Zum Fressen gern! Von Menschen und Möwen

Man kann schon sagen: Die Beziehung zwischen dem fliegenden Federvieh und uns Zweibeinern ist vor allen Dingen eine kulinarische. Die Liebe zu den Vögeln ging für uns Menschen lange Zeit lange durch den Magen. Denn bis weit ins 20. Jahrhundert hinein galten Möweneier als Delikatesse. Historische Dokumente belegen etwa für Langeoog, dass das Sammeln von Möweneiern auf der Insel von jeher eine große Rolle spielte, als Nahrung und wichtige Einnahmequelle.

So beschwerte sich im Herbst 1824 die Pächterin der Meierei, eines Hofgutes im Osten der Insel, darüber, dass die Insulaner ihren Brunnen durch das Hineinwerfen von faulen Eiern verunreinigen würden. Die Hauptaufgabe der Vogelwarte von Langeoog war einst, die Seevogelkolonie vor Eierdieben zu schützen. Im alten Vogelwärterhaus direkt an der großen Silbermöwenkolonie beim »Dreebargen« hatten sie seit 1875 ihren Sitz. Drei bis vier Vogelwarte waren mitunter mit der Bewachung der Kolonie beschäftigt.

Auf der ostfriesischen Insel Langeoog wurden 1939 noch 28.000 Möweneier vermarktet. Man verkaufte sie ans Festland oder an die Nachbarinseln, vor allen Dingen nach Norderney, das schon früh im Geschäft mit den Feriengästen und ein guter Abnehmer war. Auch für viele norwegische Gutsbesitzer waren Möweneier, frisch von der Klippe, noch um die vorletzte Jahrhundertwende die wichtigste Quelle von Einkünften, so die Zeitschrift mare (No. 53).

Damit man den Vögeln nicht den Nachwuchs wegfraß, wurde immer nur ein Teil der Eier aus den Nestern genommen. Wie bei Hühnern läßt sich der Bruttrieb zugunsten des Legetriebes verzögern und lassen sich den Seevögeln so bis zu acht nachgelegte Eier entlocken. Wenn am Ende der vierwöchigen Möwensaison das Sammeln eingestellt wurde, setzte bei drei bis vier Eiern je Gelege der Bruttrieb ungestört wieder ein.

In den siebziger und achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunders erlebten die bunt gefleckten Eier nochmals ein Comeback und eine kurze Glanzzeit: Möweneier-Essen wurde zu einem regelrecht Kult. Wie bei Matjes oder Spargel warteten im Frühling die Gourmets sehnsüchtig auf die ersten Exemplare. Die letzte Lieferung Möweneier von der ostfriesischen Insel Spiekeroog erhielt die Lebensmittelabteilung des Berliner KaDeWe 1998: vier- bis fünfhundert Möweneier auf Vorbestellung, das Stück für einen Euro. Feinkost für Verwegene, titelte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung (FAS) im April 2004: Für ein echtes Möwenei läßt man von jeher Hummer und Auster stehen.

Möweneier stehen nicht mehr auf unserem Speisezettel. Der Verzehr ist auch nicht mehr unbedingt zu empfehlen. Denn seit sich die Möwen vorzugsweise vom Angebot großer Mülldeponien ernähren, stecken die Wildeier voll giftiger PCB,  Quecksilber und anderer Schwermetalle. Der Schadstoffgehalt wurde 1989 so hoch, daß das Sammeln und der Handel von Möweneiern durch das Bundesnaturschutzgesetz verboten wurde. Was für viele Menschen früher eine pure Notwendigkeit und Abenteuer war, ist heute eine Ordnungswidrigkeit oder bei Verkauf sogar eine Straftat. Also, besser keine Möweneier mitnehmen!

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Während wir ihnen nun nach jahrhundertelangem Eier klauen die wohlverdiente Ruhe beim Brüten lassen, haben es die Möwen jetzt auf uns abgesehen. Denn auch sie haben uns Menschen zum Fressen gern – genauer gesagt: unsere Pommes, Brötchen oder Eiswaffeln. Legendär sind an der Küste ihre blitzschnellen Flugattacken mit denen sie erfolgreich auf Beutezug gehen. Zu ihrer Entschuldigung sei gesagt: Sie können nicht anders.

Eine Möwe lernt schnell, und wenn sie einmal weiß, dass Menschen Fressbares für sie bereit halten, dann hilft sie gern mal nach, wenn das Futter nicht schnell genug gereicht wird. Wer sich als Möwe beim Füttern zudem das Brot direkt aus der Hand des Menschen holt, ist im Vorteil gegenüber derjenigen, die geduldig darauf wartet, dann aber leer ausgeht. Beruhigend zu wissen: Sie haben es nur auf das Futter abgesehen. Verletzungen kommen bei dieser Art von Mundraub selten und nie absichtlich vor. Die beste Erziehung ist es, Möwen konsequent nicht zu füttern und wenn möglich auch keinen offenen Abfall oder Nahrungsreste draußen stehen lassen. So zwingt man sie dazu, sich wieder anderen Nahrungsquellen zuzuwenden.

Im Winter sind zahlreiche andere, teils von weit her zugewanderte Möwen bei uns zu Gast – und diese zeigen: Sie kennen das ungezogene Verhalten ihrer ostfriesischen Artgenossen nicht. Dafür sind ihre Hinterlassenschaften aus der Luft ähnlich ätzend…

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Ein besonderes „Danke Schön“ sagt Ostfriesland Reloaded Stephan Höstermann aus Esens, dem Zeichner der beliebten Hösti-Cartoons. Besser und witziger kann man das besondere Verhältnis zwischen Mensch und Möwe nicht auf den Punkt bringen. Die hier abgebildeten Cartoons und noch viel mehr kann man im Hösti-Shop bestellen.


Hier noch ein Hinweis von Harro Schreiber, Langeoog, den Ostfriesland Reloaded eben erhielt und hiermit weiterreicht:

Bei den Friesen heisst die Silbermöwe übrigens „Kååb“ und die Möwenkolonie „Kååbdünen“ sowie „Kååbeiers“, die als Delikatesse galten.

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