Unter Deck: Auf einen Tee mit dem Kapitän

Nun ja, es war dann mehr als eine Tasse Tee. Mindestens drei. Es steckt ja schon im Wort: Teetied. Sich Zeit nehmen – für Tee, aber so nebenbei auch für die wichtigen Dinge, mit denen sich ein Plattbodenschiffer wie Eckhard Janßen im Alltag immer wieder auseinandersetzen muss. Eines davon: das „Freie Liegen“ im Museumshafen von Carolinensiel.  Das war und ist eines der Erfolgsrezepte für den Tourismus am Ort.

Zur ersten Tasse ein paar Infos als Hintergrund: Die Idee, historischen Frachtenseglern kostenlos Liegeplätze im alten Hafen von Carolinensiel anzubieten, geht auf eine Initiative von Frerich Eilts zurück, der in einem der alten Kapitänshäuser direkt am Hafenrund wohnte. Damit zog man vor dreißig Jahren die ersten Traditionsschiffe an die Harle, und immer mehr folgten dem verlockenden Ruf. Eine Win-win-Situation für alle: Die einen hatten ihren Hafen sichtbar touristisch aufgewertet, die anderen eine überaus günstige Möglichkeit gefunden, ihren traditionellen Schiffen einen Liegeplatz zu sichern.

Dazu kam dann die immer größer werdende Gemeinschaft der Skipper historischer Segler, und schon hatte Carolinensiel ein ungeheures touristisches Pfund, mit dem es wuchern konnte: ein Museumshafen nicht nur mit historischen Gebäuden, sondern den passenden Schiffen aus der Geschichte der Handelsschiffahrt unter Segeln gleich dazu. Da können andere schon mal neidisch werden. Es gab immer mal wieder die ein oder andere Offerte von Küstenorten an die Plattbodenschiffer zum Standortwechsel, doch bisher blieb die Mehrheit der Traditionsschiffer standhaft.

Gespannt werden die Veränderungen im Rahmen der geplanten und auch dringend gebotenen Hafensanierung betrachtet. „Vieles, was vor Jahren noch eher provisorisch entstand, muss nun den Bedingungen neuer Hafenverordnungen genügen, die in der entfernten Kreisstadt Wittmund formuliert werden“, erläutert Eckhard Janßen. So ist seit Neuestem der Strom in Carolinensiel nicht mehr kostenlos für die anliegenden Schiffer historischer Boote, sondern wird nach Verbrauch abgerechnet. Was manche unter ihnen schon als erstes, warnendes Signal grundsätzlicher Änderungen sähen.

Noch ein winziges bißchen Kandis, dann die zweite Tasse: Ein fester Ankerplatz ist für ein Plattbodenschiff die halbe Miete, aber ebenso wichtig ist eine Werft in der Nähe. Denn die Traditionsboote benötigen regelmäßig Wartung. Und hier ist auch schon gleich das Problem: Die Werften an der Küste werden langsam knapp. Weder Harlesiel noch Neuharlingersiel nebenan haben eine. Dazu muss ein Eigner nach Wilhelmshaven, nach Ditzum oder bis nach Oldersum fahren. Dort, südlich von Emden, hat die traditionelle Schiffswerft Diedrich ihren Sitz und dort zieht es Skipper Janßen alle drei bis vier Jahre hin. „Ein toller Laden. Da kann ich an meiner FRIESLAND alles reparieren, was ich selbst machen kann.“ Hilfe braucht er nur für das „Slippen“, das Rausholen des Schiffes aus dem Wasser, und für die Grundsäuberung des Rumpfes, für die er immer eine Fremdfirma hinzuzieht.

Um Ostern herum, wenn die Fähren für die Inseln meistens fertig sind, wird er in Oldersum dazwischen geschoben. „Für die Werft bin ich finanziell nicht interessant, lediglich ein Beifang“, schmunzelt Janßen. Ein gewisser Zeitdruck sei für ihn immer dabei: Denn in vier bis fünf Tagen müssen alle Arbeiten erledigt sein. Dort habe er mit Unterstützung und einem Kran sogar einmal seinen Motor ausgetauscht.

In Carolinensiel wurde erst kürzlich bei einem anderen Plattbodenschiff der komplette Boden ersetzt. Der Ewer HANS war bis dahin das einzige und letzte Plattbodenschiff mit originalem Holzboden, das hier vor Anker lag. Eine historische Rarität und jetzt auch Vergangenheit für seinen Eigner Oliver Hampel, der Ostfriesland Reloaded vor nicht allzu langer Zeit seinen besonderen Unterbau aus Holz noch zeigen konnte. Jetzt schwimmt der 16 Meter lange Einmaster wie auch alle anderen Schiffe im Museumshafen auf einer Bodenkonstruktion aus Stahl.

Noch eine dritte Tasse. Echt lecker, der Tee an Bord: Für die Plattbodenschiffer ist das Befahren des heimatlichen Wattenmeers heute schwieriger als früher. „Es wird zu eng für uns: Es gibt immer mehr Wassertaxis, Fährlinien, Fischkutter, Seebestattungen, Bagger.“ Unterwegs, besonders aber an den Häfen und Anlegestellen, sei kaum noch Platz für die Traditionssegler, stellt Janßen immer öfter fest. Auch Norddeich und Borkum waren in der Vergangenheit oft dicht wegen der Mitarbeiterschiffe zu den Offshore-Windparks in der Nordsee. Doch es ist nicht die Verkehrsdichte und die Enge allein, die ihn beunruhige.

Das Leise, Langsame, Leere – das, was das weite Wattenmeer und sein lautloses Durchfahren unter Segel bisher zu einem einmaligen Erlebnis habe werden lassen, ginge zusehends verloren. Es sei schneller und lauter geworden auf dem Wasser und in der Luft: Speedboote flitzen über die Wellen zu den Inseln, in der Luft dröhnen startende Kleinflugzeuge. Janßen: „Es wird hektisch im Wattenmeer, gerade da, wo man die Entschleunigung vom Alltag sucht und bisher auch immer gefunden hat.“

Löffel in die Teetasse, Ende der Teetied: For the times they are a-changin‘ (Bob Dylan).

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