Fürstliche Feder: Caroline von Ostfriesland

Sie wurde mit sechzehn Jahren nach Ostfriesland verheiratet, als zweite Gattin des Fürsten Georg Albrecht. Carolinensiel, der heute so lebendige historische Hafen an der Küste, trägt ihren Namen. Als junge Witwe zieht sie 1740 zu ihrer älteren Schwester, der Königin von Dänemark, nach Kopenhagen. Dort wird ihre große Sammlung von Gedichten erstmals veröffentlicht.

Caroline von Ostfriesland ist eine der wenigen Schriftstellerinnen der Geschichte, auch der ostfriesischen, für die es Belege und Zeugnisse ihres Wirkens gibt. Denn lesen und schreiben, das war über viele Jahrhunderte weitestgehend Männern vorbehalten. Nur in den höchsten Rängen der Gesellschaft beherrschten Frauen das Alphabet. Ihre Bildung beschränkte sich zumeist auf sehr Gottesfürchtiges, dem Studium der Bibel. So wundert es nicht, dass sich auch Caroline von Ostfriesland als Schriftstellerin eher den frommen Themen widmete: „Geistliche Gedichte“ ist der Titel und Inhalt ihres Buches, das 1756 am dänischen Hofe herausgegeben wird.

Der war lange Jahre ausgesprochen deutsch geprägt. Carolines Schwester, Sophie Magdalena von Brandenburg-Kulmbach, hatte 1721 Christian VI., den späteren König von Norwegen und Dänemark, geheiratet. Sie machte während ihrer Regentschaft Deutsch zur Hofsprache und förderte die deutsche Kultur im Land. Was nicht unbedingt auf Gegenliebe der Dänen stieß. 1746, nach dem Tod ihres Mannes, bestieg ihr an allem Dänischen weitaus mehr interessierte Sohn Friedrich V. den Thron. Diesem, ihrem königlichen Neffen, widmet Caroline ihren Gedichtband: „Meinem allergnädigsten Könige und Herrn, überreichet in tiefster Unterthänigkeit dies geringe und unvollkommene Werk, und empfiehlet es Allerhöchst Deroselben Gnade die Verfasserin S.C.“

Der Band erscheint in Kopenhagen, als „Zweyte und häufig verbesserte Auflage.“, wie auf dem Titel zu lesen. Dem Buch ist zu entnehmen, dass ihre Schwester, die das Deutsche so fördernde und nunmehr verwitwete Königin, die „Gnade gehabt, den ersten Druck dieses Buchs zu veranstalten.“ So widmet Caroline nicht nur dem amtierenden König, sondern auf separaten Seiten auch „Meinen Allergnädigsten Königinnen und Frauen“ ihr Werk. Das Kürzel „S.C“ steht für „Sophie Caroline“, wie ihr vollständiger Vorname ganz korrekt lautet.

Kann denn Dichten Sünde sein?

Dass das Verfassen von Versen ein frommer Zeitvertreib ist, das stellt eine Vorrede aus der Feder eines Mannes, die den Gedichten vorangestellt ist, gleich zu Anfang klar. Keine unwichtige Frage im pietistischen Umfeld Carolines:

Die Dichtkunst ist von denjenigen Wissenschaften, welche zwar zu der Erhaltung und dem Wohlseyn des Menschen nicht nothwendig erfordert werden, die aber doch mit dem menschlichen Geist also übereinstimmen, daß die Menschen von Natur ein Wohlgefallen daran haben, Lust und Ergötzung darinn finden, und in ihren Gemüthern auf eine lebhafte Weise durch dieselbe gerühret werden; […] Gleichwie man nun alles, was uns Gott zu der Lieblichkeit und Anmuth dieses Lebens geschenket hat, zu seinem Lobe anwenden soll; also muß auch insonderheit die Dichtkunst billig auf nichts anders, als darauf gerichtet seyn.

Daran hält sich selbstverständlich auch Caroline von Ostfriesland. Ihre Gedichte behandeln vorwiegend christliche Themen: Sie macht sich „Erbauliche Gedanken über die geistliche Schiffahrt“, „Ueber die Worte: Gott verlässt die Seinen nicht“ oder über „Das letzte Fuhrwerk eines Christen.“ Doch hin und wieder blitzt neben dem Frömmelnden Persönliches hervor: Wie etwa ihr Gedicht „Zum Beschluß meines sieben und dreißigsten Jahres.“. Auf den 560 Seiten ihres umfangreichen Werkes findet sich auch eine Art früher literarischer Kalender: „Gedichte auf alle Tage im Jahr“. Nach einem Bibelvers für jeden Tag folgt jeweils ein Gedicht aus Carolines Feder.

Es ist sogar eine Rezension zum Gedichtband der Caroline von Ostfriesland überliefert – allerdings eine, die ihrer besonderen Leistung und ihrer herausragenden Rolle als eine der ganz wenigen weiblichen Schriftstellerinnen ihrer Zeit nicht gerecht wird. 1822, rund siebzig Jahre nach dem Erscheinen ihres Buches, kam ein Hamburger Pastor in einer von ihm herausgegeben Anthologie über christliche Gesänge zu folgenden Urteil: „Auch an fürstlichen Dichtern und Dichterinnen fehlt es nicht; indes kommen die von ihnen gelieferten Beyträge mit denen der vorhergehenden Abschnitte in keine Vergleichung, und selbst der neueste, von der Fürstin Sophie Karoline von Ostfriesland, geb. Markgräfin von Culmbach, (Geistl. Gedichtete. Zweyte Aufl. Kopenhagen 1756) bietet nichts dar, das der Auszeichnung werth wäre.“1

Unter den „Blüthen deutscher Frauenpoesie“

Entgegen dem strengen Urteil des frommen Kritikers fand die fürstliche Poetin im weiteren Verlauf der Geschichte die verdiente Anerkennung. 1895 wurde sie mit eines ihrer Gedichte in einen Sammelband über „Deutschlands Dichterinnen“ aufgenommen. Er stellte dem Lesepublikum „Blüthen deutscher Frauenposie aus den Werken deutscher Dichterinnen der Vergangenheit und Gegenwart“ vor. Mit den ersten Zeilen aus diesem sechsstrophigen Gedicht soll dieser Beitrag nun auch enden:

Halt ein, mein Herz, halt ein mit Sorgen!

Halt ein, mein Herz, halt ein mit Sorgen
Und gieb sie deinem Vater hin!
Vor ihm ist keine Noth verborgen,
Er träget dich in Herz und Sinn:
Du darfst ihm deine Bitte bringen,
Er hört dich an, kennt deine Pein;
Doch will du ihm ein Loblied singen,
Mußt du zuvor geduldig seyn.

***

Und noch etwas

Sie gab zwar dem 1730 neu gegründeten Carolinensiel ihren Namen, doch ob die Fürstin Caroline von Ostfriesland jemals selbst vor Ort war oder gar ein spezielles Verhältnis zu Carolinensiel hatte, ist nicht überliefert. Laut Dr. Julia Kaffarnik vom Deutschen Sielhafenmuseum in Carolinensiel ist anhand eines Protokolls, das er unterschrieben hat, nachgewiesen, dass ihr Ehemann Fürst Georg Albrecht die Baustelle besuchte, als der Ort errichtet wurde. Er schenkte ihr auch 1732 das „Fürstinnen-Grashaus“, einen Hof auf dem frischen Weideland des eingedeichten Carolinengrodens, aus dem sie bis zu ihrem Lebensende Einkünfte bezog – und dessen Hauptgebäude bis heute noch in seiner Grundsubstanz erhalten ist.

Zehn Jahre nach der Gründung Carolinensiels befand sich deren Namensgeberin schon nicht mehr in Ostfriesland. Nach dem Tod ihres Gatten 1734, der eine unglückliche Ehe beendete, zog sie mit 27 Jahren zunächst von der Residenz in Aurich für sechs Jahre auf ihren Witwensitz in die Burg Berum in Hage bis sie 1740 ganz nach Dänemark zu ihrer Schwester übersiedelte. Sie erlebte mit dem frühen Tod ihres Stiefsohnes 1744 noch das Aussterben des ostfriesischen Fürstenhauses im männlichen Stamm und damit die sofortige Übernahme des Landes durch die Preußen, was für sie, die kinderlos Gebliebene, auch persönlich eine besonders bittere Nachricht gewesen sein dürfte. Caroline von Ostfriesland überlebte ihren Ehemann um 30 Jahre und starb am 7. Juni 1764 im Alter von 57 Jahren auf Schloss Sorgenfri in Kopenhagen.

Auf den Spuren Carolines von Ostfriesland kann man nicht nur in Carolinensiel wandeln, sondern auch in Aurich. Die Ostfriesische Landschaft hat 2020 eine Broschüre herausgebracht mit einem Rundgang zu Auricher Straßennamen, die bemerkenswerten Frauen gewidmet sind. Darunter ist auch der „Carolinengang“ genannt, ein Weg, der vom Fischteichweg zum Georgswall in Aurich führt.

Quellen

Carolines „Geistliche Gedichte“ von 1756 können bis heute gelesen werden. Sie sind im Bestand der Bibliothek der Ostfriesischen Landschaft in Aurich und dort einsehbar. Ostfriesland Reloaded dankt Etta Bengen, Kulturreferentin der Ostfriesischen Landschaft, für die freundliche Unterstützung bei der Recherche zu diesem Artikel.

Einen sehr guten Einblick in das Leben am Hofe von Aurich während der Zeit Carolines gibt: Martin Jhering: Hofleben in Ostfriesland: die Fürstenresidenz Aurich im Jahre 1728, Verlag Hahnsche Buchhandlung, 2005. Darin sind auch ausführlich die Geburtstagsfeierlichkeiten zum 21. Geburtstag der jungen Fürstin geschildert.


1 Anthologie christlicher Gesänge aus der neueren Zeit. – Die vorzüglichsten seit der Reformation erschienenen geistlichen Lieder der Deutschen, nebst einigen die Geschichte derselben betreffenden Bemerkungen enthaltend. Von August Jakob Rambach, Hauptpastor an der Hauptkirche St. Michaelis und Scholarchen in Hamburg. Dritter. Theil. Altona und Leipzig, bey J. F. Hammerich. I822, S.21


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