Ostfriesland, hier hat Zukunft eine Heimat: Grüner Strom und glückliche Menschen

Nach dem Blick auf das Land, seine Identität und Wurzeln, nach einem Schwenk auf die Leute und das Leben mit Plattdeutsch und Tee, geht es nun im dritten und letzten Teil der Heimat Ostfriesland-Trilogie um die Zukunft. Um die Zukunft eines Landstrichs, der immer irgendwie am Rand lag, oft unterschätzt wurde, eine ländliche Region mit gewissen Eigenarten, rückständig. Doch Ostfriesenwitz, komm raus. Du bist umzingelt! Diese Klischees gelten schon lange nicht mehr.

Nicht, dass es keine Eigenarten mehr gäbe, dazu werden Klootschießen, Boßeln und das Binden von bunten Blumenbögen zu sehr gepflegt, doch Ostfriesland präsentiert sich heute als eine sehr fortschrittliche Region mit einer ausgesprochen grünen Zukunft. Einer ausgesprochen windigen Zukunft muss man auch sagen: Mit den Offshore-Windparks draußen in der Nordsee und dem bundesweit größten Hersteller von Windenergieanlagen, Enercon in Aurich, kann Ostfriesland einiges Gewicht in die Waagschale werfen, wenn es darum geht, Deutschlands Ausstieg aus Kohle und Atom in die Tat umzusetzen. Die Energiewende wird im Norden gemacht. In Ostfriesland entsteht momentan eine Modellregion für erneuerbare Energien.

Offshore Windpark_pexelsAuch in Sachen Elektromobilität werden in Ostfriesland momentan entscheidende Pflöcke für den Weg in die Zukunft geschlagen: Die VW-Werke haben entschieden, dass in Emden die ersten Elektro-Einstiegsmodelle des Herstellers gebaut werden. Doch nicht nur hier bauen Ostfriesen an der Zukunft der Elektromobilität mit. Auch in Aurich wird sie vorangetrieben. Hier sitzt die Bundesanstalt für Verwaltungsdienstleistungen (BAV), die sich im Auftrag des Bundesministeriums für Verkehr und digitale Infrastruktur seit 2017 um den Aufbau eines dichteren Netzes von Ladesäulen für Elektroautos kümmert. 15.000 Ladesäulen mehr sollen am Ende in Deutschland entlang von Bundesstraßen und in Städten, Autohöfen, Einkaufszentren, Sportanlagen und Verkehrsknotenpunkten stehen. Rund 300 Millionen hat der Bund dafür in die Hand genommen. In Aurich wird unter anderem über die Förderfähigkeit der Projekte entschieden.

Ostfriesland scheint von diesen Entwicklungen in Sachen erneuerbare Energien und alternative Antriebe gleich zweifach zu profitieren: Einmal vom Wind, der den grünen Strom in Mengen erzeugt, und auf der anderen Seite von der Automobil-Industrie, die eben genau diesen grünen Strom nun als neue Antriebsenergie benötigt.

Einer, der genauestens um diese strategisch wichtigen Weichenstellungen für Ostfriesland weiß, ist Johann Saathoff. Der SPD-Politiker ist Ostfrieslands Mann in Berlin – was insofern korrekt ist, als dass die anderen zwei Bundestagswahlkreise mit ostfriesischen Anteilen von zwei Frauen vertreten werden.

Johann Saathoff_MdBEr sitzt in dem so wichtigen Ausschuss für Wirtschaft und Energie und ist energiepolitischer Koordinator der SPD-Fraktion. „Zukunft Ostfriesland“ ist sein Programm und steht bei ihm immer ganz oben. Keine Frage also, dass Ostfriesland Reloaded unbedingt ein Gespräch mit Johann Saathoff führen musste, nicht nur wegen seiner berühmten Plattdeutsch-Rede im Bundestag, die fast auf den Tag genau ein Jahr her ist. Hier geht’s zum kompletten Interview.

Ostfriesland ist eine starke Marke und wartet auf seine Renaissance

Das Wahre, Schöne, Gute gilt es im Traditionellen zu entdecken und zu transformieren in etwas spannendes Neues. Geradezu genial ist das den beiden jungen Machern von „Ostfriesen Eistee“ gelungen. Sie setzen auf das Kulturgut Ostfrieslands schlechthin, den guten alten Ostfriesentee, und geben ihm als Eistee in der Flasche einen neuen, im wahrsten Sinne des Wortes coolen Look. Die Idee hat eingeschlagen wie eine Bombe: gefragt als Getränk wie auch als Mitbringsel.

Die Marke Ostfriesland hat noch viel Potential. Warum nicht auch „Austern aus Ostfriesland“ anbieten? Es sind doch eh viel zu viel da von der Pazifischen Art. Was Sylt kann, kann Norden doch schon lange. Oder wie wär’s mit „Echt Ostfriesischem Queller Chutney“. Das Ökowerk Emden hat da schon erfolgreiche und schmackhafte Testreihen gefahren. „Ostfriesischer Käse“, „Ostfriesischer Joghurt“, all das kann theoretisch zu einer Marke werden. Wie der gute Alpen-Joghurt oder die Alpen-Milch. Apropos Milch. Das wäre ja noch die Milchbar auf Norderney. Auch ein Beispiel für gutes Marketing. Denn der Szene-Treff am Meer spielt erfolgreich mit dem Image des heimlichen Wappentiers von Ostfriesland, der schwarzweiß-gefleckten Kuh.

Sehr erfolgreich in der modernen Interpretation alter Tradition sind bereits einige Veranstaltungen in Ostfriesland: Angefangen von den Regatten der Krabbenkutter im Sommer über die Schlickschlitten-Wältmeisterschaften bis hin zu den Bierfestivals im Herbst. Sie setzen alle altes Kulturgut in moderner Form eines Events um.

Auch die Filigrankunst gehört unbedingt wieder in das Marken-Progamm. Es gibt hier wundervolle moderne Designs dieses alten ostfriesischen Handwerks. Das gleiche gilt für den Bernstein, diesem uralten Material aus den Tiefen der Nordsee. Ebenso wären Tuche und Stoffe von ostfriesischen Schafen zu nennen, für das Ostfriesland einst weithin berühmt war. Natürlich gehört auch die friesische Fliesenkunst mit dazu. Hier gäbe es noch viel aufzuwerten, manchmal vom Muff zu entstauben oder gar neu zu entdecken. „Echt Ostfriesland“, so könnte die neue Marke vielleicht einmal heißen. Oder anders. Die Hauptsache: es gibt überhaupt eine. Denn daran mangelt es: an einer Markenstrategie für die Region, wie einst Nordrhein-Westfalen mit „Ein starkes Stück Deutschland“ für sich warb.

Demografischer Wandel auf Ostfriesisch: Extreme Entwicklungen hier und da

Auslaenderanteil
Je dunkler das Orange umso höher der Ausländeranteil.

Der Anteil an Ausländern ist in Ostfriesland im Bundesvergleich relativ gering, in den Landkreisen Aurich und Wittmund liegt er bei jeweils 4,6 Prozent, in Leer bei 6,7 Prozent. Lediglich in Emden ist er mit 7,9 Prozent Anteil ein wenig höher, aber auch immer noch deutlich im Mittel, nicht zu vergleichen mit der deutschen Hochburg Offenbach und ihren 33,6 Prozent.

Fremdenfeindlichkeit ist immer noch ein Fremdwort im gastfreundlichen Ostfriesland, dazu gibt es einfach auch zu wenige ausländische Mitbürger. Ostfriesland hat seine Integrationsfähigkeiten in der Geschichte schon oft unter Beweis gestellt: ganz früher bei den Glaubensflüchtlingen, die man während der Reformation großzügig aufnahm, in jüngerer Vergangenheit bei den vietnamesischen Boatpeople, denen man Ende der Siebziger eine neue Heimat gab.

Nun ist nicht jeder, der in Ostfriesland lebt und den die Statistik als Einwohner erfasst, gleich ein Ostfriese. So rechnen Ostfriesen nicht. Die Eingemeindung einer Person aus dem nicht-ostfriesischen „Ausland“ kann Jahrzehnte dauern oder auch niemals im Leben stattfinden. Während umgekehrt noch jeder im Land geborene Ostfriese, den es außerhalb der ostfriesischen Scholle verschlagen hat, nach fünfzig Jahren als „Buten-Ostfriese“ weiter dazugehört – man denke nur an den Ostfriesen schlechthin, den Wahlhamburger Otto Waalkes. Das macht auch jede „Ostfriesenzählung“ so schwierig und eigentlich unmöglich.

Heimat ist mehr als der Ort, an dem man das Licht der Welt erblickte. Heimat, das ist vor allen Dingen ein Gefühl.

Juli Zeh

Ein bißchen Zuzug kann Ostfriesland jedenfalls nicht schaden. Denn nähme man nur die natürliche Bevölkerungsentwicklung, dann sähe es schlecht um die Region aus: durch den Wegzug der Jungen zu Arbeit und Universitäten wäre noch gut jeder Teil Ostfrieslands von Schrumpfung bedroht. Nur der Tatsache, dass so viele Urlauber Ostfriesland im Alter zur Wahlheimat erklären, ist es zu verdanken, dass etwa die direkt gegenüber den Ostfriesischen Inseln gelegenen Landkreise Aurich und Wittmund mit einem Plus von 1,4 und 0,1 Prozent im Saldo keinen Rückgang bei den relativen Bevölkerungszahlen zu erwarten haben. Hier gleichen die Zuzüge der „Fremden“ das Minus wieder aus.

Das sieht in anderen ländlichen Regionen Deutschlands noch ganz anders aus wie etwa in Südniedersachsen oder Nordhessen. Da sterben ganze Dörfer aus. In Ostfriesland ist von einer deutlichen Schrumpfung die sehr ländliche Krummhörn betroffen, die im touristischen Wettstreit zwar über das idyllische Greetsiel und den Pilsumer Leuchtturm verfügt, aber keine Nordseewellen und Inseln, sondern nur die Emsmündung bieten kann. Ihr fehlt der Zuzug von Fremden in die vielen kleinen, verstreut über die Ebene liegenden Dörfer, und es ziehen einfach zu viele weg aus der Krummhörn. Vor allen Dingen die Jugend nach Ausbildung oder Studium in Emden.

Freier Blick im AlterEin besonders extremes Beispiel für den gewaltigen Touristen-Effekt ist dagegen der Ort Hage gegenüber von Norderney. Hages Bevölkerung wächst und gedeiht dank vieler Zuzügler, die ihr ehemaliges Reiseziel zur festen Heimat ihrer Wahl machen. Aber es zeigt auch besonders deutlich, was mit den Ex-Urlaubern im Ruhestand noch einzieht in Ostfriesland: das Alter. Und zwar zunächst das fitte Alter, das der relativ gut situierten Generation 60plus, die sich das Reizklima der Nordsee gönnen, die Inseln direkt vor der Haustür genießen, und das alles noch – im Gegensatz zu den Ostfriesischen Inseln – zu einem moderaten Preis. Prognosen des Landkreis Aurich gehen davon aus, dass bereits in fünf Jahren die Hälfte der Einwohner von Hage 60 Jahre und älter sein wird. Spannend wird es ab 2030 werden, wenn mehr und mehr die Hochaltrigkeit voranschreitet und der Ort zu einem mit der ältesten Bevölkerung der Welt gehören dürfte. Ostfriesland Reloaded hat sich Hage und seine besonderen demografischen Perspektiven mal genauer angeschaut.

Die Chancen, in Ostfriesland zufrieden zu sein mit seinem Leben, stehen sehr gut. Denn im bundesweiten Ranking, das im Glücksatlas Deutschland regelmäßig festgehalten ist, rangiert der Norden Deutschlands stets ganz oben. In 2018 erzielten die niedersächsischen Nordseeanrainer in den Bereichen Zufriedenheit mit der Arbeit sowie mit der Wohn- und Freizeitsituation Spitzenwerte. Besonders der absolut niedrige Preis für Bauland macht die Region in Zeiten unbezahlbaren Wohnraumes in den deutschen Metropolregionen attraktiv. Ostfriesland ist also kein schlecher Ort für die Glückssuche. Und auch junge Generationen werden diese Tatsache zunehmend zu schätzen wissen.

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Quellen und Zahlen

Landkreis Aurich. Demografische Entwicklung im nördlichen Kreisgebiet. Fachtagung, 2014

Landkreis Aurich. Demografischer Wandel, Webseite Landkreis Aurich unter: Bildung und Wirtschaft

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Ein Kommentar zu „Ostfriesland, hier hat Zukunft eine Heimat: Grüner Strom und glückliche Menschen

  1. Ich bin in Großheide geboren und liebe es hier zu Leben. Zwar sind hier die Jobangebote nicht so zahlreich wie in anderen Regionen Deutschlands, aber dafür sind die Mieten oder Preise für Häuser/Grundstücke sehr gering.

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