Die Braut friert, Ostfriesland freut sich

Am 5. März 1631 bejubelt ganz Aurich noch die junge Gemahlin beim Einzug in die festlich geschmückte Residenz des ostfriesischen Grafen Ulrich II. Eine strapaziöse Reise liegt hinter ihr. Vom sonnenverwöhnten Darmstadt mit seiner romantischen Umgebung aus Rhein und Odenwald ist sie wochenlang in der Kutsche Richtung Norden gereist. Die Landschaft wird immer flacher, abwechslungsloser, morastiger. Dazu kommen Wind, die kalten Temperaturen des ausgehenden Winters. Was mag wohl in der 24-Jährigen vorgegangen sein, als sie noch am Tage ihrer Ankunft mit dem für sie fremden Mann fern der Heimat getraut wird?

Aurich feiert Tafel 19
Georg Faber: Skizzen- und Reisetagebuch eines Arztes im Dreißigjährigen Krieg

Ulrich II. ist der drittgeborene Sohn seiner Eltern und wird im April 1628 im Alter von gerade mal 23 Jahren vollkommen unvorbereitet Regent von Ostfriesland. Sein älterer Bruder Rudolf Christian ist bei einem Duell nach einem Degenstoß ins linke Auge unerwartet gestorben. Wie Juliane ist auch Ulrich Vollwaise, seine Mutter und sein Vater starben bereits 1625. Als die beiden heiraten, hat Ostfriesland sehr schwere, entbehrungsreiche Zeiten hinter sich. Die Söldnerheere des Ernst von Mansfeld errichten 1622 ihr Winterquartier in Ostfriesland und fallen plündernd und mordend jahrelang über das Land her. Es kommen Kälte, Hunger und die Pest. Nach dem Abzug der Mansfelder 1624  folgt 1627 auch noch die Einquartierung der kaiserlichen Truppen von Tilly. Doch das alles ist jetzt endlich vorbei.

Ein rauschendes Fest für alle

Die hessische Hochzeit 1631 wirkt wie ein Signal und macht Hoffnung auf bessere Zeiten. Auf den Straßen von Aurich wird gefeiert, getrunken und getanzt. Der Hofkompositeur Louys de Moy aus Emden präsentiert sein eigens für die Hochzeit komponiertes „Le Petit Boucquet de Frise Orientale“, ein musikalischer Blumenstrauß zu Ehren der frisch Vermählten. Es erklingen Laute, Flöte und die Viola da Gamba. In der Sprache des Hofes, auf Französisch, werden das Glück von Juliane und Ulrich immer wieder besungen: „Vive l’illustre marriage!“

Für die hohen Gäste aus dem Süden Deutschlands ist das Beste zum Feste gerade gut genug. Die Tische der Hochzeitsgesellschaft biegen sich förmlich unter den Fleischbergen: Insgesamt dreizehn Ochsen, achtzehn Kälber, siebenundvierzig Lämmer, hundertneunundfünfzig Schafe, hundertsiebenundfünfzig Gänse, tausendsechsundfünfzig Hühner, neunzehn Schweine, sechsundfünfzig Wildschweinsköpfe, dreizehn Spanferkel und dreitausendvierundsechzig Eier verarbeitet die Hofküche für die Mahle zum Fest. Nach den Listen der Küchenschreiber gibt es zur Hochzeit in Aurich auch jede Menge zu trinken: Hundertneunundsechzig Tonnen Bier wurden kredenzt, dazu reichlich Wein aus Hessen, der Heimat der Braut.

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Ulrich II. von Ostfriesland (© Ostfriesische Landschaft / Reinhard Former)

Julianes Mann ist bekannt für seine Völlerei und vor allen Dingen für sein zügelloses Trinken, nicht nur an Festtagen. Auch für gewöhnlich bleibt er von Mittag bis Abend im Speisesaal des Auricher Schlosses. Er ist träge, definitiv kein Feingeist und schaut man auf sein Portrait, das heute wie das von Juliane in der Ostfriesischen Landschaft in Aurich hängt, auch keine Schönheit. „Graf Ulrich hatte mäßige Anlagen, aber eine ungemeine Arbeitsscheu und war zu sehr dem Wein ergeben“, schreiben Zeitzeugen über den Bräutigam, den sich die Prinzessin wohl nicht selbst ausgesucht hatte.

Hessische Premiere in Ostfriesland

Eingefädelt wurde die hessisch-ostfriesische Verbindung von ihrem Onkel, Philipp III. von Hessen-Butzbach, einer kleinen Landgrafschaft nördlich von Frankfurt. Er ist der jüngere Bruder ihres Vaters, der 1626 stirbt, als Juliane zwanzig ist. Nach dessen Tod fühlt er sich für die Vermählung seiner verwaisten Nichte verantwortlich. Auch Julianes Bruder Georg II., der ein Jahr ältere, regierende Landgraf von Hessen-Darmstadt, wird wohl sein Placet zur Vermählung gegeben haben. Philipp III. ist ein weit gereister Mann und ein begeisterter Astronom. Gemeinsam mit Johannes Kepler führt er 1621 und 1627 auf seiner Sternwarte in Butzbach Beobachtungen zur Größe der Sonnenflecken durch. Die Sonnenflecken wurden 1611 in Ostfriesland entdeckt, von David Fabricius und seinem Sohn Johann aus Osteel. Vielleicht entstanden über die Astronomie die ersten Kontakte des Landgrafen in den fernen Norden. Für Ostfriesland ist es jedenfalls das erste Mal, dass sich ein Herrscher mit dem hessischen Adelshaus verbindet. Es soll auch bald die zweite hessische Heirat in Aurich folgen: Denn nur ein Jahr später, 1632, vermählt sich der verwitwete Philipp III. aus Butzbach mit der jüngeren Schwester von Julianes Mann, mit Christina Sophia von Ostfriesland.

In Zeiten des Dreißigjährigen Krieges spielt für die Eignung von Heiratskandidatinnen die richtige Religion eine entscheidende Rolle. Die stimmt bei der hessischen Prinzessin Juliane. Denn wie Ostfriesland ist auch Hessen-Darmstadt schon sehr früh zum protestantischen Glauben übergetreten und folgt der evangelisch-lutherischen Kirche. Ein wichtiger Punkt für das in Glaubensfragen oft zerstrittene Ostfriesland. Während man in Emden zur calvinistisch-reformierten Kirche gehört, ist das ostfriesische Grafenhaus in Aurich lutherischen Glaubens.

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Juliane von Ostfriesland (© Ostfriesische Landschaft / Reinhard Former)

Drei stramme Söhne und ein Lustgarten

Das Glück ist den beiden frisch Vermählten anfangs hold. Juliane bringt in schneller Folge zwischen 1632 und 1636 drei Söhne auf die Welt. Sie hat damit ihre Pflicht mehr als erfüllt und für genug männliche Thronerben gesorgt. Aus Dankbarkeit für diesen Dienst an Ostfriesland errichtet ihr der Gatte die Julianenburg, einen barocken Lustgarten direkt am Auricher Schloss gelegen. Außer der Julianenburger Straße und zwei mächtigen Torpfeilern aus sehr viel späterer Zeit ist heute nicht mehr viel übrig geblieben, was an den prächtigen Park erinnert, der einst die Namensgeberin erfreute. Er ist ganz im Stil der Zeit streng geometrisch gestaltet: Es gibt einen fröhlich sprudelnden Springbrunnen, ein großes Rondell, viele antike Statuen, sogar einen Irrgarten zur Belustigung und eine Fasanerie.

Der Zeitpunkt für solch einen persönlichen Vergnügungspark der Gräfin ist nur etwas unpassend gewählt. Denn 1640 hat der Dreißigjährige Krieg Ostfriesland wieder fest im Griff. Es sind ausgerechnet Hessen, die das Land seit 1637 als ewiges Winterquartier belagern und einfach nicht verlassen wollen. Damals wie heute machen die Wenigsten in Ostfriesland einen Unterschied zwischen Hessen-Kassel und Hessen-Darmstadt, den übrig gebliebenen Linien von ehemals vier hessischen Regierungshäusern. In einem langen Erbfolgekrieg hatten diese sich tief entzweit. Juliane aus Hessen-Darmstadt hat mit dem lästigen und gehassten Heer nichts zu tun – das waren Hessen aus Kassel. Aber irgendwann in dieser Zeit schlägt die Stimmung in Ostfriesland um. Eine Hessin und dann auch noch ein Lustschloss während das ganze Land hungert und darbt!

< Fortsetzung >

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Lesen Sie die ganze Geschichte! Dieses ist der zweite Teil von insgesamt vier spannenden Kapiteln. Klicken Sie einfach auf einen der Titel unten und Sie sind direkt im bewegten Leben der ostfriesischen Regentin:

Teil 1 – Juliane von Ostfriesland: Geliebt und verehrt, gehasst und verlassen

Teil 2 – Die Braut friert, Ostfriesland freut sich

Teil 3 – Die süßen Jahre der herrschaftlichen Dekadenz

Teil 4 – Familiendrama: Der Sohn nimmt blutige Rache

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