Tourismus extrem: Heute noch Sperrgebiet, morgen schon Hotspot für Heimaturlaube

Ostfriesland Reloaded musste diesen April ohne Schwerpunkt auskommen: „Die Tourismusmacher“, unter dem Arbeitstitel stand er schon lange im Redaktionsplan. Doch dann waren sie ganz plötzlich abhanden gekommen: die Touristen. Undenkbar noch vor wenigen Monaten: „Sie sind dann mal weg“, das konnte man sich in den kühnsten Träumen nicht vorstellen. „Ostern allein zu Haus“, hieß es im Corona-Jahr 2020 auf den ostfriesischen Inseln und der gesamten Küste. Ostfriesland Reloaded leidet von fern mit: ohne Thema, ohne ersten Wohnsitz, ausgeschlossen.

Doch Licht leuchtet nun wohl am Ende des Tunnels, ein Drei-Stufen-Plan weckt Hoffnung im Tourismus titelte heute Morgen der NDR. Den Plan haben Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg für Tourismus, Gastronomie und Hotellerie ihrer Länder entwickelt. Damit geben sie den Millionen Betroffenen vor allem eins: eine konkrete Perspektive für den Wiedereinstieg. Niedersachsen sei es vor allem wichtig, dass Inseln und Festland gleich behandelt werden. Landkreise und kreisfreie Städte haben ihrerseits ein Konzept entwickelt, das vorsieht, dass Dauercamper und Besitzer von Ferienwohnungen als erste Gäste wieder kommen können, so der NDR-Bericht.

Schon bald kontrollierte Rückkehr in den Tourismus?

Der Neustart kommt möglicherweise schneller als gedacht, was wohl auch den Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) in Niedersachsen positiv überraschte. Höchste Zeit, denn für viele der meist kleinen Tourismusbetriebe in Ostfriesland und auf den Ostfriesischen Inseln wird es langsam knapp, ist die Existenz bedroht. Lange Zeit fühlte man sich hier sehr im Stich gelassen. Mitte April forderte die Tourismusbranche in Niedersachsen einen Rettungsschirm: Jeder zweite Betrieb im Land sei ansonsten voraussichtlich Ende Juni zahlungsunfähig.

Alles neu macht der Mai! Denn geht es nach dem Drei-Stufen-Plan, ist vielleicht bereits Mitte Mai wieder Tourismus in Ostfriesland und insbesondere auf den beliebten Inseln möglich. Unter strengen Auflagen, mit Abstandssicherung, Desinfektion und entsprechenden Hygienemaßnahmen. „Jede der drei Phasen eröffnet weitere Freiheiten für Touristen und Anbieter. Damit sind natürlich auch Risiken der Verbreitung verbunden“, so Niedersachsens Wirtschaftsminister Bernd Althusmann gestern. Als Startzeitpunkt wäre der 7. Mai für die erste der drei Stufen möglich: Zoos und andere Outdoor-Angebote etwa könnten wieder Besucher empfangen. Zwei Wochen später könnte es mit der zweiten Stufe weitergehen, in der Restaurants wieder den Betrieb aufnehmen, außerdem mit eingeschränkter Nutzung Ferienwohnungen und Hotels. Mit der letzten Phase des Plans soll der Übernachtungstourismus ohne Einschränkung erlaubt sein.

Ein „Pfingsten mit Gästen“ scheint also nicht unmöglich. Vieles wird sich in den nächsten Tagen entscheiden, wenn das Konzept der Drei-Stufen auf der anstehenden Wirtschaftsministerkonferenz vorgestellt ist, wenn Bund und Länder die Lage auf Basis der jüngsten Zahlen neu bewertet haben. Dann wird auch der Zeitplan konkreter und die Zukunft planbarer für die vielen Menschen im Tourismusland Ostfriesland, die auf ein Ende des Ausnahmezustandes sehnsüchtig warten. An den kann aber immer noch einer kräftig rütteln: das Corona-Virus und die nicht vorhersehbare Entwicklung der Pandemie.

Vom Hilferuf zum Hoffnungsfeuer

Bis dahin hilft die Gemeinschaft und die Solidarität: Auf diese beiden Eckpfeiler haben sich besonders stark die Ostfriesischen Inseln gestützt. Sie sind extrem isoliert durch ihre Insellage, förmlich abgeschnitten von der Welt. Nach einem Video-Aufruf der Bürgermeister und Tourismusverantwortlichen aller Ostfriesischen Inseln am 26. April machen sich Morgen am Feiertag, den 1. Mai, die Insulaner weithin mit einer gemeinsamen Aktion sichtbar: Sie werden im Dunkeln Licht-Zeichen-Setzen.

LichtzeichenDie Initiative hat ihren Ursprung auf Sylt und auf den nordfriesischen Inseln, verspricht aber bis zu den ostfriesischen Schwesterinseln zu strahlen. Punkt 20 Uhr werden die Insel- (und auch die Küstenbewohner) überall an den Wasserkanten, an Deichen, Häfen, Strandpromenaden und Stränden ihre Leuchtmittel zum Strahlen bringen: ob Fackel, Handy, Kinderlaterne oder Taschenlampe. „Zusammenhalt wird auf den Inseln schon immer groß geschrieben. Aktuell ist die gemeinsame Zuversicht für uns überlebenswichtig“, so die Initiatoren. Als eine Aktion auch gegen das Verschwinden aus dem öffentlichen Bewusstsein waren diese Lichtzeichen von der Nordsee gedacht: Vergesst uns nicht!

Aus dem ursprünglichen Hilfeschrei wird nun, nach den jüngsten Ankündigungen der niedersächsischen Landesregierung, wohl ein Ruf der Hoffnung. Wie einst bei den alten Germanen, die ein Notfeuer anzündeten, wenn eine Seuche unter Menschen oder beim Vieh ausgebrochen war. Es war ein Notsignal, aber auch immer ein Feuer, dem heilende Kraft zugesprochen wurde. Hoffen wir, dass es auch diesesmal zündet.

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Notfeuer (auch: wildes Feuer, Reibfeuer; mhd. nothfewr, notviur, wahrscheinl. von german. hnotfiur = durch Reiben entzündetes Feuer oder von Not = Gewalt [vgl. Notzucht, Nothzwang]; lat. ignis frictus, ignis fricatus de ligno, ignis coactus ex ligno). Schon im ®“Indiculus superstitionum et paganiarum“ als notfyr erwähntes Feuer zur Abwendung und Heilung von Tierseuchen (Rinder-, Schweinepest, Rotlauf, Milzbrand). Der ma. Brauch stammt aus der germanischem ®Volksmedizin, wurde nicht von Einzelnen sondern genossenschaftlich gepflegt und sollte sich trotz kirchlicher Diffamierung („illos sacrilegos ignes, quos nied fyr vocant“) mancherorts bis ins 19. Jh. halten (Belege bei H. Freudenthal). Wesentliche Voraussetzungen für die apotropäische Zauberwirkung waren, dass das Feuer aus Eichenholz (oder aus bestimmten anderen Hölzern) entzündet wurde, dass es nicht auf alltägliche Weise mit Stahl und Stein sondern auf altertümliche Art durch Reibung (zweier Hölzer aneinander oder zwischen einer Walze bzw. einem Rad und einem Holzscheit) erzeugt war, und dass alle anderen Feuer (Herd-, Ofen-, Licht) der jeweiligen Ortschaft gelöscht worden waren. Über die krankheitsvernichtende Feuersglut bzw. durch deren Asche oder Rauch wurden – vorteilhafterweise in einem Hohlweg – Schweine, Rinder oder Schafe getrieben, auch Pferde, Gänse und Ziegen. Nach Beendigung der Zeremonie wurden die Herdfeuer mit Glut aus dem Notfeuer wiederentzündet. Notfeuerasche galt als durch das nach alter Sitte neu erzeugte Feuer gereinigt und geheiligt und wurde als Medizin eingegeben. Der Brauch ist in Nord- und Mitteldeutschland häufiger belegt als in Süddeutschland. (Quelle: Mittelalter-Lexikon)


 

 

Von einer, die in die Tasten haut und für das Shanty kämpft: Back to the Roots!

Da musste also erst eine Frau kommen, um einer absoluten Männerdomäne frischen Wind einzuhauchen: Die Rede ist von Elisabeth Peters, Deutschlands Fachfrau in Sachen Shanties. Wer immer zu diesem Thema recherchiert, kommt an diesem Namen einfach nicht vorbei. Auf ihre Vorträge und Referate beziehen sich heute eigentlich alle, die über diese ganz spezielle Form des gemeinsamen Männergesangs öffentlich wirken oder schreiben: sei es auf Wikipedia, in Fachzeitschriften der Chorszene oder in den Verbänden und Organisationen, die das Genre hervorgebracht hat.

Sie ist eine Pionierin und eine wahrhaftige Missionarin des originalen Shanties – und eine echte „Dompteuse“ noch dazu: Denn so bezeichnen sie mit liebevollen Respekt ihre Shantymen, De Flinthörners. Den weit über Langeoog hinaus bekannten Shantychor leitet sie, die in Esens Zuhause ist, seit mittlerweile 35 Jahren. Für sie ist der Inselchor auch eine ideale öffentliche Plattform, um Shanties als das zu präsentieren, was sie ursprünglich sind: Arbeiterlieder auf rauher See, die weit entfernt sind vom Idyll frisch gestärkter weißer Matrosenhemden. „Von einer, die in die Tasten haut und für das Shanty kämpft: Back to the Roots!“ weiterlesen

Im Portrait: „Puppa“ Peters

„Puppa“ – der Name will eigentlich so gar nicht zu ihr passen. Denn von einem „Püppchen“ kann bei Elisabeth Peters nun wirklich keine Rede sein. Dazu ist sie zu resolut, zu willensstark, gewöhnt daran, sich als einzige Frau in einem Shantychor aus lauter Männern durchzusetzen. Ihre Stimme wird überall gehört. Nicht nur bei den Flinthörners, ihrem Shantychor auf Langeoog. Viele Jahrzehnte war sie in den verschiedenen Verbänden des Shantygesangs aktiv: im Vorstand bei der International Shanty and Seasong Association oder als Leiterin der Musikkommission im nationalen Fachverband der Shantychöre Deutschland. Als Frau in einer Männerwelt, das wurde ihr gewissermassen auch in die Wiege gelegt. „Im Portrait: „Puppa“ Peters“ weiterlesen

Shanties für Fortgeschrittene

Wer etwas über Shanties wissen will, muss auch Dinge über die Menschen wissen, die Shanties gesungen haben, denn sonst kann man nicht verstehen, warum sich die Lieder überhaupt – und dann in dieser Form entwickeln konnten. Denn dass wir zwischen Shanty und Seasong unterscheiden, liegt an den völlig verschiedenen Charakteren dieser beiden Liedarten. Als Shanty wurde nur jenes Lied bezeichnet, das die Seeleute bei der Arbeit sangen.

Von Elisabeth Peters

Diese unmittelbare Verbindung zur Arbeit bestimmt auch die charakteristische Form des Shanty. Seine Strophen bilden zumeist einen Wechselgesang  zwischen einem Vorsänger, dem Shantyman, und der Mannschaft. Dabei ist der Vorsänger der führende Teil. Ihm fällt der eigentliche, von Strophe zu Strophe veränderliche Text zu, der erzählend, oft auch anfeuernd, aufmunternd oder belustigend ist und den der Vorsänger nach Belieben und vor allem nach Phantasie und Können improvisierend erweitern oder verändern kann. Es gab für diese Lieder keine feste, gleichbleibende, verbindliche Form. Jeder Shantyman sang sie etwas anders, und ein geübter und herausragender Vorsänger konnte hier immer neue Varianten schaffen, die dann von anderen übernommen wurden und so – wieder variiert – in die Seemannstradition eingingen. Die Mannschaft antwortet im Chor auf den Gesang des Shantyman mit dem meistens gleichbleibenden Refrain, der den Takt für die Arbeit angibt.

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Was gefällt Ihnen an Ostfriesland, Frau Peters?

Mir gefällt die Mentalität der Menschen hier, die gute Luft, der weite Blick ins Land und auch die plattdeutsche Sprache.

Was nicht?

Die Infrastruktur ist schwach. Wir haben auch zu wenig Bildungs – und Kulturangebote, dafür aber vieeeeel zu vieeeeel Wind.

Was gefällt Ihnen speziell an Ihrem Zuhause in Esens?

Ich bin hier zu Hause. Hier ist ist mein soziales Umfeld, hier sind die mir vertrauten Menschen, hier habe ich das Gefühl der Sicherheit im Alltag, und noch vieles mehr.

„Nachgefragt bei „Puppa““ weiterlesen

Geschichte einer Leidenschaft oder von einem Perfektionisten der Fotografie

Wer diese Bilder einmal gesehen hat, erkennt die Handschrift sofort wieder: Das ist „ein Klesse“. Andreas Klesse ist mittlerweile eine echte Marke. Dem Fotografen aus Jever ist es gelungen, seine eigene, ganz unverwechselbare Linie zu entwickeln. Damit ist er nicht nur in seiner friesischen Heimat ein Name, sondern mittlerweile weit über die norddeutschen Landesgrenzen hinaus. Viele Preise und Auszeichnungen hat er gewonnen, Fachzeitschriften der Fotografie haben ihn vorgestellt, zuletzt waren zwei seiner Bilder auf der Photokina 2018, der Leitmesse der Branche, im Großformat zu sehen.

Die Zeit ist also mehr als reif, Andreas Klesse in einem Portrait auf Ostfriesland Reloaded zu würdigen. Gleichzeitig ist diese Ausgabe aber auch der passende Moment ein gemeinsames Projekt vorzustellen: „111 Orte auf Langeoog, die man gesehen haben muss“. Geschrieben von Petra Wochnik, dem Kopf von Ostfriesland Reloaded, mit Bildern von Andreas Klesse. „Das Original“ aus dem Kölner Emons Verlag – oft kopiert, doch nie erreicht – ist bekannt für seine ganz speziellen Reiseführer, mit vielen spannenden Geschichten, großformatigen Fotos und ungewohnten Perspektiven. Ab heute, dem 20.2.2020, ist das Buch frisch gedruckt überall, im stationären Handel oder online, erhältlich.

Was seine Lieblingsbilder aus dem neuen 111 Orte-Buch über Langeoog sind, welche Motive eine besondere Herausforderung für ihn dargestellt haben, und was er sonst noch alles entlang des Buchauftrages mit von der Insel genommen hat, erläutert Andreas Klesse exklusiv in dieser Ausgabe von Ostfriesland Reloaded. Und auch für ihn, den Mann aus dem friesischen Jever, gab es am Ende ein Nachgefragt – die regelmäßige Rubrik mit sieben Fragen und sieben Antworten zu Ostfriesland. Hier in der erweiterten Version, nicht streng historisch, sondern geografisch auf die ostfriesische Halbinsel bezogen, und die schließt Friesland ja immer freundschaftlich mit ein.

Viel Spaß beim Lesen!


Für sämtliche Bilder gilt: © Andreas Klesse

Im Portrait: Andreas Klesse

Fotografiert hat er eigentlich schon immer. Er war vierzehn als er mit der Kamera des Vaters losgezogen ist, und seitdem hat ihn die Leidenschaft einfach nicht mehr losgelassen: den Augenblick festzuhalten, gegen die Vergänglichkeit der Zeit. „Fotografieren, das ist eine Art zu schreien, sich zu befreien… Es ist eine Art zu leben.“ In großen Lettern schreit Andreas Klesse dieses Zitat von Henri Cartier-Bresson auf seiner Webseite klesse-fotos.de heraus. Sie ist wohl auch ein Kontrastprogramm zu seinem Hauptberuf. Denn in dem ist er ein geschätzter Spezialist für alle Fragen rund um die Arbeitsvermittlung, seit 2005 stellvertretender Leiter des Jobcenters in Wittmund.

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