Naturnah: Bildung ganzheitlich erleben im Ökowerk Emden

Dieses seltsame Gebilde ist ein Schlickstein. Ein expressives Kunstwerk aus Kinderhand, das ziemlich gut zeigt, worum es beim Ökowerk in Emden immer wieder geht: Um einen ganzheitlichen Blick auf die Dinge. Hier auf den Schlick, den man gesammelt und dann getrocknet hat, und aus dem ein Stück Kunst wurde. Die kleinen Künstler wissen danach, wo das Material her kommt, wie es sich anfühlt und was man daraus alles machen kann. Spielerisch lernen, kreativ an die Dinge herangehen, alle Sinne einsetzen – das ist hier direkt am Deich in Emden eines der wichtigsten Grundprinzipien bei der Vermittlung von Wissen.

Wie beispielsweise den Geschmackssinn mit einem Cräcker, den saftiges Grün ziert. Pädagogik zum Reinbeißen! Denn was dann so lecker schmeckt ist Entengrütze, in Ostfriesland auf platt bekannter als Entjeflott. Botanisch korrekt handelt es sich hierbei um die Kleine Wasserlinse – und die schwimmt zu Hauf in dem Tümpel unten, bedeckt mit ihrem Grün die ganze Oberfläche. Sie ist ein wahres Energiebündel, reich an Eiweiß, Stärke, Zucker und Vitaminen. Sie kann zehnmal mehr Eiweiß produzieren als Soja. In Europa kennt man sie nicht als Nahrungsmittel, in Laos und Thailand sind die Wassereier dagegen sehr beliebt. Und zur Reinigung von Gewässern eignet sie sich auch noch sehr gut, in Polen und Belgien setzt man sie daher in Klärwerken ein. Wieder etwas gelernt!

Ostfriesland Reloaded ist unterwegs mit Karin Hruska-Quest, verantwortlich für die Umweltbildung beim Ökowerk Emden. Sie gehört zum frühen Gründerteam dieses außerschulischen Lernorts und weiß genau, wo es für Schüler üblicherweise langgeht, wenn sie einen Ausflug in das Regionale Umweltzentrum (RUZ) machen. Etwa zum Barfußlehrpfad: Hier dreht sich alles ums Tasten und Erfühlen. Mit den nackten Füßen durch weichen Sand, über harten Stein und hinein in das schlammige Naß. Da heißt es dann auch mal Augen zu und durch! Das öffnet die anderen Sinne, die heute in unseren eher bildgewaltigen Zeiten viel zu wenig genutzt werden, und schärft ganz nebenbei die Aufmerksamkeit für unsere Umwelt.

Summm!!! Summm!!! Summmm!!! Hier hört man gleich, wer hier im Mittelpunkt steht: Bienen. Die finden ihr zu Hause in ganz herzigen Bienenhotels oder in der quadratisch-praktischen Variante mit neun Zimmern. In der Werkstatt des Ökowerks Emden können sich Schüler dem Thema handwerklich nähern und die kleinen Hotels aus Holz nachbauen. Denn Arbeit ist das halbe Leben – sowohl für Honigbienen als auch für ihre nicht stechenden Verwandten, die Wildbienen. Ganz nebenbei wird so vermittelt, wie viel Mühe sowohl für Tier wie Mensch hinter einem Glas Honig steckt, wie kostbar das süße Gold ist und wie gefährdet die Art.

Recht sinnlich startet auch wieder der Ausflug in die Gewässerökologie. Denn was da so rötlich blüht am Rand des Seepflanzenteichs, das ist Wasserminze. Und die lässt sich wiederum verarbeiten zu einer köstlichen After-Eight-Creme, wie Hruska-Quest erläutert. Komplexer ein anderer Zusammenhang, der sich hier am feuchten Biotop zeigen lässt: die Lebensgemeinschaft von Blaugrüner Mosaikjungfer und Krebsschere. Bei Ersteren handelt es sich um eine Großlibelle mit einer Spannweite von mehr als zehn Zentimetern, beim Zweiten um eine Wasserpflanze.

Im Spätsommer stechen die Libellen ihre Eier in die Blätter der Pflanze, die noch aus dem Wasser herausragen. Im Herbst sinkt die Krebsschere auf den Grund des Gewässers und zieht dabei auch die Eier der Libelle mit in die Tiefe, die dort unten vor Frost geschützt sind. Die Eier überwintern im Wasser. Erst im darauffolgenden Frühjahr steigen sie gemeinsam mit ihrem Pflanzenwirt wieder auf, damit dann – wieder über Wasser – aus den Libelleneiern die ersten kleinen Larven schlüpfen können. Eine beeindruckende Symbiose, die selbst die ganz kleinen Schüler schon verstehen.

Denn die dürfen in einer Fantasiereise das Leben und die Entwicklungsstadien der Mosaikjungfer nachspielen, erst den einen Flügel aus der Larvenhülle packen, dann den zweiten, und nach und nach alle anderen. Das spielerische Element steht bei den ganz Jungen im Vordergrund. „Da wird auch schon Mal eine Hummel begraben“, wie Hruska-Quest schmunzelnd berichtet. Immer, bei allen Alterklassen, wird auf viel Bewegung im Parcours geachtet. Sei es auf dem Hüpf-Wasserbrunnen, der kraftvolle Sprünge verlangt und den die engagierte Biologin für Ostfriesland Reloaded gerne demonstriert. Sei es beim Überqueren der Hängebrücke, die sich weit über einem Wasserarm spannt und zum Klettern förmlich einlädt.

Eine große Rolle bei der Umweltbildung in Emden spielt das Thema Apfel. Denn die Bürgerstiftung verfügt mit dem Pomarium Frisiae über eine der umfangreichsten Sammlungen alter Apfelsorten in Deutschland. Das dient zwar vornehmlich der Wissenschaft und Forschung, aber ein spezieller Teil dieses in Deutschland einzigarten Apfelgartens ist für Kinder und Schülern reserviert. Hier lernen sie etwas über die große Artenvielfalt des paradischen Obstes, über das Pflanzen und Beschneiden des Baumes – und das Fühlen, Schmecken, Riechen darf natürlich auch nicht fehlen.

Sehr sinnlich geht es also zu, im Ökowerk Emden. Grunzen und Schmatzen inklusive …

Haengebauchschwein Streifen

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Und noch etwas

Die Bürgerstiftung Ökowerk Emden ist ein anerkannter außerschulischer Lernort und ein Regionales Umweltbildungszentrum (RUZ). Zu nahezu jedem ökologischen Thema bietet es es auf einem weitläufigen Außengelände am Deich direkte Begegnungen in und mit der Natur. Das Konzept – ganzheitlich, erlebnis- und handlungsorientiert – fußt auf einer Bildung für Nachhaltige Entwicklung (BNE) und wurde vom pädagogischen Leiter Eckhard Lukas über viele Jahrzehnte entwickelt und ausgebaut.

Im Ökowerk Emden finden jährlich 300 pädagogische Führungen statt. Das heißt im Schnitt jeden Tag eine Gruppe, bei jedem Wetter, ob Sonnenschein, Regen oder Sturm. Zum fachkundigen Pädagogenteam gehören drei vom Land abgeordnete Lehrkräfte sowie viele Mitarbeiter aus dem handwerklich-künstlerischen Bereich wie etwa der „Erfinder“ der Schlicksteine, Joachim Grüner. Von den etwa 5.000 Teilnehmern sind 3.000 Grundschüler und 1.000 Kindergartenkinder. Unter den Älteren finden sich auch Oberstufenschüler, die noch praktischen Hintergrund für ihr Abitur einholen.

Kontakt

Emder Bürgerstiftung Regionales Umweltzentrum
Ökowerk Emden
Kaierweg 40 a
26725 Emden

Ansprechpartner für pädagogische Anfragen
Anna Wollers, Inge Walter
Telefon: 04921/954023
E-Mail: paedagogen@oekowerk-emden.de

 

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