Klimawandel: Der Untergang des sagenhaften „Doggerlandes“

Wäre man vor zehntausend Jahren über Ostfriesland und die Nordsee geflogen, hätte man keine Küste und kein Wasser gesehen, sondern nur Land. Denn die Nordsee ist ein relativ junges geologisches Meer, wie ein Blick auf die Karten der geologischen Erdgeschichte zeigt. Damals war sie noch sehr klein in ihren Ausmaßen. Auch England und die Themse gehörten noch zum europäischen Festland. Gut zu erkennen sind zu diesem frühen Zeitpunkt schon der Rhein, die Weser und die Elbe, die heute noch natürliche Grenzen bilden. Die Ems mündete in dieser Zeit laut Forschungen der Universität Bremen noch ins Elbe-Urstromtal und nicht wie heute ins Meer.

Vor 10.000 Jahren an der Nordsee

Doggerbank und weite Landstriche des ehemaligen Küstenverlaufs, das frühzeitliche „Doggerland“, sind heute überflutet und bilden den Boden der Nordsee. Denn die gewaltigen Gletscher der Eiszeit schmolzen über die Jahrtausende dahin: Der Wasserstand stieg in viertausend Jahren um unglaubliche 40 Meter an. Das ist ein Anstieg von einem Meter in 100 Jahren.

Solche Werte erwartet man jetzt wieder für das 21. Jahrhundert, nachdem der Anstieg sich in den letzten Jahrhunderten auf etwa 30 Zentimeter pro Jahrhundert eingependelt hatte. Langfristig betrachtet nähern wir uns mit dem Anstieg des Meeresspiegels also wieder dem Durchschnittswert der geologischen Erdgeschichte.

Nur das dieses Mal die Erderwärmung hausgemacht ist, wir sträflich besseren Wissens die schützende Ozonschicht unserer Erde schädigen. Wenn auch die Ursache der deutlichen Erderwärmung heute eine andere ist als in den Jahrtausenden zuvor, können die Folgen für die Nordseeküste ähnlich gravierend sein.

Ein Blick auf den Küstenverlauf zeigt, dass das Meer sich im Laufe der geologischen Zeit erheblichen Raum erobert hat. 960 n. Chr. lässt bereits ganz gut die typische Form Ostfrieslands erkennen, das sich zwischen den beiden großen und uralten Flussläufen Ems und Weser wie eine geballte Faust in die Nordsee streckt. Auch die vorgelagerten Inseln sind schon herbeigeweht.

500 Jahre später hat die Nordsee wieder „Land gefressen“ und ist in großen Bereichen weiter vorgedrungen: Um 1500 n. Chr. bilden der Dollart, die Leybucht, die Harlebucht und der Jadebusen markante Löcher im Küstenverlauf. Auch Butjadingen, ganz im Osten der geologischen ostfriesischen Halbinsel, war zu dieser Zeit – durch die Friesische Balje – vom Festland getrennt eine große Insel an der Weser.

An diesen großen Landverlusten haben auch die ersten Deichbauten nicht Wesentliches ändern können, vor allen Dingen die großen Sturmfluten haben immer wieder am Land genagt. Ganze Dörfer sind im Meer versunken.

Von einem Atlantis an der Nordsee spricht das Museum Leben am Meer in der Peldemühle in Esens, das sich mit der Entwicklung der Küstenlinie im Harlingerland beschäftigt.

Doch besonders an diesem Abschnitt der langen ostfriesischen Küste kann man ganz besonders gut beobachten, wie sich die Küstenbewohner nach und nach verlorenes Land auch wieder zurückerobert oder sogar ganz neues geschaffen haben.

Denn ab 1500 n. Chr. begegnete man den fortwährenden Verlusten durch Sturmfluten mit einem aktiven Küstenschutz, der auch auf Landgewinnung setzte. Der heutige, relativ gradlinige Verlauf der nördlichen Küstenlinie Deutschlands ist ein Ergebnis Jahrhunderte langer menschlicher Mühen, der Nordsee wieder Land abzuzwingen.

Von dem Wasser der riesigen Harlebucht, die vor fünfhundert Jahren noch zwischen Esens und dem Wangerland lag und fast bis Wittmund reichte, ist im 21. Jahrhundert nichts mehr zu sehen.

Nur die alten Sielhäfen nördlich von Wittmund erinnern noch an eine der größten Landgewinnungsmaßnahmen der Küstengeschichte: Es entstanden und verlandeten seit dem späten 16. Jahrhundert nacheinander die Sielorte Altfunnixsiel, Neufunnixsiel und Carolinensiel. Mitten durch relativ frisch gewonnenes Land geht es heute von dem schmucken Museumshafen in Carolinensiel durch die Friedrichsschleuse zum noch weiter vor gelagerten, neuen Fährhafen von Harlesiel. Der steht erst seit 1956 in den Karten.

Doch wie heißt es so schön: „Wie gewonnen, so zerronnen.“ Nichts ist beständiger als der Wandel. Wie unsere Nordseeküste wohl in 500 Jahren aussehen mag?

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Titelbild: Zentrum für Marine Umweltwissenschaften (Marum), Universiät Bremen

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