Beziehungskiste: Hin gen Norden zieht die Möwe, Hin gen Norden zieht mein Herz

… Fliegen beide aus mitsammen, Fliegen beide heimatwärts.

So romantisch klingt es noch im 19. Jahrhundert bei Theodor Storm, dem großen Heimatdichter und Novellisten des Nordens, wenn er von den weißen Vögeln der Nordsee schreibt. Dem Autor des berühmten Schimmelreiter sind die gefiederten Wesen eine Herzensangelegenheit: Die Möwe und mein Herz heißt sein Gedicht. Möwen am Himmel, das war für die alten Seefahrer ein gutes Zeichen: Land war nicht mehr weit, die Heimat und die Liebste nah. Der Flug einer Möwe am Himmel war die Verheißung auf einen guten Ausgang der Seereise, auf glückliche Heimkehr.

1970 erschien die Möwe Jonathan des US-Autors Richard Bach. Es avancierte zum Kultbuch und Bestseller. Die kleine Möwe mit ihren immer riskanteren Flugmanövern wurde zum tierischen Vorbild für die Hippie-Generation und alle, die nach Freiheit und Selbstverwirklichung suchten: eine poetische Fabel, die dazu aufruft, unsere Träume und Sehnsüchte nicht aus den Augen zu verlieren.

Mit keiner anderen Tierart verbinden wir so stark Meeresrauschen und maritimes Leben. Neben dem Seehund ist die Möwe wohl das beliebteste tierische Fotomotiv der Nordsee, und darf auf keinem Postkartenständer fehlen. Fliegender Mülleimer, gefräßige Räuber – das sind Begriffe, die im Zusammenhang mit Möwen aber auch fallen. Auf der Suche nach Nahrung können sie so rechte Plagegeister werden.

Zu kaum einen Tier haben wir Menschen wohl eine ambivalentere Beziehung als zu diesen Küstenvögeln. Die Spannweite der Emotionen ist groß – und immer auch Ausdruck seiner Zeit. In diesem Schwerpunkt beleuchtet Ostfriesland Reloaded die wechselhafte Beziehung zwischen Möwe und Mensch. Erzählt wird

Ein ganz besonderer Dank geht an Stephan Höstermann aus Esens, dem Zeichner der beliebten Hösti-Cartoons, der dieses Spezial mit seinen schreiend komischen Möwen-Bildern bereichert. Diese und noch viel mehr kann man hier bestellen.

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Titelfoto: Silbermöwe im Flug – Mit freundlicher Genehmigung von Andreas Klesse, Jever (https://www.klesse-fotos.de)

Die Kolonie, der Müll und die Silbermöwen

Der Möwenbestand schwankte in den letzten beiden Jahrhunderten stark und war auch immer Ausdruck seiner Zeit. Noch Ende des 19. Jahrhunderts wurden Möwen gerne nur zum Vergnügen und Zeitvertreib gejagt: Ihre langen Federn waren in Mode und zierten die Hüte der Damenwelt. Auch auf Langeoog war der Bestand daher fast komplett dezimiert. 1875 errichtete man für die Möwenkolonie beim »Dreebargen« ein Naturschutzgebiet, das deutschlandweit erste und älteste Naturschutzgebiet für eine Tierart.

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Zum Fressen gern! Von Menschen und Möwen

Man kann schon sagen: Die Beziehung zwischen dem fliegenden Federvieh und uns Zweibeinern ist vor allen Dingen eine kulinarische. Die Liebe zu den Vögeln ging für uns Menschen lange Zeit lange durch den Magen. Denn bis weit ins 20. Jahrhundert hinein galten Möweneier als Delikatesse. Historische Dokumente belegen etwa für Langeoog, dass das Sammeln von Möweneiern auf der Insel von jeher eine große Rolle spielte, als Nahrung und wichtige Einnahmequelle.

So beschwerte sich im Herbst 1824 die Pächterin der Meierei, eines Hofgutes im Osten der Insel, darüber, dass die Insulaner ihren Brunnen durch das Hineinwerfen von faulen Eiern verunreinigen würden. Die Hauptaufgabe der Vogelwarte von Langeoog war einst, die Seevogelkolonie vor Eierdieben zu schützen. „Zum Fressen gern! Von Menschen und Möwen“ weiterlesen

Die Möwen sehen alle aus
als ob sie Emma hiessen.
Sie tragen einen weissen Flaus
und sind mit Schrot zu schiessen.

Ich schiesse keine Möwe tot,
ich lass sie lieber leben –
und füttre sie mit Roggenbrot
und rötlichen Zibeben.

O Mensch, du wirst nie nebenbei
der Möwe Flug erreichen.
Wofern du Emma heissest, sei
zufrieden, ihr zu gleichen.

(Das „Möwenlied“ aus den scharfsinnigen „Galgenliedern“ des Dichters Christian Morgenstern, 1871 – 1914)

Alles aus Bronze: Von großer Kunst im weiten Raum

Sie gehören einfach zu Ostfriesland wie Deiche, Dünen und Doornkaat: Figuren aus Bronze. In wohl keiner Region Deutschlands gibt es so viele davon zu sehen, wenn man jedenfalls all die Denkmäler herausrechnet, die hierzulande Bismarck und den kaiserlichen Wilhelms gewidmet sind. In ostfriesischen Breiten sind es mit wenigen Ausnahmen nicht die Herrscher, sondern die Menschen des Landes, denen man die Skulpturen widmete: etwa den Fischern wie im romantischen Kutterhafen von Neuharlingersiel oder wie in Emden, wo sich mittlerweile drei „Delftspucker“ am historischen Hafen versammeln. „Alles aus Bronze: Von großer Kunst im weiten Raum“ weiterlesen

Sechs Meter hoch: „Mut zum Wagnis“ auf Spiekeroog

Florian Fock, Schulleiter von Deutschlands einzigem Inselinternat, suchte viele Jahre nach dem gewissen Etwas. Etwas Eigenem. Ein kleines Kunstwerk, das Gesicht und Seele der Schule nach außen repräsentiert. Schön anzusehen, eine Schöpfung, welche zum Denken anregt und zum Handeln anstiftet – und gleichzeitig das erst kürzlich renovierte Hauptgebäude der Hermann Lietz-Schule vervollständigt. Dass aus dem kleinen Kunstwerk eine über sechs Meter hohe Bronze-Skulptur wurde, verdankt er dem Kölner Bildhauer Hannes Helmke, der mit „Mut zum Wagnis“ ein künstlerisch ausdrucksstarkes Statement vor die Backsteinfassade setzte. Der Name ist gleichzeitig Programm, und die überdimensionale Figur ist der in Bronze gegossene pädagogische Leitgedanke der Schule und ihres Gründervaters Alfred Andreesen. „Sechs Meter hoch: „Mut zum Wagnis“ auf Spiekeroog“ weiterlesen

Heiß geliebt und in Bronze gegossen: Lale Andersen

Bronzefiguren zählen in der Kunst zur Gattung der Bildhauerei. Doch gehauen wird hier in aller Regel nichts, sondern gegossen. Auch die wohl meist fotografierte Bronze Ostfrieslands, das Lale Andersen-Denkmal unter dem Wasserturm von Langeoog, ist ein Bronzeguss. Das Modell dazu fertigte die Langeooger Goldschmiedin und Künstlerin Eva Recker an. Pünktlich zum 23. März 2005, dem 100. Geburtstag des Weltstars, wurde die Skulptur feierlich eingeweiht. Die Sängerin der „Lili Marleen“ hatte sich auf der ostfriesischen Insel kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieg niedergelassen, hier war sie bis zu ihrem Lebensende Zuhause. Obwohl sie im Alter von 67 Jahren am 29. August 1972 in Wien starb, wurde sie auf eigenen Wunsch in den Dünen von Langeoog begraben.

Unter großer Anteilnahme der Insulaner geschah das. Bis heute ist Lale Andersen noch tief im Gedächtnis der Nordsee-Insel verwurzelt, wie auch ein eigener Raum, den das Langeooger Heimatmuseum ihr in großer Anerkennung widmet, belegt. Jede Woche erklingen ihre Lieder und Evergreens aus hunderten von Kehlen beim beliebten Dünensingen So war es vielleicht nur eine Frage der Zeit bis man der mit Abstand berühmtesten Frau der Insel ein eigenes Denkmal stiftete. Mittlerweile ist die Bronzefigur von Eva Recker fast ebenso bekannt wie der Wasserturm, das Wahrzeichen Langeoogs, hinter ihr. „Heiß geliebt und in Bronze gegossen: Lale Andersen“ weiterlesen

Was macht eigentlich der Alte Fritz an der Knock?

Er ist hier nun wirklich nicht zu übersehen: Friedrich der Große, der mächtige Herrscher über Ostfriesland. Mehr als vierzig Jahre lang bestimmte der Preußenkönig aus Berlin über die Geschicke des Landes, auf dessen Weite er hier als Monumentalkunstwerk aus Bronze so entschlossen blickt. Der Standort jedenfalls ist außergewöhnlich. Eigentlich hätte man ein Denkmal von solchem Format – 2,75 Meter ist allein die Figur groß, dazu kommt noch ein 1,50 Meter hoher Sockel – an etwas repräsentativerer Stelle vermutet. Was macht er eigentlich hier an der Knock, ganz am Rande von Emden, am Rysumer Nacken, dem südwestlichsten Zipfel Ostfrieslands, wo die Straße nach nur wenigen Metern im Niemandsland endet? „Was macht eigentlich der Alte Fritz an der Knock?“ weiterlesen

Tourismus extrem: Heute noch Sperrgebiet, morgen schon Hotspot für Heimaturlaube

Ostfriesland Reloaded musste diesen April ohne Schwerpunkt auskommen: „Die Tourismusmacher“, unter dem Arbeitstitel stand er schon lange im Redaktionsplan. Doch dann waren sie ganz plötzlich abhanden gekommen: die Touristen. Undenkbar noch vor wenigen Monaten: „Sie sind dann mal weg“, das konnte man sich in den kühnsten Träumen nicht vorstellen. „Ostern allein zu Haus“, hieß es im Corona-Jahr 2020 auf den ostfriesischen Inseln und der gesamten Küste. Ostfriesland Reloaded leidet von fern mit: ohne Thema, ohne ersten Wohnsitz, ausgeschlossen.

Doch Licht leuchtet nun wohl am Ende des Tunnels, ein Drei-Stufen-Plan weckt Hoffnung im Tourismus titelte heute Morgen der NDR. Den Plan haben Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg für Tourismus, Gastronomie und Hotellerie ihrer Länder entwickelt. Damit geben sie den Millionen Betroffenen vor allem eins: eine konkrete Perspektive für den Wiedereinstieg. „Tourismus extrem: Heute noch Sperrgebiet, morgen schon Hotspot für Heimaturlaube“ weiterlesen