Faktencheck Ostfriesland: Lasst Zahlen sprechen, Schafe zählen!

Hier kommt der ultimative Faktencheck: Wie steht es um die Region? Was sagen die Zahlen der Statistiker? Das herauszufinden ist nicht ganz so einfach, wie es sich anhört. Da Ostfriesland als Gebietskörperschaft verwaltungstechnisch nicht mehr existiert, muss man die Daten für die Landesteile, die Ostfriesland heute noch kulturell-historisch repräsentieren, einzeln zusammentragen. Und das heißt unvermeidlich, sich auf die kommunale Ebene der niedersächsischen Landesstatistik zu begeben und seine Schäfchen zu zählen. Das heißt nachschauen, wie die Zahlen ganz konkret für die Landkreise Aurich, Leer, Wittmund und die kreisfreie Stadt Emden lauten und diese, wo erforderlich, zu einer Summe für Ostfriesland zu addieren.

Vom 30. Juni 2017 stammen die aktuellsten öffentlichen Zahlen zur Bevölkerung der Gemeinden in Niedersachsen. An der Auswertung und Darstellung der Daten vom Stichtag 31. Dezember 2018, der gerade erst abgelaufen ist, arbeiten die Statistiker in Hannover verständlicherweise noch.

karte ostfrieslandIn Ostfriesland leben derzeit genau 466.546 Menschen auf einer Fläche von 3.142,20 Quadratkilometern. Daraus ergibt sich eine Einwohnerdichte von rund 148 Einwohnern pro Quadratkilometer. Das ist für Niedersachsen mit einer Dichte von 167 Einwohnern pro Quadratkilometer unterdurchschnittlich und weist Ostfriesland als eine eher dünn besiedelte Region aus. Es gibt nur wenige Städte, die größten sind Emden (50.539 Einwohner), Aurich (41.849), Leer (34.187), Norden (25.188) und Wittmund (20.446). Borkum auf der gleichnamigen Insel ist mit 5.118 Einwohnern (Stand: 31. Dezember 2017) die westlichste Stadt Niedersachsens. Die Insel Baltrum ist mit 617 Einwohnern (Stand: 31. Dezember 2017) die kleinste Einheitsgemeinde Ostfrieslands.

Die Frauen sind in der Mehrheit, die Männer stärker vom Krebs bedroht

Insgesamt gibt es einen kleinen Frauenüberschuss in Ostfriesland: 231.329 männlichen Einwohnern stehen 235.217 Ostfriesinnen gegenüber. Das macht summa summarum genau 3.888 mehr Frauen im Lande als Männer. Die Einwohner Ostfrieslands verteilen sich auf die drei Landkreise und die eine kreisfreie Stadt wie folgt:

  • Aurich (190.461 Einwohner: 93.957 männlich / 96.504 weiblich)
  • Leer (168.515 Einwohner: 84.086 männlich / 84.429 weiblich)
  • Wittmund ( 57.031 Einwohner: 27.999 männlich / 29.032 weiblich); und
  • Emden (50.539 Einwohner: 25.287 männlich / 25.252 weiblich)

Für Aufregung haben Zahlen aus dem Jahresbericht 2013 des Epidemiologischen Krebsregisters in Oldenburg (EKN) gesorgt. Nach denen leben vor allen Dingen Männer im Nordwesten von Niedersachsen gefährlich, also in den Gebieten, die das historische wie geografische Ostfriesland ausmachen. In Niedersachsen sterben durchschnittlich 197 Männer pro 100 000 Einwohnern an bösartigen Krebstumoren. 2013 waren das in Niedersachsen insgesamt 12 078. Weit über dem Durchschnitt liegt dabei die Männer-Todesrate in Emden (236). Auch andere Regionen in Ostfriesland weisen sehr hohe Raten auf wie Wilhelmshaven, Wittmund, Aurich sowie alle Nordsee-Inseln. Warum das so ist, ist nicht ganz klar. Die einen vermuten die Asbestbelastung auf den Werften als Ursache, die anderen den wachsenden Anteil an zugezogenen Senioren aus dem Ruhrgebiet mit einer erhöhten Anfälligkeit für Lungenkrebs, die anderen schlicht das zunehmende Durchschnittsalter der Einwohner, das automatisch mehr Krebssfälle mit sich bringe.

Weitere Hinweise und Kennzahlen über Ostfriesland liefert das Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR), das sich auf die Analyse und Prognose demographischer Prozesse mit Blick auf Raumentwicklung spezialisiert hat. Sehr lesenswert ist in diesem Zusammenhang der Raumordnungsbericht, den das Institut 2017 mit Fokus auf Daseinsvorsorge herausgegeben hat. Auf diese Sonderpublikation bezog sich auch ein Autorenteam von Spiegel Online, das im Oktober des gleichen Jahres multimedial die spannende Frage beleuchtete: Boomt Ihr Landkreis auch?

Die Daten des BBSR wurden auf Landkreisebene erhoben und in digitale Karten transformiert. Wie gemacht für die naheliegende Frage: Boomt Ostfriesland auch?

Das historische Ostfriesland: Etwas älter im Schnitt, aber keinesfalls am Schrumpfen

402 Landkreise und kreisfreie Städte wurden unter die Lupe genommen. Das hilft bei der Einordnung der ostfriesischen Zahlen in das große Ganze. Jeder Rang, der unter- oder oberhalb der Hälfte von 201 liegt, zeigt einen Ausschlag in die ein oder andere Richtung: Gehört Ostfriesland nun eher zu den jungen oder zu den alten Regionen in Deutschland?

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Je dunkelroter, umso älter.

Teils, teils: In Emden und Leer mit einem Altersdurchschnitt von 42,7 und 43,2 Jahren (Rang 322 und 294) kann man sich noch zu den eher jungen Kreisen zählen, was wohl auch durch die dort ansässige Hochschule Emden-Leer bedingt ist. Aurich und Wittmund sind mit einem Durchschnittsalter von 44,1 und 44,8 Jahren (Rang 192 und 140) eher zu den älteren Landkreisen der Republik zu rechnen. Einen besonders hohen Altersdurchschnitt haben übrigens Friesland mit 45,9 (Rang 80) und Wilhelmshaven mit 46,0 Jahren (Rang 70), wenn man die Betrachtung Ostfrieslands noch um diese beiden erweitert.

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Je dunkler das Lila, umso weniger Menschen.

Im Gegensatz zu vielen anderen Randgebieten in Deutschland mit eher ländlicher Struktur muss Ostfriesland nicht um das Schrumpfen seiner Bevölkerung bangen:

Die Prognosen des BBSR weisen für Aurich (+ 1,4 Prozent), Emden (+ 1,1 Prozent) und auch Wittmund (+ 0,1 Prozent) Einwohnerzahlen auf einem stabil bleibenden, für Leer (+ 4,1 Prozent) sogar auf einem leicht wachsenden Niveau hin. Im benachbarten Friesland (-2,3 Prozent) und besonders in Wilhelmshaven (- 8,7 Prozent) stehen die Zeichen dagegen deutlich auf Rückgang.

 

An den Flanken boomen die Häfen, überall blühen Tourismus und Handwerk

Die Arbeitslosenquote ist in Ostfriesland im bundesweiten Vergleich eher hoch als niedrig zu bezeichnen und beläuft sich auf exakt 7,2 Prozent (Aurich), 6,6 Prozent (Wittmund) und 6,1 Prozent (Leer). Besonders hoch ist sie in Wilhelmshaven im Osten der ostfriesischen Halbinsel mit 11,9 Prozent und dem zehntschlechtesten Resultat in Deutschland, und auch im westlichen Emden mit 8,7 Prozent. Dafür haben die beiden Hafenstädte aber das größte Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Einwohner zu verzeichen: Emden respektable und im bundesweiten Schnitt mit Rang 27 recht weit vorne liegende 57.3000 Euro, Wilhelmshaven immerhin auch auf Platz 76 mit einem BIP von 40.000 Euro pro Kopf im vorderen Viertel.

An diesen beiden äußeren Enden Ostfrieslands mit ihren Industriehäfen, Werften und dem Autobauer VW ist viel Geld in Umlauf, sind die Umsätze hoch. Da können die anderen eher landwirtschaftlich geprägten Landkreise trotz boomendem Tourismus und dem Marktführer bei Windenergieranlagen, die Enercon GmbH in Aurich, nicht mithalten. Hier liegt das BIP um gut die Hälfte niedriger zwischen 21.700 Euro (Wittmund), 22.300 Euro (Aurich) und 27.100 Euro (Leer).

Die Entwicklung ländlicher Räume hat sich ein Förderprogramm der Europäischen Union (EU) zum Ziel gesetzt: LEADER (Abkürzung für französisch Liaison entre actions de développement de économie rurale). In Niedersachsen gibt es insgesamt 41 LEADER-Regionen mit klingenden Namen. Für Ostfriesland sind dies beispielsweise Östlich der Ems, Nordseemarschen, Wattenmeer Achter oder Fehngebiet. Von der EU 1991 ins Leben gerufen stattet das Programm förderungswürdige Regionen mit Mitteln aus dem Europäischen Landwirtschaftsfonds aus, damit diese vor Ort lokale Projekte planen, umsetzen und nachhaltige Impulse setzen können. Beim LEADER-Tag tauschen sich die ostfriesischen Regionen regelmäßig aus und entwickeln neue Initiativen für ihr Land am Wattenmeer.

pfeilspitzenWas die Bedeutung des Tourismus für Ostfriesland betrifft, hat die Ostfriesland GmbH 2013 aufschlussreiche Daten ermitttelt. Grundlage waren die Übernachtungszahlen und die statistischen Tagesausgaben der Urlauber. Nach den Berechnungen beziffert sich der gesamte Umsatz, welcher durch die Feriengäste in allen Branchen entsteht, auf über 2,8 Millarden Euro. Damit hat der regionale Tourismus einen Anteil von 9,8 Prozent am gesamten Einkommen der Einwohner Ostfrieslands, doppelt so hoch wie sonst in Niedersachsen. Alleine mit diesem Beitrag zum Primäreinkommen könnten nahezu 70.000 Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten.

Auch für die ostfriesischen Städte und Gemeinden ist der wirtschaftliche Effekt durchaus bedeutend. So fließen statistisch gesehen 2,5 Prozent des Nettoumsatzes in Form von Steuereinnahmen zurück an die Kommunen. Für die Reiseregion Ostfriesland bedeutet dies einen Rückfluss von 61 Millionen Euro. „Die Förderung des Tourismus ist gleichzeitig auch immer die Förderung der regionalen Wirtschaft“, das ist die klare Botschaft der Touristikgesellschaft aus Leer.

Neben dem Tourismus ist das ostfriesische Handwerk einer der größten Arbeitgeber der Region. Rund 36.000 Menschen arbeiten dort, in mehr als 5.300 kleinen und mittelständischen Betrieben. Das Handwerk – Wirtschaftsmacht in Ostfriesland lautet der Titel eines 120 Seiten starken Sammelbandes, der Ende 2018 erschienen ist und kostenlos über die Handwerkskammer in Aurich vertrieben wird. In 23 Reportagen geben die Autoren Holger Hartwig und Theodor Kruse Einblicke in die Stärken, Kompetenzen und Zukünftspläne dieses wichtigen wie zukunftsträchtigen Wirtschaftszweigs.

Der wirtschaftsstarke Arm im Westen: Wachstumsregion Ems-Achse

„Viele Ostfriesen glauben heute noch, zu träumen und reiben sich die Augen. Aber es ist tatsächlich wahr: Sie leben in einer Boom-Region“, das stellt zumindest der Landkreis Leer in einem publizistischen Selbstportrait fest. Als Keimzelle identifizieren die kommunalen Herausgeber die Reeder in Leer und Umgebung, „die vor knapp 30 Jahren die Chancen der Globalisierung rechtzeitig erkennen und die Unterems in wenigen Jahren zum zweitgrößten Reedereistandort Deutschlands katapultieren.“ So ist der jubelnde Tenor eines Buches, das im Verlag Kommunikation und Wirtschaft erschienen und dort für 19,80 Euro zu erhalten ist.

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Vertikaler Blick: die Ems-Achse.

Der Landkreis Leer ist Teil der Wachstumsregion Ems-Achse, einem Bündnis von Unternehmen, Kommunen, Bildungseinrichtungen, Kammern und Verbänden, die sich über die Landesgrenzen von Ostfriesland, Emsland bis in die Grafschaft Bentheim zusammengeschlossen haben. Sie repräsentieren eine Region, die sich als Bindeglied zwischen Nordrhein-Westfalen und der Nordseeküste begreift. Sie streckt sich wie ein langer Finger am nordwestlichen Rand Deutschlands entlang der niederländischen Grenze und leistet sehr erfolgreiche Arbeit für das Wachstum der Wirtschaft vor Ort. 72.000 sozialversicherungspflichtige Stellen sind seit 2008 neu entstanden – ein Erfolg, der die Prognose schon zur Halbzeit in 2018 um das Sechsfache übertraf und selbst die Verantwortlichen überraschte.

Besonders erfreulich war für Geschäftsführer Dirk Lüerßen, „dass sich die gesamte Region positiv entwickelt“, und nicht nur, wie zunächst in der Prognose bis zum Jahr 2025 erwartet, der südliche Teil der Ems-Achse. Nein, auch Ostfriesland wuchs mit plus 27 Prozent bei den Stellen ähnlich dynamisch wie seine Bündnispartner im Süden. Neben der maritimen Wirtschaft sind etliche andere Branchen beteiligt am Boom in Ostfriesland: Erneuerbare Energien, Maschinenbau, Metallbau, Kunststoff- und Papierindustrie, Elektrotechnik, Druckgewerbe, Bauwirtschaft, Handel und Dienstleistungen. Ein Jobwunder im Nordwesten, das auch dem ZDF einen Beitrag in seiner Sendung „heute – in Deutschland“ (28. Februar 2018) Wert war.

Rosige Aussichten für – fast – alle in Ostfriesland

Ob es weiterhin Tischtennisbälle aus Ostfriesland geben wird, dass erscheint allerdings zunehmend fraglich. Denn die Weener Plastic Packaging Group, die noch 2015 in allen Medien lautstark China bei der Produktion der kleinen weißen Bälle herausforderte, ist in wirtschaftlichen Schwierigkeiten. Laut jüngsten Presseberichten verschärft sich die Lage des Unternehmens im ostfriesischen Rheiderland nahe der niederländischen Grenze, sind die Arbeitsplätze dort auf den Prüfstand.

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Das Volkswagen-Werk aus der Vogelperspektive. (© Volkswagen Emden)

Auch die Abhängigkeit vom mit Abstand größten Arbeitgeber in Ostfriesland, vom Automobilhersteller VW in Emden, ist immer eine Gefahr. Kurzarbeit in Zeiten der Krise und dünner Auftragsbücher – wie jetzt für den VW Passat – ist gelegentlich die einzige Lösung. Aber ein Konzern wie VW ist auch immer eine große Chance für die Zukunftsfähigkeit einer ganzen Region: Der Hersteller hat gerade erst im November 2018 für seine Beschäftigten in den Volkswagen-Werken Emden (und Hannover) die Beschäftigungsgarantie von 2025 auf 2028 verlängert. Hintergrund ist die Umstellung auf Elektrofahrzeuge, bei denen das Werk in Emden mit seinen 9.000 Beschäftigten eine zentrale Rolle für VW spielen wird. In Ostfriesland soll künftig das neue Einstiegs-Elektroauto des Konzerns gebaut werden, interner Name MEB entry, das unter 20.000 Euro kosten und die Größe eines VW Polo haben soll. 200.000 Stück des Billig-Stromers werden laut Prognosen jährlich vom Band in Emden rollen. Die Passat-Produktion wird voraussichtlich in ein Skoda-Werk nach Tschechien verlagert.

Der Blick in die Zukunft ist also für Ostfriesland insgesamt recht vielversprechend.

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