Wenn es Winter wird am Ems-Jade-Kanal: „Dat löppt!“ in Aurich

Der Weg zu Sonderausstellungen weist im Historischen Museum der Stadt Aurich stets ganz nach oben, ins Dachgeschoss. Unter dem hohen Dachgiebel mit seinen freigelegten Holzbalken präsentiert das Museum auch „Dat löppt!“, seinen kulturhistorischen Rückblick auf die vielfältige und besondere Bedeutung von Wasser für Ostfriesland. In der Auricher Ausstellung läuft es ebenfalls – und zwar thematisch immer entlang des Ems-Jade-Kanals, Aurichs großer Wasserstraße, die die Stadt westlich mit Emden und östlich mit Wilhelmshaven verbindet.

Die Ausstellung erzählt mit vielen Schautafeln, Objekten und liebevoll bestückten Vitrinen von den Anfängen und ersten Plänen für einen Treckfahrtskanal von Aurich nach Emden, der immer wieder an der Finanzierung scheiterte, und schließlich nach mehreren Anläufen in nur zwei Jahren von 1798 bis 1800 gebaut wurde. Man erfährt so Manches über das prosperierende Aurich, das sein starkes Wachstum Ende des 19. Jahrhunderts und die Teilhabe am Welthandel auch diesem Kanal verdankte. Und man kann viel lernen über den weiteren, anstrengenden Ausbau der Wasserstrecke zum Ems-Jade-Kanal, der 1880 mit 700 Arbeitskräften auf Teilstrecken begann und zwischenzeitlich 6.000 bis 7.000 Menschen zählte. Sie hatten schwer zu kämpfen mit dem hohen Grundwasserspiegel, anhaltenden Regenfällen, Treibsanden und Erdrutschen. Es war harte Arbeit, bis die durchgehende West-Ost-Verbindung zu Wasser – von der Ems bis zur Jade und damit zwischen den beiden größten ostfriesischen Häfen – in Betrieb gehen konnte. 1888 wurde die lange Wasserader, die Ostfrieslands Binnenland nun komplett durchzog, eingeweiht.

Dem Winter am Ems-Jade-Kanal sind im Museum einige besonders entzückende Ausstellungsobjekte gewidmet, wie etwa diese lebensechte Szene von einem Flaschenschiff im Schnee, eine Leihgabe des Deutschen Sielhafenmuseums in Carolinensiel:

Lebensechtes in der Flasche: Am Ufer steht eine Windmühle, ein „Erdholländer“. Auf dem Kanal liegt ein Frachtschiff, eine „Tjalk“. Auf dem Eis sind drei Schlittschuhläufer, ein Junge schiebt ein Mädchen auf dem Schlittenstuhl.

Was hier ganz klein als Miniatur in der bauchigen Buddel zu sehen ist, das bereitete auch im echten Leben den Aurichern ein großes Wintervergnügen: das Schöfeln auf dem Ems-Jade-Kanal, vorausgesetzt man hatte die richtige Ausrüstung.

Eigentlich hatte ich immer Schlittschuhe, also geliehene. Und zwar waren das sogenannte „Schraubendampfer“, die knipste man an den vorderen Teil des Schuhs. Hinten wurden sie an die Ferse des Schuhs geschraubt und darum hießen sie Schraubendampfer (Lilo Herzog, geboren 1927 in Lingen, aufgewachsen in der Jahnstraße in Aurich).

Chronisten des ostfriesischen Alltags

Mit „Dat Löppt! zählt das Historische Museum in Aurich nun die beeindruckende Zahl von insgesamt 113 präsentierten Sonderausstellungen. Allein 86 davon sind unter der Regie der langjährigen Museumsleiterin Brigitte Junge entstanden. Sie tragen alle deutlich ihre Handschrift: „Mir ist immer wichtig, das jeweilige Thema auch als ein Stück der eigenen Geschichte aufzuarbeiten und darzustellen. Ein Großteil der Sonderausstellungen entsteht bei uns im Haus. Wo wir sie übernehmen, binden wir sie immer regional ein.“

Wasser steht bei der Auricher Museumschefin nicht zum ersten Mal im Mittelpunkt: Vom 30. Mai bis 30. August 1992 hieß es in der Ausstellung Nr. 31 bereits Wasser für‘s Haus. Die Ausstellung wurde damals aus Hannover vom Wasserversorger HASTRA übernommen, und dann erweitert um die Geschichte der Auricher Wasserversorgung und des Wasserturms. Junge: „Er war ein wichtiger historischer Meilenstein der städtischen Infrastruktur. Mit der Unterstützung des OOWV (Oldenburgisch-Ostfriesischer Wasserverband) gelang es uns, dem Thema sehr viel eigene Perspektiven abzugewinnen und auch eigene Ausstellungsstücke zu präsentieren wie etwa einem historischen Wasserfilter für das Haus, der uns als Leihgabe zur Verfügung gestellt wurde.“

Auf den guten Kontakt zu Spendern und Zeitzeugen kann Junge bei der Konzeption ihrer Ausstellungen immer zählen. Auch bei „Dat Löppt!“ sind wieder ganz viele Namen von Menschen zu lesen, die geliehen, gestiftet oder sich erinnert haben für die Ausstellung rund um das Wasser in Ostfriesland. Wertvolle Beiträge für die Geschichtenbewahrerin des ostfriesischen Alltags, wie etwa diesen einer unvergessenen Schlittschuhfahrt über den Ems-Jade-Kanal, die sechs Stunden dauerte:

Zeitzeugen erinnern sich: das Historische Museum der Stadt Aurich als Chronist des Alltags am Ems-Jade-Kanal.

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Die Ausstellung „Dat löppt!“ ist in Aurich noch bis zum 5. Dezember 2021 geöffnet, der Eintritt erfolgt entsprechend der aktuellen Corona-Lage und -Bestimmungen. Aktuelle Informationen dazu finden sich auf der Webseite des Historischen Museums: http://www.museum-aurich.de. Sehr lesenswert ist auch die Publikation, die der Museumsverbund Ostfriesland als Begleitband zur Gemeinschaftsausstellung herausgebracht hat, und die das Wasser in seinen vielen Facetten für Ostfriesland schildert. Elf Ausstellungen in einem Buch, für alle, die es genauer wissen wollen! Erhältlich in den Häusern des Museumsverbunds und bei der Ostfriesischen Landschaft über die Geschäftsstelle (Nina Hennig).

Ein sehr informativer Artikel von Brigitte Junge über Aurichs Wasserstraße lässt sich auch im Blog für ost-friesische Geschichte nachlesen.

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