Strandsegeln auf Langeoog: Spitzensport mit Bents

Rasend unterwegs: Immer mit der Nummer 605 segelt Thomas Bents die Strandregatta.

Auf Langeoog mit seinem 15 Kilometer langen Traumstrand wird das Segeln auf Sand schon besonders lange gepflegt. Der Langeooger Strandsegler Club, 1984 gegründet, besteht seit mittlerweile 37 Jahren. In dieser Zeit haben die rasanten Regattafahrer:innen der Insel unzählige nationale und internationale Meisterschaften gewonnen. Bis heute wird hier im Verein gesegelt, was mittlerweile eine Seltenheit auf den Ostfriesischen Inseln geworden ist. Das ist vor allen Dingen dem persönlichen und jahrelangen Einsatz vieler engagierter Strandsegler Langeoogs zu verdanken. Einer von ihnen ist Thomas Bents, selbst ein äußerst erfolgreicher Regatta-Segler, der von den fünfziger und sechziger Jahren zu berichten weiß, als es auf der Insel bereits frühe Spielarten des Strandsegelns gab.

Damals segelte man mit einem Wagen von sechs Metern Breite und acht Metern Länge über den Strand, zwei Räder vorn und ein Rad hinten, dazu ein Sitz mit Deichsel: „Die ersten Gefährte hatten mit den heutigen Strandseglern nur wenig Ähnlichkeit. Sie wurden im Gegensatz zu Heute auch nur im Sommer gefahren, meistens um gegen ein kleines Entgelt Gäste zu deren Vergnügen über den Sand zu kutschieren.“ Allein habe man diese allerersten Strandsegler nicht transportieren können, zu unhandlich und schwer seien sie gewesen, so Bents. Das Bielefelder Landschulheim habe früher oft beim Transport geholfen.

Voll optimiert auf den Piloten und das Revier

Das ist heute alles nicht mehr nötig. Jeder kann seinen Strandsegler eigenhändig über die Dünen ans Wasser tragen und sofort lossegeln. Auf Langeoog haben sich Yachten der Klasse 5 durchgesetzt. Die Segelfläche dieser Klasse beträgt maximal 5,5 Quadratmeter. Die 5 ist die Strandseglerklasse der Konstrukteure, hier kann das Gerät ganz individuell auf die Piloten eingestellt werden. Zwei schräg stehende Tellerreifen befinden sich hinten, angebracht an zwei angewinkelten Achsen. Vorne ist ein kleines Rad an einer langen Stange, das per Fußpedal gelenkt wird. Die Wagen dürfen nur aus einem Rohrahmen gebaut werden. Sie haben eine offene Schale und dürfen nicht länger als 2,5 und nicht breiter als 2 Meter sein. „Denn Länge macht Geschwindigkeit“, erläutert Bents. Der Sport sei auch mit Kosten für Anschaffung und Transport verbunden: „Eine Strandsegelyacht der Klasse 5 ist ja kein Surfbrett.“

Die 5 ist auf den deutschen Nordseeinseln immer noch die meistgefahrene Strandsegler-Klasse, auch wenn ihre Zahl bei den Regatten wegen des hohen technischen Aufwands abnimmt. Bei den German Open 2021, die gerade vom 11. – 12. September in Sankt Peter-Ording stattgefunden haben, waren es insgesamt sechs, darunter drei Teilnehmer vom Langeooger Strandsegler Club.

In dieser Regatta-Klasse sind die Sportler von der langen Insel stets ganz vorne mit dabei. Thomas Bents ist in diesem Jahr mit einer Silbermedaille zurückgekehrt. Den Wettkampf gewonnen hatte der langjährige Lokalmatador Sven Kaja. Unter den Teilnehmern dieser Deutschen Meisterschaften war noch ein weiterer großer Name der Szene, der sonst auf Langeoog Zuhause ist: Helge Bents.

An der Startnummer sofort zu erkennen: Helge Bents segelt stets mit der 606.

Ende der Achtziger und Anfang der Neunziger war er zweimal Deutscher Meister in der „Manta“-Klasse, und unzählige Male auf dem Siegertreppchen. In diesem Jahr musste ein fünfter Platz genügen. Der Bootsbaumeister sieht das gelassen, dazu ist er zu lange dabei. Er sei eher ein Taktiker, der gerne den Strand lese. Nur auf Geschwindigkeit zu fahren, das wäre nicht so sein Ding. Der dritte Teilnehmer vom Langeooger Strandsegler Club, Rolf Rommerskirchen, Iandete auf dem sechsten Platz in dieser technisch sehr anspruchsvollen Klasse des Strandsegelns.

Helge Bents: Die Familie mit dem Strandsegler:innen-Gen

Helge Bents war gerade 14 Jahre alt, als der Insulaner 1984 das wohl mit Abstand jüngste Gründungsmitglied eines Strandseglervereins wurde. Seit 1995 ist er dessen erster Vorsitzende und setzt sich vor allem für die Ausbildung und den Nachwuchs ein. Wie in vielen Sportvereinen nimmt die Zahl der Mitglieder stetig ab. „Der große Boom, den das Strandsegeln besonders in den Achtzigern erlebte, ist ein wenig abgeebbt“, hält Bents fest. Außerdem sei sein Sport vorwiegend ein Wintersport mit manchmal recht ungemütlichen Rahmenbedingungen: kalt, windig und gelegentlich schwappt eiskaltes Salzwasser in den sehr flachliegenden Rennwagen. Das muss man erstmal aushalten wollen. Zudem ist die Disziplin nicht sonderlich kompatibel mit festen Zeiten für Training und Wettkampf, da sich die Ebbe nicht an eine feste Uhrzeit hält. Strandsegeln setzt viel Leidenschaft voraus, dafür bekommt man aber bei jeder Fahrt eines der größten Abenteuer zurück, dass der wilde Westen vom Norden noch zu bieten hat.

Der Vereinsvorsitzende ist ausgebildeter Strandsegel-Trainer und hofft, sein Wissen bis zur Pilotenscheinprüfung bald wieder weitergeben zu können. Denn nach den aktuellen Statuten des Verbands dürfen das keine Vereine mehr tun, sondern nur noch Personen, die das Strandsegeln gewerblich betreiben. Das muss sich wieder ändern, wie Bents findet

Das Strandsegel-Gen sitzt wohl in seiner Familie. Seine Frau Gerdine durfte sich auch bereits als Deutsche Meisterin feiern lassen, und eine seiner beiden fünfzehnjährigen Zwillingstöchter, Geske, ist erstmals im Juli dieses Jahr bei den dänischen Meisterschaften in Rømø eine Regatta der Klasse 5 gefahren – bei einem sehr anspruchsvollen Rennen mit starkem Wind und als einziges Mädchen.

Langeooger Nachwuchs ganz groß: Geske Bents im Juli 2021 bei den dänischen Meisterschaften in der Klasse 5.

Thomas Bents macht’s möglich: Sommerlager zwischen Dünen

Sie haben zwar den gleichen Nachnamen, doch Thomas und Helge Bents sind keineswegs Brüder. Sie entstammen unterschiedlichen Familienzweigen, die Großeltern beider Seiten waren jedoch Geschwister. Die engen Bande sind über die gemeinsame Passion für das Strandsegeln entstanden. Der ältere von beiden, Thomas, ist der Bastler und Tüftler. Der gelernte Betriebsschlosser segelt seit seinem zwanzigsten Lebensjahr, seit 1987 auch im Verein. Er kümmert sich um den technisch einwandfreien Zustand der Yachten und hat auch beibehalten, was sein Vater Bent Bents einst eingeführt hat: Die Strandsegler dürfen das ganze Jahr über kostenlos auf einem großen Gelände der Familie in der Langeooger Heerenhusstraße stehen. Im Gegenzug stellen die Eigentümer ihre Yachten dem Verein für Fahrten zur Verfügung.

Segelwagen werden zwar aus versicherungstechnischen Gründen nicht verliehen, aber als Gast kann man mit Vereinsmitgliedern mitfahren. Das ist etwa auch eine Möglichkeit, um zu probieren, ob das Segeln auf drei Rädern ein Hobby werden könnte.

Ein Sport im Wechsel der Gezeiten

„Gesegelt wird eigentlich auf allen Ostfriesischen Inseln“, meint Thomas Bents, „selbst auf dem kleinen Baltrum“. Meistens handele es sich heute dabei um eine interne Szene wie etwa auf Juist. Auf der Insel mit dem längsten Strand von allen, fantastische 17 Kilometer, hat er sein persönliches „Highlight“ erlebt – auf dem Billriff, der langgestrecken Sandplate ganz im Westen von Juist. Einen Moment, den er nie vergessen werde: Die unbeschreibliche Weite des weißen Sandes vor ihm, der endlose blaue Himmel über ihm, die rauschende Nordsee neben ihm. Wie auf einem anderen Kontinent, einer anderen Welt habe er sich gefühlt und sich ganz dem Rausch der Geschwindigkeit und den Kräften des Windes hingegeben. Paradiesisch.

Thomas Bents in rasender Fahrt vor den rauschenden Wellen der Nordsee.

„Jeder Strand ist anders, hat seinen eigenen Charakter“, so Bents. Doch seine Heimatinsel Langeooog ist ihm immer noch sein liebstes Revier. Hier formen Wind und Wellen die Sandbänke an vielen Stellen zu einer Art Fischgrätenmuster, das eine besondere Herausforderung für den schnellen Piloten darstellt. Neben ausreichend starkem Wind und dem hellen Licht des Tages bestimmen vor allen Dingen die Gezeiten über einen Strandsegeltörn. Gerade am schmalen Strand von Langeoog, der an der breitesten Stelle nur 200 Meter misst, ist Ebbe eine der wichtigsten Voraussetzungen, um zu starten. Dann kann es dort schon Mal mit Spitzengeschwindigkeiten von über 100 Stundenkilometern über die 15 Kilometer lange Sandpiste gehen.

Thomas Bents liebt seinen naturnahen Sport. Jetzt im Oktober geht es für ihn, der in Esens Zuhause ist und arbeitet, wieder los. Dann kehrt er, wann immer er kann, zurück auf seine Insel und fliegt förmlich über den Sand: Ganz weit hinaus bis ans Flinthörn im Westen oder ans Ostende geht es dann oft – eine unbeschreibliche Freiheit, die ihm so nur das Strandsegeln und Langeoog gibt.  

Hintergrund: Der Strandsegler Club Langeoog zählt zurzeit 34 Mitglieder, von denen zwölf aktiv segeln. Von Oktober bis März ist Saison am fast menschenleeren Strand. Erfahrung vom Segeln zu Wasser ist von Vorteil, aber nicht Voraussetzung. Die Preise für eine neue Strandsegelyacht der Klasse 5 liegen zwischen 2.500 und 8.000 Euro, gebrauchte Wagen sind auch deutlich günstiger zu bekommen (Kontakt: Helge Bents, 0171-511 6825).

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Hinweise: Dieser Artikel ist im Original in der Oktober-Ausgabe des „Utkieker“ zu lesen, dem Inselmagazin von Langeoog, das im Enno Söker Esens (ESE) – Verlag erscheint. Der Beitrag hier ist eine leicht überarbeitete Fassung mit zusätzlichen Informationen über das intensive Hobby sowie das Strandsegeln auf den Nachbarinseln. Mit Ausnahme der Bilder vom Sommerquartier der Segelyachten stammen sämtliche Aufnahmen dieses Beitrags von Tobe und Thomas Bents sowie Helge Bents (Aufnahme seiner Tochter Geske), Langeoog.

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