Aurich: Heimatstadt eines Literatur-Nobelpreisträgers

Auch wenn er die längste Zeit seines Lebens, 52 Jahre lang, in Jena wohnte und wirkte, die norddeutsche Landschaft seiner Kindheit hat er nie vergessen. Als er im Alter von 75 Jahren 1921 seine „Lebenserinnerungen“ veröffentlicht, widmet der Philosoph und Nobelpreisträger Rudolf Christoph Eucken viele Seiten seinen ersten Jahren in Ostfriesland. Er schildert ausführlich Land und Leute: „Bemerkenswert ist dabei, dass die Friesen die Freiheit über alles liebten, dass sie aber keineswegs Anhänger einer völligen Gleichheit waren.“ Auch die Residenz- und Beamtenstadt Aurich, in der er am 5. Januar 1846 in der Osterstraße 27 geboren wird, beschreibt er mit viel Liebe, als einen ruhigen und friedlichen Ort, eine Idylle umgeben von „anspruchsloser, aber anmutiger Natur“. Die pure Behaglichkeit strömt aus seinen Worten.

Die wird für ihn als Kind jäh zerstört als sein Vater Anfang 1851 plötzlich während eines gemeinsamen Aufenthalts der Familie auf Norderney stirbt. Er kann sich noch als alter Mann gut daran erinnern, wie die Leiche seines Vaters von der Insel im Wagen durch das Watt nach Aurich transportiert wird. Da war er noch nicht sechs Jahre alt. Er hatte kurz vorher auch seinen Bruder verloren, so dass er von nun allein mit seiner verwitweten Mutter lebte, die mit dem Jungen in das Haus der Großmutter auf dem Zingel außerhalb der Stadtmauer zog, ganz in die Nähe der stattlichen Windmühle.

Der Naturgedanke seiner Philosophie: nicht denkbar ohne Ostfriesland

Er liebte als Kind die Ausflüge in die Natur, die Kanalfahrten nach Emden, die Besuche bei seinen Verwandten in Esens. Dort wohnte der jüngere Bruder seiner Mutter, Carl Gittermann, der Rektor der örtlichen Lateinschule war und ein Vorkämpfer der Deutschen Einheit unter Preußen, was seiner Karriere zeitweilig nicht gut bekam. „In meiner Jugend hat er zunächst durch Diskussionen über die großen Fragen vielfach anregend auf mich gewirkt.“ Anregend wirkten bei ihm auch Ausflüge auf die ostfriesischen Inseln. Er war auf Borkum, besonders häufig aber mit der Familie seines Onkels auf der Insel Langeoog, mit der er viele schöne Erinnerungen verband, besonders auch an die Überfahrten mit dem Segelschiff, das damals als Fähre eingesetzt wurde.

Die Landschaft seiner Kindheit zwischen Geest und Moor ließ ihn nie wieder los. Der Naturgedanke seiner Philosophie, die der Mensch brauche um wieder ganz Mensch zu werden, hat sicherlich auch mit der Naturverbundenheit, die ihn Ostfriesland lehrte, zu tun. Sie war ihm ein Leben lang Fundament. Auch die Wissbegierde, die ihn schon als Schüler auf dem Auricher Gymnasium auszeichnete. Er bestand seine Prüfungen mit Leichtigkeit und freute sich auf sein Studium: „Ich konnte gar nicht die Zeit erwarten, in der es mir möglich wäre selbständig zu den tiefsten Quellen des Erkennens vorzudringen und meinen eigenen Weg zu gehen.“

Von Göttingen bis nach Jena: Stationen einer Professorenkarriere

Das war auch gleichzeitig sein Abschied aus Ostfriesland. Zusammen mit seiner Mutter, die unermüdliche Förderin ihres einzigen Kindes war, zog er 1863 im Alter von 17 Jahren von Aurich nach Göttingen und von dort weiter nach Berlin um Philosophie und Altphilologie zu studieren. Nach verschiedenen Stationen als Gymnasiallehrer in Husum, Berlin und Frankfurt am Main ging er 1871 als Ordinarius für Philosophie und Pädagogik nach Basel. 1874, seine Mutter war inzwischen verstorben, wurde er mit 28 Jahren Professor für Philosophie an der Universität Jena. Von Gastprofessuren abgesehen blieb er der Stadt bis zum Ende seines Lebens verbunden.

1882 heiratete er seine Frau Irene und bekam drei Kinder. Einer ihrer Söhne, der Ökonom Walter Eucken, sollte als Vordenker der Sozialen Marktwirtschaft bekannt werden. Die „Eucken-Villa“ in Jena war ein gesellschaftlich-kultureller Mittelpunkt, in dem sich viele intellektuelle Größen seiner Zeit trafen. Literaten wie Stefan George oder Hugo von Hofmannsthal gingen hier ein und aus.

Als Eucken 1908 den Nobelpreis für Literatur erhielt, war er 62 Jahre alt. Mit 70 Jahren, 1916, wurde er Ehrenbürger der Stadt Jena. Mit 74 Jahren verließ der Professor 1920 seine Universität, an der er 46 Jahre lang gelehrt hatte. Er starb am 15. September 1926 im Alter von 80 Jahren in Jena. Der Verbleib seiner Asche, die seiner Witwe übergeben wurde, ist unbekannt. Auf dem Friedhof in Aurich erinnert ein Gedenkstein an den großen Sohn der Stadt.

Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele.“

Eucken-Renaissance: die Suche nach dem Seelenheil

Heute zeugen Straßennamen in Aurich, Emden, Norden, Esens, in Rhauderfehn, im Moormerland und auf Langeoog von Rudolf Eucken. Auch Göttingen und Jena würdigen den Gelehrten. Viele Jahrzehnte geriet der Literatur-Nobelpreisträger in Vergessenheit. Doch seit geraumer Zeit erfährt der Naturphilosoph aus Ostfriesland wieder deutlich mehr Aufmerksamkeit. So widmete der NDR ihm 2011 beispielsweise ein ausführliches Portrait. Man erinnert sich wieder häufiger seiner heute ausgesprochen modern klingenden Worte und Lebensphilosophie, die den durch Technologie und materiellem Denken entfremdeten Menschen wieder zu sich selbst führen will.

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Mehr zu sehen von Rudolf Eucken gibt es im Historischen Museum Aurich: In der Abteilung „Blütezeit der Bürger“ steht im Original seine Büste aus Bronze, braun patiniert, gefertigt 1929 von Richard Engelmann, mit einem Gießerstempel von H. Noack, Berlin Friedenau. Das Museum ist auch Herausgeber des Buches: Denkmale – Mahnmale in Aurich. Zum Gedenken an alle, die in den Weltkriegen getötet wurden, 2010/11. Darin findet sich ein Beitrag von Lars Frühling über Rudolf Eucken, mit dem er als Auricher Schüler m Rahmen des Projekts „Helden: verehrt – verkannt – vergessen“ 2008/2009 am Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten „Jugendliche forschen vor Ort“ teilgenommen hat.

Noch mehr zu lesen über Rudolf Eucken gibt es im Utkieker aus dem Enno Söker Verlag (ESE) in Esens: In der Weihnachtsausgabe des beliebten Magazins der Inselgemeinde Langeoog erscheint im Dezember 2021 ein Artikel, der die besondere Verbindung des ostfriesischen Literaturnobelpreisträgers und Philosophen zur Insel seiner Kindheit und Jugend herausstellt.


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