Und sie dreht sich noch! Die Bockwindmühle von Dornum, ein Pionier der frühen Windkraft

In Sichtweite zu den Windrad-Giganten unserer Tage steht ein echter Pionier der Windkraft: Die Bockwindmühle von Dornum. Dieser Mühlentyp ist der älteste in Europa und nutzte den Wind zum Antrieb lange bevor sich die bekannten Holländermühlen verbreiteten. Die Dornumer Mühle ist die einzige heute noch funktionstüchtige Bockwindmühle Ostfrieslands. 1626, mitten im Dreißigjährigen Krieg, wurde sie gebaut. Für die Holzkonstruktion der Mühle holte man extra Eichenstämme aus Norwegen, die per Schiff nach Dornum transportiert wurden, das früher über ein Sieltief mit Hafen über Wasser erreichbar war. Denn das fast baumlose Ostfriesland verfügte nicht über genügend Baumaterial, um solch ein Wunderwerk der damaligen Technik zu errichten.

Ebenso wichtig wie die Müller waren die Zimmermänner. Sie bauten die Dornumer Mühle Balken für Balken aus dem norwegischen Holz zusammen: alles von Hand, nur mit der Handsäge und dem Beil, mit Stecheisen und Bohrer, den traditionellen Werkzeugen der Zunft. Denn Maschinen oder gar ein Sägewerk gab es noch nicht.

Zentrum einer jeden Bockwindmühle ist der Hausbaum, ein äußerst massiver Eichenstamm, um den der gesamte Mühlenkasten mit Mahlgang, Getriebe und Müllereimaschinen drehbar ist. In Dornum hat der gewaltige Hausbaum einen Durchmesser von etwa 65 Zentimern. Auf ihm ruht das gesamte Gewicht der Mühle, rund 30 Tonnen. Ein weiteres zentrales Element im Aufbau einer Bockwindmühle ist der Hammerbalken, er trägt die gesamte Konstruktion des Mühlenkastens. Seinen Namen hat dieser spezielle Mühlentyp übrigens vom Unterbau, dem Bock. In diesem Stützgestell aus Holz lagert der drehbare Eichenstamm des Hausbaums. Die Mühle ist quasi „aufgebockt“.

Die Bockwindmühle stellt sich nicht automatisch richtig in den Wind, das muss noch mühsam von Hand erledigt werden. Dazu benutzt man einen Auslegerbaum, den sogenannten Steert (ostfriesisches Wort für Schwanz). Mit Hilfe des Steerts wird der hohe Mühlenkasten so gedreht, dass der Wind von vorne auf die Flügel bläst und sie sich in Bewegung setzen. In Dornum sind das vier Segelgatterflügel mit einem Durchmesser von zirka 20,5 Metern.

Um 1900 wurden 300 Zentner Korn in der Woche gemahlen, nur so ließ sich die Mühle wirtschaftlich betreiben. Das entsprach einer Menge von 50 Zentnern am Tag und ungefähr 50 Säcken Mehl, die mit dem Sackaufzug nach unten transportiert wurden und nicht über die äußerst steile Treppe, die aus dem Mühlkasten führt. Den Mahlvorgang bewerkstelligten zwei riesige Mahlsteine. Angetrieben durch den Wind drehte sich dabei nur der obere Mühlstein, während der untere fest lag. Durch die Fliehkräfte wurden die Körner nach außen getrieben: sie wurden erst geschrotet, dann gemahlen. Zum Schluss wurde das Mehl gesiebt.

Das funktioniert heute noch so – auch dank eines umtriebigen Vereins, der sich seit 2008 um den Erhalt dieses historischen Denkmals kümmert. Zu diesem Zeitpunkt hatte die Mühle, seit 1984 im Besitz der Gemeinde Dornum, keine Flügel mehr. Es gab Pläne, sie abzureißen. Mit vereinten Kräften und Mitteln öffentlicher Geldgeber gelang es, dieses Schicksal abzuwenden. 2010 wurde die Mühle völlig in ihre Einzelteile zerlegt, restauriert und mit neuen Flügeln komplett wieder aufgebaut. 2012 wurde sie nach achtmonatiger Sanierung wieder eröffnet. Seitdem ist die Mühle auch der Öffentlichkeit wieder zugänglich, während des gesamten Sommers und an ausgewählten Tagen im Jahr wie etwa dem „Deutschen Mühlentag“ oder dem „Tag des Offenen Denkmals“.

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