Im Profil: „Strandspaziergang“ mit dem Solar-Rollstuhl

Die blanke Lebenslust blitzt aus ihren Augen. Vor ihr der kilometerweite, weiße Strand von Spiekeroog, neben ihr Hund Emily und über ihr nur der endlos blaue Himmel dieses strahlenden Tags am Meer. Freiheit pur, das ist es, was sie spürt, und das ist für Andrea Krosse ein ganz seltenes Gefühl. Denn die attraktive Frau sitzt seit ihrem 21. Lebensjahr im Rollstuhl, als bei ihr eine seltene Muskelerkrankung, eine Polymyositis, zur Schwächung der Muskulatur vor allem an Armen und Beinen führte. Heute ist die 49-Jährige zwar gesund, doch die Behinderung wird Zeit ihres Lebens bleiben. Ein besonderes Leben, das sie zu meistern gelernt hat, auch dank der Unterstützung ihres Ehemanns Markus Baumjohann.

Spiekeroog ist die Lieblingsinsel der beiden. Seit 2005 verbringt das Ehepaar aus Augsburg den Urlaub jedes Jahr auf der Nordseeinsel vor der ostfriesischen Küste. Denn ausgerechnet Spiekeroog ist ein wahres Paradies für Menschen, die nicht mehr ganz so mobil sind wie andere. Kurios eigentlich, denn auf keiner anderen der sieben Ostfriesischen Inseln muss man als Gast so gut zu Fuß sein wie hier. Es gibt keinen Fahrradverleih wie anderswo, von Autos ganz zu schweigen. Erlaubt sind lediglich Bollerwagen zum Hinterherziehen von Kind und Kegel. Auch der Weg zum Strand ist ein wenig länger als auf den anderen Eilanden, führt in langen Bögen von der Ortsmitte durch eine grüne, hügelige Dünenlandschaft. „Ein Großteil der Insel ist jedoch unberührte Natur und mit einem Rollstuhl nur eingeschränkt befahrbar“, heißt es vorbeugend in der Inselbroschüre zur Mobilität auf Spiekeroog. Doch ausgerechnet hier hat die so immobile Andrea Krosse ihren Traum vom Urlaub am Meer verwirklichen können

Denn das kleine Eiland hat sich schon immer sehr engagiert, auch den Gästen, die nicht so gut zu Fuß sind, Alternativen zu bieten. Beispielsweise das Strandmobil: ein überdimensionierter Rollstuhl aus strapazierfähigem Plastik und dicken Ballonreifen. Darauf schob Baumjohann seine Frau viele Urlaube lang durch den Sand. „Die Strandausflüge sind einfach wunderbare gemeinsame Erlebnisse für uns, die wir ohne einen strandfähigen, fahrbaren Untersatz nie unternehmen könnten. Aber anstrengend war das schon.“ Vor allem für ihn, denn ohne Schieben ist auch mit dem Strandmobil kein Fortkommen möglich. Das gilt auch für sein Pendant, das Wattmobil, mit dem Ausflüge ins Weltnaturerbe Wattenmeer machbar sind.

Die Zeiten sind vorbei. Und daran ist seine Frau nicht ganz unschuldig. 2013 hatten sie zufällig auf Youtube einen solarbetriebenen Rollstuhl entdeckt, der endlich ein Fortkommen ohne Schieben und mehr Mobilität versprach. Mit seinem dicken Reifenprofil auch noch ideal für Offroad-Touren durch den Sand! Andrea Krosse hat sogleich Spiekeroogs Tourismusdirektor Patrick Kösters darauf aufmerksam gemacht. „Ob er so etwas nicht auch für sie und andere Gäste anschaffen könne.“ Der war auch sofort davon begeistert und hat sich in der Sache sehr engagiert, wie sie sich gerne erinnert. Ein paar Jahre hat es dann doch noch gedauert, denn der solarbetriebene Rollstuhl kostet in Anschaffung und Betrieb so viel wie ein kleines Auto. „20.000 Euro etwa inklusive Batterien“ rechnet Kösters vor. Finanziert wurde das Projekt schließlich durch die Unterstützung von LEADER, einem europäischen Programm zur Förderung von Projekten im ländlichen Raum. Die Nachbarinseln Juist und Langeoog schlossen sich dem Vorhaben auch noch an, und so gelang es 2017 den Offroad-Rolli mit Solarbetrieb auf die Insel zu bekommen.

2019 startet man nun mit diesem ganz speziellen Rollstuhl in die dritte Saison. Der auch von den Insulanern selbst gerne genutzt wird, wie Kösters bemerkt hat: „Das Solar-Strandmobil ist das ganze Jahr über in Betrieb. Auch alte Insulaner, die zehn Jahre nicht mehr am Strand waren, haben sich sehr über das Mehr an Freiheit und Unabhängigkeit auf ihrer Insel gefreut.“ Wie generell das Angebot auch im Rahmen anderer Inklusionsprojekte wie etwa bei Gruppen mit Behinderten, die regelmäßig im Jugendhof der Insel Station machen, mit Freuden angenommen werde: „Es ist ein Traum“, sei da immer wieder zu hören. Das Gefährt genieße eine hohe Reputation, seine Anschaffung habe sich für Spiekeroog auf jeden Fall ausgezahlt.

Und die, mit der einmal alles anfing? Was meint Andrea Krosse? „Ich bin hartnäckig. Auch in meiner Heimatstadt Augsburg habe ich immer solange wieder und wieder gefragt, bis ich endlich wieder per Aufzug in mein Lieblingstheater kam, nachdem ein alter Lastenaufzug außer Betrieb gesetzt wurde. So war das auch bei der Anfrage für den Solar-Strandrollstuhl auf Spiekeroog. Ich bin einfach immer dran geblieben.“

Ihr Einsatz hat der Augsburgerin große Freiheiten im Urlaub ermöglicht. Sie kann jetzt entscheiden, wo es lang geht. Sie kann jetzt entscheiden, wie schnell es voran geht. Sie kann endlich die Freiheit spüren, die alle spüren, wenn sie auf Spiekeroog am Strand spazieren gehen, kilometerlang. Pures Inselglück, das Andrea Krosse jetzt sogar ganz allein genießen kann, auch wenn sie gerne mit ihrem Mann unterwegs ist. Auf dessen Hilfe ist sie weiterhin angewiesen, um überhaupt in dem Solar-Rollstuhl mit seinen scharfkantigen Fußblechen Platz zu nehmen.

„Die Steuerung des solarbetriebenen Gelände-Rollstuhls verlangt ein wenig Übung. Er wird mit dem Joystick bedient. Geradeaus geht es, wenn man ihn nach vorn drückt, rückwärts, wenn man ihn nach hinten bewegt. Für links oder rechts schiebt man den Joystick jeweils schräg seitlich nach vorne beziehungsweise nach hinten. Die Geschwindigkeit lässt sich am Steuerpult vor einstellen, man hat aber auch die Möglichkeit, durch weniger Druck auf den Joystick die Fahrgeschwindigkeit zu verringern – oder durch vollen Druck schneller zu werden.“

Der Solar-Rollstuhl fährt maximal fünf Kilometer pro Stunde. Das ist nicht wirklich schnell, wenn man sich einmal daran gewöhnt habe, sagt sie. „Aber man düst seinen Begleitern, die zu Fuß unterwegs sind, dennoch manchmal einfach davon“, schildert die unternehmungslustige  Rollstullfahrerin mit sichtbarem Vergnügen. „Beim ersten Ausflug habe ich meinen Mann ständig überholt.“

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Frei! Nur der Himmel und Emily (© Markus Baumjohann)

Manchmal fährt sie nur mit Emily, ihrer Australian Shepherd-Hündin weiter, macht ihren „Strandspaziergang“ ganz alleine. Auch Markus Baumjohann genießt die gewonnene Unabhängigkeit, die das Solar-Strandmobil seiner Frau gibt – und das auch ihn aus seiner ständigen Verantwortung für ein paar Momente am Strand entlässt. Für Andrea Krosse hat sich der Einsatz für den geländegängigen Rollstuhl gelohnt. Heute kann sie trotz ihres großen Handicaps mit ihrem Traummobil über den Strand ihrer Trauminsel ziehen. Und mit ihr viele andere Touristen jedes Jahr.


Und noch etwas

Der solarbetriebene Rollstuhl ist ein richtiges kleines Geländefahrzeug für den Strand, das von der Firma Cadweazle aus Kiel vertrieben wird. Wer auf Spiekeroog damit eine Spritztour unternehmen will, der sollte frühzeitig reservieren. Der Solar-Strandrollstuhl gehört zu einem vielfältigen mobilen Gäste-Fuhrpark der Insel wie etwa dem Strandmobil zum Schieben auf Sand, dem Wattmobil zum Schieben durch das Watt sowie zwei Elektro-Scootern für Wege durch das Dorf und zu den Stränden. Zusätzlich können am Hafen von Spiekeroog Rollstühle und Rollatoren angemietet werden. Für Personen, die stark in ihrer Mobilität eingeschränkt sind, ist das Inselmobi buchbar – Golfcaddies, die bis zu drei Personen transportieren. Die Angebote sind Teil eines umfassenden und lokalen Mobilitätskonzepts, mit dem sich die Ostfriesische Insel für eine barrierearme Urlaubsumgebung einsetzt. Dazu gehören auch verschiedene Einrichtungen, die im Rahmen des Projekts „Reisen für alle“ von TourismusMarketing Niedersachsen (TMN) als barrierefrei zertifiziert wurden. Mehr Informationen sind über die Kurverwaltung Spiekeroog unter info@spiekeroog.de oder auf der Webseite unter www.spiekeroog.de erhältlich.

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Ostfriesland Reloaded bedankt sich für einen wundervollen Strandausflug auf Spiekeroog sehr bei Andrea Krosse – und bei ihrem Mann Markus Baumjohann ganz besonders für diese Fotografie.

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