200 Jahre Gauß: Vermessung Ostfrieslands oder Geodäsie mit Fernrohr und Satellit

Diese Ausgabe von Ostfriesland Reloaded ist wahren Abenteurern gewidmet. Denn das waren sie damals, die Landesvermesser, die mit ihren sperrigen Instrumenten Winkel vermaßen, lange Linien über das Land zogen und erstmals das Königreich Hannover genauestens kartografierten. Sie nahmen unglaubliche Strapazen auf sich, betraten auf ihren langen Expeditionsreisen oft weitestgehend noch unbekanntes Territorium. So auch in Ostfriesland. Das begrüßte sie mit Rauchschwaden vom Moorbrand, im Sturm schwankenden Türmen und sandigen Winden. Davon erzählen äußerst lebendig viele Briefe, die Carl Friedrich Gauß, der Chef der Mission, unablässig mit seinen Mitarbeitern austauschte. Komplett und zum ersten Mal vollständig nachzulesen sind sie nun in den „Correspondenzen“, geschrieben von André Sieland und so eben im Verlag Kessel erschienen.

Das dreibändige Werk wurde dem niedersächsischem Minister für Wissenschaft und Kultur, Björn Thümler, am 17. Juli im friesischen Schloss zu Jever überreicht, anläßlich einer Feierstunde zur Königlich Hannoverschen Landvermessung unter Gauß, die vor genau 200 Jahren, 1821, begann. Auch in Ostfriesland wurde das Jubiläum gebührend gewürdigt. Auf Langeeoog enthüllten die Bürgermeisterin Heike Horn und Rico Mecklenburg, der Präsident der Ostfriesischen Landschaft, am 18. Juli am Wasserturm ein neues Denkmal, das sich genau auf den Koordinaten des Gauß’schen Messpunktes befindet. Es ist eine originale Rekonstruktion eines Signalpostaments, auf dem die historischen Vermesser ihre Messinstrumente in Augenhöhe platzieren konnten. Sie ist die einzige ihrer Art in ganz Niedersachsen, initiiert und errichtet vom Heimatverein der Insel. Auf der Bronzetafel sind die Triangulations-Dreiecke der Ostfrieslandexpedition an die Küste und die Inseln von 1841 gut zu erkennen.

Freuen Sie sich wieder auf eine spannende Ausgabe und die folgenden Beiträge:

  1. Expedition Ostfriesland: Terra Incognita
  2. Dichtung und Wahrheit: der „echte“ Gauß
  3. Portrait: Wer sie waren, wie sie schrieben

Die neuen Vermesser der Welt

Anfang des 19. Jahrhunderts gaben technologische Innovationen der Disziplin des Vermessungswesens einen ungeheuren Schub. Ohne die leistungsstarken, neuen Messinstrumente sowie den Fortschritt in der Anwendung mathematischer Erkenntnisse wären die bahnbrechenden Leistungen der Pioniere damals nicht möglich gewesen. Auch heute stehen wir inmitten einer Zeitenwende. Durch Satellitentechnik und Digitalisierung sind die modernen Geodäten heutiger Tage in der Lage mit einer Genauigkeit und Schärfe die Welt zu vermessen, von der ihre Vorväter nur träumen konnten.

André Sieland, der Autor der „Correspondenzen“ und Experte zur historischen Landesvermessung des Königreichs Hannover unter Gauß, ist hauptberuflich sehr in der Gegenwart unterwegs. Als Fachbereichsleiter am Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung Niedersachsen (LGLN) in Hannover ist er zuständig für die Festnetzpunkte der Gegenwart und das geodätische Grundnetz. Und als hätte eine unsichtbare Hand Regie geführt, startete Deutschland just im großen Jubiläumsjahr der Gauß’schen Expedition eine große gemeinsame Aktion aller Landesvermessungsämter und des Bundesamts für Kartographie und Geodäsie: die Neuvermessung Deutschlands von der Nordsee bis zu den Alpen. Vom 7. Juni bis 15. Juli 2021 waren in ganz Deutschland 35 hochmodern ausgerüstete Messtrupps unterwegs um die 250 grundlegenden Vermessungspunkte des Bundesgebiets in Position und Höhe zu überprüfen.

Dazu bedienten sich die modernen Vermesser dreier Satellitennavigationssysteme gleichzeitig: das amerikanische GPS, das russische GLONASS und das europäische Galileo. Vier der sieben Vermessungstrupps des LGLN waren bundesweit unterwegs, drei in Niedersachsen – und selbstverständlich wurde auch in Ostfriesland überprüft. Ansprechpartner der Redakionen zur großangelegten Vermessungs-Kampagne war André Sieland, der sich fortan vor Medienanfragen nicht mehr retten konnte. Auch der Tagesschau gab er Auskunft: „Die Messungen sind sehr präzise, etwa auf zwei, drei Millimeter genau. Das ist dann schon fast Senfkorngröße.“

Die neuen Daten der Landesvermessungsämter können nun mit den früheren von 2013 verglichen werden. So werde etwa vermutet, dass sich Deutschland zur Küste hin absenke und zu den Alpen anhebe. Das hätte auch Folgen etwa für den Küstenschutz und seine langfristige Planung von Deichhöhen, so Sieland zu Ostfriesland Reloaded.

Es gibt wahrscheinlich kaum einen anderen Menschen, der sich momentan so fließend zwischen Raum und Zeit bewegt, wie der Geodät vom LGLN: von Gauß bis zur Neuvermessung Deutschlands. Auch diese Ausgabe von Ostfriesland Reloaded hat er wieder einmal großartig unterstützt. Herzlichen Dank, Herr Sieland!

Ihnen, liebe Leser und Leserinnen, bleibt nur noch eines zu wünschen:

Viel Spaß beim Lesen!


In 2020 hat Ostfriesland Reloaded Gauß und der Königlich Hannoverschen Landvermessung bereits ein großes Themenspezial gewidmet. Die Beiträge sind jederzeit hier nachzulesen:

Die Vermessung der Welt oder ganz viele Dreiecke für Ostfriesland, 31. Aug 2020

Gauß und der Granitstein auf Langeoog, 31. Aug. 2020

Als wäre es Gestern: Bezaubernder Briefwechsel, 31. Aug. 2020

Terra X: Ein rastloser Abenteurer namens Müller, 31. Aug. 2020

Das Rätsel der Vermessung ist gelöst: Hier war’s!, 31. Oktober 2020


Bildhinweis/Bildnachweis: Das Titelbild zeigt links Professor Klaus Kertscher von der Jade Hochschule Oldenburg während seines Vortrags auf Langeoog, verkleidet als Carl Friedrich Gauß. In der Mitte ist der Satellit „Galileo“ zu sehen im Rundflug um die Erde. Beide Aufnahmen wurden doppelbelichtet zu einer verschmolzen (Fotos: Petra Wochnik / ESA: Pressefoto) .

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