Innenansichten: Vom Langeooger Wasserturm und seinem legendären Türmer

Diese Treppen kennt er nur zu gut. Seit 25 Jahren steigt Jonny Vestering sie von montags bis freitags zweimal hinauf. Morgens um zehn Uhr zum Öffnen der Fenster ganz oben im Ausguck und mittags wieder zum Schließen. Es handelt sich um die Wendeltreppe im Innern des Wasserturms von Langeoog, dem weithin strahlendem Wahrzeichen der Insel. Fast genauso beliebt und bekannt wie das hoch aufragende Monument auf den Kaapdünen ist sein Türmer, der hier seit 25 Jahren seinen Dienst tut. 25 Jahre, das sind ein Vierteljahrhundert jeden Tag vierhundert Stufen hinauf und hinunter, wenn man die Außentreppe zur hohen Düne mitrechnet. Kein Wunder, dass der Mann noch so fit ist.

Jonny Vestering - Das Gesicht Langeoogs
Fit wie ein Turnschuh: Jonny Vestering, der Türmer von Langeoog.

Jonny Vestering ist unglaubliche 82 Jahre alt. Die Fitness hat er seiner überaus sportlichen Vergangenheit zu verdanken. Denn bevor er seine Laufbahn als Türmer einschlug, war er vor allen Dingen bekannt als begnadeter Stürmer. Nach dem Fußballer Jonny Vestering ist das Langeooger Stadion benannt. Sogar eine kleine Straße auf Langeoog trägt seinen Namen: Jonnys Straat, direkt neben seinem Stadion. Er gehörte 1956 zu den Gründern der Fußballabteilung des TSV Langeoog, die er auch als Sportler erfolgreich nach vorne führte. 50 Tore in einer Saison sind sein persönlicher Rekord.

Berühmte Namen begleiten seine fußballerische Laufbahn. 1977 etwa stand er Spalier in der DFB-Zentrale in Basinghausen bei Hannover am Sarg des eben verstorbenen Sepp Herbergers. Oder der 1. FC Köln, der auf Langeoog zum Trainieren auch einmal seine Zelte aufschlug und von ihm empfangen wurde. Oder der Heimatverein des Bundestrainers Joachim Löw, der SC Freiburg, der 16 Jahre lang zum Trainingslager in das Jonny Vestering-Stadion kam. Die Freiburger Profis richteten ihm zu Ehren und wohl auch zum großen Dank für den jahrelangen Gastgeber sein Abschiedsspiel aus: „Die letzten 25 Minuten durfte ich im Trikot des SC Freiburg spielen“, daran erinnert er sich noch heute gerne.

57 Jahre war er damals alt. Es war 1994. Sein Schicksalsjahr, wenn man so will. Jonny, wie ihn alle nennen, hatte nicht nur mit dem Fußballspielen aufgehört. Auch im Beruf gab es eine Zäsur: Die Augen spielten nicht mehr mit, er musste vorzeitig in Rente gehen und sich von seiner geliebten Inselschule, seinem Arbeitsplatz über viele Jahrzehnte, verabschieden. Damit war auch seine Zeit als Hausmeister und verehrter Fußballheld vieler Schüler und Schülerinnen zu Ende. Und hier kommt Ehefrau Christa ins Spiel. Denn sie gab damals den Anstoß: „Sie ist an allem schuld“, grinst Jonny heute. Denn die Gemeinde war auf der Suche nach einem neuen Wasserturm-Wärter. „Das kann Jonny jetzt doch eigentlich machen“, war ihr entscheidender Hinweis und aus heutiger Sicht ein fast schon historischer Beitrag. Jonny wurde von der spontanen Idee seiner Christa ein wenig überrascht, hat dann aber schnell, am nächsten Tag noch, zugesagt. So wurde aus Jonny, dem Stürmer, Jonny, der Türmer.

Das Gesicht des Wasserturms

25 Jahre später ist er ein lebendes Wahrzeichen Langeoogs. Der Wasserturm ohne Jonny? Unvorstellbar. So freute sich auch Bürgermeister Uwe Garrels in einer seiner letzten Amtshandlungen dem ewig jung Gebliebenen Anfang Oktober zum Jubiläum zu gratulieren: Die Inselgemeinde sei dankbar, dass Jonny diese Aufgabe mit so viel Herzblut mache, er sei das Gesicht des Wasserturms, war in den Langeoog News zu lesen. Das trifft es sehr gut. Moderne Marketingstrategen würden ihn wohl einen Imageträger des Inseltourismus nennen.

Unablässig beantwortet er in der Saison die vielen Fragen der Besucher: zur Geschichte des Wasserturms, zur Wasserversorgung und Kanalisation auf Langeoog, zur Insel und ihren Besonderheiten. „Jonny ist eigentlich unbezahlbar“, bringt es Ehefrau Christa auf den Punkt. Kein Wunder, dass die Blechbüchse für die Spenden stets prall gefüllt ist, die er am Ende jeder Woche zur Gemeinde trägt.

Der Eintritt zum Aufstieg in 33 Metern Höhe ist frei. Hunderttausende hat Jonny wohl in seinem Leben im Langeooger Wasserturm begrüßt, ihnen die runden Plastikscheiben in die Hand gedrückt, mit denen er kontrolliert, wie viel Personen oben auf der kleinen Plattform mit der grandiosen Aussicht stehen. Maximal zehn Personen kann er auf einmal hoch lassen. Um 12 Uhr ist eigentlich Schluss, ist „Schicht im Turm“. Doch Jonny drückt fast immer ein Auge zu, lässt den einen oder die andere auch nach dem Ende der offiziellen Öffnungszeit noch schnell hinauf steigen.

Ein Tank, der auf seinen „Zehenspitzen“ ruht

Auf dem Weg nach oben passiert man eine ganz besondere Konstruktion: man steigt durch den stählernden Wassertank hinauf. Denn der hat wie eine Kuchenform in der Mitte ein Loch, durch das man auf einer Wendeltreppe nach oben klettert. 3,80 Meter hoch ist dieses Loch, genauso hoch wie der kreisrunde Tank, der einen dabei umgibt. Der Tank hat noch eine weitere Spezialität: Er ist in der Mitte ganz breit, aber nach unter läuft er immer spitzer zu. Er steht quasi auf seinen Zehenspitzen und ruht auf einem schmalen Ringanker. So kann der gemauerte Turm unter dem Tank auch viel schmaler sein, als der oben auf liegende Wasserbehälter selber. Diese Konstruktion geht auf den Ingenieur Otto Intze zurück und gibt dem Wasserturm seine charakteristische Form.

Durch die Fenster, die das weit ausladende Achteck oben zieren, kann man beim Aufstieg nicht schauen. In dieser Höhe befindet man sich gerade mitten im Tank. Jonny Vestering hat für Ostfriesland Reloaded eine Ausnahme gemacht und einen Blick hinter die Kulissen ermöglicht. Denn zwischen Fenstern und Tank befindet sich ein schmaler Wartungsgang auf Holzbohlen. Von diesem kann man den Ring, auf dem der massive Tank mit seinen mehr als tausend Tonnen Liter Wasser Fassungsvermögen aufsitzt und die Kräfte nach unten bringt, sehr gut erkennen. Auch die großen Nieten, mit denen 1909 der riesige Tank zusammen montiert wurde, sind überall zu sehen.

Wer mehr über die Baugeschichte des Langeooger Wasserturms erfahren möchte – seine Planer, Finanziers und Erbauer – dem sei die interessante Ausstellung im Fuße des Wasserturms empfohlen, die zum 100-jährigen Jubiläum dort eingerichtet wurde.

Alle lieben ihren „Wasserturm-Opa“

Besonders Kinder lieben Jonny Vestering, nennen ihn „unseren Wasserturm-Opa“. Er erzählt ihnen gerne vom Wasserturm-Gespenst, das im Gebäude sein Unwesen treibe: „Wenn man die Fenster oben im Ausguck offen macht, fliegt es hinaus.“ Und schon stürmen die Kleinen Richtung Treppe. Jonny hilft dem Gespenst manchmal ein bisschen: Die Lichtschalter für den Wasserturm befinden sich direkt an seinem Tresen im Eingang. Wenn’s dann oben in der Laterne tüchtig flackert und gruselt, dann hat nicht nur der Nachwuchs seinen Spaß.

Zauberkiste 2019Immer wieder gerne kommt jedenfalls die Zauberkiste, eine Kindertagesstätte aus dem niedersächsischen Barntrup, beim Wasserturm vorbei. Da wird dann auch mal eine Schatzkiste versteckt. Und draußen, auf der Außentreppe vor dem Turm, wird immer gesungen. Wie viel Spaß das allen macht, zeigt dieses Gruppenfoto vom diesjährigen Wiedersehen. Gemalt wird auch immer gerne für Jonny, der die vielen Wassertürme aus Kinderhand dann im Eingangsbereich präsentiert. Zum Kuscheln ist ein Plüsch-Wasserturm da, Inselmaler Anselm Prester hat ein ganz wundervolles Kindermalbuch herausgebracht und neulich gab es von einem Gast sogar einen Schlabberlatz mit einem gestickten Wasserturm drauf für Jonnys umfangreiche Sammlung.

Immer im Mittelpunkt: die Pension Vestering

Doch ebenso wie der Wasserturm spielt die Pension Vestering eine wichtige Rolle in seinem Leben. Die hat er gemeinsam mit seiner Frau aufgebaut. Heute führt Tochter Martina erfolgreich das Pensionsgeschäft weiter. Sie gehört nach den Tourismus-Rankings zu den beliebtesten und best geführten Pensionen der Insel: ein echter Familienbetrieb, mit sehr viel Gastfreundschaft und Herzlichkeit, die alle Vesterings auszeichnen. Auch hier hat Jonny noch viele Aufgaben. Wenn er um 10 Uhr die Tür zum Wasserturm öffnet, hat er seinen ersten Einsatz im Dienst der Gäste meist hinter sich. Die zwei Stunden im Wasserturm sind für ihn da fast schon wie Entspannung.

Wie lange will er noch weitermachen als Türmer von Langeoog? „Solange ich noch körperlich kann und meine Augen mitspielen“, meint Jonny. „Den trägt man noch mit den Füßen voraus aus seinem Turm“, sagt Ehefrau Christa.

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Ein Kommentar zu „Innenansichten: Vom Langeooger Wasserturm und seinem legendären Türmer

  1. Super Neitrag zu Johnny Vestering.ich bin „Uaubs-Langeoogerin“ und gehe oft zum Wasderturm hinauf und weil Johnny so frwundlich ist bekommt er auch oft eun Scheinchen, Alles Gutw f<r Sie Johnny, gute Gesundheit und machen Sie uns weiterhin so viel Freude!

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