Ausgesprochen revolutionär: Ein Landerziehungsheim am Meer

Der neue Mensch sollte gesund, bewusst und selbst bestimmt leben. Er strebte raus aus der Stadt und hinein in die Natur. „Anders leben“ war die Devise zu Anfang des 20. Jahrhunderts. Es war die radikale Antwort auf die Auswüchse der Industrialisierung, die auch in Deutschland an vielen Orten zu spüren waren. Die „Reformbewegung“ umfasste nahezu alle Bereiche des täglichen Lebens. Dazu gehörte auch die Erziehung und Bildung des Nachwuchses. Viele Dinge, die damals erprobt wurden, haben heute Eingang in die pädagogische Praxis gefunden – wie Gruppenunterricht, Waldschulen, Berufsschulen, musische Erziehung -, doch zu ihrer Zeit waren sie revolutionär.


Zum LichtDie Reformbewegung umfasste zentrale Bereiche des Lebens: In Architektur, Möbel- und Produktgestaltung, die sich im Jugendstil ihren Ausdruck suchten und „Design“ zur neuen gestaltenden Disziplin machten; in Fragen der Gesundheit und Ernährung mit dem Aufkommen des Vegetarismus, der ersten alkoholfreien Getränke wie Sinalco (sine alcohole) oder solch praktischen Erfindungen wie das Einweckglas. Im Begriff Reformhaus finden wir heute noch Relikte aus dem Denken dieser Zeit. Auch das Nacktbaden, die Freikörperkultur (FKK), kam schwer in Mode. Ein gesunder Geist in einem gesunden Körper war das Motto. Das Wellness-Denken unserer Tage hat hier seine frühen Ursprünge. Die Pädagogik blieb nicht unberührt von diesen Entwicklungen. Der Strenge und dem Drill der wilhelminischen Kaiserzeit stellte man ein geradezu revolutionäres Konzept entgegen, das auf die Förderung der Individualität des einzelnen Schülers setzte.


Die Reformpädagogik hat wie die gesamte Bewegung unterschiedlichste Spielarten hervorgebracht – von eher klassenkämpferischen Ansätzen über streng konservative Einrichtungen. Spezialfälle der Reformpädagogik sind die Waldorfschulen, die bereits in ihren Anfängen als Gesamtschulen mit gemeinsamer Erziehung von Jungen und Mädchen gedacht waren. Auch die Montessori-Schulen mit ihrem musisch-sinnlichen Ansatz haben in dieser Zeit ihren Anfang. Ein absoluter Einzelfall, dafür aber ein sehr schöner Beleg für den Mut zum gewagten Experiment, ist das Lichtschulheim Lüneburger Land, das als staatlich anerkannte Schule die Freikörperkultur auch auf den Unterricht erweiterte. Kaum zu glauben, aber wahr: Seit 1927 lehrte und lernte man dort nackt. Allerdings nur für sehr kurze Zeit, denn 1933 wurde sie verboten.

Hermann Lietz
Hermann Lietz

Einen ganz anderen Weg beschritt Hermann Lietz. Politisch war er eher konservativ und auch die Koedukation lehnte der fortschrittliche Pädagoge ab. Lietz war ein sehr naturverbundener Mensch und gilt als Begründer der „Landerziehungsheime“. 1898 gründete er nach britischem Vorbild in Ilsenburg im Harz das erste in Deutschland, dem bis 1914 noch drei weitere folgen sollten. Sein Ziel war es, Heranwachsende geschützt vor den negativen Einflüssen der Stadt, geborgen und aufgehoben in familienähnlichen Strukturen ganzheitlich mit „Kopf, Herz und Hand“ zu erziehen. Als Hermann Lietz 1919 mit nur 51 starb, übernahm der Reformpädagoge Alfred Andreesen die Gesamtleitung der Internate und gründete eine Reihe neuer Landschulheime, darunter 1928 auch die Hermann Lietz-Schule auf Spiekeroog – die erste Gründung auf einer Insel, ein großes Experiment und Abenteuer mitten in der Nordsee:

„Bald sind wir nun ein Jahr auf dieser Insel; und vielen wird es wie mir gehen: wir fühlen uns mit diesem kleinen Fleckchen Erde verbunden, als wäre es unsere Heimat. Sommer und Winter haben wir hier erlebt, die Freuden und Sorgen des Insellebens genügend gekostet, auch bittere Erfahrungen machen müssen […] Das ewige Thema ist das Meer. Es bestimmt und gestaltet unser Leben. Im Sommer lockt es zum Baden, zum Segeln; Wattläufer durchmustern die Schätze, die es bei der Ebbe zurücklässt; Strandläufer suchen nach Strandgut – immer ist es ein Fest, wenn nach stürmischen Tagen der Strand mit Brettern oder sonstigem Gut besät ist; zahlreiche Vögel bevölkern die Sandbänke und locken den Naturfreund; besorgt verfolgen wir an stürmischen Tagen das Wachsen der Springflut, die einmal fast bis an die Kuppe des selbst gebauten Deiches ging: besonders aber im Winter bekommen wir die Macht des Meeres zu spüren, wenn es durch eine gewaltige Barre von Eisschollen, von den Fluten höher und höher gestaut, uns vom Festland absperrt […] Der Städter, für den der Wechsel von Tag und Nacht und der Jahreszeiten kaum noch besteht, seitdem die Technik Dunkelheit und Kälte besiegt hat, verliert den Zusammenhang mit den Kräften der Natur; und doch ist er nicht weniger ihr Geschöpf […] Es entwickelt sich das Gefühl der Zusammengehörigkeit; des gemeinsamen Schicksals. […] Und dann ein einzigartiger Zug des Abenteuerlichen den die Insellage mit sich bringt! Wohl sind wir beschränkt auf einen kleinen Fleck; der aber reizt auch, ihn nach allen Richtungen zu durchforsten. […] Und hinter allem das Meer ewig sich gleich und doch täglich anders, wie ein immer neues Geheimnis, das zu Abenteuern anregt.“

(Zitiert aus: Alfred Andreesen, Leben und Arbeit, 1929; auch nachzulesen in: spiekerooger inselbote, 1.9.2018)

 

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Lesetipp

ZEIT Geschichte: Anders Leben. Wilder denken, freier lieben, grüner wohnen. Jugendbewegung und Lebensreform in Deutschland um 1900, Nr. 2, 2013

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