Gauß und der Granitstein auf Langeoog

Ein kleines Quadrat aus Stein guckt aus dem Boden. Ganz unscheinbar liegt es neben der eigentlichen Attraktion auf den Kaapdünen von Langeoog: dem Wasserturm. Der Blick der meisten Besucher geht an dieser Stelle nach oben oder in die Ferne auf die Weiten der Dünenlandschaft und die Nordsee. Nach unten fällt er eher selten. Dabei hat der Granitstein neben dem Wahrzeichen der Insel viel zu erzählen. Denn die Platte mit dem eingeritzten Kreuz in der Mitte ist eigentlich das oberste Ende eines Pfeilers, der hier in den Boden geht. Und der befindet sich an historisch bedeutender Stelle.

Hier stand einst Artilleriehauptmann Georg Wilhelm Müller und vermaß für die berühmte Gauß’sche Landesaufnahme des Königreich Hannovers erstmals die Ostfriesischen Inseln und die Küste. 1841 war das, wie originale Dokumente aus jener Zeit belegen. Triangulation hieß das neue Verfahren, bei dem man das Gebiet mit einem Spinnennetz an Dreiecken überzog. Mit Hilfe der Mathematik und Winkelfunktionen ließen sich dann die Länge der Schenkel und damit die Entfernungen berechnen.

Einer, der sich bestens auskennt mit der Historie der Landesvermessung in Niedersachsen, ist André Sieland, Fachgebietsleiter für Landesvermessung und Geobasisinformation beim Landesamt in Hannover. Mit ihm lässt sich die lange Geschichte des Langeooger Messpunkts von Gestern bis Heute exzellent verfolgen. Ostfriesland Reloaded im Gespräch mit dem Experten.


Ostfriesland Reloaded: Welche Rolle spielt Langeoog für die Landesvermessung Niedersachsens?

André Sieland: Die Geschichte dieses Ortes für die Landesvermessung beginnt bereits im Jahr 1841, als der mit der Triangulation des Königreichs Hannover beauftragte Artilleriehauptmann Georg Wilhelm Müller (1785-1843) seine Arbeiten auf einem hierzu eigens errichteten, steinernen Postament aufnahm. In einem Brief an seinen Auftraggeber, den hochgeachteten Carl-Friedrich Gauß (1777-1855) in Göttingen, schreibt Müller am 15. Juni 1841, dass er ein Postamentsignal auf Langeoog am Westerende auf der Seedüne nördlich der Häuser errichtet habe.

Ostfriesland Reloaded: Was hat Müller von Langeoog aus anvisiert und gemessen?

André Sieland: Sofern es die Sicht erlaubte – er hatte nämlich sehr mit Rauchschwaden durch Moorbrände zu kämpfen – maß er bis zum Oktober des Jahres 1841 Richtungen zu verschiedenen Punkten auf den benachbarten Inseln und auf dem Festland. So spannten sich erstmals die für die Triangulation so wichtigen Dreiecke auf, und zwar zwischen: Langeoog-Baltrum-Dornum, Langeoog-Baltrum-Esens, Langeoog-Dornum-Esens und Langeoog-Esens-Spiekeroog. Die Messungen Müllers und seiner Mitstreiter fanden ihren Abschluss im Jahr 1844, in welchem die Triangulation des Königreichs Hannover vollendet werden konnte.

Ostfriesland Reloaded: Was passierte im weiteren Verlauf der Geschichte mit dem alten Messpunkt von Müller?

André Sieland: Im Jahr 1866 stand Hannover an der Seite Österreichs im Kampf gegen Preußen. Aus dem Deutschen Krieg ging Preußen als Sieger hervor. Das Königreich Hannover wurde annektiert und ging schließlich als Provinz im Königreich Preußen auf. Die neuen Herren hatten kein besonderes Interesse daran, die Errungenschaften ihrer ehemaligen Kriegsgegner zu würdigen. Und so wurde sicher vieles verworfen, was nicht den eigenen Vorstellungen entsprach. Das Postament, welches Müller 1841 auf Langeoog errichtet hatte, fand fortan unter den Preußen keine Beachtung mehr. Teile der Unterlagen des Hannoverschen Generalstabes gelten zudem als für immer verloren.

Portrait Sieland (2019)
André Sieland, Geodät und Buchautor.

Ostfriesland Reloaded: Wie ging es dann weiter unter den Preußen?

André Sieland: 1885 errichtete die Königlich Preußische Landestriangulation ganz in der Nähe des Postamentes von 1841 eine sogenannte Festlegung 1. Ordnung mit Pfeiler und Platte. Wir kennen diese Punkte heute unter dem Namen „Trigonometrischer Punkt“ oder einfach „TP“. Es wurden auch von diesem neuen Punkt trigonometrische Messungen ausgeführt, und zwar nach: Wangeooge, Spiekeroog, Esens, Bensersiel, Westerbur, Nesse, Berum, Baltrum und Norderney. Bis vor wenigen Jahren wurden zur weiteren Verdichtung der trigonometrischen Netze noch weitere Richtungen nach Norderney, Baltrum und Neßmersiel gemessen.

Ostfriesland Reloaded: Spielt der preußische Meßpunkt auf Langeoog für die moderne Landesvermessung noch eine Rolle?

André Sieland: Die Festlegung von 1885 existiert noch heute, allerdings nur noch dessen unterirdische Platte. Der Pfeiler ging mit den Jahren verloren. Mit der Verlagerung in Richtung der moderneren Satellitenmesstechnik hat die Messtätigkeit an diesem Punkt allerdings in den vergangenen Jahren etwas nachgelassen. Die Bedeutung des Punktes als wesentliches Element des amtlichen Raumbezugs – ob für die Landesvermessung oder für die Katastervermessung – ist jedoch unbestritten.

Ostfriesland Reloaded: Zu welcher Messung gehört der Granitstein, oder besser die Steinplatte, die man heute sieht? Zu der von Gauß oder der preußischen später?

André Sieland: Der wenige Meter in nordwestlicher Richtung vom Wasserturm entfernte, aus dem Boden herausschauende Steinpfeiler mit einer Kantenlänge von dreißig mal dreißig 30 Zentimetern ist Stationspunkt der Festlegung von 1885 und bildet mit diesem und weiteren vier eng benachbarten Stationspunkten eine sogenannte Lagefestpunktgruppe. Und wer weiß, vielleicht haben auch die Reste des Postamentes des Artilleriehauptmanns Georg Wilhelm Müller aus dem Jahr 1841 irgendwo im Sandboden überdauert.

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Sieland!

***


Bildnachweise: Die Aufnahme des Granitsteins vor dem Wasserturm ist vom Fotografen Andreas Klesse aus Jever, ein Motiv aus dem Buch 111 Orte auf Langeoog, die man gesehen haben muss von Petra Wochnik, Emons Verlag, 2020.
Carl Friedrich Gauß: Gemälde von Christian Albrecht Jensen um 1850 (Ausschnitt); André Sieland (private Aufnahme).

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