Was macht eigentlich der Alte Fritz an der Knock?

Er ist hier nun wirklich nicht zu übersehen: Friedrich der Große, der mächtige Herrscher über Ostfriesland. Mehr als vierzig Jahre lang bestimmte der Preußenkönig aus Berlin über die Geschicke des Landes, auf dessen Weite er hier als Monumentalkunstwerk aus Bronze so entschlossen blickt. Der Standort jedenfalls ist außergewöhnlich. Eigentlich hätte man ein Denkmal von solchem Format – 2,75 Meter ist allein die Figur groß, dazu kommt noch ein 1,50 Meter hoher Sockel – an etwas repräsentativerer Stelle vermutet. Was macht er eigentlich hier an der Knock, ganz am Rande von Emden, am Rysumer Nacken, dem südwestlichsten Zipfel Ostfrieslands, wo die Straße nach nur wenigen Metern im Niemandsland endet?

Und tatsächlich: Das Monument stand einmal an ganz anderer Stelle. Direkt vor dem alten Rathaus am Delft in Emden, in dem sich heute das Ostfriesische Landesmuseum befindet, wurde es 1901 anläßlich der Hafenerweiterung eingeweiht und befand sich neben zwei weiteren Denkmälern, die an bedeutende Männer aus Preußens Herrschergeschlecht erinnerten. Mitten im Bombenhagel des Zweiten Weltkriegs blieben zwei der drei Figuren aufrecht in den Trümmern der zerstörten Stadt stehen: Friedrich Wilhelm, der Kurfürst von Brandenburg, und eben auch die Bronze von Friedrich dem Großen. Wie ein Mahnmal auf das, was Herrscher alles mit einem Land anrichten können, wirkten sie nun und sollten aus dem Stadtbild verschwinden. Auf Veranlassung des damaligen Emder Oberbürgermeisters Georg Frickenstein wurden sie 1945 abgebaut und auf dem Bauhof gelagert. 1966 schenkte die Stadt Emden die Denkmäler dem ersten Entwässerungsverband für sein in Bau befindliches Siel- und Schöpfwerk an der Knock. Und da stehen sie sich nun gegenüber als weithin sichtbares Wahrzeichen an der Ems, die hier Deutschland von den Niederlanden trennt.

Eigentlich sind sie Doppelgänger. Denn sie haben jeweils einen Zwilling in Berlin, der für die prächtige Siegesallee der Hauptstadt von Kaiser Wilhelm II. ursprünglich in Auftrag gegeben worden war. Dort standen sie in weißem Marmor, die ostfriesische Variante wurde in Bronze gegossen. Das Denkmal von Friedrich dem Großen soll dem Kaiser besonders am Herzen gelegen haben. Es ist überliefert, dass er für die Figur des legendären Preußenkönigs, der sich nie hat porträtieren lassen, dem renommierten Bildhauer Joseph Uphues ausdauernd selbst Modell stand.


Ein kleiner Ausflug nach Berlin: Kaiser Wilhelms Siegesallee

Der Platz vor dem Reichstagsgebäude in Berlin, heute Platz der Republik, hieß früher zu monarchischen Zeiten Königsplatz. Auf diesem stand einst die Siegessäule und zu ihr führte ein wahrer Prachtboulevard: die Siegesallee. Auf 750 Metern Länge reihten sich dort insgesamt 32 Denkmäler aus Marmor auf: Zu sehen waren sämtliche Markgrafen und Kurfürsten Brandenburgs und Könige Preußens zwischen 1157 und 1888. Den Hauptfiguren standen je zwei Büsten von Personen zur Seite, die im Leben oder in der Zeit der jeweiligen Herrscher eine wichtige Rolle spielten. Die monumentale Allee, von Teilen der Berliner Bevölkerung als „Puppenallee“ belächelt, entstand zwischen 1895 und 1901 im Auftrag Kaiser Wilhelms II. Hier stand auch „unser“ Friedrich der Große von der Emder Knock, in der Figurengruppe mit der Nummer 28, umgeben von den Statuen eines Generalfeldmarschalls und Johann Sebastian Bachs, der die musikalische Seite des Preußenherrschers und Flötenspielers zum Ausdruck bringen sollte. 

Von der originalen Siegesallee ist heute nichts mehr zu sehen. 1938 wurden die Siegessäule wie die Denkmäler umgesetzt zum Großen Stern und der Großen Sternenallee (heute Straße des 17. Juni). Seit dem Zweiten Weltkrieg gelten einige Figuren als verschollen. Die restlichen, zum Teil beschädigten Denkmäler wurden zum größten Teil im Park vom Schloss Bellevue verbuddelt. Dort grub man sie später wieder aus. Heute sind 26 Standbilder und 40 Büsten von ihnen wieder restauriert und seit April 2016 Teil der neuen Dauerausstellung „Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler“ in der Zitadelle Spandau. Von dem ehemaligen Prachtboulevard, der nach dem Krieg eingeebnet wurde, verblieb ein Spazierweg, der heute von der Straße des 17. Juni gegenüber vom Sowjetischen Ehrenmal durch den Großen Tiergarten führt.


Wieder zurück in Emden bleibt nur noch festzuhalten, dass Ostfriesland mit seiner überlebensgroßen Bronze von Friedrich dem Großen eine kunsthistorisch wertvolle Figur besitzt. Nicht die Entstehungsgeschichte des Monuments allein ist interessant, sondern auch das Portrait selbst. Denn es handelt sich um eine der seltenen Darstellungen in denen nicht das typische Sujet vom „Alten Fritz“ behandelt wird.

Hier ist ein junger, dynamischer Herrscher zu sehen mit vielen Plänen für die Zukunft – auch für die ostfriesische.

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2 Kommentare zu „Was macht eigentlich der Alte Fritz an der Knock?

  1. Der große Kurfürst schaut aufs Wasser, ob er Visionen bzgl. einer Ostindischen Company nach niederländischen Vorbild ( VOC) hatte ?
    Friedrich II. dagegen blickt ins Landesinnere auf „sein“ Ostfriesland und denkt vielleicht, was hast du mir „eingebracht“ ?

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  2. Es waren ursprünglich 3, die da am alten Rathaus standen. Kaiser Wilhelm I. wurde 1941 von den Nazis eingeschmolzen. Friedrich Wilhelm, genannt der Große Kurfürst, der von Emden aus seinen Sklavenhandel betrieb, zog auch mit um. Über den sogenannten Alten Fritz gibt es ziemlich viel zu berichten https://www.sueddeutsche.de/politik/friedrich-preussen-schwul-1.1264396 und: https://www.radiobremen.de/nordwestradio/serien/schauplatz-nordwest/alter-fritz-emden100.htm.
    Ich habe auch noch gelesen, dass Adolf Hitler bis zuletzt sein Bild im Führerbunker an der Wand zu hängen hatte. In den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts gab es in der Emder Zeitung schon einmal eine Leserbrief-Kampagne, die beiden verbliebenen Hohenzollern wieder heim ins Reich, Verzeihung: in die Emder Innenstadt zu holen.
    Michael Skoruppa

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