Die Kolonie, der Müll und die Silbermöwen

Der Möwenbestand schwankte in den letzten beiden Jahrhunderten stark und war auch immer Ausdruck seiner Zeit. Noch Ende des 19. Jahrhunderts wurden Möwen gerne nur zum Vergnügen und Zeitvertreib gejagt: Ihre langen Federn waren in Mode und zierten die Hüte der Damenwelt. Auch auf Langeoog war der Bestand daher fast komplett dezimiert. 1875 errichtete man für die Möwenkolonie beim »Dreebargen« ein Naturschutzgebiet, das deutschlandweit erste und älteste Naturschutzgebiet für eine Tierart.

Dafür gab es, wie der große Vogelschützer Dr. hc. Otto Leege später schrieb, vor allen Dingen praktische Gründe. Man wollte mit dem Dung der Möwen das Wachstum der Dünenpflanzen fördern. Beides gelang ausgesprochen gut. Die bestens betreute Langeooger Möwenkolonie war mit zeitweise bis zu 25.000 Brutpaaren die größte in Deutschland. Dabei handelte es sich vorwiegend um Silbermöwen, eine Großmöwe mit weißem Gefieder und silbergrauen Deckfedern.

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Die Silbermöwe (Larus argentatus) ist die häufigste und größte Möwe unseres Breitenraumes. Sie misst stattliche 55 bis 67 cm. Ihre Flügel spannen sich über eine Länge von 125 bis 155 cm. Der kräftige gelbe Schnabel hat einen roten Fleck an der Spitze. Hellgrau sind Mantel, Rücken, Schulterfedern und auch die Flügeloberseite. Beine und Füße sind rötlich gefärbt.

Silbermoewe nah_pbKopf, Hals, Nacken und Unterseite wie auch Bürzel und Schwanz einer Silbermöwe sind reinweiß. Der Blick dieser Art wirkt oft ein wenig  grimmig. Der höchste Punkt des Scheitels liegt hinter dem Auge. Die Iris ist meist schwefelgelb, manchmal auch leuchtend gelb oder weißlich, das Auge mit einem gelben, orangegelben oder auch roten Ring umgeben.


Typisch für Silbermöwen, wie auch allen anderen Arten der Gattung, ist ihr geselliges Auftreten in großen Brutkolonien. In der Masse finden die Vögel Schutz vor Feinden. Silbermöwen brüten in Küstendünen und sind recht brutplatztreu. Die Tiere können über 30 Jahre alt werden. Schon als Jungtiere kommen die Partner zu einer meist lebenslangen Ehe zusammen. Aufwendige Begrüßungszeremonien dienen der langfristigen Bindung, vor allem aber auch dem Finden des Partners, was in den in dicht gedrängten Brutkolonien keine einfache Leistung ist. Sie erkennen sich am Ruf und das selbst im Gekreisch einer 10.000 Brutpaare großen Kolonie. Von den etwa 80.000 Brutpaaren des Wattenmeeres nisten etwa 80 Prozent in West- und Ostfriesland.

Das Brutpaar ist die wichtigste Einheit der Möwengesellschaft. Es verteidigt seinen Nistplatz energisch gegen zu nahe rückende Artgenossen, die bei sich bietender Gelegenheit nicht zögern würden, Eier oder Junge zu rauben. Auch Menschen sollten sich einem Brutplatz oder dem frisch geschlüpften Nachwuchs nicht zu sehr nähern. Dann werden die ansonsten für den Menschen ungefährlichen Vögel aggressiv und verteidigen ihre Brut, was eine ungeheuer furchteinflößende Erfahrung sein kann.

Die Zahl der Silbermöwen auf Langeoog ist stark zurückgegangen. Laut Ranger Jochen Runar gibt es heute nur noch zirka 3.500 Silbermöwenpaare im Schutzgebiet des niedersächsischen Nationalparks. Besonders im Winter kam es bei den Allesfressern zu einem Nahrungsengpass, als viele Mülldeponien an der Küste und auf der Insel schlossen. Sie wechselten das Revier. Die meisten Inselmöwen gibt es heute noch im Areal um die »Melkhorndüne« im Osten der Insel. Ein Aufstieg auf einen der höchsten Aussichtspunkte Ostfrieslands lohnt sich ganz besonders im Juni. Denn direkt unterhalb der Düne brütet dann eine ganze Kolonie von Silber- und Heringsmöwen die Eier des Nachwuchses aus. Man kann den getupften Fell-Küken mit dem Fernglas förmlich beim Schlüpfen zusehen. So nah kommt man einem Möwenkindergarten wohl nirgends in ganz Deutschland.

Möwen haben keine Zähne und sind spezialisiert auf hastig am Stück verschlungene Nahrung. Dabei erschließt sich den Allesfressern eine schier unerschöpfliche Nahrungspalette aus allem, was sich an Küste und Meer finden lässt. In freier Wildbahn leben Möwen von allerlei Kleingetier, Muscheln und Aas. Sie ernähren sich aber auch von Eiern und Jungvögeln, die sie aus den Nestern von Artgenossen und anderen Seevögeln rauben. Selbst von Angriffen großer Möwen auf kleinere Enten, die sie nach längerer Hetzjagd zur Strecke bringen, wird berichtet.

Das tägliche Brot der Möwen ist jedoch Fisch. Da sie sich als vergleichsweise schlechte Taucher schwer tun, selbst Fische zu fangen, bedienen sie sich auch gerne aus dem über Bord geworfenen Beifang von Fischtrawlern. An der Nordsee sind sie die kreischenden Begleiter der Krabbenkutter, die vor der ostfriesischen Küste mit ausgefahrenen Fangnetzen umherziehen. Für die leichte Mahlzeit folgen Möwen Schiffen sogar auf die hohe See, obwohl sie sich sonst kaum mehr als 30 bis 40 Kilometer von festem Land entfernen. Zudem finden Silbermöwen im reich gedeckten Tisch des Wattenmeers alles, was sie brauchen.

Möwen streifen auf Nahrungssuche vor allem an der Küste umher, stöbern aber auch an Fischteichen und auf Feldern nach Essbarem. Offene Müllhalden bieten Möwen – sowie Raben, Störchen und diversen Greifvögeln – ebenfalls einen reich gedeckten Tisch. Diese gefiederten Gäste finden im Abfall nahrhafte Happen, aber auch Ratten und andere Beutetiere, die dort von den Abfällen leben. Dieses Fressverhalten machte man sich 2016 im Südwesten von Spanien zu Nutze. Dort wurden Mittelmeermöwen, nahe Verwandte der Silbermöwen, eingesetzt, um illegale Mülldeponien aufzuspüren. Die Tiere bekamen einen GPS-Logger, dessen geografische Daten die Ermittler direkt zum Corpus Delicti führten.

Während wohl auch viele der ehemaligen Langeooger Silbermöwen in Mülldeponien auf dem Festland eine neue Heimat gefunden haben, hat es sich eine andere Art in der weiten Dünenlandschaft bequem gemacht: Heringsmöwen haben die verlassenen Brutplätze der Silbermöwen besetzt. Auf etwa 8.000 Paare schätzt Runar den Bestand zurzeit. In ihrer Größe ist die Heringsmöwe praktisch identisch mit einer Silbermöwe. Zu unterscheiden sind sie an der Farbe ihres Rückens und der Flügel: Diese sind dunkelgrau und nicht silbern, wie bei der fliegenden Schwester. Auch die Beine sind unterschiedlich gefärbt, bei der Heringsmöwe sind sie gelb.

Übrigens, Achtung in England! Dort besteht akute Verwechslungsgefahr: Denn die Briten nennen unsere Silbermöwe „Herring Gul“, was übersetzt Heringsmöwe heißt. Eine „Silver Gull“ kennt man dort nicht.

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