Familiendrama: Der Sohn nimmt blutige Rache

Im Handstreich entreißt ihr der älteste Sohn Enno Ludwig am 11. Mai 1651 nach fast drei Jahren die Regierungsgeschäfte. Er war in Wien vom Kaiser zum Reichshofrat ehrenhalber ernannt worden. Damit gilt der Achtzehnjährige offiziell als volljährig und regierungsfähig. Auf vehementem Drängen einflussreicher ostfriesischer Kreise und aufgehetzt von erbitterten Gegnern des Ehepaars Marenholz und Julianes, kehrt der junge Thronfolger überraschend in seine Heimat an den Auricher Hof zurück, um sein Erbe und seine Regierungsaufgabe sofort anzutreten.

So weit, so rechtskräftig. Doch was dann folgt, ist ein Rachefeldzug und Familiendrama ohne Beispiel. Der junge Enno Ludwig lässt den Geheimrat Johann von Marenholz, den langjährigen Berater und Vertrauten seiner Mutter, verhaften, in einem Schauprozess zum Tode verurteilen und am 21. Juli 1651 in Wittmund mit dem Schwert enthaupten. Was muss er seinen ehemaligen Hofmeister, Erzieher und Begleiter seiner Jugendjahre gehasst haben, um sich so brutal an ihm zu rächen? Wie sehr muss er seine Mutter verachtet haben? Für den Schnellprozess und seinen abschreckenden Ausgang fehlt jedenfalls jede rechtliche Handhabe und Grundlage. Das Verfahren gegen Marenholz findet unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt, der Richter ist gleichzeitig der Ankläger, das zusammen gewürfelte Gericht tagt nicht in ordentlicher Sitzung, sondern auch privat und bei Nacht.

Enthauptung historisch

Ein Scheinprozess und zwei Bestattungen

Nur unter Androhung von Folter und der Aussicht auf Gnade wird dem Angeklagten das entscheidende Geständnis abgepresst, mit Juliane, der Gräfin von Ostfriesland, ein außereheliches Verhältnis gehabt zu haben. Die Exekution wird nur drei Tage nach dem Urteil und unter Ausschluss der Öffentlichkeit durchgeführt, seine Leiche nachts in Wittmund verscharrt. Auch nach den Maßstäben der damaligen Zeit sind das absolut irreguläre Maßnahmen, die Enno Ludwig später einen langjährigen Prozess beim Reichshofrat eintragen wegen Rechtsmissbrauchs. Eine Anklage, von der er sich schließlich mit einem Vergleich befreien kann. Es ist auf jeden Fall ein politischer Mord. Eine entscheidende Rolle im Hintergrund hat wohl auch Ulrichs Schwester Christina Sophia in Butzbach gespielt, die die Rückkehr und den blutigen Racheakt des Sohnes mit vorbereitete und betrieb.

Dem Geheimrat Johann von Marenholz hat es im Leben nicht mehr viel genützt als Justizirrtum in die ostfriesische Rechtsgeschichte eingegangen zu sein. Im Angesicht des Todes macht er die Heirat mit Elisabeth von Ungnad verantwortlich für sein tragisches Schicksal. Seine Gattin versucht dagegen alles, um sein Leben zu retten und kann sogar den Kaiser zum Einschreiten bewegen. Doch alle Hilfe kommt zu spät. Marenholz ändert sein Testament noch am Tag vor der Hinrichtung zugunsten seiner Mutter. Diese kann ihren zu Unrecht geköpften Sohn ein Jahr später in Wittmund Kraft kaiserlichen Befehls wieder ausgraben lassen. Er wird in feierlicher Prozession und mit Geläut im Familiengrab in der Sankt Ansgari-Kirche von Hage dann ein zweites Mal bestattet. In Hage ist seither eine Spukgeschichte bekannt, nach der der Prediger Abelius bereits ein halbes Jahr vor der Verhaftung und Enthauptung den Leichenzug des Johann von Marenholz durch seine Kirche habe gehen sehen.

Schloss Berum Ausschnitt
Schloss Berum um 1700 (© Rekonstruktion von Hermann Schiefer)

Nichts wie weg aus Ostfriesland

Und Juliane? Das Verhältnis zu ihrem ersten Sohn Enno Ludwig ist auf immer zerrüttet. Er verbannt sie auf den Witwensitz der Cirksena, das Schloss Berum. Hier muss sie vieles an von Marenholz erinnern, der dem Amt Berum vorstand. Sein Grab in Hage ist in Fußweite. Wie oft mag sie dieses wohl trauernd besucht haben? Umschlossen von den dicken Mauern der wehrhaften Burganlage, ist ihr der Ort wie ein Gefängnis, getrennt von den Freunden, in Trauer um den Vertrauten, den Großteil ihres Vermögens für immer verloren. Dazu kommt die Schande, öffentlich gebrandtmarkt als unsittliche Person und Geliebte eines verheirateten Mannes. Sie ist 45 Jahre alt und vollkommen allein. Da sucht sie Halt bei ihrer hessischen Familie. Ganz in der Nähe ihrer fünf Jahre älteren Schwester, Anna Eleonore, der Herzogin und Regentin von Braunschweig-Lüneburg, findet sie Zuflucht und kauft 1654 das Gut Westerhof bei Osterode im Harz. Auf diesem neuen Wohnsitz stirbt sie nur fünf Jahre später. Ostfriesland hat sie lebend nie wieder betreten.

Enno Ludwig erhält 1654 vom Kaiser die Fürstenwürde, als erster aus dem Hause Cirksena. Entgegen den Plänen seiner Eltern und einer offiziellen Verlobung in Kindertagen, heiratet er nicht Henriette Katharina von Oranien. Die Hochzeit platzt, weil die Prinzessin aus den benachbarten Niederlanden „eine solche Abneigung gegen den Regenten von Ostfriesland hege, dass sie nach ihrer Äußerung den Tod der Vollziehung ihrer Vermählung vorziehe“, so die Mutter der Verlobten. Die Ehepakte von einst werden aufgehoben, die für Ostfriesland so aussichtsreiche Vermählung nicht vollzogen. Enno Ludwig heiratet 1656 daher Justine Sophie von Barby, die ihm zwar zwei Töchter, aber keinen Erbprinzen schenkt. Mit nur 27 Jahren stirbt er an den Folgen eines Jagdunfalls, nur ein Jahr nach seiner Mutter. Sein jüngerer Bruder, Julianes zweiter Sohn, Georg Christian, wird 1660 der neue Regent von Ostfriesland.

Schloss in Aurich heute

Das Ende: Eine unfreiwillige Rückreise

Es darf bezweifelt werden, dass es Julianes eigener Wille war, in Ostfriesland ihre letzte Ruhestätte zu finden. Aber wie schon die Grabinschrift für ihren Mann gezeigt hat, können Tote sich nicht mehr wehren. Begraben wurde sie laut den Daten auf ihrem Mädchenportrait am 25. April 1659 in Aurich, drei Monate nach ihrem Tod im Harz. In eben jener Krypta, die sie selbst erbauen ließ und zehn Jahre zuvor weihte. Sie hatte fast so einen schönen Sarg wie ihr Mann.

Heute befindet sich an dieser Stelle ehemals hochherrschaftlicher Begräbnisse der Heizungskeller der Lamberti-Kirche. Sämtliche Särge der alten Gruft wurden 1880 in das Mausoleum der Cirksena umgebettet. Dort ruht Juliane nun bis in alle Ewigkeit neben ihrem im Leben so rachsüchtigen Sohn Enno Ludwig.

 

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Ein Wort zum Schluss

Obwohl sie mehr als zwanzig Jahre in Ostfriesland lebte, ist Juliane den Ostfriesen im Grunde immer fremd und sie eine Fremde geblieben. Das und die Tatsache, dass sie eine Frau war, die sich Freiheiten erlaubte, die nicht für sie vorgesehen waren, machten sie zu einer idealen Projektionsfläche für das ganze Elend, das Ostfriesland im Dreißigjährigen Krieg erlebte.

Was ist also dran am Bild der „lustigen Witwe aus Darmstadt“? Kann man es ihr verdenken, dass sie sich mit einem trägen Trunkenbold an ihrer Seite nach anderem Umgang sehnte? Ist es nicht all zu verständlich, dass sie sich einen eigenen Freundeskreis aufbaute und sich mit Menschen gleichen Stils und Geschmack umgab? Ist es so verwerflich, sich an einem Garten zu erfreuen, wenn sonst im flachen Land umgeben von Geest und Moor nur wenig geeignet ist, einem die Zeit zu vertreiben? Die Zeitgenossen, die hart über sie urteilten, hatten meist gute Gründe, dieses zu tun: Entweder weil sie sich selbst benachteiligt und ausgeschlossen fühlten im Ränkespiel um Macht und Einfluss oder weil ihnen die Leichtigkeit des Seins im Leben der Gräfin zu suspekt und mit ihrem eigenen freudlosen, von der strengen Moral ihrer Kirchen geprägten Leben, nicht zu vereinbaren war.

Die nackten Fakten in Dokumenten und auf Särgen zeigen das Bild einer liebenden Gattin und Mutter. Selbst in den Unterlagen rund um den Marenholz-Prozess gibt es keinen Beleg auf Untreue zu ihrem Mann oder gar auf fehlende Mutterliebe, der rechtlich Bestand hätte. Ganz im Gegenteil: Mit einem etwas milderen Auge betrachtet hat sie dafür gesorgt, dass ihre Kinder in Sicherheit, fern von Überflutungen, Pest und dem Dreißigjährigen Krieg in Ostfriesland, groß wurden. Sie hat ihnen beste Erziehung zukommen lassen und besonders dem späteren so gnadenlos agierenden ältesten Sohn Enno Ludwig teure Bildungsreisen ins Ausland bezahlt. Es ist bis heute nicht eindeutig belegt, dass sie tatsächlich ein Verhältnis mit dem Geheimrat von Marenholz hatte. Das Geständnis des Elenden war erpresst und darüber hinaus gibt es keinerlei Tatsachenbeweise. Der Rest gehört ins Reich der Spekulation.

Petra Wochnik, Ostfriesland Reloaded, Dezember 2018

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Lesen Sie die ganze Geschichte! Dieses ist der letzte Teil von insgesamt vier spannenden Kapiteln. Klicken Sie einfach auf einen der Titel unten und Sie sind direkt im bewegten Leben der ostfriesischen Regentin:

Teil 1 – Juliane von Ostfriesland: Geliebt und verehrt, gehasst und verlassen

Teil 2 – Die Braut friert, Ostfriesland freut sich

Teil 3 – Die süßen Jahre der herrschaftlichen Dekadenz

Teil 4 – Familiendrama: Der Sohn nimmt blutige Rache

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