Inflagranti erwischt mit der Wasa-Prinzessin: Ein Skandal

Es waren einmal zwei ostfriesische Prinzen, die zur Brautschau nach Schweden reisten. Der Ältere sollte sich eine Königstochter aus dem Hause Wasa zur Frau wählen, der Jüngere ihn auf dieser erfreulichen Mission begleiten. Man schrieb das Jahr 1558, die Vertragsentwürfe waren gemacht, und Edzard und Johann gespannt auf die erste persönliche Begegnung mit den Wasa-Prinzessinnen. Für deren Vater, König Gustav I. von Schweden, war die Vermählung mit dem ostfriesischen Thronfolger strategisch, um sich aus der Abhängigkeit von Dänemark zu lösen und einen Zugang zum Meer zu haben. Ostfriesland schien dafür der passende Außenposten zu sein. Für Ostfriesland war es die mit Abstand ranghöchste Vermählung seiner Geschichte: eine Königstochter!

Edzard hatte die Wahl zwischen der ältesten Tochter Katharina Wasa oder ihrer eineinhalb Jahre jüngeren Schwester Cäcilie. Er entschied sich für Katharina. Es sollte jedoch noch ein wenig dauern, bis alle Details des Ehevertrages feststanden, die Eltern von Braut und Bräutigam verhandelten mit Bedacht. Sie wägten sehr sorgfältig alle Folgen ab.

Aber schließlich war es soweit: Am 1. Oktober 1559 wurden Edzard II. von Ostfriesland und Katharina Wasa von Schweden in Stockholm getraut. Er ist 27 und sie 20 Jahre alt. Zehn Kinder wird diese Ehe hervorbringen. Fast 40 Jahre sollte sie währen, bis zu seinem Tod am 1.3.1599.

Im November 1559 hieß es für die frisch vermählten Eheleute, wieder zurück nach Ostfriesland zu reisen. Sie wurden begleitet von ihren Geschwistern: Edzard von seinem Bruder Johann und Katharina von ihrer Schwester Cäcilie. Auf dem Weg legten sie vor Weihnachten einen Stopp im prächtigen Renaissance-Schloss Vadstena ein, auf dem ein Sohn des schwedischen Königs und einer der Brüder der Königstöchter, Prinz Magnus, lebte. Und hier passierte dann das, was als Vadstena-Affäre in die Annalen beider Herrschaftshäuser eingehen sollte und in ganz Europa Gesprächsstoff war:

Mehrere Nächte in Folge hatten die Wachmannschaften von Vadstena gesehen, wie ein Mann durch das Fenster in das Schlafzimmer der Königstochter Cäcilia einstieg. Als das zum vierten Mal passierte, informierten sie ihren Halbbruder, den Kronprinzen Erik, von den nächtlichen Besuchen. Gemeinsam mit dem Hausherrn Prinz Magnus entschied er, das Fenster der Schwester von nun an zu observieren, um im Falle einer Wiederholung dem Ertappten keine Möglichkeit zur Flucht oder Ausflucht zu geben. In der Nacht vom 13. auf den 14. Dezember passierte es dann wieder. Als die Wache in das Schlafgemach von Cäcilie eilte, um den Mann zu verhaften, standen sie einem nicht ganz unbekannten Gesicht gegenüber: Johann von Ostfriesland! Der Bruder des Bräutigams befand sich zudem in einigermaßen prekärer Situation – er hatte keine Hosen mehr an. Inflagranti erwischt, sagt man wohl dazu. Er wurde abgeführt und im Kerker gefangen genommen. Es folgten viele Verhöre – erst durch Erik, dann durch den König selbst.

Vadstena_Castle
Das Schloss Vadstena in Schweden: Viele Fenster zum Fensterln.

Was für ein Skandal! Am 17. Dezember wurden auch Edzard und Katharina unter Hausarrest gestellt. Cäcilie und Erik wurden zurück nach Stockholm zu ihrem Vater zitiert. König Gustav I. soll geweint haben, als er seiner Frau davon berichtete. Was für eine Schande für seine noch so junge Wasa-Dynastie. Welch Scham. Die Tochter bekam eine ordentliche Tracht Prügel und der älteste Sohn den berechtigten Vorwurf, die Angelegenheit nicht diskreter behandelt zu haben, sondern in aller Öffentlichkeit. Es half alles nichts. Geschehen war geschehen. Und war auch nicht so schnell aus der Welt zu schaffen.

Johann drohte mit 21 Jahren die Todesstrafe. Es brauchte viele Interventionen seiner Familie, viel zwischenstaatliche Diplomatie und viel Zeit, um diese dann schließlich von ihm abzuwenden. Es soll dann letztendlich die Fürsprache der englischen Königin Elisabeth I. gewesen sein, die ihn vor diesem Schicksal bewahrte und im Sommer 1560 für seine Freilassung aus der Haft sorgte. Die britische Potentatin wurde später eine Freundin der Cäcilie von Wasa,  die sie sogar in London besuchte. Johann musste vor dem König und seinem Hof schwören, dass nichts „Sexuelles“ zwischen ihm und Cäcilie passiert sei. Ihre Brüder ließen zudem eine neue Münze prägen, auf der sie als die unschuldige „Susanna im Bade “ zu sehen war.

Cäcilie galt als die schönste der fünf Töchter von Gustav I. Sie war damals 19 Jahre alt und stand in der Blüte ihres Lebens. Auch nach dem Skandal, der überall für Aufsehen sorgte, war sie beim Hochadel weiterhin eine gefragte Heiratskandidatin. Ehelichen sollte sie schließlich aber einen deutschen Markgrafen, Christoph II. von Baden-Rodemachern, mit dem sie später sechs Kinder hatte. Als Witwe führte sie ein bewegtes Leben, war auch mal Gräfin von Arboga und unterhielt dort eine Piratenflotte, hatte ein Verhältnis zu einem spanischen Diplomaten und aus dieser Beziehung eine uneheliche Tochter, und konvertierte später zum katholischen Glauben. Sie starb am 27.1.1627 im Alter von 86 Jahren.

Johann hat seine schwedische Affäre weit weniger gut überstanden. Sie war der Anlaß für einen tiefen Riss in der Beziehung der beiden Brüder. Edzard II. hat es ihm wohl nie ganz verziehen, auf seine Traumhochzeit mit der Königstochter einen solch peinlichen Schatten geworfen zu haben. Durch ihn dauerte auch die Reise nach Schweden viel länger als geplant. Erst 1561, nach drei Jahren, kehrten sie alle wieder nach Ostfriesland zurück. Johann hat danach nie geheiratet und auch keine Kinder bekommen. „Nie mehr in seinem Leben habe Graf Johann etwas mit Frauen zu tun haben wollen“, hieß es. Böse Zugen meinten, er sei damals zur Strafe entmannt worden. Er starb genau an seinem Geburtstag, dem 29.9.1591, im Alter von 53 Jahren.

Im Ergebnis: zwei Regenten, zwei Religionen, Ostfriesland tief gespalten

Durch die Einheirat der mächtigen Wasa-Familie sah sich die Mutter der Prinzen, die regierende Gräfin Anna von Ostfriesland, veranlasst, den schwedischen Einfluss auf Ostfriesland nicht zu groß werden zu lassen. Sie traf eine folgenschwere Entscheidung: Nicht allein der älteste, sondern alle Söhne sollten nach ihrem Tod gemeinschaftlich über Ostfriesland regieren. Insgesamt waren das anfangs drei. Denn es gab zwischen Edzard und Johann noch einen mittleren Sohn: Christoph, der aber bereits im Jahr 1566 und noch vor ihrem eigenen Tod 1575 verschied.

Mit dieser Regelung war zwar der Einfluss Katharinas von Schweden als Ehefrau des ältesten Sohnes minimiert. Gleichzeitig waren damit aber auch die Konflikte schon vorprogrammiert. Denn einig waren sich die beiden Brüder nun mal in vielen Dingen nicht. Der Machtkampf zwischen den Brüdern verschärfte sich, was zur gegenseitigen Blockade in der Landesherrschaft und damit zur Stärkung des Emder Bürgertums beitrug. Vor allen in Dingen in der Religion hatten die beiden Brüder grundsätzlich verschiedene Ansichten. Während Edzard II. und Katharina dem lutherischen Glauben folgten, war Graf Johann  – wie seine Mutter Anna – Anhänger der reformierten evangelischen Kirche. Da beide mit gleichen Rechten parallel regierten, konnte sich keines der beiden Bekenntnisse durchsetzen. 1595 kam es zur Emder Revolution, in deren Folge Edzard II. den Regierungssitz der Cirksena vom reformierten Emden nach Aurich verlegte und dort einen neuen Hof begründete.

Schloss in Aurich heute
Das Auricher Schloss heute.

Eine folgenreiche Hochzeitsreise

Rückblickend war die Hochzeit mit der schwedischen Königstochter eine Zäsur in der Landesgeschichte. Sie markierte den Beginn einer gleich mehrfachen großen Spaltung in Ostfriesland: einer persönlichen zwischen einstmals eng verbundenen Brüdern, einer zwischen gräflicher Herrschaft und städtischem Bürgertum und schließlich einer zwischen dem falschen und dem richtigen Glauben. Was einst mit so viel Hoffnung auf eine glückliche Zukunft zweier junger Menschen begann, hinterließ zwei verfeindete Brüder, ein geschwächtes Grafenhaus und ein konfessionell zerrissenes Land.

***


Und noch etwas

Katharina Wasa regierte als Gräfin von Ostfriesland kräftig an der Seite Edzard II. mit. Sie galt als diejenige, die in dieser Ehe den Ton angab. Nach dem Tod ihres Mannes 1599 bezog sie ihren Witwensitz in der Burg Berum, wo sie am 21.12.1610 im Alter von 71 Jahren starb. Reste ihrer Gebeine finden sich noch in einer der Sammelsärge im Mausoleum der Cirksena in Aurich.

Vom Grafen Johann, dem sein jugendliches Liebesabenteuer mit ihrer Schwester Cäcilie einst berühmt machte, ließ sich leider kein Bild finden.

Quellennachweise:

Sehr aufschlussreich schildern die englischsprachigen Wikipedia-Einträge zu „Princess Cecilia of Sweden“ die Vorgänge rund um die Vadstena-Affäre: https://en.wikipedia.org/wiki/Princess_Cecilia_of_Sweden

Weiterhin hält das Biografische Lexikon der Ostfriesischen Landschaft zu den Cirksena-Prinzen Edzard und Johann und ihrer Mutter Anna ausführliche Informationen bereit. Zu Katharina Wasa findet sich kein Eintrag.

Hinzuweisen wäre noch auf einen älteren, erzählerisch verfassten Artikel zum Tod Katharinas: Engelkes, Gustav G.: Katharina von Schwedens Tod in Berum In: Der Deichwart, S. 301, 1960

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