Wie die alten Seefahrer: Mit dem Plattbodenschiff durchs Wattenmeer

Eigentlich wollte man dieses Jahr ein großes Jubiläum feiern, doch Corona machte auch der WattenSail von Carolinensiel einen Strich durch die Planungen für das 30. Treffen der alten Frachtsegler und Museumsschiffe. Seit 1991 findet es statt und ist seitdem zu einem der ganz großen Publikumsmagneten an der Küste Ostfrieslands geworden. 2019 versammelten sich noch 43 historische Schiffe im Rund des Museumshafens zu einem großen OpenAir-Fest unter prächtigen Segeln. 2020 fällt die WattenSail zum ersten Mal in ihrer Geschichte aus. Die nächste wird laut den Veranstaltern erst 2021 vom 13. bis 15. August stattfinden.

Für alle Fans der Traditionsveranstaltung hat Ostfriesland Reloaded jetzt ein kleines Trostpflaster: Denn mit Eckhard Janßen steht der Skipper eines waschechten Plattbodenschiffs im Mittelpunkt der neuesten Ausgabe. „Wie die alten Seefahrer: Mit dem Plattbodenschiff durchs Wattenmeer“ weiterlesen

Im Portrait: Eckhard Janßen und die FRIESLAND

Geradezu stürmisch begann ihre Liebe: Als Eckhard Janßen 2002 sein frisch erworbenes Schiff von der Ostsee abholte, peitschte der Wind mit einer Stärke von bis zu 10 Beaufort über das Wasser. Unterwegs von Travemünde überraschte ihn zwischen Fehmarn und Kiel ein auch vom Wetterdienst nicht vorhergesagter schwerer Sturm, der die ganze Nacht wütete. Zwölf Stunden war er ununterbrochen am Ruder. Zum Glück war mit ihm eine erfahrene Crew an Bord, auch wenn es zunächst statt in die Nordsee zurück in den sicheren Hafen von Heiligenhafen an der Ostsee ging.

FRIESLAND Trockengefallen im Watt_JanssenSo lernte er sein neues Schiff schneller kennen als eigentlich gedacht. Aus dem alten Segler, der zwanzig Jahre als Freizeit- und Charterschiff im Ostseeraum unterwegs war, wurde mit dem neuen Eigner wieder ein echtes Plattbodenschiff – ohne Kiel und wieder mit den für die flach fahrenden Boote typischen Seitenschwertern zum Stabilisieren. Janßen taufte das Schiff auf seinen neuen Namen FRIESLAND. Mit ihm, das über Deck 18 Meter in der Länge und 4,10 Meter  in der Breite misst, ist er seit nunmehr 18 Jahren im Wattenmeer, der Nord- und Ostsee unterwegs.  Für flaches Fahrwasser ist es mit seinem Tiefgang von nur 1,30 Metern ideal. Und auch für das Trockenfallen im Watt bei Ebbe ist es wie gemacht.


Die FRIESLAND ist eine ganz schön alte Dame. Sie wurde 1898 auf der Kremerwerft in Elmsholm erbaut. Ursprünglich hieß sie MINNA und fuhr Fracht auf der Unterelbe. Doch das sollte nicht ihr einziger Name bleiben. Als FRIEDA transportierte sie in den 20iger Jahren des 20. Jahrhunderts Ziegelsteine, Kohle und Zement, alles noch ausschließlich unter Segel. 1926 wurde der erste Motor zur Unterstützung eingebaut. Um 1950 gelangte das als Frachter nicht mehr rentable Schiff nach Hamburg und wurde dort unter dem Namen MIMI als Kramladen und Reparaturwerkstatt bekannt. In den siebziger Jahren erhielt es einen Stahlboden und einen leistungsstärkeren Motor. In den achtziger Jahren kam es nochmals mit EDEN und GERMANIA zu zwei Namenswechseln bis Eckhard Janßen zum neuen und bisher letzten Eigentümer des Traditionsseglers wurde.


Die FRIESLAND ist ein Ewer. Das ist ein spezieller historischer Segelschiffstyp, der in Deutschland am häufigsten gebaut wurde, und insbesondere für den Handel zwischen Hamburg und dessen Hinterland zum Einsatz kam. Wenn neben dem Hauptmast ein zweiter Besanmast am Heck getakelt ist, dann handelt es sich um einen Besanewer, wie bei der FRIESLAND. Sie besitzt eine Segelfläche von insgesamt 170 Quadratmetern. Steuern darf man den großen Segler bereits mit einem Sportführerschein See. Eckhard Janßen besitzt sogar einen Sportseeschifferschein.

Margarete IhnenMit seiner FRIESLAND ist er rein privat unterwegs. Fast immer mit dabei ist seine Frau Margareta Ihnen, die seine Leidenschaft uneingeschränkt teilt. Janßen: „Man muss Zeit haben für ein solches Hobby. Wir haben beide sofort die Stunden auf unseren Arbeitsstellen reduziert.“

Technisches Verständnis bringt Eckhard Janßen quasi von Zuhause aus mit. Er ist Diplom-Ingenieur, hat an der Fachhochschule Buxtehude Bauingenieurwesen studiert. Auch seine Erfahrung aus zwanzig Jahren Selbstständigkeit als Tischler kommen ihn als Eigner eines historischen Frachtensegler nun sehr entgegen. So kann er vieles auf seiner FRIESLAND selbst machen. Und was er nicht alleine kann, dafür gibt es die Gemeinschaft der Traditionsschiffer im Museumshafen von Carolinensiel. „Die Szene hier in Caro ist einfach einmalig. Wir helfen uns gegenseitig. Jeder kann etwas, was der andere nicht beherrscht. Hier ist der Teamgeist noch spürbar und lebendig. Ich liebe das Fachsimpeln mit den anderen Eignern alter Schiffe über alles.“ Auch an der WattenSail schätzt er den Austausch sehr, besonders mit den Niederländern, die zu dem Event im August stets anreisen – wenn es nicht gerade wie in 2020 ausfällt.

Einmal haben er und seine Frau ein ganzes Sabbatjahr auf der FRIESLAND reisend verbracht. Da ging es in einem ersten Teil über das noch dänische Bornholm nach Schweden. Der zweite Teil führte sie durch den Skagerrak ganz oben um Dänemark herum in den Kattegat und weiter in die Ostsee bis hinunter ins polnische Stettin. Treiben lassen, das war ihre Devise. Bequem ist es allemal an Bord: Auf und unter dem Deck des ehemaligen Frachtenseglers ist viel Platz. Es gibt zwei Doppelkojen, eine große Messe mit einer Eckbank und einem zentralen Tisch. Sogar ein Extra-Schreibplatz ist da, natürlich auch eine Kombüse und eine Toilette. Alles ist sichtbar mit viel Liebe zum Detail ausgestattet. Hier lässt es sich haushalten und auch lange aushalten.

Sicherheitstechnisch ist die FRIESLAND sehr solide konstruiert. Sie hat drei separate Sektionen, die bei einem Leck nicht gleichzeitig voll Wasser laufen können – wie etwa einst bei der Titanic. In der Sektion 1, vorne im Bug, ist noch ein Aufenthaltsraum mit Doppelkoje für den Kapitän und den Maat vorgesehen, der über Deck zugänglich ist. Der Motorraum befindet sich in der hinteren, der Sektion 3. Die Schlaf- und Wohnbereiche sind in der mittleren, der zweiten Sektion.

Auch wenn sie regelmäßig in Carolinensiel vor Anker liegt, ist der Heimathafen der FRIESLAND in Emden. Da geht es ihr ähnlich wie ihrem Skipper. Eckhard Janßen ist eigentlich in Esens geboren, wohnt seit vielen Jahren in Aurich, doch seine gefühlte Heimat ist für den 64jährigen bis heute Emden. In der Hafenstadt hat er die prägende Zeit seines Lebens verbracht, Kindheit, Schulzeit und Jugend. Seit 1996, 25 Jahre lang, ist er mit Booten in ostfriesischen Gewässern unterwegs.

„Es müssen nicht die großen Sprünge sein, um Spannendes zu erleben, neues Terrain zu erkunden. Er und seine Frau schätzen die kleinen Touren. Wie auch jetzt wieder. Da sind sie einfach losgezogen, Ziel offen. Vielleicht Richtung Elbe, oder irgendwo hoch in den Norden. Eins steht von vorneherein fest: „An einem Ort lange bleiben, das geht für uns beide gar nicht.“

Per Dockschleusung müssen sie durch die Friedrichsschleuse um von Carolinensiel nach Harlesiel und dann hinaus in die Nordsee zu gelangen. Das geht nur vier Stunden nach und vier Stunden vor Hochwasser. Dann herrscht auf beiden Seiten der gleich hohe Wasserpegel und ihre FRIESLAND gleitet hinaus. Auf der anderen Seite wartet die Freiheit. Und die Langsamkeit. „Da ist es auch in Ordnung unter Segel manchmal mit nur drei Knoten pro Stunde voranzukommen.“ Nach Langeoog brauchen sie etwa drei bis vier Stunden.

Und außerdem ist da draußen vor der ostfriesischen Küste das unberechenbare Wattenmeer im Wechsel von Ebbe und Flut. Zum Trockenfallen im Watt bei herrlichsten Sonnenuntergängen sind die Sandbänke darin einmalig. Doch auch Seenebel kann hier ganz plötzlich auftreten. Und nicht immer ist gutes Wetter und strahlend blauer Himmel, wenn sie durch die Nordseewellen kreuzen. „Dass wir mit unserem Plattbodenschiff das Leben der alten Seefahrer nachempfinden können, bei allen Wetterlagen uns auf ihre Spuren begeben, das genießen wir sehr. Ein großes Glück, das allen Aufwand und alle Arbeit mehr als aufwiegt.“

FRIESLAND Auf Fahrt_Janssen

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Literaturtipps

„Fernweh made in Ostfriesland: Durch die Welt zu fliegen, über Land und Meer“: In diesem Artikel von Ostfriesland Reloaded vom Mai 2019 findet sich Vieles über die Geschichte des alten Frachthafens von Carolinensiel, seine Kapitäne damals und die Plattbodenschiffer von heute. Einfach mal lesen! Zum Artikel

Deutsches Sielhafen Museum: Ein Hafen voller Geschichte. Traditionsschiffe im Carolinensieler Museumshafen, Carolinensiel 2017, Materialien des Deutschen Sielhafenmuseums, Heft 7

Unter Deck: Auf einen Tee mit dem Kapitän

Nun ja, es war dann mehr als eine Tasse Tee. Mindestens drei. Es steckt ja schon im Wort: Teetied. Sich Zeit nehmen – für Tee, aber so nebenbei auch für die wichtigen Dinge, mit denen sich ein Plattbodenschiffer wie Eckhard Janßen im Alltag immer wieder auseinandersetzen muss. Eines davon: das „Freie Liegen“ im Museumshafen von Carolinensiel.  Das war und ist eines der Erfolgsrezepte für den Tourismus am Ort.

Zur ersten Tasse ein paar Infos als Hintergrund: Die Idee, historischen Frachtenseglern kostenlos Liegeplätze im alten Hafen von Carolinensiel anzubieten, geht auf eine Initiative von Frerich Eilts zurück, der in einem der alten Kapitänshäuser direkt am Hafenrund wohnte. Damit zog man vor dreißig Jahren die ersten Traditionsschiffe an die Harle, und immer mehr folgten dem verlockenden Ruf. Eine Win-win-Situation für alle: Die einen hatten ihren Hafen sichtbar touristisch aufgewertet, die anderen eine überaus günstige Möglichkeit gefunden, ihren traditionellen Schiffen einen Liegeplatz zu sichern. „Unter Deck: Auf einen Tee mit dem Kapitän“ weiterlesen

Was gefällt Ihnen an Ostfriesland, Herr Janßen?

Ostfriesland bietet viele abwechslungsreiche Orte: Kleine Städte, weites Land, die Küste, das Wattenmeer, die Inseln, die Fehndörfer und -kanäle. Oft ist noch deren Ursprünglichkeit zu erkennen. Das gefällt mir ebenso wie viele Sitten und Gebräuche sowie die plattdeutsche Sprache und die in ihr beschriebenen Geschichten aus früheren Zeiten. Nicht zu vergessen das für Ostfriesland typische Bild der grasenden Kühe auf grüner Weide unter blauem Himmel mit dicken weißen Wolken.

Was nicht?

Die Verspargelung der Landschaft durch Windräder, die meiner Meinung nach jetzt ein erträgliches Maß übersteigt, manche verkehrspolitische Planung sowie die zunehmende individuelle Beförderung von und zu den Ostfriesischen Inseln. „Kurz nachgefragt bei Skipper Eckhard Janßen“ weiterlesen

Beziehungskiste: Hin gen Norden zieht die Möwe, Hin gen Norden zieht mein Herz

… Fliegen beide aus mitsammen, Fliegen beide heimatwärts.

So romantisch klingt es noch im 19. Jahrhundert bei Theodor Storm, dem großen Heimatdichter und Novellisten des Nordens, wenn er von den weißen Vögeln der Nordsee schreibt. Dem Autor des berühmten Schimmelreiter sind die gefiederten Wesen eine Herzensangelegenheit: Die Möwe und mein Herz heißt sein Gedicht. Möwen am Himmel, das war für die alten Seefahrer ein gutes Zeichen: Land war nicht mehr weit, die Heimat und die Liebste nah. Der Flug einer Möwe am Himmel war die Verheißung auf einen guten Ausgang der Seereise, auf glückliche Heimkehr.

1970 erschien die Möwe Jonathan des US-Autors Richard Bach. Es avancierte zum Kultbuch und Bestseller. Die kleine Möwe mit ihren immer riskanteren Flugmanövern wurde zum tierischen Vorbild für die Hippie-Generation und alle, die nach Freiheit und Selbstverwirklichung suchten: eine poetische Fabel, die dazu aufruft, unsere Träume und Sehnsüchte nicht aus den Augen zu verlieren.

Mit keiner anderen Tierart verbinden wir so stark Meeresrauschen und maritimes Leben. Neben dem Seehund ist die Möwe wohl das beliebteste tierische Fotomotiv der Nordsee, und darf auf keinem Postkartenständer fehlen. Fliegender Mülleimer, gefräßige Räuber – das sind Begriffe, die im Zusammenhang mit Möwen aber auch fallen. Auf der Suche nach Nahrung können sie so rechte Plagegeister werden.

Zu kaum einen Tier haben wir Menschen wohl eine ambivalentere Beziehung als zu diesen Küstenvögeln. Die Spannweite der Emotionen ist groß – und immer auch Ausdruck seiner Zeit. In diesem Schwerpunkt beleuchtet Ostfriesland Reloaded die wechselhafte Beziehung zwischen Möwe und Mensch. Erzählt wird

Ein ganz besonderer Dank geht an Stephan Höstermann aus Esens, dem Zeichner der beliebten Hösti-Cartoons, der dieses Spezial mit seinen schreiend komischen Möwen-Bildern bereichert. Diese und noch viel mehr kann man hier bestellen.

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Titelfoto: Silbermöwe im Flug – Mit freundlicher Genehmigung von Andreas Klesse, Jever (https://www.klesse-fotos.de)

Die Kolonie, der Müll und die Silbermöwen

Der Möwenbestand schwankte in den letzten beiden Jahrhunderten stark und war auch immer Ausdruck seiner Zeit. Noch Ende des 19. Jahrhunderts wurden Möwen gerne nur zum Vergnügen und Zeitvertreib gejagt: Ihre langen Federn waren in Mode und zierten die Hüte der Damenwelt. Auch auf Langeoog war der Bestand daher fast komplett dezimiert. 1875 errichtete man für die Möwenkolonie beim »Dreebargen« ein Naturschutzgebiet, das deutschlandweit erste und älteste Naturschutzgebiet für eine Tierart.

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Zum Fressen gern! Von Menschen und Möwen

Man kann schon sagen: Die Beziehung zwischen dem fliegenden Federvieh und uns Zweibeinern ist vor allen Dingen eine kulinarische. Die Liebe zu den Vögeln ging für uns Menschen lange Zeit lange durch den Magen. Denn bis weit ins 20. Jahrhundert hinein galten Möweneier als Delikatesse. Historische Dokumente belegen etwa für Langeoog, dass das Sammeln von Möweneiern auf der Insel von jeher eine große Rolle spielte, als Nahrung und wichtige Einnahmequelle.

So beschwerte sich im Herbst 1824 die Pächterin der Meierei, eines Hofgutes im Osten der Insel, darüber, dass die Insulaner ihren Brunnen durch das Hineinwerfen von faulen Eiern verunreinigen würden. Die Hauptaufgabe der Vogelwarte von Langeoog war einst, die Seevogelkolonie vor Eierdieben zu schützen. „Zum Fressen gern! Von Menschen und Möwen“ weiterlesen

Die Möwen sehen alle aus
als ob sie Emma hiessen.
Sie tragen einen weissen Flaus
und sind mit Schrot zu schiessen.

Ich schiesse keine Möwe tot,
ich lass sie lieber leben –
und füttre sie mit Roggenbrot
und rötlichen Zibeben.

O Mensch, du wirst nie nebenbei
der Möwe Flug erreichen.
Wofern du Emma heissest, sei
zufrieden, ihr zu gleichen.

(Das „Möwenlied“ aus den scharfsinnigen „Galgenliedern“ des Dichters Christian Morgenstern, 1871 – 1914)

Alles aus Bronze: Von großer Kunst im weiten Raum

Sie gehören einfach zu Ostfriesland wie Deiche, Dünen und Doornkaat: Figuren aus Bronze. In wohl keiner Region Deutschlands gibt es so viele davon zu sehen, wenn man jedenfalls all die Denkmäler herausrechnet, die hierzulande Bismarck und den kaiserlichen Wilhelms gewidmet sind. In ostfriesischen Breiten sind es mit wenigen Ausnahmen nicht die Herrscher, sondern die Menschen des Landes, denen man die Skulpturen widmete: etwa den Fischern wie im romantischen Kutterhafen von Neuharlingersiel oder wie in Emden, wo sich mittlerweile drei „Delftspucker“ am historischen Hafen versammeln. „Alles aus Bronze: Von großer Kunst im weiten Raum“ weiterlesen