Trinkfest im Nordwesten: Friesisch herb in Jever und auch sonst recht durstig

Im 18. und 19. Jahrhundert, noch vor dem Siegeszug des Tees, war das wichtigste Getränk der Ostfriesen Bier, das sich jeder zu Hause selber brauen oder aus einer der nahe gelegenen Kneipen holen konnte. Der beliebte Bierkonsum wurde von der Obrigkeit sogar gefördert um zu verhindern, dass immer mehr Geld durch den Import von Tee ins Ausland floss. Denn die Zutaten für Bier wurden in ausreichender Menge im eigenen Land angebaut. Allein im kleinen Oldersum soll es einst 140 Braustätten gegeben haben. Bier zu brauen und zu trinken hat also eine lange Tradition in Ostfriesland.

Heute ist der Nordwesten Deutschlands vor allem bekannt für sein Jever Pilsener, das friesisch herbe Bier, das wie kein anderes für Frische, Freiheit und „Sich-einfach-fallen-lassen“ steht. In der Kleinstadt bei Wilhelmshaven gehen jährlich Millionen Liter Bier durch riesige Abfüllanlagen hinaus in die ganze Welt. Weithin prägen die gigantischen Tanks und die Lettern Friesisches Brauhaus das Ortsbild in „Malzhattan“. Doch wie kommt das berühmte Jever in die hohen Tanks? Was steckt genau hinter der gläsernen Fassade? Ostfriesland Reloaded hat nachgeschaut und sich bei den Experten in Jever über das Bierbrauen schlau gemacht.

In der Mälzerei fängt alles an. Malz wird in Europa meistens aus Getreide hergestellt. Das wird gewaschen, sortiert und schließlich mit Wasser zum Keimen gebracht. Heraus kommt Grünmalz, das zum Schluss noch getrocknet wird. Beim so genannten „Darren“ bestimmt der Mälzer über die Temperatur die Farbe des Malzes und damit die des späteren Bieres. Man spricht auch vom „Körper des Bieres“ In der Mälzerei wird also der Grundstein für das fertige Pils gelegt. Das eigentliche Brauen des Bieres findet im Sudhaus statt. Hier sei im Kleinen und schematisch dargestellt, was in Jever in ganz großem  Stil nach neuesten Erkenntnissen der Brautechnik passiert:Bierbrauen 1In Jever nimmt man Gerstenmalz zum Brauen, genau 14.400 Kilogamm pro Kochgang. Dieser wird in der Maischpfanne mit 56.000 Liter Wasser vermischt. Dabei entsteht aus der Malzstärke vergärbarer Zucker. Danach wird im Läuterbottich die flüssige Würze vom festen Bestandteilen, dem Treber, getrennt. In der Würzepfanne kommt Hopfen dazu und wird etwa eineinhalb Stunden lang mit der Würze verkocht. Je mehr Hopfen im Kessel, umso herber schmeckt später das Bier.  Insgesamt hat man in Jever eine Kapazität von 92.000 Litern pro Sud und neun Sude am Tag, wie Jever Bier-Brauer und Mälzer Thomas Kramper zu berichten weiß. Nach dem Kochen werden im Whirlpool noch weitere Trübstoffe entfernt, bevor die Würze im Kühler heruntergekühlt wird.Bierbrauen 2Denn ein entscheidender Bestandteil auf dem Weg zum Alkohol fehlt noch: die Hefe, die ganz zum Schluss hinzugefügt wird. Denn erst die wandelt den Malzzucker in der Würze in Kohlensäure und Alkohol um. Das Jever Pilsener ist ein untergäriges Bier, da genügen Temperaturen zwischen 4 und 9 Grad, bei obergärigen Sorten sind 15 bis 20 Grad erforderlich. Die Hefe sammelt sich am Ende unten im Gärtank. Das „Jungbier“ landet nach einer weiteren Filterstufe im Lagertank. In Friesischen Brauhaus zu Jever gibt es davon 15 an der Zahl. Sie fassen jeweils 240.000 Liter und verteilen sich über die drei imposanten Glastürme der Brauerei. Dahinter steckt modernste Brauereitechnik. Denn ohne die wäre so eine gewaltige Zahl wie eine Million Hektoliter im Jahr, die hier produziert werden können, nicht möglich. Ganz schön viel Bier!

Einmal im Jahr öffnet das Friesische Brauhaus seine Pforten und lädt ein zum großen Hoffest in Jever. Da lernt man dann auch die Menschen kennen, die das Bier machen, das so vielen so gut schmeckt. Allen voran Produktionsleiter Florian Harms, der zum Tag der offenen Tür auch gern mal seiner Familie den prominenten Arbeitsplatz zeigt. Um Nachwuchs muss man sich bei Jever jedenfalls keine Sorgen machen: Eine ganze Riege gut gelaunter Auszubildender klärt die Besucher auf – über die große Vielfalt unterschiedlicher Malzsorten und über den Hopfen aus der bayerischen Hallertau, der in grünen Pellets geliefert, ansonsten aber naturbelassen ist.

Der Beruf wird aber wohl auch in Zukunft männlich dominiert bleiben. Wie die zukünftigen Brauer berichten,  gebe es in ihrem Ausbildungsjahrgang in der Berufsschule nur eine angehende Brauerin. Auf Konsumentenseite ist der Gerstensaft bei der Weiblichkeit jedenfalls beliebt: „Zwei von drei deutschen Frauen über 18 Jahren lieben Bier“, so widerlegt der Deutsche Brauer-Bund mit den Ergebnissen einer Studie der CMA (Centrale Marketinggesellschaft der deutschen Agrarwirtschaft) ein häufiges Urteil, dass Bier nur etwas für Männer sei. Überhaupt hat das uralte Getränk eine wahre Rennaissance erfahren, werden in letzter Zeit besonders seine überaus positiven ernährungsphysiologischen Eigenschaften geschätzt, die Natürlichkeit und Reinheit des Produktes. Die Tatsache, dass es weniger Kalorien enthält als etwa zuckerhaltige isotonische Getränke macht es sogar für Sportler attraktiv – allerdings nur in den alkoholfreien Varianten, die sich auch zunehmender Beliebtheit erfreuen.

Ob mit oder ohne Alkohol: Ostfriesland Reloaded stößt jedenfalls mit allen Freunden des kräftigen Hopfens und einer kühlen Flasche Jever an und sagt laut: Prost!

Sudkessel und Bier

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Abgefüllt

Von den Tanks in die grüne Jever-Flasche geht es in atemberaubender Geschwindigkeit. In Jever geschieht das Abfüllen und Etikettieren nahezu vollautomatisch. Nur noch wenige Menschen legen hier Hand an. Beeindruckend!

Abfuellung PanoramastreifenAuch die Geräuschkulisse. Die können Sie jetzt zwar nur erahnen, aber die Bilder sprechen für sich. 39.900 Flaschen gingen pro Stunde hier vom Band :

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Bildnachweis: Die schematischen Darstellungen zum Bierbrauen stammen aus einer Broschüre der „Gesellschaft für Öffentlichkeitsarbeit der deutschen Brauwirtschaft e.V. (GfÖ): Vom Halm zum Glas. Wie unser Bier gebraut wird.

 

 

 

 

2 Kommentare zu „Trinkfest im Nordwesten: Friesisch herb in Jever und auch sonst recht durstig

  1. Hallo,

    sehr schöner und informativer Artikel.
    Ich bin selbst Brauwesen Student und trinke sehr gerne Jever, da es meiner Meinung nach, einfach ein verdammt gutes Pils ist!

    Ich versuche schon sehr lange herauszufinden, welcher Hopfen für das Jever Pilsener verwendet wird.
    Bis jetzt konnte ich das nicht herausfinden.
    Wisst ihr da zufällig mehr? Oder könnt ihr das noch herausfinden? Würde mich wirklich brennend interessieren 😉

    Liebe Grüße,
    Alex

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    1. Hallo Alex, für das Jever Pilsener wird Hopfen aus Bayern verwendet, aus der Hallertau. Das ist das größte Hopfenanbaugebiet der Welt. Es werden übrigens immer nur die weiblichen Dolden genommen. Hopfen stammt aus der Familie der Cannabisgewächse, es gibt an die 130 unterschiedliche Hopfensorten. Welcher genau im Jevener Pilsener drin steckt, ist Teil der Rezeptur und wird natürlich nicht verraten. Hopfen ist sehr beruhigend und gesund. Es ist auch eines der teuersten Lebensmittel. Der Preis ist abhängig von der Ernte. Wenn die sehr schlecht ausfällt, kann ein Kilogramm schon Mal 440 Euro kosten. Warum kommt es überhaupt hinein in den Sud? Er gibt dem Bier Stabilität, ist ein Geschmacksträger und hat eine konservierende Wirkung. Denn mal Prost! Ostfriesland Reloaded

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