Eine Museumsleiterin mit Mission: Die Ära Brigitte Junge

Seit 30 Jahren leitet sie nunmehr die Geschicke des Historischen Museums in Aurich. Und man mag es gar nicht glauben, wenn man sie so zart, fast mädchenhaft, vor ihrem Büro in der Alten Kanzlei stehen sieht:  Sie ist gerade 65 geworden, und in gut zehn Monaten, zum 1. September 2022, ist es tatsächlich so weit – sie geht ganz offiziell in Rente. In ihrem Fall ist der Ruhestand mehr als wohlverdient. Mit Brigitte Junge geht auch eine Ära zu Ende, sie hat für ihr Museum viele neue Wege beschritten und deutliche Spuren hinterlassen. Die Gelegenheit für Ostfriesland Reloaded, sich mit der großen Kennerin ostfriesischer Geschichte und Kultur zu unterhalten – so lange sie noch in Amt und Würden ist und unermüdlich wie gewohnt ihre Ausstellungen und zahlreichen Veranstaltungen plant.     

Ostfriesland Reloaded im Gespräch mit Brigitte Junge

Ostfriesland Reloaded: Können Sie sich eigentlich noch an die Anfänge in Aurich erinnern, an Ihren Start als Leiterin des Historischen Museums?

Brigitte Junge: Sehr gut sogar. Ich war damals 34 Jahre alt und konnte nicht wie geplant zum Januar, sondern erst zum 1. März 1991 meine neue Stelle antreten. Ich hatte noch letzte Verpflichtungen in Delmenhorst, wo ich bei der Stadt angestellt war und ein Konzept für das noch zu gründende Stadtmuseum erstellte. Doch dann ging es sofort los! Nur wenige Wochen später, bereits am 20. April des Jahres, habe ich mit „Ostfriesland – Völsprakenland“ meine allererste Sonderausstellung als Museumsleiterin eröffnet.

Ostfriesland Reloaded: Was waren die Meilensteine der ersten Jahre?

Brigitte Junge: Als ich anfing bestand das Museum gerade sechs Jahre und war noch in Trägerschaft des Museumsvereins. Auch waren die Räumlichkeiten ganz anders als heute, es war alles viel kleiner. So befand sich das Museum damals nur im Vordergebäude der Alten Kanzlei, der Eingang führte durch eine Art Kiosk. Meine erste große Aufgabe war daher ein Konzept zu schreiben für ein erweitertes Historisches Museum in Aurich.

Ostfriesland Reloaded: Da brachten Sie ja schon einiges Wissen aus Ihrer konzeptionellen Arbeit für Delmenhorst mit?

Brigitte Junge: Das war sicherlich auch einer der Beweggründe mich anzustellen. Zudem hatte ich bereits Forschungsarbeiten zur Alltags- und Sozialgeschichte des zwanzigsten Jahrhunderts gemacht, zur Bergarbeitergeschichte im Ruhrgebiet, aber besonders auch zu den „Sozialen und politischen Alltagserfahrungen ostfriesischer Landarbeiter um 1918“. Auch mit anderen Themen der ostfriesischen Geschichte hatte ich mich bereits beschäftigt.

Ostfriesland Reloaded: Sie sind ja nicht nur Historikerin, sondern haben auch einen starken pädagogischen Hintergrund.

Brigitte Junge: Ich wollte ursprünglich Gymnasiallehrerin werden und habe daher als junge Frau Geschichte, Germanistik und Pädagogik in Osnabrück und Oldenburg studiert. Ich habe auch das 2. Staatsexamen in der Tasche. Doch die Zeiten der „Lehrerschwemme“ in den Achtzigern machten es für mich schwierig, dieses Ziel weiterzuverfolgen. So kam ich dann zur Museumspädagogik – einem Bereich, in dem ich seit 1986 tätig und sehr glücklich bin.

„Ich durfte hier in Aurich gestalten. Da bin ich sehr dankbar für. Das war für mich als Museumsleiterin ein fruchtbarer Boden.“

Ostfriesland Reloaded: Was haben Sie vor dreißig Jahren in Aurich vorgefunden, von wo aus sind Sie gestartet?

Brigitte Junge: Die Ausstellung im Museum hatte 1991 zwei Schwerpunkte: Die Geestkultur mit der Besiedlungsgeschichte und den Anfängen der Stadt Aurich sowie die Residenz der Grafen und Fürsten. Ich habe damals eine erste Bestandsaufnahme gemacht und dabei auch die Besucherbücher mit den Bemerkungen der Gäste gelesen. Der Kommentar einer Schulklasse fiel mir auf, er war für mich so etwas wie die Initialzündung: Hört die Geschichte eigentlich mit den Grafen auf? Ich beschloss, mich als Museumsleiterin auf die neuere Geschichte Ostfrieslands zu fokussieren und diese Lücke zu schließen. 1744 bis heute – diesem Zeitraum galt meine besondere Aufmerksamkeit in all den Jahren. Die Sammlung des Historischen Museums und die Dauerausstellung wurden entsprechend erweitert, auch haben wir den Epochen und Menschen dieser Zeit viele Veranstaltungen und Sonderausstellungen gewidmet.

Ostfriesland Reloaded:  Das Auricher Museum ist unter Ihrer Leitung ein im besten Sinne des Wortes „volkskundliches Museum“ geworden. Lange hat ja in Deutschland alles in Zusammenhang mit „Volk“ an braune Heimattümelei erinnert. Wie denken Sie darüber?

Brigitte Junge: Auch ich habe als junge Frau leicht die Nase gerümpft über diese unselige Tradition vieler Heimatmuseen. Verändert hat mich der Blick auf die Nachbarländer Europas, nach Frankreich oder England, die ein historisch entspanntes Verhältnis zur Darstellung und Aufarbeitung von Alltagskultur besitzen. Eine der Pionierinnen dieser neuen, progressiven Volkskunde ist auch Ingrid Buck, die langjährige Leiterin der Ostfriesischen Landschaft, die sich nach dem Zweiten Weltkrieg etwa an Vorbildern aus Schweden orientiert hat. An ihre großartigen Leistungen und die Sammlung, die sie in die Obhut des Historischen Museums in Aurich gegeben hat, konnte ich als Leiterin glücklicherweise anknüpfen.

Ostfriesland Reloaded: Das Thema Frauen in Ostfriesland hat es Ihnen wohl besonders angetan?

Brigitte Junge: Ja, auf jeden Fall. Und in diesem Zusammenhang freut es mich natürlich sehr, dass wir unseren frauenOrt Niedersachsen in Aurich Ingrid Buck widmen konnten. Ihr haben wir mehrfach eine Sonderausstellung gewidmet, wie auch einer anderen Ostfriesin, die mit dem Titel frauenOrt geehrt wurde, der ersten promovierten Ärztin Dr. Hermine Heusler-Edenhuizen aus Pewsum. Mich beschäftigt dabei vor allen Dingen der Alltag von Frauen. So haben wir im Frühjahr 2000 in unserer 54. Ausstellung beispielsweise dem „Auricher Frauenleben nach 1945“ im Haus eine eigene Ausstellung gewidmet – oder einfach mal „Die Schürze“ in den Mittelpunkt unserer kulturhistorischen Betrachtungen gestellt.

„Geschichte ist für mich auch eine politische Aufgabe. Jeder von uns ist Teil der Geschichte. Jeder von uns hat etwas zu sagen!“

Ostfriesland Reoladed: Kann man ihr Geschichtsverständnis als ein demokratisches bezeichnen?

Brigitte Junge: Bei Geschichte und der Darstellung von Geschichte geht es auch immer um Teilhabe. Darum, nicht auszugrenzen, Verantwortung zu übernehmen und sich von Menschenverachtung deutlich distanzieren. Erinnern heißt auch aus der Geschichte lernen: Das darf nicht wieder passieren. Zu den eindrücklichsten Begegnungen gehören für mich jene mit ehemaligen jüdischen Familien aus Aurich, die nie wieder in ihrem Leben deutschen Boden betreten wollten – und die zu einer unserer Ausstellungen dann doch kamen. Eine starke Deutsch-Israelische Gesellschaft, zu der bis heute enge Bindungen bestehen.

Ostfriesland Reloaded: Im Leitbild des Historischen Museums der Stadt Aurich ist viel von Dialog und gemeinschaftlichem Interesse an Geschichte die Rede. Welche Rolle spielt für Sie in diesem Zusammenhang der Museumsverbund Ostfriesland?

Brigitte Junge: Wir sind im Verbund insgesamt 16 Museen, verteilt über ganz Ostfriesland. Kleine und größere Häuser sind darunter, viele auch ehrenamtlich geführt. Für mich ist die Zusammenarbeit mit meinen Kollegen wie ein nach Hause kommen: zu Menschen, die wie einen selbst die Leidenschaft für ostfriesische Alltagsgeschichte treibt. Es ist wirklich eine großartige Struktur, wir unterstützen uns gegenseitig mit Ausstellungsobjekten, tauschen uns aus und lernen dabei ganz viel von den anderen. So ist im Laufe der Jahre eine gehörige Portion Professionalisierung auch bei den kleinen Spezialmuseen der Region entstanden.

Ostfriesland Reloaded: Sie sind aktuell die Vorsitzende vom Museumsverbund Ostfriesland. Wird das auch nach Ihrem Renteneintritt so bleiben?

Brigitte Junge: Leider nein. Das erlauben die Statuten nicht. Da wird es ab Herbst 2022 einen Nachfolger oder eine Nachfolgerin geben, der oder die eine Leitungsfunktion in einem der angeschlossenen Museen innehat oder von einem der kommunalen Träger des Verbunds stammt. Aber bis dahin ist ja noch ein wenig Zeit. Und solange genieße ich das äußerst fruchtbare Miteinander.

Frau Junge, wir danken für das Gespräch!

***


Brigitte Junge wird 1956 in Oker im Harz als mittleres von drei Kindern geboren. 1959 zieht ihre Familie kurz nach Nordrhein-Westfalen, bevor es 1965 wieder zurück nach Niedersachsen geht. Erst lebt sie in Varel, mit 12 Jahren in Oldenburg, wo sie auch ihr Abitur macht. Nach dem mit dem 2. Staatsexamen abgeschlossenen Studium der Geschichte, Germanistik und Pädagogik in Osnabrück und Oldenburg zieht es sie zunächst in die wissenschaftliche Forschung und 1986 in die Museumspädagogik. Seit 1991 ist sie Leiterin des Historischen Museums in Aurich. Sie ist Vorsitzende vom Museumsverbund Ostfriesland mit 16 angeschlossenen regionalen Museen. Brigitte Junge hat eine 27jährige Tochter, die wie die Mutter Geschichte und Germanistik studiert hat und in Osnabrück lebt. Das Bild links zeigt Brigitte Junge bei ihrer Einschulung im April 1963 in Essen-Kray. Schon früh entdeckte sie ihre pädagogische Ader. Dass sie rund 60 Jahre später auf ein Leben als erfolgreiche Museumsleiterin zurückblicken würde, ahnte das kleine Mädchen mit der großen Schultüte im Arm freilich damals noch nicht.


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