ist in einer früheren Fassung in der Oktober-Ausgabe des „Utkieker“ zu lesen, dem Inselmagazin von Langeoog, das im Enno Söker Esens (ESE) – Verlag erscheint. Der Beitrag hier ist eine überarbeitete und längere Version, die weitere tagesaktuelle Informationen zu Jochen Runars Programm rund um die Zugvogeltage liefert. Das Bild der Dame mit dem Spektiv oben ist von Sina Winkmann.


Der digitale Hut: Ostfriesland Reloaded gefällt mir!

Ostfriesland Reloaded ist nicht kommerziell. Durch den Verzicht auf Werbung können Sie sich ganz auf den Inhalt konzentrieren: auf spannende Themen, unterhaltsame Texte und faszinierende Bilder. Gefällt Ihnen Ostfriesland Reloaded? Dann können Sie freiwillig dafür 1 Euro spenden – oder auch mehr. Die Anzahl der Euros können Sie über die Pfeile steuern oder direkt im Kasten ändern. Vielen Dank für Ihre Wertschätzung.

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Spektakel: Das große Fest der Zugvögel am Wattenmeer

Jetzt, im Herbst, ist wieder Hochsaison des Vogelzugs. Auf der ostatlantischen Route, die von Sibirien über Nordeuropa immer die Küste entlang bis hinunter nach Südeuropa und hinüber nach Afrika führt, spielt das Wattenmeer eine existenzielle Rolle für die Tiere. Mit seinem riesigen Nahrungsangebot aus Würmern, Muscheln und Krebsen ist es für 12 Millionen Zugvögel die zentrale Raststation auf der langen Strecke. Ohne das Wattenmeer der Nordsee würde der ostatlantische Vogelzug zum Erliegen kommen.

Mit einem umfangreichen Programm, das die Verwaltung vom Niedersächsischen Nationalpark Wattenmeer auf den Inseln und an den Küsten Ostfrieslands, rund um den Jadebusen und in Cuxhaven auf die Beine gestellt hat, wird dieses grandiose Naturspektakel auch in diesem Jahr wieder gefeiert. Mehr als 250 Termine und Veranstaltungen stehen im Kalender der 13. Zugvogeltage vom 9. bis 17. Oktober.

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Schnupperkurs Strandsegeln: Manöver mit der Mini-Yacht

Auf Borkum hat die einzige Strandsegelschule der Ostfriesischen Inseln ihren Sitz. Und das hat auch einen guten Grund: Denn keine andere hat ein derartig breites Revier für segelnde Strandyachten wie sie mit ihrem riesigen Nordstrand. „World of Wind“ heißt die Schule, die 2016 von Chris John auf Borkum eröffnet wurde und Einsteigern die Möglichkeit bietet, hineinzuschnuppern in diesen außergewöhnlichen Strandsport, der wie kaum ein anderer mit der Nordsee und seinen Inseln im Wattenmeer verbunden wird. Drei Stunden dauert so ein Schnupperkurs Strandsegeln in Praxis und Theorie – und es ist schon erstaunlich, wie schnell Mann und Frau den Bogen heraus hat.

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