Inseln in Not: Von Eiswintern und Luftbrücken

Trotz modernster Technik und Fortschritt ist auch in unserem Jahrhundert der Schiffsverkehr mit den der ostfriesischen Küste vorgelagerten Inseln immer noch abhängig von den Naturgewalten. Nach Einsetzen des Frostes und besonders in strengen Wintern mit langanhaltenden Frostperioden, die das gefrorene Wattenmeer in bizarre Eislandschaften erstarren lässt, sind etwa durch das Aufschieben von großen Eisschollen, die Fährverbindungen zu den Inseln nicht aufrecht zu erhalten. Die Versorgung der Inselbewohner muss in einem solchen Fall auf andere Weise sichergestellt werden.Nur zu Fuß oder mit Schlitten, die über das Eis gezogen wurden, war es in den vergangenen Jahrhunderten möglich, die Inseln beziehungsweise das Festland zu erreichen. Bei Sturm und Schneegestöber, klirrendem Frost und eisigen Ostwinden waren in jener Zeit Gruppen von Menschen unterwegs, um sich vom Festland mit dem Nötigsten zu versorgen. Das änderte sich mit der Entwicklung der Luftfahrzeuge und es bot sich an, diese für die Inselversorgung zu nutzen.

Von Alfred Schmidt

Die erste Versorgung der ostfriesischen Inseln per Flugzeug wurde im Eiswinter 1928/29 eingerichtet. Beinahe drei Wochen lang bestand damals keine Schiffsverbindung mit der Insel Langeoog. Die Deutsche Reichspost entschloss sich daher, einen Luftdienst mit Lufthansa-Maschinen verschiedener Typen einzurichten, auch zu weiteren Eilanden. Die Flugzeuge für die Inseln Juist, Borkum, Langeoog und Spiekeroog starteten vom Flugplatz Norderney. War der Seeweg nach Norderney auch unterbrochen, so startete man vom Notlandeplatz Hage. Die Insel Wangerooge erhielt die Post über den Flughafen Wilhelmshaven-Mariensiel.

Die Flugzeuge der Lufthansa brachten im Eiswinter 1929 neben Gütern hauptsächlich die Post nach Borkum.

Bis zu acht Flugzeuge täglich brachten die Post und Pakete vom Festland zur Insel Borkum.Während dieser Eisperiode soll sogar ein Auto vom Festland übers Watt nach Langeoog gefahren sein. Langeooger Kaufleute jedoch transportierten mit Pferdeschlitten die Waren von Bensersiel über das zugefrorene Watt nach Langeoog. Ein gefährliches Unternehmen, denn bei ablaufendem Wasser brach das Eis häufig unter der schweren Last.

Im Februar 1929 prüfte ein Kundschafter, ausgerüstet mit Fahrrad und Kompass, die Sicherheit des zugefrorenen Watts zwischen Norddeich und Juist. Nachdem er die Eiszonen überquert hatte, war dies das Startzeichen für Kolonnen von Wattwanderern, die sich bald auch mit Autos und Motorrädern auf das Eis wagten. Chronisten sprechen heute noch von einem „sibirischen Jahrmarktsbetrieb“, der sich in jenen Tagen an den Deichböschungen breit machte. Erst am 7. März gelang es dem Dampfer Frisia III sich von Norddeich nach Norderney durchzukämpfen. Während das Schiff sonst in einer knappen Stunde die Fahrt bewältigte, benötigte es nun allerdings volle 13 Stunden.

Der neue „Eisnotflugdienst“

In einem Schreiben vom 30.10.1937 schlug das Reichspostministerium vor, neue Richtlinien für Eisnothilfe durch das Reichsluftfahrtministerium zu erlassen. Daraufhin wurde eine „Zentralstelle für den Eisnotflugdienst“ beim Luftamt Hamburg eingerichtet. Das Reichsluftfahrtministerium gab die „Richtlinien zur Durchführung des Eisnotflugdienstes nach den ost- und nordfriesischen Inseln“ in einer Fassung vom Dezember 1937 heraus. Für den Fall, dass der Verkehr zu den Inseln durch Eisgang oder sonstige Witterungsverhältnisse völlig zum Erliegen kam, sollte der Eisnotflugdienst wirksam werden. Somit konnten die Inselbewohner mit Lebensmitteln, ärztlicher Hilfe sowie mit Post und Fracht versorgt werden. In Ausnahmefällen war außerdem eine Personenbeförderung gestattet.Entsprechend der eingesetzten Flugzeuge bekam die Lufthansa für die Flugkilometer vom Reichsluftfahrtministerium eine Entschädigung.

Bereits am 17. Dezember 1938, die neuen Bestimmungen waren zuvor im Januar 1938 in Kraft getreten, ging beim Postamt Esens ein Telegramm der Reichspostdirektion Oldenburg mit folgendem Text ein:„Wegen Unterbrechung der Schiffsverbindung mit Juist, Baltrum, Langeoog, Spiekeroog und Wangerooge infolge Niedrigwasserstand und Vereisung – beim Luftamt Hamburg von Montag früh ab Einsatz des Eisnotflugdienstes mit einem größeren und einem kleineren Flugzeug zunächst von Flugbasis Norderney angefordert. Postsendungen für diese Inseln über Norderney leiten. Regelung des Notflugdienstes wird dem Postamt Norden übertragen, das auch die notwendigen Aufzeichnungen zu führen hat.“

Der Flugdienst wurde daraufhin am 19.12.38 mit Langeoog und am 21.12. mit Spiekeroog aufgenommen. Infolge starken Tauwetters konnte der Flugdienst am 30.12. wieder eingestellt werden. Die Maschinen beförderten in diesem Zeitraum zur Insel Spiekeroog 1994 kg Brief- und Paketpost und von der Insel kamen 1069 kg. Von Langeoog wurden abgehend 1825 kg und ankommend 4601 kg transportiert.

Das Postamt Esens berichtete in einem Brief vom 2.01.37 an die Reichspostdirektion über ihre Erfahrungen mit des Notflugdienstes: „Der diesjährige Einsatz um Weihnachten litt zu Anfang unter der Abbeförderung der mehreren hundert Arbeiter vom Nordseebad Langeoog, die noch zum Fest bei ihren Familien sein sollten. Dadurch wurde, obwohl eine Anhäufung von Postsendungen vorlag, die Postbeförderung benachteiligt und verzögert. Es muß aber in Zukunft die Bereitstellung besonderer Postflugzeuge angestrebt werden, die, soweit jeweils Platz vorhanden ist, dann noch Personen mitbefördern können und nicht umgekehrt wie jetzt der Fall gewesen ist.“

Aufgetürmte Eisschollen am Anleger, nichts geht mehr per Schiff auf die Inseln.

Der Notflugdienst wurde in den folgenden Jahren des Krieges aufrecht erhalten, vorliegend im Winter 1939/40, als der Postverkehr mit Langeoog und Spiekeroog mit einer Militärmaschine über Wangerooge und Flugplatz Mariensiel durchgeführt werden musste. Vorrangig war hierbei die Militärpost, sperrige und ungewöhnlich schwere Pakete durften nicht angenommen werden.

Eine JU 52 war im Februar 1941 im Posttransport zwischen dem Flugplatz Wittmundhafen und Langeoog eingesetzt. Nach Spiekeroog flogen zur gleichen Zeit Lufthansa-Maschinen, die Fluggäste und Post zwischen der Insel und Wilhelmshaven beförderten. Ebenfalls im Jahre 1954 gab es eine Eisnotluftpost, die von Bremen aus die Nordseeinsel Juist anflog.

Der Eiswinter von 1962/63

Ein besonderes Kapitel der Eisnotverbindungen stellt der Eiswinter 1962/63 dar, bei dem erstmals Hubschrauber der Bundeswehr zum Einsatz kamen. Ein Jahr nach der bis dahin gewaltigsten Sturmflut des Jahrhunderts, Anfang des Jahres 1962, hatte Norddeutschland nun auch noch einen der kältesten Winter zum Jahreswechsel 1962/63 zu überstehen. Das Institut für Meteorologie und Geophysik der Freien Universität Berlin berichtete, dass zwischen dem 1. März 1962 und dem 28. Februar 1963 die stärkste Kälteperiode im mittleren Norddeutschland seit 223 Jahren verzeichnet wurde.

Viele Bewohner Deutschlands waren von dem bereits im November einsetzenden und erst im März endenden Winterhalbjahr durch Eis und Kälte schwer betroffen. Die hiesigen Tageszeitungen berichteten beinahe täglich von der Kälteperiode und Überschriften wie „lange Eiszeit“, „verschärfte Situation“ und „unerbittliche Kälte“ gaben nur annähernd die Notlage wieder, welche die Frostperiode mit sich zog. Besonders hart traf es auch diesmal wieder die Inselbewohner, die durch schweren Eisgang von dem Festland abgeschnitten waren.Lebensmittel, Arzneien, Post und Heizmaterial musste zu den Inseln rübergeschafft werden. Anfänglich gelang es den Fähren, sich durch das Packeis zu kämpfen und die Versorgung einigermaßen aufrecht zu erhalten. Jedoch kam der Fährverkehr schon nach kurzer Zeit zum Erliegen und es mussten Maßnahmen getroffen werden, die Inseln mit dem Nötigsten zu versorgen.Gemeinsam richteten die Bundeswehr und die damalige Bundespost eine Eisnot-Luftpost ein, die mit Hubschraubern die Versorgung der Nord- und Ostfriesischen Inseln mit Post und lebenswichtigen Gütern übernahm. Verschiedene Standorte auf dem Festland standen den Hubschraubern, die aus dem Heer und der Marine für diesen Einsatz abberufen wurden, zur Verfügung.

Winter 1962/63: Hubschrauber des Heeres und der Marine versorgen die Insulaner mit dem Nötigsten.

In Ostfriesland wurde zuerst die Insel Juist, nämlich am 28. Dezember 1962 mit einem Helikopter, der die Post zur Insel brachte und auch holte, von Norddeich aus angeflogen. Wenig später, am 03. Januar 1963 wurde Baltrum von Nessmersiel aus angeflogen und es folgte Langeoog aus Richtung Bensersiel. Kurz darauf, am 04. Januar folgte die Hubschrauber-Luftbrücke mit Spiekeroog, diese Insel wurde von Wittmundhafen aus angeflogen, sowie Wangerooge, deren Bewohner von Harle aus versorgt wurden. In Wittmundhafen hatte man im Rahmen der Aktion Eisnot kurzerhand mehrere Räume eines Flugzeughangars in ein Lebensmitteldepot verwandelt. Nun konnte man, je nach Notwendigkeit, sofort auf bestimmte Lagerbestände zugreifen und zu den Inseln fliegen.

Parallel zu den Hubschrauberflügen versorgte auch die Emder OLT (Ostfriesische Lufttransport GmbH) mit ihren Flugzeugen die Insel Juist. Post, Zeitungen und Passagiere wurden von morgens bis zum Einbruch der Dunkelheit über die unter einer dichten Schneedecke liegenden Krummhörn nach Juist befördert. Innerhalb acht Tagen absolvierte die Gesellschaft 113 Flüge und transportierte Briefpost, Pakete und Päckchen sowie Lebensmittel, Eier und 12 Fässer Bier – darüber hinaus flogen über 400 Fluggäste mit der Gesellschaft.

Auf allen Versorgungsflügen kamen Helikopter vom Typ Sikorsky S-58 des Heeres und solche vom Typ Bristol Sycamore der Marine zum Einsatz. Bereits am 1. Februar 1963 konnte der 1000. Versorgungsflug, der vom Wehrbereichskommando II in Hannover bestätigt wurde, gemeldet werden. Dieser Flug erfolgte von Wittmundhafen nach Baltrum . Wenig später, am 21. Februar, meldete bereits „Die Welt“ den 1500. Versorgungsflug zu den ostfriesischen Inseln.

Der Eisnotdienst von Wittmundhafen versorgte mit acht Hubschraubern der Luftwaffe und des Heeres bis auf Norderney und Borkum, alle Inseln. Bis zum 12 Januar wurden von den Heeresfliegerpiloten 197 Flugstunden notiert, dabei wurden 366 Personen und 12200 Kilo Fracht  geflogen. Die Piloten der Luftwaffe leisteten 209 Flugstunden und neben 168 Personen beförderten sie 21000 Kilo Fracht. Schüler, die vor ihrer Abschlussprüfung standen, Kohle, Heizöl, Milch, Viehfutter und Mehl sowie Hefe für die Inselbäcker zählten unter anderem zu ihrer Fracht. Einige Einsätze waren für die Hubschrauberbesatzungen besonders schwierig; Windgeschwindigkeiten von 35 Knoten, das sind ca. 63 Stundenkilometer, erschwerten die Landungen. Teilweise mussten die Versorgungsflüge wegen Vereisungsgefahr und Sturm abgebrochen werden.

Für die Philatelisten gab der Eiswinter einige Leckerbissen her. Briefe wurden besonders gekennzeichnet und mit dem Hubschrauber befördert. Dieser Umschlag wurde am 11.02.1963 von Wangerooge mit dem Hubschrauber zum Festland transportiert und vom Landeplatz weiter auf dem normalen Postweg an den Adressaten weitergeleitet. Ein privater Sonderzudruck mit der Abbildung eines Helikopters weist auf die besondere Luftbrückenverbindung hin. (Archiv: A. Schmidt)

In den Folgejahren hatten wir noch einige Eiswinter, wobei der aus dem Jahr 1979 wieder durch lang anhaltende Kälte herausragte. Sicher ist, dass wir auch in Zukunft von harten Wintern nicht verschont bleiben. Die Versorgung der Inselbevölkerung mit den Hubschraubern wird auch dann mit Gewissheit oberste Priorität haben.

Und noch etwas

Eine kleine Episode am Rande ereignete sich auf der Insel Juist. Dort konnten die Insulaner ein seltenes Erlebnis in der ersten Januarwoche verzeichnen. Durch ihren Ort wanderte ein Seehund. Er wurde von Passanten beobachtet, als er den Damenpfad heruntergewatschelt kam. Das etwa zwei Jahre alte Tier machte einen ermatteten Eindruck. Nachdem man seine Spur verfolgt hatte, stellte man fest, dass er von der vereisten Wattseite her das Ufer der Insel bestiegen haben musste. Augenzeugen berichteten, dass er gerade in die Billstrasse einkehren wollte. Ein herbeigerufener Seehundsjäger konnte mit Hilfe mehrerer Personen das Tier ins Meer geleiten. Diesen extremen Bedingungen waren die an unserer Küste beheimateten Tiere auch nicht gewachsen.


Quellen:

Pressemeldungen in der Rhein-Ems-Zeitung aus den Monaten Januar bis März 1963

Pressemeldungen in der Ostfriesenzeitung aus den Monaten Januar bis März 1963

Meyer-Deepen, Spiekeroog, 1970

Postgeschichtliche Hefte Weser-Ems, Band V, Heft 9, Mai 1990

Handbuch und Nachtrag „Helicopter-Post“ von 1963, Kurt Dahmann

Ostfreesland-Kalender 1980 „Luftschiffhafen Hage“, von Julius Graw

Ostfreesland-Kalender 1994 „Hage im System der Zeppelinhäfen“, von Hein Carstens

Der Flieger, Hubschrauber-Typenbuch 1962


(Von Alfred Schmidt: gekürzte und leicht bearbeitete Fassung; Überschriften von Ostfriesland Reloaded)

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