Man hat das wunderbare Gefühl, als schaue man ihm gerade über die Schulter, wie er in Ostfriesland seine Postamente errichtet oder in dunkle Rauchschwaden blickt: So lebendig ist der Brief geschrieben, mit dem Georg Wilhelm Müller ausführlich Carl Friedrich Gauß in Göttingen über den Fortgang der Vorbereitungen für die geplante Landesvermessung auf den Ostfriesischen Inseln und der Küste informiert. Auf Norderney sollten die ersten Peilungen gemacht werden, wie dem im Original erhaltenen Rapport vom 15. Juni 1841 zu entnehmen ist. Von der Insel schreibt Müller auch seinem Chef – Sr Hochwohlgeboren |dem Herrn Hofrath Gauss |Ritter mehrerer Orden |etc etc etc |in |Göttingen – und berichtet etwa von den Gefahren, die einem Geodäten in hohen Kirchtürmen direkt unter Glocken drohen:


Norderney den 15t Juny 1841.

Hochzuverehrender Herr Hofrath,

Meine Abreise zur Messung konnte erst den 28t v. M. Statt nehmen. Der Eintritt in Ostfriesland geschah unter sehr ungünstigen Aussichten für die Messung oder vielmehr unter gar keinen, indem die von allen Seiten emporwirbelnden Rauchsäulen des Moorbrennens jede Fernsicht benahmen und man überall versicherte, daß beym Ausbleiben des Regens dieser Zustand bis Johanni fortdauern werde. In Esens, wo ich am 1t d. M. eintraf, öffnete zum Glück ein Nordwind die Aussicht nach den Inseln und hob wenigstens von Einer Seite den Rauch Schleyer, der in den letzten Tagen auch die Inseln so dicht eingehüllt gehabt hatte, daß der mit der Detail-Aufnahme von Spiekeroog beschäftigte OberSergeant Voss sogar zwey Tage lang genöthigt gewesen war selbst die Detail Messung aus zu setzen. Seit den 5ten d. M. ist nun auch stürmische regnigte Witterung eingetreten, die zwar wiederum von anderer Seite für den raschen Gang der Messung nachtheilig ist, jedoch wenigstens für die nächste bevorstehende Zeit dem Moorbrennen ein Ende macht. Die Ausführung der Messung ist übrigens in diesem Augenblicke fast vollständig vorbereitet. Auf den Inseln habe ich 5 Mes­sungs Plätze gewählt, nämlich

1.) auf   Juist die hohe weiße Dühne am OstEnde

2.)   “     Norderney die schwarze Dühne am mittleren Südrande

3)    “     Baltrum die KirchhofDühne am WestEnde

4)    “     Langerooge-Wester Ende die See=Dühne nördlich von den Häusern

5)    “     Spiekerooge die hohe weiße Dühne am WestEnde

dazu die 3 ThurmPlätze Hage, Dornum, Esens.

Auf Baltrum, Langerooge, Spiekerooge sind die PostamentSignale bereits errichtet, für Juist und hieselbst werden sie morgen und übermorgen gesetzt. Für die Benutzung der ThurmPlätze Hage und Esens sind die vorläufigen Vorbereitungen ebenfalls getroffen, wird aber viel Unbequemes und Beschwerliches, ja für ersteren Platz selbst Lebens Gefährliches, zurückbleiben. Der Thurm von Hage hat hohes Mauerwerk, welches wegen des herausgebrochenen Gewölbes sehr baufällig geworden ist. Die Spitze ist ein Dach Reuter dessen enge Laterne von der Schlag=Glocke ausgefüllt wird, so daß man nicht neben der niedrig hängenden Glocke stehen kann und nothwendig unter ihr bleiben muß. Dabey hat im vergangenen Jahre der Blitz diese Spitze getroffen, ist am Glockenzuge herunter gefahren und hat diesen in Stücken von etwa zölliger Länge auseinander gesprengt. Hoffentlich wird dadurch die Haltbarkeit der eisernen Haken an denen die Glocke hängt nicht geschwächt seyn. Auch in Esens muß man unmittelbar unter der Schlag Glocke sich aufstellen und auf dem Boden sitzend die Messung ausführen, man kann sich aber doch von Zeit zu Zeit aufrichten, da neben der Glocke Platz bleibt. In Dornum war zur Zeit der Messung des sel. Hartmanns um den Thurm ein Baugerüst aufgerichtet gewesen und dadurch die Besteigung der zweyten oberen Laterne ohne Vorbereitung möglich geworden. Jetzt kann der Theodolith nur durch eine besonders anzubringende Aufwinde=Vorrichtung von außen hinaufgebracht werden. Für die untere Laterne, in welcher die Schlag Glocke hängt, benehmen die Bäume des Schloß Parks einen Theil des Horizonts. – Geht die Messung rasch so möchte ich noch in Pilsum und Borkum, sowie auch in Jever und Wangerooge Aufstellungen nehmen. Soll ich auf diese beyden letzteren Werth legen? – Da ich die Messung hier anfangen werde, um wo möglich der BadeZeit zu entgehen, so werden mich ein paar Zeilen von Ihnen, wenn Sie mich bald damit erfreuen wollen, allhier antreffen.

Mit aufrichtigster Verehrung und Ergebenheit

und ganz gehorsamst

GWMüller



Noch mehr solcher köstlichen Korrespondenzen, und davon gab es viele zwischen Carl Friedrich Gauß und seinen Mitarbeitern, finden sich in einem großartigen Überblickswerk von André Sieland, das nächstes Jahr, 2021, pünktlich zum 200jährigen Jubiläum der Königlich Hannoverschen Triangulation von 1821 bis 1844 erscheinen wird. Es ist die wissenschaftliche Aufarbeitung einer Fülle von Zeitzeugenaussagen, die im Original nur noch von wenigen Menschen lesbar sind, und durch die Sammlung und Überführung in hochdeutsche Sprache der Nachwelt erhalten bleiben. Darüber hinaus geben sie nun einem größeren Publikum spannende Einblicke in die bahnbrechenden Anfänge des Vermessungswesens. Sieland ist Fachgebietsleiter beim niedersächsischen Landesamt für Geoinformation und Landesvermessung in Hannover. Im Hauptberuf zuständig für die Festpunktfelder der Gegenwart, ist der Autor fasziniert von den Briefen und seiner historischen Quellenforschung: „Ich fühle mich bei der Transkription in Gedanken quasi direkt in die Zeit von vor 200 Jahren zurückversetzt“.

Die Arbeit an dem Buch ist ein wahres Mammutprojekt, drei Bände werden es am Ende werden: Rund 700 Briefe hat Sieland bis dato bereits aufbereitet, etwa 300 Briefe stehen noch aus. Die ersten Briefe stammen aus dem Jahr 1816 als die ersten Vorbereitungen für die Triangulation des Königreiches, die fünf Jahre später startete, anliefen. Die letzten Briefwechsel  datieren von 1848, als das große Werk der Landesvermessung, das insgesamt 23 Jahre gedauert hat, vollbracht war, und die Ergebnisse unzähliger Berechnungen übermittelt werden konnten. Alles bald auf das Allervergnüglichste nachzulesen in Correspondenzen der Königlich Hannoverschen Landesvermessung (1821 – 1844) von André Sieland.

***


Quelle: Originalbrief auf drei Seiten plus Umschlagseite von Georg Wilhelm Müller an Carl Friedrich Gauß vom 15. Juni 1841. Aus dem Bestand des Landesamts für Geoinformation und Landesvermessung Niedersachsen (LGLN).

Ostfriesland Reloaded dankt André Sieland für die Genehmigung seine Transkription des Originalbriefes aus altdeutscher Schrift zu veröffentlichen.


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