Ein Stück Heimatkunde: Was ist die DNA Ostfrieslands?

Eines steht auf jeden Fall fest: Der Ostfriese an sich ist eine Rarität. Die weibliche Form dieser Spezies eingeschlossen. Im Ostfriesland seiner historisch politischen Grenzen – also ohne Jever und das Oldenburger Land im Osten der ostfriesischen Halbinsel – leben heute rund 466.000 Menschen, gemessen am Stichtag 31. Dezember 2017. Im Vergleich zu der rund 82,8 Millionen großen Gesamtbevölkerung in Deutschland im gleichen Zeitraum heißt das: Genau 0,56 Prozent aller Deutschen sind Ostfriesen. Nur ein halbes Prozent! Ein exklusiver Verein.

Den es eigentlich so gar nicht mehr geben dürfte, denn Ostfriesland als politische Einheit existiert schon lange nicht mehr. Nach Auflösung von Preußen, britischer Besatzungszone und „Regierungsbezirk Aurich“ verschwand es still und leise 1978 als eigenständige, politische Gebietskörperschaft in Niedersachsen. Drei ostfriesische Landkreise und eine kreisfreie Stadt verschmolzen mit den Regionen Oldenburg und Osnabrück zum Regierungsbezirk Weser-Ems. Den gibt es heute auch schon nicht mehr. Das Konzept „Regierungsbezirk“ wurde von der Landesregierung in Hannover für eine schlankere Verwaltung wieder eingestampft. Seit 2014 heißt das ganze Gebiet amtlich nun „Westniedersachsen“ und wird von einem einzigen Landesbeauftragten mit Sitz in Oldenburg betreut. Viel Heimatgefühl kommt da für Ostfriesen nicht mehr auf.

Ostfriesland, ein Phantom? Aber, nein. Ostfriesland ist da und zwar quicklebendig! Identität hat sehr viel mit Emotion zu tun, mit Wurzeln und Traditionen. Das gilt insbesondere für diese eingeschworene kleine Gemeinschaft im äußersten Nordwesten Deutschlands. Die Verwaltungsreformen mögen kommen und gehen, Ostfriesland bleibt. Dafür sorgt schon die Ostfriesische Landschaft in Aurich, dass Geschichte, Sprache und Kultur in den Köpfen fest verankert bleibt. Präsident der Landesbehörde ist Rico Mecklenburg. Wenn man so will, ist er der Heimatminister Ostfrieslands. Im Unterschied zu Horst Seehofer ist er aber nur für das Kulturelle zuständig, Grenzen ziehen andere. Heimatliche Interessen wahrzunehmen, das ist sein Auftrag. Wie er das macht und welche das sind, das wollte Ostfriesland Reloaded genauer von ihm wissen in einem Interview mit dem obersten Heimatpfleger der Region.

Überparteilich geht es in der Ostfriesischen Landschaft zu, sehr demokratisch-parlamentarisch. Schließlich erhebt man den Anspruch, die gesamte ostfriesische Bevölkerung zu vertreten, in der einzigen Institution, die Ostfriesland überhaupt noch als Ganzes vertritt. Ob repräsentativ, das steht noch auf einem anderen Blatt. Von den 49 ordentlichen Mitgliedern der Landschaftsversammlung sind ganze 12 weiblich, noch nicht einmal ein Viertel. Unter den sieben Landschaftsräten des Kollegiums ist keine einzige Frau.

Eine starke Heimat auch für die Sozialdemokratie

Wobei man im Fall von Ostfriesland und Politik festhalten muss, dass die SPD hier auch eine starke Heimat hat, um in der Begrifflichkeit dieses Themenschwerpunkts zu bleiben. Denn nirgendwo ist die Zustimmung höher zu der altehrwürdigen, aber andernorts etwas schwächelnden Dame, als in den ostfriesischen Wahlkreisen. Bei der letzten niedersächsischen Landtagswahlwahl am 15. Oktober 2017 hat die SPD im Wahlkreis Emden/Norden sagenhafte 49,4 Prozent bei den Zweitstimmen gewonnen. Fast 50 Prozent, das gibt es fast nirgendwo mehr in ganz Deutschland. Zur DNA Ostfrieslands gehört auch: Die Region wählt traditionell sozialdemokratisch. Warum das eigentlich so ist, das kann man beim Deutschlandfunk nachlesen, in einer interessanten Reportage, die (wie passend) die Kopfzeile „Heimatstube Ostfriesland“ hat. Auch die Kreistage, die die Mitglieder für das autonome Kulturparlament der Ostfriesischen Landschaft entsenden, sind alle miteinander sozialdemokratisch dominiert. Mal mehr, mal weniger. Meistens mehr.

pilsum kanal
Am kleinen Hafen von Pilsum.

Es herrschen Bayerische Verhältnisse in Ostfriesland – nur unter umgekehrten politischen Vorzeichen: SPD statt CSU. Wie überhaupt Ostfriesland und Bayern viel gemeinsam haben: die schöne Natur, bei den einen eher flach und den anderen eher bergig modelliert; die gewaltige Natur, bei den einen peitschen die Sturmfluten, bei den anderen rutschen die Lawinen von den Hängen; eine noch stark agraisch geprägte Gesellschaft, bei den einen mit schwarz-weiß gefleckten Kühen, bei den anderen überwiegend mit braunen Rindviechern; beide sind beliebte Touristenziele, bei den einen die Nordsee mit Inseln und Küste, bei den anderen liebliche Almen und Schloss Neuschwanstein im Angebot; beide haben ihre eigene Landessprache, die einen schnacken oder proten up Platt, die anderen granteln im bayerischen Idiom; und es sind beides klerikal geprägte Gemeinschaften, bei den einen eher katholisch und üppig, bei den anderen protestantisch nüchtern, aber nicht weniger präsent im Landschaftsbild. Beide Regionen liegen am äußeren Rand der Bundesrepublik, kreuzen das Land in der Diagonalen: die eine Region ganz im Nordwesten, die andere ganz im Südosten. Randzonen. Irgendwie scheinen sie aber wie Janusköpfe derselben Medaille.

Auch wirtschaftlich wurden und werden beide ähnlich gefordert. Ist es in Bayern vor allen Dingen die Informationstechnologie, die das Land Ende des letzten Jahrhunderts in die Moderne und wirtschaftlichen Wohlstand katapultierte, ist für Ostfriesland Ähnliches, leicht zeitversetzt, zu beschreiben. Hier sind es die Erneuerbaren Energien, die schon heute deutliche Spuren hinterlassen haben: vor allen Dingen die Windkraft und zunehmend die Elektrotechnik – sei es als Stromspeicher für gewonnene Windenergie, sei es für die E-Mobilität auf zwei und mehr Rädern. „Laptop und Lederhose“ rief man in Bayern, „Offshore und Ostfriesische Landschaft“ müsste es eigentlich heute in Ostfriesland heißen.

Ein Blick in die Statistiken und in die Zukunft

Im Grunde genommen bewegt sich im Nordwesten alles zwischen diesen Polen, zwischen Tradition und Moderne, zwischen großartiger Vergangenheit und einer vielleicht bald ebenso großartigen Zukunft?  Wie heißt eigentlich der ostfriesische Zukunftsminister? Solange es den nicht gibt, hilft ja vielleicht ein Blick in die Statistiken.

Im ultimativen Faktencheck lässt Ostfriesland Reloaded Zahlen sprechen: Jede Menge Informationen zur Bevölkerung und Altersstruktur, zur Wirtschaftskraft und Arbeitslosigkeit sowie zur demografischen Entwicklung finden sich in diesem Teil des aktuellen Themenschwerpunkts, bei dem sich alles um die Heimat dreht. Und siehe da: Ostfriesland erweist sich als überraschend zukunftsfähig. Zwar wird die Region älter, mancherorts sogar noch älter als der Bundesdurchschnitt ohnehin. Aber immerhin schrumpft das Land nicht, bleiben nicht leere Häuser und Geschäfte zurück wie in anderen ländlichen Regionen.

Schaut man auf die Verwaltungseinheiten, die wirtschaftlichen Bündnisse und die Infrastrukturen der gesamten ostfriesischen Halbinsel, kann einen heute leicht das Gefühl überkommen, auf ein geteiltes Land zu blicken: Im Westen Ostfrieslands findet sich die Wachstumsregion Ems-Achse mit großen Schiffsbauwerften und Reedereien, das Volkswagen-Werk, neue Offshore-Häfen, die Hochschule Emden/Leer, das traditionsreiche Norden, das moderne Energiezentrum Aurich sowie die direkte Bahnverbindung zu den Nordseefähren. Im Osten ist eine starke Achse Oldenburg-Wilhelmshaven erkennbar, mit der renommierten Universität Oldenburg, mit attraktivem Jadebusen, Varel und Dangast, dem historischen Jever, mit maritimen Forschungszentren, dem JadeWeserPort als gigantischen Containerumschlagplatz, Salzkavernen im Untergrund und einer Bahnlinie, die bis nach Esens reicht.

Zwei starke industrielle und wissenschaftliche Finger ziehen sich nun ganz links und ganz rechts die ostfriesische Halbinsel entlang, die relativ unabhängig voneinander agieren, mit unterschiedlichen Entwicklungsgeschwindigkeiten und Perspektiven. Ostfriesland und Ost-Friesland: Sie strecken sich nicht mehr zu ihrem Nachbarn nach rechts und links aus, sondern zu den nichtfriesischen im jeweiligen Süden.

Zu spüren bekommen das besonders Wittmund, Esens und das Harlingerland, die nun sehr am östlichen Rand einer ostfriesischen Heimat liegen, die sich mit politisch-wirtschaftlichen Bündnissen mittlerweile mehr nach Westen orientiert hat und im Zweifelsfall stärker mit den Nachbarn in den Niederlanden arbeitet als mit denen zur Rechten. Noch nie stimmte das Image von Ostfriesland, das die geografische Einheit der Halbinsel betont und in allen Reiseführern stark gepflegt wird, weniger mit der Realität überein als heute. Noch nie war weniger Ostfriesland in Wangerooge, Wilhelmshaven und Jever.

im wattenmeer
Im Wattenmeer zwischen Neßmersiel und Baltrum.

Umso wichtiger sind die Ostfriesischen Inseln, Wattenmeer und Küste als starkes und verbindendes horizontales Band. Die Inseln haben sich im Dezember 2017 wieder in einem Marketingverband, der Ostfriesische Inseln GmbH, zusammengeschlossen. Die Küstenorte gehören teilweise zum Verbund der Nordsee GmbH, teilsweise agieren sie – wie etwa Neuharlingersiel und Carolinensiel/Harlesiel  – sehr erfolgreich auf eigene Regie. Hinter der Küste existieren verschiedenste touristische Strukturen, die sich entlang der alten Stammesgrenzen der Häuptlingszeit verorten lassen – wie spezielle Marketingabteilungen und Publikationen für das Norderland, für Hage, für das Moormerland, für Großheide, für das Harlingerland und Wittmund. Ungezählt die vielen Akteure. Hier wäre ein zentrales „Tourismusministerium“ vielleicht auch einmal angebracht. Die Ostfriesland GmbH mit Sitz in Leer agiert schon seit Jahren sehr erfolgreich in diese Richtung. Wobei das „Tor Ostfrieslands“ eben nur das Tor ist, der Standort zu weit entfernt von den touristischen Hotspots an Küste und Inseln.

Ostfriesische Identität: Die „Friesische Freiheit“ ist der Zelle Kern

Je stärker die real existierende Heimat unter Druck gerät, desto stärker wird die Sehnsucht nach ihr, nach der Geborgenheit im Vertrauten, ist ein Erklärungsversuch für den aufkeimenden Lokapatriotismus im Land. Kann man das auf Ostfriesland übertragen? In dem Maße wie Ostfriesland als politisch-agierende Einheit an Kraft eingebüßt hat, umso größer also die Sehnsucht nach ihm?

Der Hype um die Heimat sei auch immer Ausdruck einer mentalen Krise schrieb der Stern im Juli 2018. Gibt es in Ostfriesland einen Hype um die Heimat? Eher nicht. Den braucht es auch nicht, denn die Verbundenheit zur Heimat war schon immer groß. Trotz allen Verlockungen der Ferne, durch die Welt zu fliegen über Land und Meer, war auch immer „Heimweh, nach min schöne, gröne Marschenland“ dabei, wie es im Lied der Friesen, den Nordseewellen, heißt. So gesehen befindet sich Ostfriesland schon lange in einem mental ausgezeichneten Zustand, es ruht quasi in sich selbst.

Und ganz tief drinnen ist ein fester Kern, der Identität stiftet: Mitbestimmung, Selbstbestimmung, sein eigener Herr sein – die Friesische Freiheit! Ja, das ist der Kern. Der Markenkern. Der Ostfriesen Kern. Nicht umsonst wurde sie zum Symbol für die ganze Region, verweisen zwei große Straßenschilder an den Autobahnen A 28 und A 31 bei Landeseintritt darauf: Achtung, hier beginnt „The Land of the Free“. Und das Herz dieses Landes schlägt in Aurich, unter den grünen Bäumen am Upstalsboom in Rahe. Dem legendären Versammlungsort der freien Friesen ist ein weiterer Artikel dieses Schwerpunkts gewidmet.

Ostfriesland – mehr als ein Wimpernschlag in der Geschichte?

Je mehr sich die alten, querverbindenen Strukturen im geografischen Großraum Ostfriesland auflösen, und das ist unverkennbar der Fall, umso wichtiger ist heute die kulturelle Klammer, umso wichtiger ist die Ostfriesische Landschaft als Hüterin einer ostfriesischen Identität, die den Arm auch weiterhin zu den Friesen im Osten der gemeinsamen Halbinsel ausstreckt. Umso wichtiger ist auch ein geografisch breit aufgestellter Markenkern Ostfriesland, auf den auch der Tourismus aufsetzen kann. Das Wattenmeer zieht keine Grenzen zwischen Spiekeroog und Wangerooge.

Solange es diese beiden gibt, die Ostfriesische Landschaft und eine starke touristische Marke, die als Ostfriesland weiterhin in den Köpfen der Urlauber präsent ist, ist die Region mit der überaus reichen Vergangenheit auf der sicheren Seite. Andernfalls droht das ein oder andere Stück von der ostfriesischen Scholle abzubrechen, sich selbstständig zu machen, anders zu orientieren. Irgendwann wäre Ostfriesland vielleicht nur noch der nördliche und schmale Ausläufer einer Ems-Achse, weit entfernt von seiner ehemaligen Bedeutung und Einfluss. Es sind schon andere, größere Reiche untergegangen – aber schade wäre es schon.

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friesisches freiheit

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Titelbild: Landschaftshaus in Aurich bei Nacht (Ostfriesische Landschaft / Reinhard Former)

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