Feinstes Filigran: Die hohe Kunst, Gold zu schmieden

Er ist so etwas wie der letzte seiner Art: Hermann Arends. Denn der Goldschmied aus Leer ist spezialisiert auf ostfriesischen Filigranschmuck. Diese Technik erfordert eine hohe Handwerkskunst. Und das beherrschen nicht mehr viele im Land: „Wir sind hier im Nordwesten noch genau drei, die wissen, wie so etwas gemacht wird“ weiß Arends. Seit 1972, seit mehr als 45 Jahren, ist er in diesem Metier zu Hause. Gelernt hat er das Handwerk in Leer, damals, beim alt eingesessenen Juwelier Hurdelbrink. Auch die anderen zwei ostfriesischen Meister der alten Filigrankunst sind schon lange im Geschäft, Traute Zahn von der Galerie im Blauen Haus und Ulrich Löhmann von der Inselgoldschmiede auf Juist.

Es gab Zeiten, da blühte im ganzen Norden – bei den Westfriesen in den Niederlanden, den Ostfriesen im deutschen Niedersachen und bei den Nordfriesen in Schleswig-Holstein – die Goldschmiedekunst. Sehr beliebt war im 18. und 19. Jahrhundert die Technik, aus einem kunstvollen Geflecht aus feinen Goldfäden und granulierten Goldkügelchen ein Schmuckstück zu fertigen: das Filigran. Hierin zeigte man im Norden eine besondere Kunstfertigkeit und entwickelte die Methode, die ursprünglich über den Seehandel aus dem Mittelmeerraum nach Ostfriesland kam, weiter. Es enstand eine sehr eigenständige regionale Formensprache, die von Generation zu Generation von Goldschmieden weitergegeben wurde.

„Nervenstärke und viel Geduld“, das sind die wesentlichen Stärken, die man beim Herstellen von Filigranschmuck mitbringen müsse, so Arends. „Wer feines Filigran schmieden kann, der kann alles, was das Handwerk fordert.“ Das Wort filigran kommt aus dem Lateinischen, filum bedeutet Faden und granum Korn: ein gekörnerter Faden, wortwörtlich übersetzt. Dieser spielt eine wichtige Rolle beim Filigranschmieden, dient als Ausfülldraht, der in mühevoller Kleinarbeit in kunstvollen, oft spiralförmigen Motiven einzeln per Zange in die vorgeformte Kontur gebogen wird. „Wir haben damals alles selbst gemacht“, erinnert sich Arends an seine Anfänge. „Sogar das Gold haben wir selbst geschmolzen. Aus der Goldmünze Krügerrand, die mit ihrer Kupferlegierung den gewünschten rötlich-goldenen Farbton ergab.“

Rotgold eignet sich durch seine gute Dehnbarkeit ideal als Grundmaterial zum filigranen Schmieden. Denn bevor man erstmal loslegen kann, muss ein langer und dünner Faden aus dem Gold gezogen und zur Kordel gedreht werden. „Wir arbeiten da mit Durchmessern, die bei 0,23 Millimetern für gekordelten Ausfülldraht liegen“, erläutert Arends. Das braucht alles lange Übung und Erfahrung. Auch das Schmieden der Kontur, die quasi das Gerüst des fertigen Schmuckstückes ist, will gelernt sein. Wenn eine Schmuckfüllung in präziser und stundenlanger Feinarbeit ausgeführt ist, hält sie sich durch Eigenspannung in der Kontur. Mittels Streulot und gleichmäßiger Hitze um die 800 Grad Celsius werden Füllung und Kontur erst zu einem ganzen Schmuckstück verbunden. Das kann dann noch weiter verarbeitet werden, etwa mit Ösen und Ketten verziert oder gebogen.

Filigranschmuck_Landesmuseum Emden

Ein ganz besonderes Schmuckstück dieser Art ist heute in Emden im Ostfriesischen Landesmuseum zu sehen: Ein Prunkstück der dortigen Sammlung ist ein kostbares Collier aus dem 19. Jahrhundert, eine Filigranarbeit aus Silber und Gold. Neben vielen nebeneinander liegenden Kettenreihen sind es vor allen Dingen mehrere Halbmond-Konturen, die seitlich und besonders groß in der Mitte aufffallen. Vom Halbmond in der Mitte hängt an mehreren kürzeren Ketten ein weiterer großer und auffälliger, halbmondförmiger Anhänger. Diese Halbmonde sind eine ganz typische Form für ostfriesischen Schmuck aus der Blütezeit des Filigrans. Sie heißen Halfmaantjes und waren der Blickfang eines jeden Geschmeides.

Mit der Zeit kam der früher so begehrte filigrane Goldschmuck ein wenig aus der Mode. Andere Statussymbole traten in den Vordergrund. Der Geschmack änderte sich. Blüht dem Filigranschmuck aus Gold heute eine ähnliche Renaissance wie etwa dem Bernstein? Arends ist skeptisch: „Ich werde das wohl nicht mehr erleben.“ Obwohl gerade er und auch seine wenigen Mitstreiter sehr kreativ an das alte Handwerk herangehen, neue Ausdrucksformen für unsere Zeit entwickeln. Ein Blick auf die Kollektion von Hermann Arends zeigt, was alles möglich ist und wie modern und frisch traditioneller Schmuck sein kann:

 

Wer diesen Filigranschmuck trägt, der zeigt Traditionsbewußtsein auf moderne Art. Ein goldenes Bekenntnis zur ostfriesischen Heimat, wenn man so will. Auf jeden Fall aber ein Akt der Rettung vor dem Aussterben einer kunstvollen Goldschmiedetechnik, die wie keine andere für Ostfriesland steht.


Und noch etwas

Hermann Arends öffnet voraussichtlich im Mai 2019 seine Werkstatt in Nüttermoor, einem Stadtteil von Leer, wieder. Seine Kollektionen stehen aber schon jetzt für jedermann und jede Frau unter www.hermannarends.com online.

Der Spezialist für Filigranschmuck ist auch in vielen anderen Techniken zu Hause, fertigt nicht nur neuen Schmuck an, sondern arbeitet alten auch um oder restauriert. Besonders bekannt ist er für seine Arbeiten mit Silber und Harlinger Fliesen. Beim Staatsbesuch des niederländischen Königpaares vor einigen Jahren wandte sich der Honorarkonsul in Leer an Arends: „Ich brauche ein Geschenk für Maxima!“ Seitdem hat die royale Blondine „eines der schönsten Stücke, die ich je gemacht habe.“ Aber auch für weniger adlige Köpfe hat er jede Menge dieser speziellen „Schmuckfliesen“ im Sortiment. Klassisch, regional, schön.

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