Himmelsspringer: Ganz einfach mal tief fallen lassen

Mit einen Tandemsprung fängt sie oft an, die Liebe zum Fallschirmspringen. Welcher Ort kann dazu eigentlich schöner sein, als das Wattenmeer vor den Ostfriesischen Inseln? Wer hier aus dem Flugzeug springt und sich von ganz oben fallen lässt, der spürt nicht nur die sprichwörtliche Freiheit über den Wolken, sondern auch die atemberaubende Schönheit dieser Landschaft. Man muss sich den Himmel erobern, um die Erde zu begreifen.

Bei seinem ersten Fallschirmsprung hat man da sicherlich ganz andere Gedanken. Wie etwa der fünfzehnjährige Carl Fritz aus dem Sauerland, der es diesen Sommer wagte und einen Tandemsprung auf Langeoog buchte. Das ist möglich, wenn wie jedes Jahr die Fallschirmsportgruppe Wildeshausen für vier Tage rund um Christi Himmelfahrt den Flugplatz der Insel für ihr leidenschaftliches Hobby nutzt. Ihr Heimatrevier haben die Skydiver vom Flugplatz Varrelbusch rund um Cloppenburg, doch seit zehn Jahren gehört der gemeinsame Ausflug nach Langeoog fest ins Programm. Dann kann man sie unablässig vom Himmel springen und ihre Kreise ziehen sehen.

Einer von ihnen ist Ansgar Surmann. Er ist Tandemmaster und er ist auch derjenige, der Carl Fritz auf den ersten Fallschirmsprung seines Lebens vorbereitet. Die einzigen Voraussetzungen: Gesundheitlich fit muss man dafür sein und nicht schwerer als 90 Kilogramm. Vor allen Dingen muss man aber die Hinweise für den Tandemsprung beherzigen: Wie etwa die Hohlkreuzhaltung beibehalten, die man eben noch zusammen auf festem Boden gemeinsam mit dem Tandemmaster geübt hat. Auch sollte man sich im freien Fall nicht am Tandempiloten oder an Teilen des Fallschirms festhalten.

Alles richtig gemacht! Carl Fritz hat bei der Landung wie gelernt die Beine hochgehalten, auch die Arme nicht ausgestreckt, und so ist sein Tandemmaster sicher mit ihm auf dem Flugfeld von Langeoog gelandet. Meister und Schüler strahlen gemeinsam um die Wette und tragen das schwere Gerät zurück zum Tower des Flugplatzes. So ein Tandem-Fallschirmsystem mit speziellem Passagiergurtsystem kommt allein schon auf ein Gewicht von 35 Kilo, das für den Schüler wiegt 15 Kilogramm. Mit 20.000 Euro hat das Tandemsystem einen stolzen Anschaffungspreis. Dagegen mutet ein Tandemsprung auf Langeoog, für den der Verein 220 Euro pro Person inklusive Einweisung, Flug und Ausrüstung berechnet, geradezu günstig an.

Ein normales Fallschirmsystem für Einzelspringer kostet nagelneu zirka 8.500 Euro. So ein System hat grundsätzlich vier Bestandteile: das Gurtzeug, den Hauptschirm, den Reserveschirm und einen Öffnungsautomat auf die Reserve. Das erläutert Bernhard Ruholl-Siemer, verantwortlich für die Fallschirmsportausbildung sowie Tandem- und Schnuppersprünge bei der Wildeshauser Fallschirmsportgruppe. Seit 1974 ist er Fallschirmspringer, wurde als junger Mann motiviert durch die damals beliebte US-Fernsehserie „Ripcord – Sprung aus den Wolken“. In 45 Jahren hat er rund 1.100 Sprünge absolviert. „Früher war man damit in Fachkreisen ein Skygod. Heute erhält man diesen Ehrentitel ab 10.000 Sprüngen“, erklärt der Experte schmunzelnd. Fallschirmspringen könne man noch bis in hohe Alter. Der älteste im Verein sei 78 Jahre und mache noch 100 Sprünge im Jahr.

Viel gesprungen wurde an diesem Himmelfahrtswochenende (wie passend) auf jeden Fall. Allein 36 Mal stieg man mit dem Flieger in die Luft über Langeoog. Der Liftboy, so nennt man den Piloten beim Fallschirmspringen, hat bei jedem Load maximal fünf Passagiere dabei. Mehr passen nicht in die vereinseigene Maschine, eine Cessna 206. Die fünf Springer setzen sich nach einem ausgeklügelten System in den Freiraum neben und hinter den Sitz des Piloten. „Bei einem Formationssprung müssen alle fünf Fallschirmspringer vor dem Absprung auf der kleinen Plattform draußen vor der geöffneten Tür stehen. Die muss dann einiges an Gewicht aushalten,“ erläutert Ruholl-Siemer weiter.

In den Tagen auf Langeoog lädt man auch gerne Gäste zum Mitspringen ein. Einer von ihnen ist Mattthias Meyer, der in Wilhelmshaven lebt, aber die Gelegenheit zu einem Fallschirmsprung mit fantastischem Ausblick über die Nordsee nicht verpassen will. Mit einer Helmkamera hält er alles fest.

Rund zwanzig Minuten dauert in etwa der Aufstieg auf 3.000 Metern Höhe, der einen bei guter Sicht von oben sogar bis nach Helgoland schauen lässt. Beliebt sind auch die Early Birds, Flüge zum Sonnenaufgang. Mit etwas Glück sieht man die Sonne gleich zweimal aufgehen. In der Höhe kann man sie das erste Mal über der Erdkrümmung erblicken, beim Fallen sieht man sie dann ein zweitesmal.

Von Anfang an bei den verlängerten Wochenenden auf Langeoog dabei ist Monika Vogelsang. Genau wie der Verein kann sie in 2019 ihr zehnjähriges Jubiläum auf der Insel feiern. Sehr viel länger ist sie jedoch schon Fallschirmspringerin und auch Vereinsmitglied. Seit 23 Jahren lässt sie sich vom Himmel fallen. Die beeindruckende Zahl von 3.750 Sprüngen verzeichnet ihr persönliches Sprungbuch, das sie sich vom Langeooger Flugplatzleiter Wilfried Werner nach ihrem letzten Sprung stempeln lässt.

Rountiert packt sie denn auch ihren Fallschirm wieder zusammen. Das ist auch für einen Profi wie sie immer wieder eine Übung, die viel Aufmerksamkeit und Kraft kostet. Doch am Ende ist wieder alles verpackt, sind alle Leinen sortiert, findet der riesige Schirm seinen Platz im kleinen Rucksack.

Bis zum nächsten Sprung!

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