Ein Literatur-Nobelpreisträger aus Ostfriesland: Rudolf Eucken, der Richard David Precht von 1908

Heute, am 10. Dezember, wird in Stockholm der Literatur-Nobelpreis verliehen. Zum 118. Mal. 2021 geht die renommierte Auszeichnung an Abdulrazak Gurnah, einen 72jährigen Schriftsteller aus Tansania „für sein kompromissloses und mitfühlendes Durchdringen der Auswirkungen des Kolonialismus und des Schicksals des Flüchtlings in der Kluft zwischen Kulturen und Kontinenten.“

Der Literaturnobelpreis ist immer ein Ausdruck seiner Zeit. Das war auch 1908 nicht anders, als mit Rudolf Eucken ein Philosoph zum König der Literatur ausgerufen wurde, der es verstand, die Nöte der Menschen beim Aufbruch in die Moderne zu thematisieren – ausgelöst durch die vielen neuen Maschinen und Technologien, das Tempo und den schnellen Takt der Industrialisierung. Er erklärte, und er bot einen Ausweg mit seiner Philosophie des Lebens, die der überforderten Seele fern von allem Materiellen Heilung versprach. Er war der Richard David Precht der frühen Moderne – und er war gebürtiger Ostfriese. Gute Gründe also, ihn in der neuesten Ausgabe von Ostfriesland Reloaded genauer vorzustellen:

Aurich: Heimatstadt eines Literatur-Nobelpreisträgers

Lebensphilosoph Rudolf Eucken: Der ganze Mensch im Blick

Literatur-Nobelpreis: 8 Deutsche unter 118 Preisträger:innen

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Auch wenn er die längste Zeit seines Lebens, 52 Jahre lang, in Jena wohnte und wirkte, die norddeutsche Landschaft seiner Kindheit hat er nie vergessen. Als er im Alter von 75 Jahren 1921 seine „Lebenserinnerungen“ veröffentlicht, widmet der Philosoph und Nobelpreisträger Rudolf Christoph Eucken viele Seiten seinen ersten Jahren in Ostfriesland. Er schildert ausführlich Land und Leute: „Bemerkenswert ist dabei, dass die Friesen die Freiheit über alles liebten, dass sie aber keineswegs Anhänger einer völligen Gleichheit waren.“ Auch die Residenz- und Beamtenstadt Aurich, in der er am 5. Januar 1846 in der Osterstraße 27 geboren wird, beschreibt er mit viel Liebe, als einen ruhigen und friedlichen Ort, eine Idylle umgeben von „anspruchsloser, aber anmutiger Natur“. Die pure Behaglichkeit strömt aus seinen Worten.

Aurich: Heimatstadt eines Literatur-Nobelpreisträgers

Auch wenn er die längste Zeit seines Lebens, 52 Jahre lang, in Jena wohnte und wirkte, die norddeutsche Landschaft seiner Kindheit hat er nie vergessen. Als er im Alter von 75 Jahren 1921 seine „Lebenserinnerungen“ veröffentlicht, widmet der Philosoph und Nobelpreisträger Rudolf Christoph Eucken viele Seiten seinen ersten Jahren in Ostfriesland. Er schildert ausführlich Land und Leute: „Bemerkenswert ist dabei, dass die Friesen die Freiheit über alles liebten, dass sie aber keineswegs Anhänger einer völligen Gleichheit waren.“ Auch die Residenz- und Beamtenstadt Aurich, in der er am 5. Januar 1846 in der Osterstraße 27 geboren wird, beschreibt er mit viel Liebe, als einen ruhigen und friedlichen Ort, eine Idylle umgeben von „anspruchsloser, aber anmutiger Natur“. Die pure Behaglichkeit strömt aus seinen Worten.

Die wird für ihn als Kind jäh zerstört als sein Vater Anfang 1851 plötzlich während eines gemeinsamen Aufenthalts der Familie auf Norderney stirbt. Er kann sich noch als alter Mann gut daran erinnern, wie die Leiche seines Vaters von der Insel im Wagen durch das Watt nach Aurich transportiert wird. Da war er noch nicht sechs Jahre alt. Er hatte kurz vorher auch seinen Bruder verloren, so dass er von nun allein mit seiner verwitweten Mutter lebte, die mit dem Jungen in das Haus der Großmutter auf dem Zingel außerhalb der Stadtmauer zog, ganz in die Nähe der stattlichen Windmühle.

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Lebensphilosoph Rudolf Eucken: Der ganze Mensch im Blick

Hier und da sieht man in Ostfriesland noch ein Straßenschild mit seinem Namen. Doch die Wenigsten wissen heute, mit wem sie es da eigentlich zu tun haben. Dabei war Rudolf Eucken zu seiner Zeit ein berühmter Mann – und das nicht nur in Aurich, seinem Geburtsort, sondern in der ganzen Welt. Vor allem in Skandinavien und angelsächsischem Raum war er bekannt und geschätzt. Zu Anfang des letzten Jahrhunderts war Eucken ein außerordentlich populärer Philosoph, der nicht im vergeistigten wissenschaftlichen Elfenbeinturm wirkte, sondern ein echter Lebensphilosoph war. In diesem Sinne war er durchaus vergleichbar mit einem Richard David Precht der heutigen Tage.

Er war ein Philosoph für den Alltag, ein philosophischer Publizist. Jedenfalls wirkte er weit über die Öffentlichkeit der reinen philosophischen Wissenschaft hinaus. Mehr als 1.000 Schriften und Aufsätze hat er verfasst. Sein publizistischer Höhepunkt war die Verleihung des Literaturnobelpreises, den er 1908 „auf Grund des ernsten Suchens nach Wahrheit, der durchdringenden Gedankenkraft und des Weitblicks, der Wärme und Kraft der Darstellung, womit er in zahlreichen Arbeiten eine ideale Weltanschauung vertreten und entwickelt hat“ erhielt. Das war Richard David Precht noch nicht vergönnt.

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Den Nobelpreisträger für Literatur ernennt die „Schwedische Akademie“, die bereits 1786 nach dem Vorbild der Académie française gegründet wurde. Die Schwedische Akademie besteht aus insgesamt 18 Mitgliedern, die auf nummerierten Stühlen Platz nehmen. Daher ist sie auch unter dem Namen De Aderton (deutsch: Die Achtzehn) bekannt. 2018 kam es nach Austritten mehrerer Jurymitglieder zu einer Krise, die die Akademie handlungsunfähig machte. Nach Änderungen der Statuten sind alle Plätze des rein schwedischen Gremiums nunmehr wieder besetzt. Der Nobelpreis für 2018 wurde zeitgleich mit der Verleihung für 2019 nachträglich vergeben.

Literatur-Nobelpreis: 8 Deutsche unter 118 Preisträger:innen

Den Nobelpreisträger für Literatur ernennt die „Schwedische Akademie“, die bereits 1786 nach dem Vorbild der Académie française gegründet wurde. Die Schwedische Akademie besteht aus insgesamt 18 Mitgliedern, die auf nummerierten Stühlen Platz nehmen. Daher ist sie auch unter dem Namen De Aderton (deutsch: Die Achtzehn) bekannt. 2018 kam es nach Austritten mehrerer Jurymitglieder zu einer Krise, die die Akademie handlungsunfähig machte. Nach Änderungen der Statuten sind alle Plätze des rein schwedischen Gremiums nunmehr wieder besetzt. Der Nobelpreis für 2018 wurde zeitgleich mit der Verleihung für 2019 nachträglich vergeben.

Seit der ersten Verleihung 1901 haben insgesamt 118 Schriftsteller den Literatur-Nobelpreis erhalten. Darunter befinden sich 102 Männer (86 %) und 16 Frauen (14 %). Bisher wurde noch niemand mehrfach mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Viermal wurde der Preis zwischen zwei Personen aufgeteilt (1904, 1917, 1966 und 1974). Sieben Mal wurde er – meistens kriegsbedingt – nicht verliehen.

Es waren auch beileibe nicht immer Schriftsteller, denen ein Literaturnobelpreis verliehen wurde. So ist etwa auch der Politiker Winston Churchill unter den Literaturpreisträgern zu finden. Er erhielt 1953 die Auszeichnung „für seine Meisterschaft in der historischen und biographischen Darstellung sowie für die glänzende Redekunst, mit welcher er als Verteidiger von höchsten menschlichen Werten hervortritt“.

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Wasserreich Ostfriesland: Geschichte und Geschichten zwischen Ems und Jade

Ostfriesland ist ein einzig Wasserreich – nicht nur wegen seiner maritimen Lage und der Nordsee direkt vor seiner Küste. Mit der Ems und dem Dollart ganz im Westen und dem Jadebusen im Osten umschließt Wasser die Halbinsel gleich von drei Seiten. Sie verbindet ein breiter Kanal: der Ems-Jade-Kanal. Er ist die wichtigste Wasserader einer Region, die von einem Netz unzähliger kleinerer Kanäle und Tiefs durchzogen ist. Um Geschichte und Geschichten zu diesem Wasserweg dreht sich viel im neuen Schwerpunkt von Ostfriesland Reloaded.

Das Portrait der aktuellen Ausgabe stellt Ihnen die Leiterin des Historischen Museum in Aurich, Brigitte Junge, vor. Sie weiß ziemlich genau, welche Anstrengungen es gekostet hat, den mehr als 70 Kilometer langen Ems-Jade-Kanal durchs Land zu schlagen. Davon erzählt auch sehr anschaulich der Auricher Beitrag zur Gemeinschaftsausstellung „Dat löppt!, die der Museumsverbund Ostfriesland in insgesamt elf beteiligten Museen verteilt über die Region präsentiert. Ein bißchen Holland, ein bißchen Venedig ist über die Jahrhunderte hinweg in Ostfriesland entstanden. Wie, wann und warum, das lässt sich äußerst kurzweilig nachlesen in „Klöster und Klinker, Kanäle und Kanonen“, einem Kapitel aus dem Geschichte(n)-Buch Ostfriesland. Ein schneller Ritt durch Raum und Zeit. Der Geschenk- und Lesetipp für Sie zu Weihnachten.

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Eine Museumsleiterin mit Mission: Die Ära Brigitte Junge

Seit 30 Jahren leitet sie nunmehr die Geschicke des Historischen Museums in Aurich. Und man mag es gar nicht glauben, wenn man sie so zart, fast mädchenhaft, vor ihrem Büro in der Alten Kanzlei stehen sieht:  Sie ist gerade 65 geworden, und in gut zehn Monaten, zum 1. September 2022, ist es tatsächlich so weit – sie geht ganz offiziell in Rente. In ihrem Fall ist der Ruhestand mehr als wohlverdient. Mit Brigitte Junge geht auch eine Ära zu Ende, sie hat für ihr Museum viele neue Wege beschritten und deutliche Spuren hinterlassen. Die Gelegenheit für Ostfriesland Reloaded, sich mit der großen Kennerin ostfriesischer Geschichte und Kultur zu unterhalten – so lange sie noch in Amt und Würden ist und unermüdlich wie gewohnt ihre Ausstellungen und zahlreichen Veranstaltungen plant.     

Ostfriesland Reloaded im Gespräch mit Brigitte Junge

Ostfriesland Reloaded: Können Sie sich eigentlich noch an die Anfänge in Aurich erinnern, an Ihren Start als Leiterin des Historischen Museums?

Brigitte Junge: Sehr gut sogar. Ich war damals 34 Jahre alt und konnte nicht wie geplant zum Januar, sondern erst zum 1. März 1991 meine neue Stelle antreten. Ich hatte noch letzte Verpflichtungen in Delmenhorst, wo ich bei der Stadt angestellt war und ein Konzept für das noch zu gründende Stadtmuseum erstellte. Doch dann ging es sofort los! Nur wenige Wochen später, bereits am 20. April des Jahres, habe ich mit „Ostfriesland – Völsprakenland“ meine allererste Sonderausstellung als Museumsleiterin eröffnet.

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Wenn es Winter wird am Ems-Jade-Kanal: „Dat löppt!“ in Aurich

Der Weg zu Sonderausstellungen weist im Historischen Museum der Stadt Aurich stets ganz nach oben, ins Dachgeschoss. Unter dem hohen Dachgiebel mit seinen freigelegten Holzbalken präsentiert das Museum auch „Dat löppt!“, seinen kulturhistorischen Rückblick auf die vielfältige und besondere Bedeutung von Wasser für Ostfriesland. In der Auricher Ausstellung läuft es ebenfalls – und zwar thematisch immer entlang des Ems-Jade-Kanals, Aurichs großer Wasserstraße, die die Stadt westlich mit Emden und östlich mit Wilhelmshaven verbindet.

Die Ausstellung erzählt mit vielen Schautafeln, Objekten und liebevoll bestückten Vitrinen von den Anfängen und ersten Plänen für einen Treckfahrtskanal von Aurich nach Emden, der immer wieder an der Finanzierung scheiterte, und schließlich nach mehreren Anläufen in nur zwei Jahren von 1798 bis 1800 gebaut wurde. Man erfährt so Manches über das prosperierende Aurich, das sein starkes Wachstum Ende des 19. Jahrhunderts und die Teilhabe am Welthandel auch diesem Kanal verdankte. Und man kann viel lernen über den weiteren, anstrengenden Ausbau der Wasserstrecke zum Ems-Jade-Kanal, der 1880 mit 700 Arbeitskräften auf Teilstrecken begann und zwischenzeitlich 6.000 bis 7.000 Menschen zählte. Sie hatten schwer zu kämpfen mit dem hohen Grundwasserspiegel, anhaltenden Regenfällen, Treibsanden und Erdrutschen. Es war harte Arbeit, bis die durchgehende West-Ost-Verbindung zu Wasser – von der Ems bis zur Jade und damit zwischen den beiden größten ostfriesischen Häfen – in Betrieb gehen konnte. 1888 wurde die lange Wasserader, die Ostfrieslands Binnenland nun komplett durchzog, eingeweiht.

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Es sind vor allen Dingen die Naturgewalten, die reißende Nordsee und das Wattenmeer, der ewige Wechsel von Ebbe und Flut, die Jagd auf Wale und Seehunde, die prägten. Aber ebenso die riesigen Moore im Innern, die kaum ein Durchkommen erlaubten, damit aber auch vor fremden Eroberern und deren Interessen schützten. Abgeschieden und abgeschnitten von fremden Einflüssen ist Ostfriesland immer seinen ganz eigenen Weg gegangen. Erst als die Preußen kamen war es vorbei mit der Ruhe im Land der feuchten Moore. Lange Kanäle und weiße Zugbrücken wie in den Niederlanden gehören seitdem zum Landschaftsbild einer Region, durch die man kilometerlang über Wasser streifen kann. Es ist hier fast wie in Venedig, nur viel, viel größer und weiter - und statt Paläste erheben sich mächtige Wasserburgen aus dem flachen Land.

Zugbrücken wie in Holland, Wasserstraßen wie in Venedig

Es sind vor allen Dingen die Naturgewalten, die reißende Nordsee und das Wattenmeer, der ewige Wechsel von Ebbe und Flut, die Jagd auf Wale und Seehunde, die prägten. Aber ebenso die riesigen Moore im Innern, die kaum ein Durchkommen erlaubten, damit aber auch vor fremden Eroberern und deren Interessen schützten. Abgeschieden und abgeschnitten von fremden Einflüssen ist Ostfriesland immer seinen ganz eigenen Weg gegangen. Erst als die Preußen kamen war es vorbei mit der Ruhe im Land der feuchten Moore. Lange Kanäle und weiße Zugbrücken wie in den Niederlanden gehören seitdem zum Landschaftsbild einer Region, durch die man kilometerlang über Wasser streifen kann. Es ist hier fast wie in Venedig, nur viel, viel größer und weiter – und statt Paläste erheben sich mächtige Wasserburgen aus dem flachen Land.

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Vom gefährdeten Knutt, einem Nationalpark-Ranger und dem großen Zugvogelfest

Das grandiose Naturspektakel des Herbstes hat wieder begonnen: Millionen von Vögeln erheben sich nach ihrem überlebenswichtigen Stopp am Wattenmeer in die Lüfte und ziehen von uralten Instinkten gesteuert ihres Weges in den warmen Süden. Doch der Klimawandel verändert auch bei ihnen Verhalten und Gewohnheiten, und gefährdet sogar manche Arten. Wie etwa beim Knutt, einem kleinen Langstreckenzieher, dessen Jahresrhythmus und die Aufzucht des Nachwuchses von bestimmten Temperaturen im Brutgebiet abhängig ist.

Von den schweren Zeiten für die kleinen Knutts berichtet Ostfriesland Reloaded in seiner neuesten Ausgabe. Einer, der sich jahraus, jahrein für den Schutz der Vogelwelt einsetzt, ist Jochen Runar. Dem Nationalpark-Ranger von Langeoog ist ein Portrait gewidmet, das ihn und seine Arbeit vorstellt. Selbstverständlich dürfen auch Informationen über die 13. Zugvogeltage nicht fehlen, die kurz vor ihrem Höhepunkt stehen: dem Zugvogelfest in Horumersiel, der Treffpunkt schlechhin für alle Enthusiasten des Vogelzugs, für Ornithologen, für begeisterte Laien und fachkundige Experten.

Viel Spaß beim Lesen!