Unbeschreiblich weiblich: Ein *Innenblick auf die Welt der Bücher und des Lesens in Ostfriesland

Über Ostfriesland schreiben viele: Es gibt unendlich lange Bücherregale voll mit Reiseliteratur über Inseln, Küste und das ostfriesische Festland. Man findet jede Menge Krimis, die in einem Land spielen, wo es in der Realität eher friedlich zugeht. Auf jeder ostfriesischen Insel, in nahezu jedem ostfriesischen Ort werden unablässig Morde begangen, die dann von einer ganzen Riege mehr oder weniger bekannter fiktiver Ermittlerteams aufgeklärt werden. Nicht zu reden von den historischen Werken, Liebesromanen, Kurzgeschichtensammlungen oder Biographien, die in großer Zahl veröffentlicht werden. Das kleine Ostfriesland ist definitiv ein Land, in dem die Literatur ganz groß geschrieben wird.

Dabei haben auch immer schon die Frauen eine wichtige Rolle gespielt, sogar ganz berühmte. Wie etwa Tania Blixen, die Autorin von „Jenseits von Afrika“, die einer ihrer großartigen Kurzgeschichten, „Die Sintflut von Norderney“, auf einer ostfriesischen Insel spielen lässt.

Unter den aktuellen Schriftstellerinnen wäre etwa Rieke Husmann zu nennen, die sich für den Emons-Verlag in ihrer mörderischen Reihe über die sieben Inseln schreibt. Oder die Wilhelmshavenerin Christiane Franke, die seit über zwanzig Jahren Romane verfasst, das Romane schreiben lehrt, Anthologien herausgibt und gerade zusammen mit Cornelia Kuhnert im Rowohlt-Verlag einen neuen Küstenkrimi veröffentlicht hat. Zu nennen wäre hier auch die viel zu früh verstorbene Kinderbuchautorin und Stern-Reporterin Hilke Rosenboom, die auf Juist begraben liegt. Oder Herta Bleeker aus Hage, die mit ihren „Daje“-Romanen erfolgreich in Ostfriesland unterwegs ist.

Auch ein wichtiger ostfriesischer Literaturpreis ist nach einer Frau benannt: der Wilhelmine-Siefkes-Preis, den die Stadt Leer alle vier Jahre vergibt. Nicht zu vergessen, die vielen Verlegerinnen Ostfrieslands wie etwa Heike Gerdes vom auf Krimis spezialisierten Leda Verlag in Leer (seit 2020 Gmeiner Verlag), die weibliche Doppelspitze Charlotte und Victoria Basse vom SKN Verlag in Norden sowie Inga Söker vom Verlag Enno Söker Esens (ESE).  

In dieser Ausgabe wirft Ostfriesland Reloaded einen Blick auf die weibliche Seite des Phänomens, und stellt Ihnen einige interessante „Buchfrauen“ Ostfrieslands ausführlicher vor:

Gewidmet ist dieses Spezial den Buchhändlerinnen Ostfrieslands, die seit einem Jahr unablässig Corona trotzen. Und den Buchhändlern natürlich auch – soviel Solidarität muss sein, auch bei dieser unbeschreiblich weiblichen Ausgabe von Ostfriesland Reloaded.

Viel Spaß beim Lesen!


Titelbild: Getty Images | Fotograf: Iouri Dovnarovich

Im Portrait: Sandra Lüpkes – ganz oben mit Juist

Ein Spitzentitel. Das hatten sie in der Literaturagentur gleich gespürt: „Die Schule am Meer“ ist ein großer Wurf. Und sie sollten Recht behalten. Der Juist-Roman, mit dem Sandra Lüpkes in 2020 der Durchbruch in die oberste Etage der deutschen Belletristik gelang, spielte vom Start weg in der ersten Liga mit. 20 Wochen war die bewegende Geschichte vom reformpädagogischen Internat an der rauhen Nordsee unter den ersten 20 Titeln der Spiegel-Bestsellerliste zu finden. Wie erlebt die Autorin, die viele Jahre auf Juist lebte und in Ostfriesland ihre literarischen Anfänge machte, diesen großen Erfolg?

Ostfriesland Reloaded im Gespräch mit Sandra Lüpkes

Ostfriesland Reloaded: Frau Lüpkes, auf Ihrer Autorinnen-Website ist zu lesen, dass die Ideen für Ihre Bücher zu Ihnen kommen, man eine richtig gute Geschichte daran erkennt, „dass sie einen nicht mehr los lässt und sich beinahe von selbst zu erzählen scheint“. Wie kam „Die Schule am Meer“ zu Ihnen?

Sandra Lüpkes: Ich lebe zwar nicht mehr auf Juist, sondern mittlerweile in Berlin. Aber bei einer Lesung auf der Insel vor einigen Jahren sah ich im Küstenmuseum, das sich in einem der ehemaligen Internatsgebäude im Inselort Loog befindet, eine vergilbte Schautafel über die historische „Schule am Meer“, die mich neugierig machte. So begann ich mehr darüber in Erfahrung zu bringen. Ich war mir anfangs gar nicht bewusst, und lange auch nicht sicher, dass und ob dieser Stoff einen Roman trägt. Ich habe mich dann im kalten Winter auf Juist vergraben, weiter geforscht und angefangen zu schreiben. Nach etwa achtzig Seiten stand für mich fest, dass diese Geschichte erzählt werden muss.

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Von Langeoog zur Literatur: Gabriele Wohmann

Sie gilt als die unangefochtene „Königin der Kurzgeschichte“. Immerhin hat sie mehr als 600 davon in ihrem Leben geschrieben, immer ganz nah am Zeitgeist und den absurden Dingen, die Menschen im Alltag so treiben. Zu ihren erfolgreichsten Zeiten gehörte sie wie die Schriftstellergrößen Grass und Böll zum literarischen Inventar der Bonner Bundesrepublik.

Die Schriftstellerin mit dem scharfen Blick auf die kleinen Dinge des Lebens war zeitlebens in Darmstadt zu Hause, dem Sitz des PEN-Zentrums und der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung. Hier wurde sie am 21. Mai 1932 geboren, hier starb sie am 22. Juni 2015 im Alter von 83 Jahren. Doch sie, die so fest an ihrem heimatlichen Nest hielt, ist in ihren jungen Jahren Richtung Norden ausgeflogen – nach Langeoog.

Hierhin zog es sie gleich zweimal: 1950 als Abiturientin für ein Jahr und drei Jahre später nochmals zusammen mit ihrem Mann Reiner, den sie gerade geheiratet hatte. 1954 ging es nach dem zweiten Intermezzo auf Langeoog dann wieder endgültig zurück nach Darmstadt. Wie kommt aber ein junges Mädchen dazu, plötzlich auf ein Internat an die ferne Nordsee zu gehen?

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Fürstliche Feder: Caroline von Ostfriesland

Sie wurde mit sechzehn Jahren nach Ostfriesland verheiratet, als zweite Gattin des Fürsten Georg Albrecht. Carolinensiel, der heute so lebendige historische Hafen an der Küste, trägt ihren Namen. Als junge Witwe zieht sie 1740 zu ihrer älteren Schwester, der Königin von Dänemark, nach Kopenhagen. Dort wird ihre große Sammlung von Gedichten erstmals veröffentlicht.

Caroline von Ostfriesland ist eine der wenigen Schriftstellerinnen der Geschichte, auch der ostfriesischen, für die es Belege und Zeugnisse ihres Wirkens gibt. Denn lesen und schreiben, das war über viele Jahrhunderte weitestgehend Männern vorbehalten. Nur in den höchsten Rängen der Gesellschaft beherrschten Frauen das Alphabet. Ihre Bildung beschränkte sich zumeist auf sehr Gottesfürchtiges, dem Studium der Bibel. So wundert es nicht, dass sich auch Caroline von Ostfriesland als Schriftstellerin eher den frommen Themen widmete: „Geistliche Gedichte“ ist der Titel und Inhalt ihres Buches, das 1756 am dänischen Hofe herausgegeben wird.

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Alles aus Bronze: Von großer Kunst im weiten Raum

Sie gehören einfach zu Ostfriesland wie Deiche, Dünen und Doornkaat: Figuren aus Bronze. In wohl keiner Region Deutschlands gibt es so viele davon zu sehen, wenn man jedenfalls all die Denkmäler herausrechnet, die hierzulande Bismarck und den kaiserlichen Wilhelms gewidmet sind. In ostfriesischen Breiten sind es mit wenigen Ausnahmen nicht die Herrscher, sondern die Menschen des Landes, denen man die Skulpturen widmete: etwa den Fischern wie im romantischen Kutterhafen von Neuharlingersiel oder wie in Emden, wo sich mittlerweile drei „Delftspucker“ am historischen Hafen versammeln. „Alles aus Bronze: Von großer Kunst im weiten Raum“ weiterlesen

Heiß geliebt und in Bronze gegossen: Lale Andersen

Bronzefiguren zählen in der Kunst zur Gattung der Bildhauerei. Doch gehauen wird hier in aller Regel nichts, sondern gegossen. Auch die wohl meist fotografierte Bronze Ostfrieslands, das Lale Andersen-Denkmal unter dem Wasserturm von Langeoog, ist ein Bronzeguss. Das Modell dazu fertigte die Langeooger Goldschmiedin und Künstlerin Eva Recker an. Pünktlich zum 23. März 2005, dem 100. Geburtstag des Weltstars, wurde die Skulptur feierlich eingeweiht. Die Sängerin der „Lili Marleen“ hatte sich auf der ostfriesischen Insel kurz vor Ende des Zweiten Weltkrieg niedergelassen, hier war sie bis zu ihrem Lebensende Zuhause. Obwohl sie im Alter von 67 Jahren am 29. August 1972 in Wien starb, wurde sie auf eigenen Wunsch in den Dünen von Langeoog begraben.

Unter großer Anteilnahme der Insulaner geschah das. Bis heute ist Lale Andersen noch tief im Gedächtnis der Nordsee-Insel verwurzelt, wie auch ein eigener Raum, den das Langeooger Heimatmuseum ihr in großer Anerkennung widmet, belegt. Jede Woche erklingen ihre Lieder und Evergreens aus hunderten von Kehlen beim beliebten Dünensingen So war es vielleicht nur eine Frage der Zeit bis man der mit Abstand berühmtesten Frau der Insel ein eigenes Denkmal stiftete. Mittlerweile ist die Bronzefigur von Eva Recker fast ebenso bekannt wie der Wasserturm, das Wahrzeichen Langeoogs, hinter ihr. „Heiß geliebt und in Bronze gegossen: Lale Andersen“ weiterlesen

Was macht eigentlich der Alte Fritz an der Knock?

Er ist hier nun wirklich nicht zu übersehen: Friedrich der Große, der mächtige Herrscher über Ostfriesland. Mehr als vierzig Jahre lang bestimmte der Preußenkönig aus Berlin über die Geschicke des Landes, auf dessen Weite er hier als Monumentalkunstwerk aus Bronze so entschlossen blickt. Der Standort jedenfalls ist außergewöhnlich. Eigentlich hätte man ein Denkmal von solchem Format – 2,75 Meter ist allein die Figur groß, dazu kommt noch ein 1,50 Meter hoher Sockel – an etwas repräsentativerer Stelle vermutet. Was macht er eigentlich hier an der Knock, ganz am Rande von Emden, am Rysumer Nacken, dem südwestlichsten Zipfel Ostfrieslands, wo die Straße nach nur wenigen Metern im Niemandsland endet? „Was macht eigentlich der Alte Fritz an der Knock?“ weiterlesen

Von einer, die in die Tasten haut und für das Shanty kämpft: Back to the Roots!

Da musste also erst eine Frau kommen, um einer absoluten Männerdomäne frischen Wind einzuhauchen: Die Rede ist von Elisabeth Peters, Deutschlands Fachfrau in Sachen Shanties. Wer immer zu diesem Thema recherchiert, kommt an diesem Namen einfach nicht vorbei. Auf ihre Vorträge und Referate beziehen sich heute eigentlich alle, die über diese ganz spezielle Form des gemeinsamen Männergesangs öffentlich wirken oder schreiben: sei es auf Wikipedia, in Fachzeitschriften der Chorszene oder in den Verbänden und Organisationen, die das Genre hervorgebracht hat.

Sie ist eine Pionierin und eine wahrhaftige Missionarin des originalen Shanties – und eine echte „Dompteuse“ noch dazu: Denn so bezeichnen sie mit liebevollen Respekt ihre Shantymen, De Flinthörners. Den weit über Langeoog hinaus bekannten Shantychor leitet sie, die in Esens Zuhause ist, seit mittlerweile 35 Jahren. Für sie ist der Inselchor auch eine ideale öffentliche Plattform, um Shanties als das zu präsentieren, was sie ursprünglich sind: Arbeiterlieder auf rauher See, die weit entfernt sind vom Idyll frisch gestärkter weißer Matrosenhemden. „Von einer, die in die Tasten haut und für das Shanty kämpft: Back to the Roots!“ weiterlesen

Im Portrait: „Puppa“ Peters

„Puppa“ – der Name will eigentlich so gar nicht zu ihr passen. Denn von einem „Püppchen“ kann bei Elisabeth Peters nun wirklich keine Rede sein. Dazu ist sie zu resolut, zu willensstark, gewöhnt daran, sich als einzige Frau in einem Shantychor aus lauter Männern durchzusetzen. Ihre Stimme wird überall gehört. Nicht nur bei den Flinthörners, ihrem Shantychor auf Langeoog. Viele Jahrzehnte war sie in den verschiedenen Verbänden des Shantygesangs aktiv: im Vorstand bei der International Shanty and Seasong Association oder als Leiterin der Musikkommission im nationalen Fachverband der Shantychöre Deutschland. Als Frau in einer Männerwelt, das wurde ihr gewissermassen auch in die Wiege gelegt. „Im Portrait: „Puppa“ Peters“ weiterlesen