Freiheit, Freiheit – eine alte Spezialität der Friesen

Karl der Große war nicht nur besonders fromm, sondern auch ein militärischer Machtmensch und gewiefter Stratege. Er stellte die Friesen von der Pflicht zur Heeresfolge frei. Damit mussten sie nicht für Kaiser und Frankenland in den Krieg ziehen. Dafür mussten sie sich aber selbst gegen die Wikinger verteidigen, die im 9. Jahrhundert anfingen, die nördliche Grenze des Frankenreiches anzugreifen. Clever gemacht vom Kaiser, die Idee mit der selbstständigen Küstenwache, eine Art mittelalterlichem Wehrersatzdienst. Daraus entstand der Mythos, Karl der Große habe den Menschen an der Nordsee die Friesische Freiheit geschenkt.

Die Friesische Freiheit war zu seinen Zeiten jedoch nur auf eine privilegierte Schicht königstreuer Männer beschränkt, die während der Kriege vorher nicht gegen Karl den Großen gekämpft hatten und denen er daher nicht wie allen anderen das Recht auf ihr väterliches Erbe entzogen hatte. Das dürften nicht allzu viele gewesen sein. Erst mit dem Tod des Kaisers im Jahre 814 erhielten sie dieses Recht von seinem Sohn, Ludwig den Frommen, zurück. Was sich der Herrscher im Gegenzug durch eine königliche Abgabe, der so genannten huslotha oder koninckhuere, bezahlen ließ. Fortan genossen alle grundbesitzenden Friesen das königliche Privileg, nicht außerhalb ihres heimatlichen Territoriums kämpfen zu müssen.


In einer legendären Schlacht haben die freien Friesen im Jahre 884 ihr Land dann auch selbst erfolgreich verteidigt: An einem Küstenabschnitt bei Norden, genauer an der Hilgenrieder Bucht, besiegte ein friesisches Heer unter Führung eines Bremer Erzbischofs die sagenhaften Wikinger und schlug sie auf immer in die Flucht. Die „Schlacht von Norditi“ ging in die Annalen Ostfrieslands ein und führte in der Folge zur Gründung der traditionsreichen Norder Theelacht, die seit mehr als tausend Jahren die Ländereien verwaltet, die damals den Wikingern abgerungen wurden. Sie ist die älteste bis heute existierende Genossenschaft und trifft sich immer noch regelmäßig in ihrer „Theelkammer“ im historischen Rathaus von Norden.

drei_chronistenSehr unterhaltend erklärt diese Zusammenhänge ein brandneuer Comic, der soeben im Ostfalia-Verlag erschienen ist: In „Freiheit der Friesen“ nehmen Autor Thomas Dahms und der ostfriesische Cartoonist Jelde Fleßner die Leser mit auf eine spannende Reise in das historische Ostfriesland des 9. Jahrhunderts. Zentrale Figuren des munteren wie auch informativen Geschichtscomics sind seine drei Chronisten, die von den Anfängen der Friesischen Freiheit und ihren nachhaltigen Folgen berichten.


Die Friesische Freiheit, die zunächst nur für die Heeresfolge galt, wurde bald zum gesellschaftlichen Prinzip. Die Friesen setzten im 11. Jahrhundert jedem Versuch auswärtiger Grafen hier eigene Herrschaften aufzubauen, massiv Widerstand entgegen. Im 12. Jahrhundert bildete sich dann eine auf bäuerliche Freiheiten basierende Gesellschaft in Ostfriesland heraus. Es entstanden die friesischen Landesgemeinden, erste genossenschaftliche Organisationen mit großem Zusammengehörigkeitsgefühl. Sie akzeptierten keine anderen Landesherren und bestanden auf die ihnen zuerkannte Freiheit: „Der Stamm der Friesen ist nach außen frei, keinem anderen Herrn unterworfen“, heißt es 1240 in einem Zitat von Bartholomaeus Anglicus.

Gemeinsam war man stark, gegen die Sturmfluten und das Meer, aber auch gegen Angriffe aus dem Landesinneren, von Sachsen, von Oldenburgern. Sogar Heinrich der Löwe holte sich eine blutige Nase beim Versuch, Teile vom östlichen Friesland zu erobern. Vor allen Dingen boten aber auch die schwierigen geografischen Verhältnisse Sicherheit und Schutz vor feindlichen Übergriffen. Kam es dann doch mal zum Kampf, waren in den Sümpfen und Moorgegenden die Fußtruppen und Bauernheere in alt bewährter Guerilla-Taktik den Rittern in Rüstung haushoch überlegen.

upstalsboom_meyer
Die älteste bekanne Ansicht vom Upstalsboom: Ein Stich von Conrad Bernhard Meyer, 1796

Mythen umwoben ist ein Ort, der geradezu zum Symbol für die Friesische Freiheit geworden ist: der Upstalsboom. Der Upstalsboom war ein zentraler Versammlungsplatz der freien Friesen, an dem man regelmäßig am Pfingstdienstag zusammen kam, um Recht zu sprechen und zu vollstrecken, aber auch um so etwas wie eine gemeinsame Außenpolitik zu definieren. Dieser besondere Tag sollte später als „Oll’Mai“ in die Landesgeschichte eingehen und wird bis heute von der Ostfriesischen Landschaft traditionell jedes Jahr veranstaltet. Allerdings nicht mehr unter freiem Himmel am Upstalsboom, sondern an wechselnden Orten.

Upstal bedeutet so viel wie eingezäuntes Flurstück, Boom bezeichnet einen Baum, Pfahl oder Schlagbaum. Der etwas merkwürdige Name Upstalsboom bezieht sich demnach auf einen gemeinschaftlich genutzten Weidegrund, den dieser Hügel bei Aurich wohl auch war. Vom 12. bis ins 14. Jahrhundert fanden sich hier die Abgesandten vom Bund der Sieben Seelande ein, zu denen sich die freien friesischen Gebiete damals zusammen geschlossen hatten. Die Zahl Sieben ist nur symbolisch zu verstehen, es waren weitaus mehr Landstriche in dem Bund vertreten.

Den Upstalsboom, diesen so geschichtsträchtigen Ort für Ostfriesland, kann man heute noch besuchen. Er liegt in Rahe, etwas außerhalb vom Auricher Stadtzentrum. Dort erwartet einen eine fünf Meter hohe Pyramide aus Stein, zu der eine sehr schöne Allee mit alten Buchen führt.

 

Man braucht allerdings schon viel Vorstellungskraft, um an dem steinernen Denkmal dem Freiheitsgeist der Friesen des Mittelalters nachzuspüren. Was anscheinend auch gar nicht nötig ist, da er scheinbar nicht auf dem Original-Platz der pfingstlichen Versammlungen des Mittelalters steht. Der lag wohl einige Meter hinter der Steinpyramide, die erst 1833 zum Gedenken an Auricher Kriegsgefallene von 1815 errichtet wurde und an so ganz Anderes erinnert als an die Friesische Freiheit.

Im frühen Mittelalter befand sich an dieser Stelle vermutlich ein Begräbnisort. Denn bei archäologischen Ausgrabungen hat man unter dem Hügel mit der steinernen Pyramide noch einen weiteren Grabhügel entdeckt. Es enthielt so seltene Kostbarkeiten wie ein Damaszener Schwert und eine historische Glasperle aus dem Vorderen Orient.

denkmal upstaalsboom Im Dritten Reich hatten die Nationalsozialisten Pläne, den Upstalsboom zu einer germanischen Thingstätte auszubauen für völkische Feierstunden und Aufmärsche. Doch das wusste die Ostfriesische Landschaft als Eigentümerin des Geländes zu verhindern.

Der Upstalsboom ist bis heute der zentrale historische Fixpunkt Ostfrieslands. Das für die Landesgeschichte so bedeutende Denkmal hat in 2018 ein dringend benötigtes Make-Up erfahren: Bäumer und Sträucher wurden geschnitten, ein Parkplatz angelegt, neue Informationstafeln aufgestellt. Zusammen mit kreativ gestalteten Wegweisern ist der Ort für Besucher nun wesentlich einfacher zu finden, zu erforschen und in seiner ganzen Bedeutung zu verstehen. Eingelassen in die Fahrbahn empfängt die frisch sanierte Anlage in großen Lettern die Besucher mit dem berühmten Satz, der Karl dem Großen zugeschrieben wird:

Eala frya Fresena – Seid gegrüßt Ihr freien Friesen!

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Literaturtipp

Thomas Dahms, Jelde Fleßner: Freiheit der Friesen. Erfolg gegen die Wikinger und die Entstehung der Norder Theelacht 884, Ostfalia-Verlag, Hornburg, 2019, ISBN 978-3-96226-002-6, 40 Seiten, 14,90 Euro

 

Ostfriesische Landschaft: Auf der Webseite der regionalen Kultur- und Geschichtsbehörde findet sich diese sehr informative Schrift zur Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte des Upstalsbooms zum Lesen und Download.

 

Hajo van Lengen: Bauernfreiheit und Häuptlingsherrlichkeit. In: Karl-Ernst Behre, Hajo van Lengen: Ostfriesland. Geschichte und Gestalt einer Kulturlandschaft. Ostfriesische Landschaft, Aurich 1995

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