Zeltlager anno 1936: Der Jugendkult der Nazis

Wenn man von Weitem auf die Szenerie blickt, unterscheidet sie sich abgesehen vom Schwarz-Weiß der Aufnahmen, gar nicht mal so sehr von einem Zeltlager heutiger Tage. In einem weiten Dünental verteilen sich viele weiße Rundzelte im Kreis. In der Mitte befindet sich ein großer Freiplatz mit einer gehissten Fahne: ein typisches Zeltlager. Es unterscheidet sich äußerlich nicht wesentlich von dem, das etwa der Sportbund Niedersachsen aktuell jedes Jahr im Sommer am Fuß der Melkhorndüne für Jugendliche auf Langeoog organisiert. Nur das dieses ein ganz spezielles ist: Es ist das Zeltlager der Hitlerjugend, das die Nationalsozialisten 1936 im Pirolatal der Insel, direkt am Meer, aufgeschlagen hatten. Hier sollte der Nachwuchs geformt werden, ganz im Sinne der Partei-Ideologie.

Darüber gibt sehr anschaulich ein Heft Auskunft, dass 1937 unter dem Titel „Hitlerjungen auf Langeoog“ erschien:

Die Zeltlager der Hitler-Jugend sind Wesensausdruck der nationalsozialistischen Juegendbewegung. Ebenso wie die HJ als Ganzes die gesamte Jugend erfassen will, wendet sie sich auch mit ihren Lagern an alle Kameraden. Jeder Hitlerjunge, jeder Pimpf einmal ins Lager! Einmal jedem das Erlebnis der großen Kameradschaft der Jugend dort, wo sie auf sich selbstgestellt und auf sich selbst angewiesen ist! Einmal jedem das Erlebnis der deutschen Landschaft, des deutschen Volkes, das Erlebnis der Verbundenheit seines Blutes und der Erde, auf der er gewachsen ist!

Feierstunde unterm Hakenkreuz: 1936 im Zeltlager der Hitler-Jugend auf Langeoog.

Aber unsere Zelte standen nicht nur in den Dünen von Langeoog. Mehr als zwanzig Zeltlager haben wir im Vorjahre in allen Teilen des Gebietes durchgeführt. Ganz gleich aber, ob über ihnen die Heidelerchen trillerten, ob die Wälder der Berge sie umschlossen oder ob in sie hinein das Rauschen des Meeres drang und der krächzende Ruf ujnzähliger Möwen am frühen Morgen die Lagerbesatzung weckte – überall wehte über ihnen die eine Fahne. (…) Wir alle haben uns in unseren Lagern mit Worten oder unausgesprochen ein Leben treuer Gemeinschaft in unserer HJ versprochen, ein kraftvolles und tapferes Leben in Pflichterfüllung, Reinheit und straffer Disziplin, ein Leben für unser Volk und seinen großen Führer.

Gegen Ende der Dreißiger Jahre war die bis dahin idyllische Urlaubsinsel Langeoog von den Nationalsozialisten zu einem militärischen Stützpunkt ausgebaut worden. Gewaltige Infrastrukturprojekte veränderten das Gesicht der Insel damals enorm – wie etwa der Ausbau des Hafens zu einem großen Rund mit Schutzwall oder der Militärflughafen auf einem 100 Hektar großen Gelände, das durch eine Aufspülung von enormen acht Metern Höhe überhaupt erst am Flinthörngelände im Westen der Insel entstehen konnte. Ganze Straßenzüge und Siedlungen für die Wehrmachtsmitarbeiter und Offiziere wurden neu gebaut – die Friesenstraße etwa oder die Heerenhussiedlung, die ihre Ursprünge in dieser Zeit haben. In den weitläufigen Pirolataldünen am Rande des Ortes richteten sie die Zeltlager für die Hitlerjugend ein. Bis zu 700 Jungen fanden in den Rundzelten auf dem Gelände ihr Quartier.

Sie wurden alle eingeschworen auf die nationalsozialistische Ideologie, schon früh gleichgeschaltet zu treuen Parteisoldaten, die später bedingungslos dem Willen ihres Führers folgen sollten. Die Kameradschaft und Gemeinschaft unter Jugendlichen wurde zu Propagandazwecken eingesetzt und schändlich mißbraucht. Das geschah überall im Deutschen Reich, nicht nur auf Langeoog.

Große Inszenierung in den Dünen: Gleichschaltung der Jugend mit Trommeln und Fahnen.

Sehr pikant wurde es 1938/39, als sich – zeitgleich mit der zahlreich vertretenen Hitlerjugend – eine Gruppe jüdischer Kinder aus Halberstadt versteckt auf der Insel aufhielt. Sie schliefen ebenfalls nahe der Dünen, in einer Scheune in der Nähe der Meierei am Ostende, während ihre Eltern Zuhause die Flucht aus Deutschland organisierten. Versorgt wurden sie von mutigen Schwestern aus dem Haus Bethanien, immer in der Gefahr entdeckt zu werden. Das spätere Schicksal der Halberstädter Judenkinder ist unklar. Sicher ist, dass alle in den Folgejahren ihre Heimat verlassen mussten.

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Quelle: Evangel.-luth. Kirchengemeinde Langeoog (Hrsg.): 100 Jahre Inselkirche Langeoog. Wissenswertes, Hintergründiges und Vergnügliches aus Langeoogs Vergangenheit, Langeoog, 1990 (recherchiert, zusammengetragen und aufbereitet von KLaus v. Mehring und Detlef Kiesé), S. 87 – 93.

Zitate: „Hitlerjungen auf Langeoog“, 32 Seiten, Osnabrück, 1937, Vorwort des Obergebietsführers der Hitlerjugend für das Gebiet Nordsee, herausgegeben vom NS-Lehrerbund.

Fotos: Heimatverein Langeoog e.V., Seemannshus, Langeoog.

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