Schnupperkurs Strandsegeln: Manöver mit der Mini-Yacht

Auf Borkum hat die einzige Strandsegelschule der Ostfriesischen Inseln ihren Sitz. Und das hat auch einen guten Grund: Denn keine andere hat ein derartig breites Revier für segelnde Strandyachten wie sie mit ihrem riesigen Nordstrand. „World of Wind“ heißt die Schule, die 2016 von Chris John auf Borkum eröffnet wurde und Einsteigern die Möglichkeit bietet, hineinzuschnuppern in diesen außergewöhnlichen Strandsport, der wie kaum ein anderer mit der Nordsee und seinen Inseln im Wattenmeer verbunden wird. Drei Stunden dauert so ein Schnupperkurs Strandsegeln in Praxis und Theorie – und es ist schon erstaunlich, wie schnell Mann und Frau den Bogen heraus hat.

Auch Klaus Becker aus Emden will es an diesem Vormittag wagen. Er ist einer von zehn, für die am weiten Strand von Borkum ein Parcours aus bunt geringelten Hütchen abgesteckt ist, der die Richtung vorgibt. Auf dem kann man alle Manöver üben, um dann später im freien Gelände selbstständig zu fahren. Er ist heute so etwas wie ein Verkehrsübungsplatz des ADAC, auf dem auch Strandsegel-Einsteiger Becker bald seine Runden ziehen wird. Firmenchef Chris John und sein Stationsleiter Justin Oldenburger haben die Gruppe geteilt: Während der eine die eine Hälfte der Gruppe in Theorie unterweist, achtet der andere darauf, dass auf dem Parcours bei der anderen alles mit rechten Dingen zugeht und sich ordentlich im Kreis dreht.

Mini-Yachten sind seit 2012 auf dem Markt erhältlich und haben dem Strandsegelsport einen ungeheuren Boom verschafft. Sie sind die kleinen Schwestern der großen Strandsegler und wie geschaffen für Einsteiger, die sich zum ersten Mal am Strand vom Wind davontragen lassen wollen. Heute wird auf Borkum mit einem 2,1 Quadratmeter großen Segel geübt. Es bläst ein kräftiger Wind von 4-5 Beaufort. Wiemcke Kaack, gebürtig in Norden und mittlerweile in Schleswig-Holstein Zuhause, hat sich für ein noch kleineres Anfängersegel entschieden, das mit einer Segelfläche von nur 1,5 Quadratmetern bereits ein echtes Strandsegelerlebnis ermöglicht.   

Justin Oldenbürger begrüßt die Teilnehmer des Schnupperkurses (li. Wiemcke Kaack, re. in rot Klaus Becker).

Wer den Wind als Antrieb nutzen will, der sollte das Element und das Prinzip ein wenig verstehen. Ohne Theorie geht beim Strandsegeln nichts – und die ähnelt im Wesentlichen den Kenntnissen, die man auch für das Segeln auf dem Wasser braucht. Schritt für Schritt und immer zwischen den Praxisrunden gibt es eine geballte Einheit Wissen vom Experten John. Etwa zur Frage, warum ein Segler überhaupt fährt, wenn der Wind bläst. Dass der Wind um die Leeseite eines Segels herum strömt und die Luvseite zieht. Das „am Wind“ und „halber Wind“ die besten Kurse zum Strand sind, bei „Raumwind“ dagegen kein Unterdruck und keine Strömung entsteht, und damit auch kein Fortkommen möglich ist. Das „Anluven“ nicht nur theoretisch helfen kann, das merken die Schnuppersegler:innen spätestens dann, wenn sie wieder mit ihren Mini-Yachten starten.

Nach wenigen Trainingsrunden klappt das bei den Meisten auch schon ganz gut, wenn man einmal weg gekommen ist aus der Startposition und wieder ein wenig Wind gefangen hat. Ansonsten hilft auch gern der Meister persönlich und schiebt die kleine Yacht kurz an. Auch das Lesen der Spione steht auf dem Stundenplan: „Die sind das A und O beim Strandsegeln“, erklärt John. Das sind kleine Bänder, die man durch das Guckloch eines jeden Segels sieht und mit denen man überprüft, ob die Strömung stimmt. Der „rote Spion“, das ist der Lee-Spion (also der auf der windabgewandten Seite hinter dem gewölbten Segel). Der muss immer zu sehen sein und waagerecht anliegen. Taucht dagegen der „grüne Spion“ auf, ist keine Strömung mehr da, er „killt“. Daher geht der Blick eines jeden Piloten in seinem Liegesitz auch stets zum Guckloch nach oben.

Gelernt, geübt, gesegelt – bevor es in der nächsten Theorie-Einheit um so diffizile Fragen geht wie Fahrtwind und „wahrer Wind“, und wie sich diese beiden Kräfte zum „scheinbaren Wind“ für den Piloten auf der Yacht zusammenfügen. „Stärke und Richtung des Windes sind nicht zu beeinflussen, aber wie ich diese für mich am besten nutzbar und damit Tempo mache“, weiß John. So könne man rein theoretisch durchaus einen Kurs „vor dem Wind“ fahren, bei dem das Segel genau senkrecht zum Wind steht, aber das sei viel zu langsam: „Man wird nicht schneller als der wahre Wind“.

Da man aus Geschwindigkeitsgründen also nicht direkt vor dem Wind fahren soll und gegen ihn nun mal nicht fahren kann, sieht man Strandsegler oft einen Zick-Zack-Kurs einschlagen. Wie das aber genau auf freier Strecke und ohne vorgegebenen Rund-Parcours mit Hütchen funktioniert, das ist dann Inhalt eines weiteren dreistündigen Aufbaukurses, den „World of Wind“ im Anschluss an den Schnupperkurs anbietet.

Nach diesen insgesamt sechs Stunden hat man automatisch den Grundkurs im Strandsegeln absolviert, der nicht verfällt und der wiederum Voraussetzung ist, um den Pilotenschein des Verbandes zu machen. In Schnitt wollen fünf von zehn Teilnehmern nach dem Schnupperkurs mehr über das Strandsegeln lernen und weitere Praxiserfahrung sammeln, weiß John zu berichten. Wiemcke Kaack ist am Nachmittag wieder dabei, sie will das Fahren mit dem Wind auf jeden Fall auf freier Strecke ausprobieren. Und auch der sichtlich talentierte Klaus Becker, hat sich von seiner Frau schließlich überzeugen lassen: „Du machst weiter!“

Borkum ist Austragungsort der „Euro Trophy Mini Yacht 2021“

Bei „World of Wind“ sind jedoch nicht nur Anfänger bestens aufgehoben. Auch Profis schätzen das ostfriesische Strandsegel-Revier: Vom 26. bis 28. November findet auf Borkum die Euro Trophy 2021 für Mini-Yachten statt. Ausrichter ist der „Strandsegel-& Kitebuggyclub e.V. Bochum“ in Kooperation mit der „Strandzeilvereniging Terschelling“ aus den Niederlanden. Chris John erwartet zum Temin ein internationales Starterfeld, das am ersten Adventwochenende nochmal für viel Leben am Strand auf der westlichen Insel Deutschlands sorgen wird.


Und noch etwas

Strandsegeln ist nur eine von vielen Disziplinen des Wind- und Wassersportspezialisten „World of Wind“ auf Borkum. Die Schule unterrichtet auch in Kitebuggy, Kitelandboarden, Powerkiten, Windsurfen, Kitesurfen, SUP oder Wingsurfen. Sie hat ihr Domizil am Borkumer Nordstrand und kann mit der dort vorgelagerten Bucht alles aus einer Hand und an einem Ort anbieten. Hobbysportler, Actionbegeisterte, aber auch Kinder, Anfänger sowie Gruppen haben hier die Möglichkeit, in die verschiedenen Sportarten und Techniken reinzuschnuppern. Der Schnupperkurs im Strandsegeln kostet 119 Euro, der Aufbaukurs zum Grundschein dann nochmals 139 Euro. Der Pilotenschein des Strandseglerverbandes inklusive aller Prüfungen kann für 329 Euro abgelegt werden. (Quelle: World of Wind).

Noch mehr zu „World of Wind“ findet sich auf Ostfriesland Reloaded in einem Beitrag vom 31. Juli 2017 über das Strandsegeln mit Handicap:

Hier weht der Wind extrem sportlich: Strandsegeln kann jeder lernen

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