Versteck in luftiger Höhe: Störtebekers Turm am Wasser

Im wehrhaften Turm einer ostfriesischen Kirche fand der berühmteste Seeräuber Deutschlands Zuflucht: Klaus Störtebeker. Fünf Jahre, bis zu seinem Tod 1401 in Hamburg, soll sich der Pirat in Marienhafe versteckt haben. Der Ort war Ende des 14. Jahrhunderts nach drei gewaltigen Sturmfluten noch direkt mit der Leybucht verbunden und bot damit Zugang zur offenen Nordsee. Seine flachgängigen Schiffe hat der Pirat angeblich direkt am mächtigen Backsteinbau der Marienkirche festgemacht, wenn er mal wieder in Ostfriesland Unterschlupf suchte.

Unzählige Legenden und Räubergeschichten ranken sich um Klaus Störtebeker und seine Mannen, die Vitalienbrüder.

In dem wehrhaften Quadrat-Turm des Gotteshauses sollen sie ihre Raubzüge geplant, wild gezecht und ihre Beute vom verbotenen Kapern englischer, dänischer oder hanseatischer Schiffe gelagert haben. Unmengen von Stoffen, Gold und Pelzen waren dort gestapelt oder wurden – so will es die Legende – an Arme verteilt. Ostfrieslands Robin Hood heißt definitiv Klaus Störtebeker: „Gottes Freund und aller Welt Feind“, wie er sich selbst gern bezeichnet hat. 1399 soll der Volksheld sogar die Tochter des Ostfriesenhäuptlings aus der Familie tom Brok geheiratet haben.

Die Marienkirche war im Mittelalter Ostfrieslands größte dreischiffige Kreuzkirche, der „großartigste Tempel zwischen Weser und Ems“. Von den gewaltigen Ausmaßen des Originalbaus aus dem zwölften Jahrhundert steht seit 1829 jedoch nur noch das Mittelschiff, auch der Störtebeker-Turm wurde um zwei auf insgesamt vier Stockwerke gestutzt. Aber immer noch ist der trutzige Backsteinbau ein imposantes Monument, das viele Besucher überrascht und beeindruckt.

Und dessen Existenz zweifelsohne sehr real ist. Was man von Klaus Störtebeker nicht unbedingt sagen kann. Dessen Taten, sogar seine pure Existenz werden von manchen Historikern bezweifelt: „Ein Seeräuber Klaus Störtebeker ist quellenkundlich nicht nachzuweisen“, heißt es da nüchtern.

Doch das stört die meisten Menschen nicht besonders. Sie wollen einfach weiter glauben an die Legende vom tollkühnen Piraten, der dem Volk soviel Gutes brachte. Und Marienhafe lebt sehr gut vom berühmten Namen Störtebeker. Ob Souvenirs aller Arten und Sorten, Bastelbögen für Kinder oder die Störtebeker-Freilichtspiele für Erwachsene – sie haben ihm viel zu verdanken, dem Mann, dem sie in Bronze ein großes Denkmal vor der Marienkirche gesetzt haben.

Ohne Klaus Störtebeker würden wohl nur noch Wenige den Weg finden in die heute verlandete Kleinstadt am Moor, die vor sechs Jahrhunderten noch per Schiff zu erreichen war. Die ehemalige Hafenstadt ist heute ein beschaulicher Ort tief im Innern des Brookmerlandes, den man sich so gar nicht mehr als Austragungsort heftiger Fehden zwischen der Hanse und der Häuptlingsfamilie tom Brok vorstellen kann. Störtebeker gibt heute dem Tourismusverband seinen Namen, zu dem sich die ostfriesischen Gemeinden Marienhafe, Großheide und Hage zusammengeschlossen haben. Auch eine Ferienstraße, die die Küstenorte miteinander verbindet, trägt in Ostfriesland den Namen des berühmten Piraten.

Bekannt ist Marienhafe aber noch für eine andere Rarität: In der Marienkirche befindet sich die zweite der beiden einzigen Holy-Orgeln Ostfrieslands. Das historische Instrument ist mindestens genauso berühmt wie der Pirat und entfaltet im Kirchenraum des ehemals größten Sakralbaus zwischen Groningen und Bremen seine ganz besondere Schönheit.

Im ersten Stock des Turms befindet sich heute die Störtebeker-Kammer, in der der Pirat angeblich gewohnt haben soll. Von dort geht es über eine Freitreppe und enge Gänge bis ganz nach oben in die Turmspitze mit einem fantastischen Ausblick auf Juist und Norderney.

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