Expedition Ostfriesland: Terra Incognita

Spätestens seit dem Bestseller „Die Vermessung der Welt“ ist Deutschlands berühmtester Mathematiker, Carl Friedrich Gauß, auch jenen ein Begriff, die sich ansonsten wenig um die Kunst der Berechnung von Dreiecken scheren. Triangulation heißt ein bis heute eingesetztes Verfahren, das erlaubt, mit Hilfe der Mathematik und Winkelfunktionen die Länge der Schenkel von Dreiecken zu berechnen und damit Entfernungen zu ermitteln. Nach einer Reihe von technologischen Innovationen bei den Messinstrumenten, zu der auch Gauß maßgeblich beitrug, begann man im 19. Jahrhundert ganze Landstriche mit einem Spinnennetz an Dreiecken zu überziehen und sie so exakt zu kartieren.

Das Vermesser-Quartett

Einer der ersten Regionen in der Welt, die so vermessen wurden, war das Königreich Hannover, zu dem damals auch Ostfriesland gehörte. Die „Königlich Hannoversche Landesvermessung“ startete im April 1821 in Hannover und endete im Oktober 1844 im schleswig-holsteinischen Krempe.

Sie lässt sich im Wesentlichen in zwei Abschnitte einteilen: Der erste ist die so genannte „Gauß’sche Gradmessung“, die sich von 1821 bis 1825 erstreckte, und die der „Fürst der Mathematik“ selbst durchführte. Das Grundnetz reichte nördlich bis nach Jever und Langwarden in Friesland und schloss die Wattenmeer-Inseln Wangerooge und Neuwerk ein. In einem zweiten Abschnitt ging es ab 1828 mit der Vermessung weiter. Georg IV, König von Hannover, England und Irland, erteilte den Auftrag die Triangulation auf das gesamte Königreich Hannover zu erweitern. Von nun an koordinierte Gauß von Göttingen aus die Mission. Im Feld unterwegs waren neben seinem Sohn Carl Joseph seine Mitarbeiter Johann Georg Friedrich Hartmann und Georg Wilhelm Müller. Dieses Quartett sollte sämtliche Daten der 23 Jahre dauernden Messungen zusammentragen.


Erst Messen, dann rechnen: die Triangulation

Die Briten haben 1856 den höchsten Berg der Welt nach einem Geodäten benannt: Mount Everest. Der somit hoch geehrte George Everest hatte zuvor ganz Indien für die Kolonie vermessen. Die Basis für den britischen Sir wie für den deutschen Landesvermesser des Königreich Hannovers bildete die Mathematik mit ihren Regeln zur Dreiecksberechnung, der Triangulation. Die besagt: Wenn ich bei einem Dreieck die Länge einer Seite kenne und die Winkel zwischen den Seiten, dann kann ich die restlichen Seiten berechnen und muss sie nicht mehr messen. Ein seit der Antike bekanntes mathematisches Prinzip, das sich für die Vermessung ganzer Landstriche als überaus praktisch erwies: Winkel lassen sich im Gelände wesentlich einfacher und genauer ermitteln als lange Strecken.

Vor allen Dingen waren es im 19. Jahrhundert aber neue technische Errungenschaften, die es erlaubten, immer größere Entfernungen und exaktere Winkel zu vermessen. Unverzichtbar war für die Erhebung etwa ein Theodolit. Dabei handelt es sich um ein recht sperriges Gerät, bei dem das auf- und abwärts bewegbare Fernrohr auf einer runden Messscheibe aufsitzt. So ließen sich gleichzeitig vertikale und horizontale Winkel messen.

Bahnbrechend war auch der Heliotrop, eine Erfindung von Gauß: Mit diesem Instrument wird das Sonnenlicht mittels geeigneter Spiegelanordnung genau in die Richtung umgelenkt, die man mit dem Fernrohr angepeilt hat. Wer an dem angepeilten Punkt steht, sieht dann mit einem Theodoliten das im Heliotrop reflektierte Sonnenlicht als hellen Fleck. Er funktioniert wie eine Art früher Laserpointer und erlaubte erstmals Messungen zu weit entfernten Messpunkten.


Ganz viele Dreiecke für Küste und Inseln

Nach zwanzig Jahren unermüdlichen Kartografierens waren Ostfrieslands Küste und Inseln eine der wenigen Flecken im Königreich Hannover, die noch nicht vermessen waren. „Ueber Carolinensiel und Wangeroog bin ich westlich nicht hinaus gekommen“ muss Müller in einem Brief vom 29. März 1841 an Gauß bekennen, dem er während seiner Vorbereitung für die anstehende Vermessungsreise an die Nordseeküste schreibt. Müller war einer der ersten Studenten von Gauß. Der Artilleriehauptmann ist sein wichtigster Mitarbeiter, war seit 1828 fast an jeder Etappe der Triangulation beteiligt.

Er wird im Sommer 1841 auch die Dreiecksnetze für die ostfriesische Küste und Inseln ziehen und dabei an vorhandene, südlichere Messpunkte in Ostfriesland anschließen, die bei einer früheren „Westfalen“-Expedition 1831 von Hartmann gemacht wurden. Als Standorte plant er zunächst mit den fünf ostfriesischen Inseln Spiekeroog, Langeoog, Baltrum, Norderney und Juist sowie mit drei Plätzen auf dem Festland: in Hage, Dornum und Esens. Im Verlauf der Reise hat er die Messungen später noch westlich nach Borkum und Pilsum erweitert.

Von dieser Expedition, zu der er am 28. Mai 1841 von Hannover aus startete, existiert noch die originale Korrespondenz. Pünktlich zum 200. Jubiläum liegen die in altdeutscher Handschrift verfassten Briefe der gesamten Landesvermessung erstmals komplett in transkribierter Form vor. Insgesamt fünf Briefe schickte Müller vor, während und nach der ostfriesischen Expedition an Gauß nach Göttingen. Vier Briefe verfasste er in Hannover zur Vor- und Nachbereitung. Es existiert aber ein sehr aufschlussreicher Brief, den er während seiner abenteuerlichen Messungen in Ostfriesland geschrieben und von dort verschickt hat.

Norderney, 15. Juni 1841: Post von der ostfriesischen Insel

Müller hatte am 1. Juni 1841 Esens erreicht, nun befindet er sich auf der Insel Norderney. Von dort schickt er C.F. Gauß einen Lagebericht: Die Vorbereitungen sind kurz vor der Fertigstellung, auf fast allen Inseln sind die Postamente für den Empfang der Signale gesetzt. Auch die Arbeitsplätze in den Festlandtürmen sind vorbereitet. Jedoch: Die ostfriesischen Messungen gestalten sich von Anfang an schwierig. Der dichte Rauch der Moorbrände, der die ganze Küste einhüllt, verhindert zunächst jede Fernsicht und Messung, danach ist der Himmel zwar rauchfrei, dafür machen Sturm und Regen das Arbeiten schwer.

Der Originalbrief von Müller an Gauß: Man kann über dem Namen noch gut den runden Poststempel von Norden erkennen. Seine äußerst lebendig geschriebenen Zeilen hat Ostfriesland Reloaded bereits im August 2020 veröffentlicht.

Mit einem Klick hier sind Sie sofort im transkribierten Text.

Erst nach seiner Rückkehr im Herbst des Jahres schreibt Müller aus Hannover wieder an Gauß. Am 19. Oktober 1841 verfasst er einen ersten Bericht und legt diesem auch insgesamt 136 Seiten mit den Messdaten der ostfriesischen Inseln und der Küste bei. Es sind vier Monate vergangen seit seinem letzten Brief aus Norderney. Wegen der schlechten Postverbindungen von den Inseln zum Festland und auch um Porto zu sparen, habe er es vorgezogen, alles in einen Abschlussbericht zu packen und mit einer Sendung an Gauß nach Göttingen zu schicken, schreibt er. Er spart auch nicht mit Kritik an den widrigen Verhältnissen, denen er sich vor Ort ausgesetzt sah: einem stürmischen und regnerischen Sommer mit peitschendem Flugsand und verwehten Dünenhügeln auf den Inseln, und enge und zugige, bei heftigem Wind auch noch wackelnde Turmspitzen auf dem Festland.

Esens: Akrobatik im Kirchturm

Am 20. November 1841 schreibt er einen letzten, langen Brief über die ostfriesische Expedition an Gauß: Darin beantwortet er eine Reihe an Fragen und offener Punkte, die sein Messungsprotokoll und Bericht beim Leiter der Königlichen Landesvermessung hervorgerufen hatten. Er musste einige Korrekturen machen und diese nun erklären – und betont nochmals die schwierigen Bedingungen der Unternehmung. Besonders plastisch schildert er die unbequeme Arbeit hoch oben im Kirchturm der St.-Magnus-Kirche von Esens, von dem aus er am 8. und 10. Oktober 1841 gemessen hatte:

Der unter der Glocke für den Theodolith zu benutzende AufstellungsPlatz war in einer so niedrigen Höhe gelegen daß man nur auf dem Boden der Laterne mit ausgestreckten Beinen sitzend pointiren und ablesen konnte und daß man um dabey ohne Anstoßen an den Theodolith=Träger von einer Seite auf die andere Seite desselben zu gelangen zuerst den unteren Theil des Körpers in die Oeffnung des Laternen Bodens hinabbringen, dort unterstützen und darauf eine künstliche Verdrehung des oberen Theils folgen lassen musste. Diese Operation erforderte eine förmliche Einübung und musste bey 30facher Repetition eines betreffenden Winkels 30mal behutsam unternommen werden. Für einen Gehülfen blieb kein Platz in der Laterne und musste ich jede Ablesung immer selbst eintragen. In den Oeffnungen der Laterne bildet ein starkes eisernes Querband das Geländer, nach einigen Objecten konnte nur über nach anderen nur unter dasselbe hin visirt werden und musste darnach dem Theodolith das eine mal eine höhere das andere Mal eine niedrigere Aufstellung gegeben werden; bey den ersteren Visiren war im Sonnenschein dann häufig der Reflex von der oberen GeländerFläche lästig und störend.

Müller versuchte von Esens aus noch vergeblich Aurich ins Visier seiner Fernrohre zu nehmen: Bey der ungünstigen Witterungs Beschaffenheit und der vorgerückten Jahres Zeit blieb daher keine Hoffnung über, daß jene Aufstellung von Erfolg seyn werde, abgesehen davon, dass ich meine Rückkehr hieher [Hannover] nicht länger aufschieben durfte. Und auch für einen Besuch in Jever war es schließlich schon zu weit fortgeschritten im Jahr: Für den Beschluß der Messung hatte ich eine Aufstellung auf dem Jever Thurme zur Absicht, allein die ungünstige October Witterung ließ die Ausführung nicht zu.

Mit den Messungen auf dem Kirchturm in Esens endete also die Triangulation Ostfrieslands. Für Müller war die ostfriesische Reise seine letzte Etappe. Er hat das Ende der Königlich Hannoverschen Landesvermessung, die er so entscheidend geprägt hat, selbst nicht mehr erlebt. Am 3. Mai 1943 starb der zum Major Beförderte an einem schweren Magenleiden. Er wurde nur 57 Jahre alt. An den tragischen Helden erinnert in Hannover ein Ehrengrab mit imposantem Obelisken.

***


Hinweis: Die Transkriptionen der hier genannten Briefe zum ostfriesischen Teil der Königlich Hannoverschen Landesvermessung stammen von André Sieland. Sie befinden sich im zweiten Band seines dreibändigen Werks „Correspondenzen“, soeben im Verlag Kessel, Remagen, zum 200. Jubiläum der Gauß’schen Expeditionen erschienen (ISBN 978-3-945941-69-0).


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