Im Portrait: Eckhard Janßen und die FRIESLAND

Geradezu stürmisch begann ihre Liebe: Als Eckhard Janßen 2002 sein frisch erworbenes Schiff von der Ostsee abholte, peitschte der Wind mit einer Stärke von bis zu 10 Beaufort über das Wasser. Unterwegs von Travemünde überraschte ihn zwischen Fehmarn und Kiel ein auch vom Wetterdienst nicht vorhergesagter schwerer Sturm, der die ganze Nacht wütete. Zwölf Stunden war er ununterbrochen am Ruder. Zum Glück war mit ihm eine erfahrene Crew an Bord, auch wenn es zunächst statt in die Nordsee zurück in den sicheren Hafen von Heiligenhafen an der Ostsee ging.

FRIESLAND Trockengefallen im Watt_JanssenSo lernte er sein neues Schiff schneller kennen als eigentlich gedacht. Aus dem alten Segler, der zwanzig Jahre als Freizeit- und Charterschiff im Ostseeraum unterwegs war, wurde mit dem neuen Eigner wieder ein echtes Plattbodenschiff – ohne Kiel und wieder mit den für die flach fahrenden Boote typischen Seitenschwertern zum Stabilisieren. Janßen taufte das Schiff auf seinen neuen Namen FRIESLAND. Mit ihm, das über Deck 18 Meter in der Länge und 4,10 Meter  in der Breite misst, ist er seit nunmehr 18 Jahren im Wattenmeer, der Nord- und Ostsee unterwegs.  Für flaches Fahrwasser ist es mit seinem Tiefgang von nur 1,30 Metern ideal. Und auch für das Trockenfallen im Watt bei Ebbe ist es wie gemacht.


Die FRIESLAND ist eine ganz schön alte Dame. Sie wurde 1898 auf der Kremerwerft in Elmsholm erbaut. Ursprünglich hieß sie MINNA und fuhr Fracht auf der Unterelbe. Doch das sollte nicht ihr einziger Name bleiben. Als FRIEDA transportierte sie in den 20iger Jahren des 20. Jahrhunderts Ziegelsteine, Kohle und Zement, alles noch ausschließlich unter Segel. 1926 wurde der erste Motor zur Unterstützung eingebaut. Um 1950 gelangte das als Frachter nicht mehr rentable Schiff nach Hamburg und wurde dort unter dem Namen MIMI als Kramladen und Reparaturwerkstatt bekannt. In den siebziger Jahren erhielt es einen Stahlboden und einen leistungsstärkeren Motor. In den achtziger Jahren kam es nochmals mit EDEN und GERMANIA zu zwei Namenswechseln bis Eckhard Janßen zum neuen und bisher letzten Eigentümer des Traditionsseglers wurde.


Die FRIESLAND ist ein Ewer. Das ist ein spezieller historischer Segelschiffstyp, der in Deutschland am häufigsten gebaut wurde, und insbesondere für den Handel zwischen Hamburg und dessen Hinterland zum Einsatz kam. Wenn neben dem Hauptmast ein zweiter Besanmast am Heck getakelt ist, dann handelt es sich um einen Besanewer, wie bei der FRIESLAND. Sie besitzt eine Segelfläche von insgesamt 170 Quadratmetern. Steuern darf man den großen Segler bereits mit einem Sportführerschein See. Eckhard Janßen besitzt sogar einen Sportseeschifferschein.

Margarete IhnenMit seiner FRIESLAND ist er rein privat unterwegs. Fast immer mit dabei ist seine Frau Margareta Ihnen, die seine Leidenschaft uneingeschränkt teilt. Janßen: „Man muss Zeit haben für ein solches Hobby. Wir haben beide sofort die Stunden auf unseren Arbeitsstellen reduziert.“

Technisches Verständnis bringt Eckhard Janßen quasi von Zuhause aus mit. Er ist Diplom-Ingenieur, hat an der Fachhochschule Buxtehude Bauingenieurwesen studiert. Auch seine Erfahrung aus zwanzig Jahren Selbstständigkeit als Tischler kommen ihn als Eigner eines historischen Frachtensegler nun sehr entgegen. So kann er vieles auf seiner FRIESLAND selbst machen. Und was er nicht alleine kann, dafür gibt es die Gemeinschaft der Traditionsschiffer im Museumshafen von Carolinensiel. „Die Szene hier in Caro ist einfach einmalig. Wir helfen uns gegenseitig. Jeder kann etwas, was der andere nicht beherrscht. Hier ist der Teamgeist noch spürbar und lebendig. Ich liebe das Fachsimpeln mit den anderen Eignern alter Schiffe über alles.“ Auch an der WattenSail schätzt er den Austausch sehr, besonders mit den Niederländern, die zu dem Event im August stets anreisen – wenn es nicht gerade wie in 2020 ausfällt.

Einmal haben er und seine Frau ein ganzes Sabbatjahr auf der FRIESLAND reisend verbracht. Da ging es in einem ersten Teil über das noch dänische Bornholm nach Schweden. Der zweite Teil führte sie durch den Skagerrak ganz oben um Dänemark herum in den Kattegat und weiter in die Ostsee bis hinunter ins polnische Stettin. Treiben lassen, das war ihre Devise. Bequem ist es allemal an Bord: Auf und unter dem Deck des ehemaligen Frachtenseglers ist viel Platz. Es gibt zwei Doppelkojen, eine große Messe mit einer Eckbank und einem zentralen Tisch. Sogar ein Extra-Schreibplatz ist da, natürlich auch eine Kombüse und eine Toilette. Alles ist sichtbar mit viel Liebe zum Detail ausgestattet. Hier lässt es sich haushalten und auch lange aushalten.

Sicherheitstechnisch ist die FRIESLAND sehr solide konstruiert. Sie hat drei separate Sektionen, die bei einem Leck nicht gleichzeitig voll Wasser laufen können – wie etwa einst bei der Titanic. In der Sektion 1, vorne im Bug, ist noch ein Aufenthaltsraum mit Doppelkoje für den Kapitän und den Maat vorgesehen, der über Deck zugänglich ist. Der Motorraum befindet sich in der hinteren, der Sektion 3. Die Schlaf- und Wohnbereiche sind in der mittleren, der zweiten Sektion.

Auch wenn sie regelmäßig in Carolinensiel vor Anker liegt, ist der Heimathafen der FRIESLAND in Emden. Da geht es ihr ähnlich wie ihrem Skipper. Eckhard Janßen ist eigentlich in Esens geboren, wohnt seit vielen Jahren in Aurich, doch seine gefühlte Heimat ist für den 64jährigen bis heute Emden. In der Hafenstadt hat er die prägende Zeit seines Lebens verbracht, Kindheit, Schulzeit und Jugend. Seit 1996, 25 Jahre lang, ist er mit Booten in ostfriesischen Gewässern unterwegs.

„Es müssen nicht die großen Sprünge sein, um Spannendes zu erleben, neues Terrain zu erkunden. Er und seine Frau schätzen die kleinen Touren. Wie auch jetzt wieder. Da sind sie einfach losgezogen, Ziel offen. Vielleicht Richtung Elbe, oder irgendwo hoch in den Norden. Eins steht von vorneherein fest: „An einem Ort lange bleiben, das geht für uns beide gar nicht.“

Per Dockschleusung müssen sie durch die Friedrichsschleuse um von Carolinensiel nach Harlesiel und dann hinaus in die Nordsee zu gelangen. Das geht nur vier Stunden nach und vier Stunden vor Hochwasser. Dann herrscht auf beiden Seiten der gleich hohe Wasserpegel und ihre FRIESLAND gleitet hinaus. Auf der anderen Seite wartet die Freiheit. Und die Langsamkeit. „Da ist es auch in Ordnung unter Segel manchmal mit nur drei Knoten pro Stunde voranzukommen.“ Nach Langeoog brauchen sie etwa drei bis vier Stunden.

Und außerdem ist da draußen vor der ostfriesischen Küste das unberechenbare Wattenmeer im Wechsel von Ebbe und Flut. Zum Trockenfallen im Watt bei herrlichsten Sonnenuntergängen sind die Sandbänke darin einmalig. Doch auch Seenebel kann hier ganz plötzlich auftreten. Und nicht immer ist gutes Wetter und strahlend blauer Himmel, wenn sie durch die Nordseewellen kreuzen. „Dass wir mit unserem Plattbodenschiff das Leben der alten Seefahrer nachempfinden können, bei allen Wetterlagen uns auf ihre Spuren begeben, das genießen wir sehr. Ein großes Glück, das allen Aufwand und alle Arbeit mehr als aufwiegt.“

FRIESLAND Auf Fahrt_Janssen

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Literaturtipps

„Fernweh made in Ostfriesland: Durch die Welt zu fliegen, über Land und Meer“: In diesem Artikel von Ostfriesland Reloaded vom Mai 2019 findet sich Vieles über die Geschichte des alten Frachthafens von Carolinensiel, seine Kapitäne damals und die Plattbodenschiffer von heute. Einfach mal lesen! Zum Artikel

Deutsches Sielhafen Museum: Ein Hafen voller Geschichte. Traditionsschiffe im Carolinensieler Museumshafen, Carolinensiel 2017, Materialien des Deutschen Sielhafenmuseums, Heft 7

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