Eine Hausdame mit ganz viel Sanddorn im Dünen-Garten

Heidi Eisengarten ist die Hausdame im Hermann Lietz-Internat auf Spiekeroog. Wie bitte? Hausdame? Was ist das denn? Gut, man könnte auch Housekeeping Manager sagen. Das ist ein Begriff aus der Hotellerie und der trifft es eigentlich recht genau. Denn es geht hier ums Organisieren, um den reibungslosen Ablauf der kleinen Maschine „Lietz“ – und das Internat hat viel gemeinsam mit einem Hotelbetrieb. Der Arbeitsbereich einer Hausdame ist sehr vielfältig und in aller Regel im Management angesiedelt. Noch jeder Lietz-Direktor wusste um die Wichtigkeit dieser Funktion im Getriebe.

Auch Hausdame Eisengarten übernimmt im Internatsgymnasium auf Spiekeroog viele Koordinations- und Planungsaufgaben. Es gilt, Dienstpläne zu erstellen, Mitarbeiter anzuleiten und die Leistungen externer Unternehmen reibungslos in den Ablauf zu integrieren und auf die Anforderungen des Internates einzustellen. Das Housekeeping ist für die Pflege des gesamten Hauses zuständig. Darunter fallen die Unterrichts- und Gemeinschaftsräume, die Zimmer der Schüler, alle Nebenräume, die Außenanlagen mit Gärten und Terrassen, die Büros und die Unterkünfte der Mitarbeiter und Gäste.

Wer mit Heidi Eisengarten unterwegs ist, der muss gut zu Fuß sein. Einer der täglichen Pflichttermine ist die Kontrolle der Schülerzimmer vor dem Mittagessen. Mit zügigen Schritten geht sie durch die Flure, öffnet nach kurzem Anklopfen Tür um Tür und schaut nach, ob es drinnen einigermaßen aufgeräumt ist. Sie kennt ihre Pappenheimer, weiß, wo sie ein bisschen strenger sein muss, und wo ein wenig Milde angesagt ist, etwa bei einem neuen Schüler, der im Moment vielleicht andere Sorgen hat als ein ordentlich gemachtes Bett. Schließlich ist jeder hier auf Lietz Pädagoge, zeigt Mitgefühl und Rücksicht, wo es nötig ist. Es ist ganz wie zu Hause, hier wird aufgepasst und wo nötig, ermahnt. Und es wird auch ganz genau erklärt, warum es etwas zu kritisieren gibt.

Heidi Eisengarten Sept 1So gibt es bei den schnellen Zimmerdurchgängen eine Art Ampelsystem mit fünf Zimmertypen für die Schüler. In den drei grünen Bereichen ist man, wenn alles aufgeräumt und sauber ist – mehr oder weniger. Bei weniger wird es Hellgrün und langsam kritisch, es ist gerade noch ein „Akzeptables Zimmer“. „Zimmer noch nicht OK“ heißt es in der ersten Mahnstufe, und es leuchtet Weiß von der großformatigen Übersichtstafel, die an zentraler Stelle im Haus positioniert ist. Wenn nach zwei Wochen rein gar nichts passiert ist, dann wird auch die sonst so geduldige Heidi Eisengarten strenger: Es wird Rot an der Wand und hat auch Konsequenzen – dann steht eine Stunde Zusatzdienst für die Gemeinschaft an. Auch Ausschlafen ist für die nächsten zwei Wochen nicht mehr drin: Ab sofort heißt es jeden Tag ohne Ausnahme morgens um sieben Uhr zum Frühstück im Speisesaal zu erscheinen. Wer grüne Bewertungen hat, sammelt hingegen Pluspunkte für die Zimmerwahl. Denn hin und wieder zieht es den Einen oder die Andere in ein anderes Zimmer – auch dann ist Hausdame Eisengarten wieder gefragt. Sie genehmigt, informiert, koordiniert und weiß immer eine Lösung. „Heidi“, das ist eine Instanz auf Lietz. Und da sie schon so viele Jahre dabei ist, könnte man fast sagen, sie ist eine Institution.


Das Familienprinzip auf der Hermann Lietz-Schule

Fünf bis sieben Schüler bilden mit einem Lehrer oder einer Lehrerin, deren Partner und eigenen Kindern jeweils eine Familiengruppe. Die Familien sollen möglichst gut gemischt sein und aus jüngeren und älteren Schülern, Jungs und Mädchen bestehen. Diese Struktur gibt den Internatsschülern Geborgenheit, ein Gefühl des Miteinanders und Orientierung. Die Lietz-Familie hat immer ein offenes Ohr für Sorgen und kann Problemen und Konflikten so frühzeitig begegnen. Neben den gemeinsamen Mahlzeiten verbringen die Familien alle zwei Wochen einen Abend zusammen, an dem sie gemeinsam kochen, spielen, Sport machen oder manchmal auch Segeln gehen. Höhepunkt des Zusammenlebens ist die Familienfahrt, die einmal im Jahr, zwischen den Sommer- und Herbstferien, stattfindet. So können sich auch neue Schüler gut einleben. Zweimal im Jahr gibt es einen Familienbericht, der zusätzlich zu den Schulzeugnissen und den Elterngesprächen die Entwicklung des Kindes dokumentiert.

Die Schulfamilie Fock startet zum Familienabend auf dem Plattbodenschiff Tuitje


Mittags treffen sich alle wieder im großen Speisesaal. Heidi Eisengarten sitzt am Tisch von „Familie Aper“. Gerald Aper, Physik- und Chemielehrer sowie Leiter der Mittelstufe, hat seine Schüler-Familie wie jeden Tag zum gemeinsamen Mittagessen um sich versammelt. Dazu gehören ganz unterschiedliche Charaktere von ganz unterschiedlicher Herkunft: etwa der aufgeweckte Lucas, zwölf Jahre alt und ein waschechter Berliner. Der gleichaltrige Rayk kommt dagegen ganz aus der Nähe, aus Aurich, und ist etwas ruhiger vom Naturell. Erst zehn Jahre alt und damit einer der Jüngsten ist Kristian, ebenfalls aus Berlin. Der räumt schon ganz selbstverständlich am Ende das Geschirr an den Tischrand. Denn Abräumen müssen hier auch die Kleinen. Die Größeren, ab der siebten Klasse, haben einmal im Monat Küchendienst.

Praktische Arbeit – ein Teil der Pädagogik auf Lietz

Zweimal im Monat steht Praktische Arbeit auf dem Nachmittagsprogramm, kurz PA genannt. Da packen alle mit an – Lehrer, Mitarbeiter und Schüler – räumen auf, reparieren, ernten, kümmern sich um die Tiere, den Deich. Die Jungen sind mit mehr oder weniger Spaß dabei, ganz wie zu Hause, wenn man den Müll herausbringen oder Geschirr spülen soll. Was zu machen ist, das weiß Heidi Eisengarten ganz genau. 14 PAs hat sie für heute geplant und koordiniert. Auch die für Dorothea Rösch und ihre Schülergruppe. Die junge Englischlehrerin ist noch ganz neu auf der Lietz-Schule, aber schon sehr routiniert und mit viel Engagement dabei. Gerade deswegen ist sie ja aus Freiburg hierher gekommen, um mit ihren Schülern gemeinsam Alltag zu leben und zu meistern. Arbeiten im Außengelände sind heute für sie und ihre Schülergruppe vorgesehen. Nach dem Säubern und Aufräumen des Abstellbereichs für die unzähligen Fahrräder geht es Richtung Dünen zum Sanddorn. Denn der ist jetzt reif. Orange leuchten die Beeren vor silbergrauen Blättern. Es erfordert sehr viel Geduld, sie zu ernten: Die kleinen Zweige müssen sorgfältig nach dem Schnitt von restlichen Blättern befreit werden, bevor sie in den Eimer geworfen werden können.

Wie man den Sanddorn am Besten erntet und verwertet, hat Heidi Eisengarten vorher Dorothea Rösch genau erklärt: Es werden zunächst die Dolden am Zweig vom Baum geschnitten. Diese werden dann von den Blättern befreit, eingefroren, leicht angetaut und danach fest geschüttelt. Schon hat man nur noch die Beeren zum Pressen übrig, denn die lösen sich im geeisten Zustand einfach von selbst vom Zweig. Ein Trick der Insulaner, den bald auch die Schüler kennen werden. So geht das tradierte Wissen um die alte Kulturtechnik weiter von Hausdame zur Lehrerin und zur nächsten Generation, den Schülern.

Die Sanddorn-Ernte hat auch noch einen ganz praktischen Hintergrund: Die Beeren werden weiter zu Gelee und Sirup verarbeitet: eine ganz besondere Delikatesse der Insel, die Heidi Eisengarten immer als Weihnachtspräsent der Schule fest einplant. So bekommt diese PA auch für die Schüler einen Sinn: Man weiß, was man macht und wofür man sich anstrengt. Auch wenn es lange dauert, viel Geduld braucht, und am Ende alle froh sind, es geschafft zu haben. Die Vorfreude auf Weihnachten ist jetzt schon groß!


Backsteinimpressionen

Und noch etwas

Es stellt sich schnell die Frage nach dem Preis für einen solchen 360-Grad-Service, der weit über dem einer puren Lehrbetreuung hinausgeht. Der Besuch der Privatschule auf Spiekeroog kostet im laufenden Schuljahr 2017/2018 monatlich 2.670 Euro in den Klassen 5–10 und 2.770 Euro in den Klassen 11-13. Taschengeld, Schulbücher und andere Zusatzleistungen werden nach Aufwand abgerechnet.

Das ist nicht wirklich viel, wenn man bedenkt, wie umfassend allein der pädagogische Anspruch ist, und welch außergewöhnliche Angebote neben Kost und Logis zum Programm gehören – vom Reiten, über sämtliche Beach-Sportarten bis zum Segeln mit schuleigenen Booten im nahen Wattenmeer und auf hoher See, das ein absolutes Alleinstellungsmerkmal der Schule ist. Dazu noch die vielfältigen Möglichkeiten im musischen Bereich wie etwa Auftritte mit dem Schulorchester. Zudem sind seit 2008 über die Stiftung der Hermann Lietz-Schule Stipendien erhältlich für Schüler, deren Eltern diese Summen nicht stemmen können. 15-20 der 80 Internatsplätze werden im Schnitt über Stipendien finanziert.

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