Hermann Lietz-Schule auf Spiekeroog: Hinter den Kulissen eines außergewöhnlichen Internats

Wenn man über die Hermann Lietz-Schule (HLS) auf Spiekeroog schreibt, dann kommt man daran einfach nicht vorbei: das „Segelnde Klassenzimmer“. Dadurch ist das Internat von der ostfriesischen Insel überregional bekannt geworden, hier an der Nordseeküste wurde die einmalige Idee 1993 ins Leben gerufen. 25 Mal sind seitdem Schülergruppen zusammen mit ihren Lehrern und einer seemännischen Crew in die weite Welt gesegelt, haben ihr Schuljahr einfach auf dem Wasser fortgesetzt, staatlich anerkannt und nach gymnasialem Lehrplan. Wo kann man schon Mathematik und Physik ganz praktisch beim Segeln und Navigieren lernen, Geschichte und Politik auf den historischen Routen großer Entdecker nacherleben oder Erdkunde im Regenwald buchstäblich anfassen?

„High Seas High School“ nennt sich das Projekt heute. Der 26. Segeltörn startet in diesem Jahr in Hamburg: Am Samstag, den 13. Oktober, heißt es um 9:00 Uhr am Sandtorhöft-Anleger in der Hafencity „Ablegen und Leinen los“! Dieses Mal geht es mit dem Topsegelschoner Johan Smidt über den Atlantik und um die halbe Welt. Das Medienspektakel ist gewiss, genau wie dieses Jahr im April in Wilhelmshaven als der Großsegler Roald Amundsen vom Törn 2017/2018 aus der Karibik zurückkehrte. Gab es da ein tränenreiches Wiedersehen, wird es nun in Hamburg wohl ein ebenso emotionaler Abschied werden von den Jugendlichen. Fast sieben Monate wird man getrennt sein, erst am 4. Mai 2019 werden sich alle wieder in die Arme schließen können.

Auch für die HLS auf Spiekeroog ist die Abfahrt und Ankunft der segelnden Kollegen und Mitschüler immer ein besonderer Termin im Kalender. Selbst wenn die wenigsten Schüler an Bord des so berühmten „Schul“-Segelschiffs von dem Internat auf der Insel stammen. Der überwiegende Anteil der maximal 30 Plätze bei der „High Seas High School“ ist für 22 bis 26 externe Gymnasialschüler und –schülerinnen aus ganz Deutschland und anderen Ländern reserviert.

Ein Blick zurück auf 90 Jahre Lietz und 25 Jahre Segelndes Klassenzimmer

Das „Segelnde Klassenzimmer“ ist das medial sehr sichtbare und stets Aufsehen erregende Projekt eines Internats, das auch im Schulalltag mit außergewöhnlichen Konzepten punktet und nach den Prinzipien der Reformpädagogik ganzheitlich unterrichtet. Dazu noch eines mit langer Tradition, denn die Wurzeln der Schule auf Spiekeroog lassen sich bis in die Anfänge des 20. Jahrhunderts zurückverfolgen, als Hermann Lietz die ersten Landerziehungsheime in Deutschland eröffnete. Die HLS Spiekeroog selbst wurde 1928 von seinem Nachfolger, dem Reformpädagogen Alfred Andreesen, gegründet.

„90 Jahre Lietz“ und „25 Jahre Segelndes Klassenzimmer“ – zwei Jubiläen, ein großes Fest: Dazu hatte Schuldirektor Florian Fock am 1. September 2018 auf die Insel ins Internat geladen. Die Festrede vor 350 Gästen war einer der prägenden Figuren der Internatsgeschichte vorbehalten: Hartwig Henke, 28 Jahre lang Internatsleiter, steht wie kein anderer für den erfolgreichen Neustart der HLS auf Spiekeroog, die sich 1984 entschied, organisatorisch einen eigenen Weg mit einer gemeinnützigen GmbH als Trägerin zu gehen. Zu Zeiten als die „Präsidenteninsel“ vor allen Dingen Refugium der Familie von SPD-Spitzenpolitiker Johannes Rau war, wusste er die guten politischen Beziehungen auch für „seine“ Schule zu nutzen. Das war die Zeit des „Rückenwinds“ im Rückblick. Es war auch die Zeit, als das „Segelnde Klassenzimmer“ geboren wurde, für das er wohl ewig in die Lietz-Annalen eingehen wird.

Unter den Ehemaligen: große Namen und außergewöhnliche Talente

Überhaupt das Segeln. Das findet sich schon früh in der Geschichte der Schule, die mit ihrer einmaligen Insellage dafür auch die besten Voraussetzungen hat. Mit Wolf Michael Iwand gehört eine wahre „Segler-Legende“ zu den Absolventen des Internats. 1961 hat er hier am Wattenmeer sein Abitur gemacht, bevor er über die Weltmeere segelte. Bereits 1963 wurde er als damals 21jähriger und damit jüngster Navigator seiner Zeit für den Admiral´s Cup angeheuert, an dem er in Folge unzählige Male teilnahm. Drei Weltmeister- und zwei Vizeweltmeistertitel hat er gewonnen, dazu Siege in Worldcups und bei internationalen Meisterschaften: Es ist wohl eine der außergewöhnlichsten Karrieren unter deutschen Hochseeseglern. Besonders freut ihn, dass sein geliebtes Segelboot aus Schülerzeiten, die Albatros, heute noch fährt und mit Björn Eisengarten als Skipper weiterhin Preise einheimst. Nach seiner Sportkarriere wurde Iwand später Umweltbeauftragter des Touristikkonzerns TUI und zur Kultfigur der Ökotouristen.

Auch ein anderer Absolvent hat es sehr weit gebracht: Hans Strack-Zimmermann. Er ist Gründer der Ixos Software AG, einer der wenigen deutschen IT-Player von Weltrang und bis zum Verkauf 2003 führend bei Software für das Dokumenten-Management in Unternehmen. Berührend ist die Geschichte, die der ehemalige CEO über seine Zeit auf der HL-Schule zu berichten weiß. Er war wohl immer schon ein Einzelgänger, ein „Nerd“ würde man heute wohl anerkennend sagen. Er kam einfach nicht zurecht in anderen Internaten, den „Kadettenakademien“. Spiekeroog war wie eine Befreiung für ihn. Erst dort achtete man sein Individualistentum, entdeckte in ihm ganz neue Talente, die damals übrigens im Buchbinden lagen (auch eine Art von Dokumenten-Management…), und drei Jahre später, 1962, machte er sein Abitur. Hätte es die Ixos Software AG jemals gegeben ohne die HLS auf der ostfriesischen Insel?

Der international prominenteste Absolvent der Schule dürfte auch gleichzeitig einer ihrer ersten gewesen sein: Denn als Wernher von Braun 1928 nach Spiekeroog kam, war das Internat als reine Oberstufenschule für Jungen gerade erst eröffnet worden. Der Wegbereiter der modernen Raumfahrt, der später in den USA bei der NASA das Apollo-Programm zur ersten Mondlandung vorantrieb, blieb zwei Jahre auf der Insel. Wegen seiner guten schulischen Leistungen konnte er bereits mit 18 Jahren im April 1930 die Abiturprüfung ablegen, wie sein Zeugnis belegt (Quelle: Wikipedia).

Wernher von Braun_Abiturzeugnis HSL

Der wahre Reichtum kommt von innen: Freiräume für die Kreativität

„Ich wäre gerne heute auf Lietz Schüler“, meint Iwand. „Damals war Spiekeroog ein Aschenputtel. Heute ist die Insel eine Prinzessin und die HLS ein Innovationsmotor.“ Der größte Unterschied zu heute sei aber, dass es damals keine Mädchen gab, grinst der auch im Alter noch attraktive Athlet. Während des Zweiten Weltkrieges war das Mal für kurze Zeit anders, da wurden auch Schülerinnen aufgenommen. Von dieser Zeit weiß auch eine Biografie zu berichten, die Annemarie Müller-Andreesen verfasst hat. Sie ist die Tochter von Herbert Andreesen, der mit seinem Bruder Alfred die Lietz-Schulen damals leitete. An „Eine Kindheit im passiven Widerstand des Dritten Reiches“ kann sie sich erinnern. So lautet der Titel ihres Buches, das pünktlich zum Jubiläum fertig geworden ist.

Der ÄltesteWenn man durch die Seiten blättert, fällt vor allem auf, wie karg und einfach noch alles in den 30iger und 40iger Jahren zuging. Die Abgeschiedenheit der Schule ganz im Osten der Insel war noch spürbarer als heute, der kilometerlange Fußweg Richtung Ortsmitte noch ein einziger Schlammpfad. Diese Zeiten hat auch Hans-Theodor Calow noch erlebt. Zwei Jahre, von 1944 bis 1946 war der Bielefelder HL-Schüler. Mit 89 Jahren ist er heute einer der Wenigen, die sich daran erinnern können und alles andere als ein Leben in Luxus mit dem Internat verbinden.

Inselbegabung titelte 2017 das Handelsblatt nach einem „Besuch in Deutschlands ungewöhnlichstem Internat“. Und ein bisschen davon sowie eine Begeisterung für die rauhen Kräfte der Natur sollte man als Schüler schon mitbringen. Denn das Leben auf dem kleinen Eiland ist besonders im Winter nicht immer einfach: „Doppelt Knast“, habe man in schlechten Momenten als Schüler auch schon Mal geflucht. Daran erinnert sich Nina Lück, die 1994 auf der HLS ihr Abitur machte. „Kein Entkommen, nicht von der Insel und auch nicht von der Schule, die so weit weg vom Ortskern liegt“. Heute lebt sie in London und spürt jedes Mal ein Glücksgefühl, wenn sie auf dem langen Hellerpad zu ihrer alten Schule geht: Das sei für sie Entschleunigung pur, ein absolutes „clearing the head“. Nirgendwo habe sie so entspannt gelebt wie hier auf dem Inselinternat. Denn es sind gerade die Freiräume, die das Leben und Lernen auf der HLS auszeichnen.

Was das reformpädagogische Internat zu etwas ganz Besonderem und Einzigartigem macht, ist seine Lage direkt in der Nordsee. Es gibt zwar noch ein weiteres Inselinternat in Deutschland, das liegt aber auf einer kleinen Insel im Tegeler See in Berlin. Richtige Wellen und Brandung, dazu noch herrliche Dünen und das Wattenmeer, das gibt es nur auf der HLS Spiekeroog. Und so konnte auch nur auf diesem Inselinternat das Segeln zum integralen Bestandteil des Schulunterrichts werden, konnten nur hier solch außergewöhnlichen Projekte ins Leben gerufen werden wie die High Seas High School oder das Nationalpark-Haus Wittbülten, das mitten im Weltnaturerbe seit mehr als zehn Jahren erfolgreich Umweltbildung und -forschung für Schüler, Wissenschaftler und Touristen betreibt.

Die Naturgewalten ringsherum prägen. Schon Schulgründer Alfred Andreesen stellte fest: „Das ewige Thema ist das Meer.“ Das wird auch noch lange so bleiben „auf Lietz“. Ostfriesland Reloaded wünscht der „kleinen Schule mit der großen Gemeinschaft“ alles Gute für die Zukunft. Bis zum 100. Geburtstag in 2028!

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Und noch etwas

Während der Großsegler zur „High Seas High School“ 2018/2019 am 13. Oktober 2018 in See sticht, laufen schon die Vorbereitungen für den nächsten Törn 2019/2020. Hier gibt es die wichtigsten Informationen vorab. Am Infotag dazu noch viel mehr:

NÄCHSTER HSHS-INFOTAG | 08. Dezember 2018 in Hamburg.
Kommen Sie gerne vorbei zu Film & Vortrag oder zur persönlichen Beratung.
Geschäftsführer Jan Reiners und sein HSHS-Team Charlotte Winkelmann und Jörn Gollisch beraten Sie persönlich in Hamburg zum segelnden Klassenzimmer, der High Seas High School (HSHS).

Das segelnde Klassenzimmer – SchülerInnen aus ganz Deutschland und anderen Ländern können sich dafür bewerben.
Schule auf dem Schiff. Eine Segelreise über den Atlantik für bis zu 30 Schülerinnen und Schüler der 10. und 11. Klasse (G8/G9) aus ganz Deutschland und aller Welt. Inkl. ca. 6 Wochen Landgängen in Mittelamerika, Kuba und auf den Kanaren. Jedes Jahr von Oktober bis Anfang Mai. Jetzt anmelden und einen persönlichen Beratungstermin vereinbaren: bewerbung@high-seas-high-school.de

PERSÖNLICHE BERATUNG in Hamburg
mit Voranmeldung
:
High Seas High School –
Das segelnde Klassenzimmer

Samstag 08. Dezember 2018 von 13 – 18 Uhr
Persönliches Beratungsgespräch gewünscht – bitte hier anmelden:
bewerbung@high-seas-high-school.de
Veranstaltungsort:
Steckelhörn 12, 20457 Hamburg
bei NOMEN PRODUCTS

So finden Sie uns

FILM & VORTRAG in Hamburg:
High Seas High School –
Das segelnde Klassenzimmer

Samstag 08. Dezember 2018 um 11 Uhr
Veranstaltungsort:
Steckelhörn 12, 20457 Hamburg
bei NOMEN PRODUCTS

So finden Sie uns

JETZT ANMELDEN für persönlichen Beratungstermin

Wir bitten um Voranmeldung per Email.
Oder haben Sie noch Fragen? Wir rufen zurück.
bewerbung@high-seas-high-school.de

Wichtige Info:
Die persönlichen Beratungsgespräche beim HSHS-Infotag in Hamburg werden NUR für interessierte Eltern und Schüler angeboten – NICHT für Lehrer.

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