Der XXL-Ostfriese? Sein oder Nichtsein, das ist hier die Frage

Kaum ein Landstrich in Deutschland ist so von Klischees und Vorurteilen behaftet wie Ostfriesland und seine Bewohner. Das ist nicht erst so, seit es Ostfriesenwitze gibt. Schon vor zweihundert Jahren machte sich ein gewisser Heinrich Heine ein wenig lustig über Land und Leute am Wattenmeer:

„Die Eingeborenen sind meistens blutarm und leben vom Fischfang, der erst im Oktober, bei stürmischem Wetter, seinen Anfang nimmt. Das Seefahren hat für diese Menschen einen großen Reiz; und dennoch, glaube ich, daheim ist ihnen allen am wohlsten zumute. Unterwegs mitten in der duftigen Heimat des Frühlings, sehnen sie sich wieder zurück nach ihrer Sandinsel, nach ihren kleinen Hütten, nach dem flackernden Herde, wo die Ihrigen, wohlverwahrt in wollenden Jacken, herumkauern und einen Tee trinken, der sich von gekochtem Seewasser nur durch den Namen unterscheidet, und eine Sprache schwatzen, wovon kaum begreiflich scheint, wie es ihnen selber möglich ist, sie zu verstehen.“ (Aus: Reisebilder, Die Nordsee, 1826)

Ein vernichtendes Urteil! Und ein wenig überspitzt formuliert vom berühmten Dichter, der Ostfriesland wohl auch mochte: Immerhin verbrachte er mehrere Sommerurlaube auf Norderney. Selbst der Tee kommt bei ihm nicht sehr gut weg. Doch bei aller Ironie, die aus den Worten klingt, steckt wohl auch ein Körnchen Wahrheit drin, wie in jeder satirischen Übertreibung.

 „Sprache, Essen, Klima – das prägt“, stellte erst kürzlich der Schriftsteller und bekannte Frontsänger von Element of Crime, Sven Regener, in der Talkshow 3nach9 lakonisch fest. Ein Bremer in Berlin ist er, aber vor allem immer noch Bremer, den das ständig feuchte Klima in trockenere Zonen geführt hat. Und so ähnlich ist es wohl mit Ostfriesen: die Sehnsucht nach der Heimat bleibt, auch wenn das Zuhause längst schon ganz woanders ist. Nicht umsonst richtet sich das Ostfriesland Magazin, das traditionelle Monatsheft der ostfriesischen Halbinsel, ausdrücklich auch an Buten-Ostfriesen. Das ist ein allseits bekannter Begriff im Land und bezeichnet Ostfriesen, die außerhalb der Heimat, quasi im „Exil“, leben (müssen).

Klaus Peter Wolf_BuchreportAls Ostfriesland Reloaded vor einiger Zeit an einer Krimi-Stadtführung durch Norden teilnahm, immer auf den Spuren der Bestseller von Klaus-Peter Wolf, stand plötzlich eine provokante Frage im Raum: Ob der Erfolgsautor, ein gebürtiger Gelsenkirchener, der seit vielen Jahren in Norden Zuhause ist, eigentlich mittlerweile ein Ostfriese sei? Wie aus der Pistole geschossen, kam die Antwort der Einheimischen in der Runde: Nein! Mr. Ostfriesland höchstpersönlich, bei dem jedes seiner Bücher eine einzige Hymne auf Ostfriesland ist (Ostfriesenkiller, Ostfriesenblut, Ostfriesensünde, … bitte ergänzen Sie bis Band 13), dem es zu verdanken ist, dass das kleine Ostfriesland zur Primetime am Samstagabend eine Hauptrolle vor Millionen von deutschen Fernsehzuschauern spielt, ausgerechnet Klaus-Peter Wolf wird nicht zum Ostfriesen geadelt. Ja, wenn nicht er, wer denn dann?

„Irgendwann wird man ihm in seiner ostfriesischen Wahlheimat bestimmt ein Denkmal setzen. Kaum ein anderer Autor schildert jedenfalls so liebevoll Ostfriesland und die Menschen, die dort leben.“  Ja, das würde man annehmen, jedenfalls wird damit Ernst Corinth von der Hannoversche Allgemeine Zeitung auf der Webseite vom Erfolgsautor zitiert. Es wäre Klaus-Peter Wolf sehr zu wünschen. Aber – ein Denkmal macht noch lange keinen Ostfriesen, wie Ostfriesland Reloaded nach der kleinen Feldstudie während der Norder Stadtführung befürchtet.

Ganz anders liegt der Fall bei Otto, dem gerade überall gefeierten Siebzigjährigen. Der Komiker ist zwar in Ostfriesland geboren und dort auch zur Schule gegangen, in Emden, lebt aber schon locker fünfzig Jahre außerhalb ostfriesischen Territoriums. Schon früh hat es das kreative Allround-Genie nach Hamburg gezogen, in eine WG mit den jungen Udo Lindenberg und Marius Müller-Westernhagen, damals.

Otto und UdoLang ist das alles her, dazwischen liegt eine beispiellose Karriere: Er schuf wahre Klassiker des deutschen Humors, spielte sich hoch zum XXL-Ostfriesen. Der rotgelb-geringelte Leuchtturm in Pilsum wurde dank ihm berühmt und zu einem Wahrzeichen Ostfrieslands, auch der Humor sehr zu einer Sache der Ostfriesen. Blödsinn – eine ostfriesische Marke, die zu seiner Zeit in den Siebziger, Achtzigern auch stark auf die parallel kursierenden Ostfriesenwitze aufbauen konnte.

Deren Geburtsstunde soll 1968 gewesen sein, während einer gemeinsamen Klassenfahrt von ostfriesischen und Schülern aus dem benachbarten Ammerland. Diese ersten Frotzeleien über Ostfriesen wie auch spätere wurden von einem der Lehrer, Wiard Raveling, aufgezeichnet. Er ist auch der Verfasser von Die Geschichte der Ostfriesenwitze, dem Standardwerk zum Thema. Mit mehr als 50 Jahren gehören diese mittlerweile auch in die Mottenkiste des deutschen Humors, selbst wenn zum Jubiläum noch der ein oder andere wieder ausgepackt wurde wie etwa von stern im November 2018. Otto erfährt dagegen gerade bundesweit eine Renaissance. Wenn er auch anfangs auf der Welle der Ostfriesenwitze ritt, war der eigentliche Trick an der Otto-Erfolgsgeschichte eigentlich genau das Gegenteil: Statt die anderen über einen blöde Witze reißen zu lassen, einfach selbst eine eigene Witzfigur erfinden. Auch die Ostfriesen selber haben die große Witzewelle erstaunlich gelasssen über sich ergehen lassen. Der Ostfriesenwitz ist für sie mehr eine bekanntheitsfördernde Marke, der größte Exportschlager Ostfrieslands bevor die Windenergieanlagen kamen, als eine irgendwie zutreffende Schilderung seiner Einwohner.

TVFilmOtto bedient bis heute das humorige Image des Landes. Auf dieses setzt auch die erfolgreiche Krimireihe „Friesland“ des ZDF auf, die stets mit einem Augenzwinkern ein buntes Ermittlerteam aus Apothekerin, Bestatter und Kriminalpolizei in Leer agieren lässt. Die ebenfalls quotenstarken Krimiverfilmungen der Romane von Klaus-Peter Wolf im gleichen Sender bringen eine neue, düstere Seite Ostfrieslands auf die Mattscheiben und Screens. Serienmörder pflastern den Weg von Kommisarin Ann Kathrin Klaasen. Schwere Wolken ziehen über Himmel und Horizont. Kaputte Seelen kämpfen in rauher Natur gegen dunkle Mächte und ihre Vergangenheit. Nordic Noir.

Ja, Ostfriesland hat es nicht einfach mit seinen erfolgreichen „Vorzeige-Ostfriesen“: der eine, der keiner von ihnen ist, und der andere, der seit mehr als fünf Jahrzehnten außerhalb des Landes lebt. Der eine, der unablässig dafür sorgte, dass eine gewisse Unterbelichtetheit kleben blieb wie eine Klette, und der andere, der die Region nun zum Land der Psychopathen schreibt und filmt, wenn man nicht aufpasst. Beide Klischees haben mit der Realität nichts, aber auch gar nichts, gemeinsam.

Die Eigenarten der Ereignisse, Dinge und Menschen

Was braucht es also um Ostfriese zu werden? Leben in Ostfriesland muss man dazu eigentlich nicht, wie es scheint. Aber hier geboren zu sein, hilft schon sehr. Und auch Plattdeutsch sprechen – oder zumindest verstehen – macht die Dinge gleich viel einfacher. Wenn man das nicht vorweisen kann, dann wird es schwierig mit der doppelten Staatsbürgerschaft. Aber nicht unmöglich. Und zur Not gibt es ja noch das Ostfriesen-Abitur in Wittmund. Danach kennt man den „unverfälschten Charakter Ostfrieslands samt Sitten und Gebräuche“, frohlockt die Broschüre. Für Touristen auf der Durchreise immer ein großer Spaß, für die ostfriesischen Veranstalter vor allem ein einträgliches Spiel mit dem eigenen Image.

Ostfriesische Perspektiven„Die Eigenarten der Ereignisse, der Dinge und Menschen in Ostfriesland“, überschreibt Michael Hüttenberger die Momente, die ihn zu seinen leisen, sanft ironischen, aber immer liebevollen Beobachtungen über seine Nachbarn, sein Leben im Dorf, genauer in Stedesdorf bei Esens, angestiftet haben. „Ostfriesische Perspektiven“ heißt sein Buch und sind ein Blick von außen, von einem Autor aus Hessen, auf eine Gemeinschaft, die ihm ans Herz wächst und die er zu verstehen sucht. Wie etwa die vielen Rituale, zusammen zu kommen, gemeinsam zu feiern: zur Begrüßung von Nachbarn und Neugeborenen, zum Geburtstag und vielen anderen Jubiläen, zum gemeinsamen Basteln von blumengeschmückten bunten Bögen für die Haustür, zum Boßeln und Klootschießen im Winter, zum Trinken von heißem Tee und kühlem Korn.

Das soziale Miteinander ist eng, die Nachbarschaft alles andere als anonym. Dafür ist dann aber auch die Hilfsbereitschaft untereinander groß. Hier ist er noch lebendig, der viel gerühmte Gemeinschaftssinn, der an anderen Orten schon längst abhanden gekommen ist. Gemeinschaft und Gastfreundschaft hält Ostfriesland zusammen. Das hat die bekannte Kolumnistin Meike Winnemuth auf Spiekeroog gespürt, eine Nähe, die es ihr unmöglich machte, mit dem distanzierten Blick einer stets ironischen Autorin ihr Inselportrait fertig zu schreiben.

Peter GrossmannOder Peter Großmann, Sportmoderator beim Frühstücksfernsehen der ARD, der für morgendliche Sondersendungen zur Fußballweltmeisterschaft 2018 viel Zeit in Russland verbrachte, ein kleiner Ort mit einem großen Namen in Ostfriesland, und das ganze Dorf mit der täglichen Live-Sendung und die Sendung mit dem Dorf verschmolz.

Das sind die Momente, in denen man kurz zum Ostfriesen wird.

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Bildnachweis Titel: Museum für Kunst und Gewerbe, Hamburg. Ausstellungsplakat. Noch bis zum 17. Februar 2019 ist „Otto. Die Ausstellung“ dort zu sehen. Sie zeigt eine weniger bekannte Seite des vielbegabten Humor-Künstlers: die des Malers, der die unterschiedlichsten Stile und Techniken beherrscht – wie auch beispielsweise den des amerikanischen Malers David Hockney, den er in einem Selbstportrait mit Blick auf den Pilsener Leuchtturm gekonnt zitiert.

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