The Day After: Langeoog nach Orkantief „Nadia“

Zum Fressen, als Futter für die Nordsee, waren sie von Anfang an gedacht – die riesigen „Verzehrsandberge“, die die niedersächsischen Küstenschützer den Dünen vor dem Pirolatal vor die Füße spülten. 700.000 Kubikmeter Sand bildeten im September 2020 ein sattes, zwei Kilometer langes Polster. Doch diesmal hat die Nordsee gewaltig an ihnen genagt und kräftig zugebissen. Nur 18 Monate hat sie gebraucht und das Futter, was man ihr mit viel Aufwand gereicht hatte, ist nahezu weg. Das Orkantief „Nadia“ brachte am 29. und 30. Januar zwei Stumfluten hintereinander, riss dem Strandpolster am Hundestrand riesige Brocken heraus und verschob die bisherige Abbruchkante des schützenden Sandpolsters deutlich Richtung Dünen. Schlimmer noch: Es beschädigte in den weiter östlich gelegenen Abschnitten bereits den Dünenfuß des Pirolatals, hinter dem die Brunnen für die Trinkwasserversorgung der gesamten Insel liegen.

Am Tag danach war einiges los am Strand: Der Wind hatte Montag deutlich abgeflaut, und so machten sich viele bei Ebbe mittags auf den Weg in den Osten der Insel zu den Dünenübergängen „Gerk-sin-Spoor“ und „Pirolatal“, um mit eigenen Augen zu sehen, was ihnen die Fernsehbilder, Online-Medien und nicht zuletzt das Nachrichtenportal der Insel, die Langeoog News, am Tag zuvor auf die Screens der Smartphones und TV-Bildschirme gebracht hatten. Bei ablaufend Wasser ließ es sich gut am Strand unterhalb der Kanten entlang spazieren, um sich ganz klein vor dieser majestätischen Kulisse zu fühlen, die so eindeutig Zeugnis von der unbändigen Gewalt der Natur ablegte. Während sich die Erwachsenen zumeist vor hoch aufragenden Sandkanten ablichteten, hatten die Kinder ihren Spaß beim Springen von der einen auf die andere Sandetage. Das wird zwar nicht unbedingt von der Inselgemeinde empfohlen, war für den dreizehnjährigen Julian Hömme und seine zehnjährige Schwester Sarah aus Osnabrück an den flachen Stellen aber nur ein kleines Wagnis, dafür aber ein umso größeres Vergnügen.

Später am Tag schaute auch noch der Langeooger Strandsegler Helge Bents mit seinen bunten Segelwagen vorbei. Vor ungewohnter Dünenkulisse und die Abbruchkanten immer im Blick nutzte der mehrfache Meister in dieser Disziplin die ruhige Zeit zwischen den Sturmfluten und trainierte am kleinen Gerät für Anfänger eine Auswahl niedersächsischer Nachwuchssegler:innen, die für ein verlängertes Wochende mit viel schnellem Segelsport am Strand nach Langeoog gereist waren. Die Zeit für die Trainingseinheit war jedoch begrenzt.

Denn nach einer kleinen Atempause am Montag verschärfte sich bereits abends wieder die Wetterlage, rollte die gefräßige Nordsee zum nächsten Angriff heran. Der Niedersächsische Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz (NLWKN) erwartet bereits drei weitere leichte Sturmfluten: in der Nacht von Montag auf Dienstag und Dienstag auf Mittwoch sowie für den Mittwochmittag. Auslöser ist das Sturmtief „Queena“, das sich von Island nähert, und voraussichtlich ein Hochwasser bringt, das etwa 1 bis 1,5 Meter über dem mittleren Tidehochwasser liegen wird.

Das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie teilt Sturmfluten an der deutschen Nordseeküste in drei Klassen ein:

  1. Sturmflut: 1,5 bis 2,5 m über mittlerem Hochwasser (MHW)
  2. schwere Sturmflut: 2,5 bis 3,5 m über MHW
  3. sehr schwere Sturmflut: mehr als 3,5 m über MHW

Die beiden Sturmfluten des Wochenendes gehörten mit 1,59 am Samstagabend und 1,78 Metern über dem mittleren Tidehochwasser am Sonntagmorgen – jeweils gemesssen am Pegel am Langeooger Hafen – zur ersten Kategorie. Es ist jedoch weniger die Stärke der Sturmfluten als die Häufigkeiten, die Langeoog zu schafffen machen. So gab es diesen Winter bereits elf Sturmfluten. Und die Sturmflutsaison ist für die Insel noch lange nicht vorbei. Gefährdet sind mittlerweile die Abschnitte der Pirolataldünen, die seit dem Orkantief „Nadia“ über kein schützendes Polster mehr verfügen, wo die Nordsee bereits direkt am Fuß geknabbert hat. Sie sind den kommenden Sturmfluten schutzlos ausgeliefert.

Haushohe Sandwände türmen sich mittlerweile in diesen Bereichen. Das Polster ist bis zur Kante der Sandfangzäune abgerissen. Da oben, wo sich jetzt noch tapfer an manchen Stellen die letzte Reihe der Reisigbüschel einer ehemaligen Sandfangkammer gerade hält, sollte eigentlich der Dünenfuß gesichert werden. Die Sandfangzäune sind – oder vielleicht sollte man hier besser sagen „waren“ – Teil des EU-Forschungsprojektes „Building with Nature“, an dem neben Langeoog für Deutschland die sechs Nordsee-Anrainerstaaten Niederlande, Belgien, Dänemark, Schweden, Norwegen und Schottland beteiligt sind. Gemeinsam und im Austausch will man hier die brennenden Fragen des Küstenschutzes behandeln und neue Lösungsansätze entwickeln. „An sandigen Küsten muss man mit der Natur arbeiten, nicht gegen sie“, das ist das Credo des NLWKN. Bisher setzte der Leiter der für den Küstenschutz auf den Ostfriesischen Inseln zuständigen Betriebsstelle in Norden, Professor Frank Thorenz, bei der Sicherung der langen Sandstrände wo immer möglich auf naturnahe, ingenieurbiologische Maßnahmen.

Ob das weiter ein sinnvoller und erfolgversprechender Ansatz ist, bleibt die Frage, die die Experten nach der verzehrenden Sturmflutsaison 2021/22 wohl prüfen werden. Von allen Ostfriesischen Inseln ist Langeoog bisher die einzige, die zur Nordsee nur durch Dünen vor Sturmfluten geschützt ist. Es gibt keine massiven Küstenschutzbauwerke oder Betonarme, die sich in den sandigen Untergrund krallen, wie etwa auf den Nachbarinseln Baltrum und Norderney. Darauf ist man auf Langeoog sehr stolz, es ist ein Alleinstellungsmerkmal mit touristischem Mehrwert. Und das hat seinen Preis.

Direkt vor dem Pirolatal: Angriff auf den Dünenfuß.

***


Der Dank von Ostfriesland Reloaded für die Unterstützung dieses Beitrags mit Bildmaterial geht an Regina Hömme und Helge Bents. Ein ganz besonders dickes „Danke Schön“ geht an die beiden jungen Springer für die spontane und sportliche Mithilfe.


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