Anja Domnick: Netzwerkerin im Auftrag des UNESCO-Welterbes

Extrem komplex sind die Zusammenhänge rund um das Weltnaturerbe Wattenmeer. Das sagt selbst diejenige, die sich blind in einer komplizierten Organisationsstruktur aus politischen Konferenzen, Councils und Boards auskennt und täglich mit internationalen Taskforces, Teams und Netzwerkgruppen zu tun hat. Anja Domnick sitzt als Projekt-Managerin im Gemeinsamen Wattenmeersekretariat der drei Anrainerstationen in Wilhelmshaven mitten drin im Geflecht. Die Strategin ist dort ein wichtiger Knoten. Netzwerken ist ihr Geschäft und ihre Leidenschaft: das komplizierte Verwaltungsgebilde Wattenmeer zu erklären, mit Leben zu füllen und zu den Menschen der Region zu bringen.

Ostfriesland Reloaded im Gespräch mit Anja Domnick

Ostfriesland Reloaded: Frau Domnick, das Wattenmeer hat gerade erst wieder Geburtstag gefeiert. Vor genau zwölf Jahren wurde es zur Naturlandschaft von „außergewöhnlichem universellen Wert“ erklärt und damit das zweite UNESCO-Weltnaturerbe Deutschlands. Wie waren die Feierlichkeiten dieses Jahr?

Anja Domnick: Es gab vielfältige Veranstaltungen in allen Regionen, an der Küste, auf den Inseln: kostenlose Wattwanderungen für Einheimische, ausgewählte Fahrradrouten, eine Sternennacht im Wattenmeer und sogar einen Hof-Gottesdienst. Mich hat besonders gefreut, dass das Programm auch sehr gut von den Einheimischen angenommen wurde, nicht nur von den Feriengästen. Es wurde tatsächlich richtig gefeiert, bedingt durch die COVID19-Pandemie dieses Jahr erneut kleiner und mit Abstand oder digital in den sozialen Netzwerken. Der Facebook-Post, den unsere Kollegen vom Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer veröffentlichten, erreichte über 4.400 Personen.

Ostfriesland Reloaded: Wie hat Ihnen denn das animierte Google Doodle gefallen, mit dem die bekannteste Internet-Suchmaschine das Wattenmeer pünktlich zu dessen Geburtstag am 30. Juni ehrte?

Anja Domnick: Das war tatsächlich eine große Überraschung für uns alle, aber auch eine ausgesprochen gelungene um das einzigartige Geburtstagskind weltweit zu feiern. Das Gemeinsame Wattenmeersekretariat hatte darauf keinen Einfluss. Die Entscheidung und Gestaltung lag allein bei Google. Wir haben zum Google Doodle eine enorme Resonanz erfahren, viele Mails und Nachrichten, die uns über die sozialen Netzwerke erreichten. Das war wirklich ein schönes Geburtstagsgeschenk für uns und das Weltnaturerbe Wattenmeer.

Ostfriesland Reloaded: Die trilaterale Zusammenarbeit in der Wattenmeerregion begann ja schon lange vor der Auszeichnung zum Weltnaturerbe der UNESCO in 2009, oder?

Anja Domnick: Ja, richtig. Bereits 1978 haben sich die drei Nationen Niederlande, Deutschland und Dänemark zusammengeschlossen, um das Wattenmeer als ökologische Einheit zu schützen. Das ist mittlerweile über 40 Jahre her. Danach folgten ab Mitte der achtziger Jahre die Gründung der Wattenmeer-Nationalparks in Schleswig-Holstein (1985), Niedersachsen (1986) und Hamburg (1990). 1987 wurde schließlich das von allen drei Anrainern getragene Common Waddensea Secretariat (CWSS) mit Sitz in Wilhelmshaven gegründet. Die grenzüberschreitende Kooperation zum Schutz und Erhalt des Wattenmeers als gemeinsames Ökosystem war später dann eine Grundvoraussetzung für die Auszeichnung zur Welterbestätte – die Krönung unserer jahrzehntelangen Arbeit.

Ostfriesland Reloaded: Wann stießen Sie zur internationalen Wattenmeer-Organisation?

Anja Domnick: Ich kam 2012 zum CWSS. Studiert habe ich Fremdenverkehrsgeographie und BWL mit einem Schwerpunkt auf Marketing. Nach meinem Studium in Trier arbeitete ich erst für einen großen Spezialreiseveranstalter und dann ging ich nach Südamerika. Dort habe ich acht Jahre in der Touristik und Destinationsentwicklung gearbeitet und sehr viel Zeit in Chile verbracht. Die Internationalität, die Zusammenarbeit mit vielen Menschen, das sind Dinge, die ich auch hier bei meiner Arbeit für das CWSS und die UNESCO wieder finde. Außerdem war die Entscheidung für das Wattenmeer damals für mich auch ein „Back to the roots“. Ich bin eigentlich im Emsland zu Hause, dort 1970 auf die Welt gekommen. Es hatte mich einfach wieder in die tiefen Ebenen Norddeutschlands gezogen.

Ostfriesland Reloaded: Wie international ist das CWWS?

Anja Domnick: Natürlich sollten alle Länder der trilateralen Kooperation bei uns in Wilhelmshaven auch personell vertreten sein. Im Moment sind wir wahrlich tri-national, so ist beispielsweise unser Exekutivsekretär, Bernard Baerends, Niederländer. Unsere Kommunikationschefin, Ditte Hviid, ist eine Dänin. Wir arbeiten eng mit der UNESCO und deren Welterbezentrum in Paris zusammen und dies insbesondere im Rahmen der UNESCO-Programme zu marinen Welterbestätten und Welterbe und nachhaltigem Tourismus. Innerhalb der Europäischen Union hat sich die Wattenmeerzusammenarbeit an grenzüberschreitenden INTERREG-Projekten beteiligt. Partner kommen dabei beispielsweise aus Großbritannien oder Norwegen. Unsere Dienstsprache ist zudem Englisch.  

Ostfriesland Reloaded: Deutschland ist ja mit seinen Bundesländern gleich dreimal vertreten. Wie sieht das bei internationalen Abstimmungen der Wattenmeergremien aus?

Anja Domnick: Die drei Bundesländer koordinieren sich vorab. Deutschland spricht zum Schluss mit einer Stimme, entscheidet sich für ein Votum. Das ist bei den anderen beiden Ländern nicht anders, wo es auch Provinzen, Bezirke gibt, die berücksichtigt werden müssen. Den Entscheidungen der drei Nationen Niederlande, Deutschland, Dänemark gehen immer viele nationale Abstimmungsprozesse voraus. Am Ende müssen sich alle mitgenommen fühlen. Das optimale Ergebnis kristallisiert sich dann im Verlauf heraus. Das nächste Meeting des wichtigen und zentralen Lenkungsorgans, das Wadden Sea Board, findet im August statt. Für abstimmungsrelevante Dokumente haben wir hier einen Vorlauf von vier Wochen, um an letzten Feinheiten der Formulierungen zu schleifen.

Ostfriesland Reloaded: Das hört sich nach ganz schön viel Planung an, nach viel Politik und Diplomatie, nach wohl ausbalancierter Kommunikation. Ist das generell ein Kern ihrer Aufgabe?

Anja Domnick: Wir sehen uns im CWSS als Koordinierungs- und Kontaktstelle. Wir unterstützen die Arbeit der vielen Partner, damit die Ziele der entscheidenden politischen Gremien in konkrete Strategien und Maßnahmen vor Ort umgesetzt werden können. 2014 beispielsweise wurden mit einer gemeinsamen Strategie für einen nachhaltigen Tourismus im niederländisch, deutsch-dänischen Wattenmeer alle Akteure aus Naturschutz, Tourismus, Gemeinden und den Regionen eingeladen, die einmalige Chance zu nutzen, die sich aus der Anerkennung des Wattenmeeres als Weltnaturerbe ergibt. Ergänzt wurde dies durch einen Aktionsplan, der alle paar Jahre neu bewertet und, falls erforderlich, angepasst wird. In der gesamten Wattenmeerregion möglichst mit einem einheitlichen Erscheinungsbild nach außen zu kommunizieren um als Marke leichter und wieder erkennbarer zu sein, war dabei ein Anliegen. Ziel war und ist bis heute vor allem, dass die touristischen Akteure der Wattenmeerregion sich mit ihrem Weltnaturerbe Wattenmeer identifizieren und dadurch ihre eigene Kommunikation aufwerten. Mit diesem Handbuch war jeder vor Ort in der Lage, sein eigenes Projekt aufzusetzen, aber dennoch stimmig im Gesamtkonzert zu sein.

Ostfriesland Reloaded: Und, wie ist der Aktionsplan aufgegangen?

Anja Domnick: Zu gut. Es ist mittlerweile soviel am Laufen in der Wattenmeer-Region, dass wir das nicht mehr in einen Übersichtsplan für alle Länder und Projekte fassen können. Wir sind total stolz auf das Erreichte. Es ist ein bisschen so wie bei einem Kind. Erst muss es ein Fundament bekommen und laufen lernen. Dann bekommt es Flügel und hebt von selbst ab. In dieser jugendlichen Phase sind wir gerade. Das nächste Treffen der Netzwerkgruppe findet in September in Schleswig-Holstein in Büsum statt. Wir sind momentan an der Überarbeitung des Aktionsplans. In Zukunft werden wir wohl eher verschiedene Ebenen definieren, die unterscheiden zwischen trilateralen und lokalen Aktivitäten und einem Ideenkatalog, der dann von den Partnern in den vielen Kommunen der Wattenmeerregion variabel genutzt werden kann.

Ostfriesland Reloaded: Auf Ihrer Visitenkarte steht „Project Officer PROWAD LINK“ Was kann man sich darunter konkret vorstellen?

Anja Domnick: Der PROWAD LINK ist ein Interreg B-Projekt der Europäischen Union, das die raum- und ressortübergreifende Zusammenarbeit über Staatsgrenzen hinweg fördern soll. Konkret haben wir zum einen das Ziel das Welterbe Wattenmeer zu schützen, zum anderen, es weiter zu entwickeln, zum Blühen zu bringen. „Protect & Prosper“ ist unser Leitsatz. Naturschutz ist ein zentrales Thema, aber auch die nachhaltige Entwicklung der Wattenmeerregion. Beim PROWAD LINK geht es immer um die Menschen. Sie sollen Teil werden und Teil haben am Weltnaturerbe Wattenmeer und in diesem durchaus auch ihre wirtschaftliche und nachhaltige Zukunft sehen. Wer die Möglichkeiten erkannt hat, die ihm das Wattenmeer bietet, der wird sich auch verantwortlich dafür fühlen und „Ownership“ übernehmen. Das ist bei uns der zentrale Begriff, unsere Vision für die Zukunft. 

Ostfriesland Reloaded: Wie soll dieser Mentalitätswandel gelingen, das Weltnaturerbe nicht als Einschränkung, sondern als großartige Erweiterung der eigenen Möglichkeiten an der Wattenmeerküste zu begreifen?

Anja Domnick: Vor allen Dingen durch Kommunikation, Kooperation und Partnerschaften zwischen den drei Ländern des Welterbes. Auf staatlicher Ebene läuft das bereits ja schon exzellent. Nun gilt es diese trilaterale Zusammenarbeit stärker noch in die Gesellschaft zu tragen. Wir haben dazu den Partnership Hub ins Leben gerufen. Hier kommen Akteure aus den Bereichen Bildung, Forschung, Tourismus, Behörden und dem Wattenmeerforum zusammen und es soll das trilaterale Netzwerk jenseits der staatlichen Zusammenarbeit verdichtet und erweitert werden. Hier kommt man gemeinsam auf neue Ideen. Hier entsteht eine lebendige Wattenmeer-Community.

Architektonisches Highlight: das Trilaterale Welterbe Wattenmeer-Partnerschaftszentrum in Wilhelmshaven.

Ostfriesland Reloaded: Der „Partnership Hub“ bekommt ja auch bald ein attraktives Zuhause, das Trilaterale Weltnaturerbe Wattenmeer-Partnerschaftszentrum, abgekürzt TWWP. Freuen sie sich schon darauf?

Anja Domnick: Ja, ich bin schon ganz gespannt auf den gläsernen Würfel, der sich dann über dem alten Bunker direkt am Banter See in Wilhelmshaven erheben wird. Im Moment sind die auch durch Corona erhöhten Baukosten in der Diskussion. So müssen wir noch abwarten. Für uns vom Trilateralen Wattenmeersekretariat ist dieser Neubau für die Zukunft sehr wichtig und auch strategisch der logische Schritt in die richtige Richtung. Hier bekäme dann auch das „Netzwerk der Netzwerke“, wie wir den „Partnership Hub“ intern auch nennen, das passende Zuhause – einen transparenten Leuchtturm für ein Leuchtturmprojekt.

Frau Domnick, wir danken für das Gespräch!


Fokus auf die Natur – nicht nur am Wattenmeer

Wenn der elegant klare „Cube“ des TWWP dereinst stehen wird, geplant wurde ursprünglich mit einem Bezug in 2022, dann wird Anja Domnick ganz oben Platz nehmen und von ihrem Büro die herrliche Aussicht genießen. Dabei wird sie nicht nur an neuen Perspektiven und Projekten für das Weltnaturerbe Wattenmeer arbeiten, sondern den Blick sehr weiten. Denn die Strategin vom Wattenmeer sitzt auch im Marketingausschuss des UNESCO-Welterbestätten Deutschland e.V. und betreut dort alle drei deutschen Weltnaturerbestätten, zu denen noch die Grube Messel in Hessen und die Alten Buchenwälder Deutschlands gehören. Der Verein in Kooperation mit der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT) will 2021 verstärkt den Fokus auf die Natur setzen, um Gäste aus dem Ausland anzuziehen. Frankreich, Großbritannien und die USA sind als Märkte anvisiert. Die drei deutschen UNESCO Naturerbestätten können damit den gemeinsamen Auftritt nun weiter ausbauen. Ein E-Book zum Download für alle deutschen Welterbestätten sei bereits in Arbeit, soviel kann Anja Domnick schon verraten.


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