Das Rätsel der Vermessung ist gelöst: Hier war’s!

„Gauß und der Granitstein auf Langeoog“ – diese spannende Geschichte kann weiter geschrieben werden. Denn einem Experten für historische Messpunkte aus Hannover, André Sieland, ist es im Herbst 2020 gelungen, den originalen Standort der historisch ersten Landesvermessung  von Langeoog zu seinen Nachbarinseln und der Küste zu verorten. Dieser befand sich vor dem heutigen Wasserturm und direkt neben der Aussichtsplattform mit dem Fernrohr, und zwar rechts in den Wildrosenbüschen, wie die erstmals durchgeführten Messungen ergaben. Ostfriesland gehörte damals zum Königreich Hannover. Damit war auch Langeoog Teil der berühmten Gauß’schen Landesvermessung, die nächstes Jahr ihr 200jähriges Jubiläum feiert.


Sorgfältige Vorbereitung: Geodät Sieland vom Landesvermessungsamt aus Hannover erklärt seine Berechnungen.

Auf dem sandigen Boden der Kaapdünen hatte der langjährige Mitarbeiter von Carl Friedrich Gauß, Georg Wilhelm Müller, im Juni 1841 unter schwierigen Bedingungen seine historische Messstation errichtet, um mit den modernsten Geräten seiner Zeit und mit Hilfe der Mathematik Winkel zu messen und weit entfernte Distanzen zu berechnen. Das war aus originalen Briefwechseln bereits bekannt. Doch wo stand Müller damals genau und blickte in sein Fernrohr? Wo war der originale Messpunkt? Denn im Gegensatz zu einem – viel jüngeren – Messpunkt der Preußen, von dem noch das obere Ende eines Granitpfeilers links aus dem Sand lugt, war bisher unbekannt, wo die Vermessung durch Gauß und seinen Mitarbeiter Müller auf Langeoog eigentlich genau statt fand.

Das Rätsel ist nun gelüftet. Dem originalen Standort genähert hat sich Sieland dabei auf mehreren Wegen. Zum einen sind die alten Koordinaten der Gauß`schen Landesvermessung noch heute bekannt. Sie sind in einem Verzeichnis festgehalten, das Historiker der Landesvermessung als das „Wittstein’sche Koordinatenverzeichnis“ kennen, und das auch die originale Koordinate für den damaligen Langeooger Messpunkt nennt. Sieland hat sich aber für seine Feldforschung neben dieser absoluten Zahl noch auf ein anderes, relatives, Verfahren gestützt: Er hat ausgehend von gut bekannten und lagestabilen Messorten, bei denen bis heute die historischen Koordinaten mit den aktuellen nahezu identisch sind – von Jever, Hage und Pilsum – die Koordinaten des Langeooger Standorts errechnet. Der Mittelwert aus allem ergab dann die von Sieland ermittelte Koordinate: 32 399 530,518 (East) und 5 956 497,418 (North) in Metern.

Mit den Zahlen als Grundlage ging es am 12. September vor Ort ins Gelände, um den rechnerisch ermittelten Punkt vom Papier in die Natur zu übertragen. Da war der Wasserturm wiederum sehr hilfreich, denn die Koordinaten seiner acht Ecken waren als feste Bezugsgröße bekannt, so ließen sich genaue Entfernungsangaben von den Ecken des Wasserturms zu dem alten Vermessungspunkt im Voraus errechnen. Mit dem Maßband wurden diese Entfernungen dann genau von den Ecken am Sockel des Wasserturms ausgehend gemessen: die Punktabsteckung des historischen Gauß’schen Messpunktes führte in die Büsche mit den Wildrosen. Genau hier war’s! Von hier wurden die ersten Dreiecke über Land und Wattenmeer gezogen: zwischen Langeoog-Baltrum-Dornum, Langeoog-Baltrum-Esens, Langeoog-Dornum-Esens und Langeoog-Esens-Spiekeroog.

Das originale Postament der Gauß’schen Messung, ein etwa 1,20 Meter hoher, gemauerter Pfeiler mit quadratischem Grundriss und einer Kantenlänge von 31,2 Zentimetern, hat die Jahrhunderte nicht überdauert. Messungen mit einer Sonde und eine Probegrabung lieferten dazu keine Belege.

Hauptberuflich ist André Sieland Fachgebietsleiter bei der Landesvermessung und Geobasisinformation beim LGLN in Hannover und dort für die Festpunktfelder zuständig. Zudem ist er Autor eines Buches, das nächstes Jahr pünktlich zum Jubiläum erscheinen wird, und erstmals sämtliche Korrespondenz von Gauß und seinen Mitarbeitern vorstellen wird. Die Forschung auf Langeoog ist Teil seiner Buchrecherche. Unter den rund tausend Briefen finden sich unglaublich lebendige Passagen über die Vermessung Ostfrieslands. Eine einzige Fundgrube, nicht nur für Langeooger.

Das Land Niedersachsen wird das Jubiläum der Königlich Hannoverschen Landesvermessung in 2021 mit vielen Veranstaltungen im Land würdigen.

Ganz oben auf dem Langeooger Wasserturm: Experte Sieland mit dem historischen Dreiecksnetz für Ostfriesland.

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