Erfolg und Tragik einer Hymne: „Wor de Nordseewellen…“

Als die junge Frau die sehnsuchtsvollen Zeilen schrieb, lebte sie fernab ihrer Heimat seit fast zehn Jahren in Berlin. Dort in der Hauptstadt arbeitete sie als Redakteurin beim „Deutschen Familienblatt“, bevor sie mit ihrer Heirat 1905 ihren Beruf aufgab. Das war damals so üblich. So hatte sie aber mehr Zeit für ihre persönlichen Ambitionen als Schriftstellerin. Sie nahm erfolgreich an Berliner Literaturwettbewerben teil und veröffentlichte kleine Gedichtbände. Darunter 1907 mit dreißig Jahren auch ihre „Schelmenstücke. Plattdeutsche Gedichte“. Gleich das erste sollte Geschichte machen: „Mine Heimat“.

MüllerGrählertMarthaDarin schreibt Martha Müller-Grählert von ihrer Sehnsucht nach der geliebten Heimat, nach Vorpommern, „wo die Ostseewellen trecken an den Strand“. Denn so heißt die inoffizielle Hymne aller Friesen – auch der Ostfriesen – im Original. Nichts von Nordseewellen und Deichen steht darin, auch nichts vom „gröne Marschenland“. Die kamen erst viel später hinzu. Wie die berühmte Melodie zum Text, die auch nicht aus der Feder eines Friesen stammt.

Ihr Komponist ist Simon Krannig, ein gelernter Tischler aus Thüringen, den es während der Walz nach Zürich verschlug und der sich dort als Fabrikant von Bilderrahmen niederließ. Er war aber auch ein leidenschaftlicher Chorsänger und –leiter sowie Komponist von mehr als hundert Liedern für Männer- und Frauenchöre. Zu ihm kam 1908 eines Tages ein Glaser aus Flensburg mit dem Gedicht von Martha Müller-Grählert in der Hand, das zuvor in den Meggendorfer Blättern veröffentlicht wurde, einer damals bekannten deutschen Satirezeitschrift. Ob er dieses Gedicht vertonen könne? Der Glaser verstarb kurz darauf, die Melodie von Krannig war aber für immer in dieser Welt.

Öffentlich gesungen wurden die Ostseewellen wohl zum ersten Mal vom Chor des Männergesangvereins  in Zürich. 1909 folgte dann die Veröffentlichung der Noten durch einen Verlag.

Fischer_FriesenhausenZu den Nordseewellen machte das Lied dann erst viel später ein anderer: Friedrich Fischer-Friesenhausen. Ein stramm nationaler Schriftsteller und antisemitischer Verleger aus Detmold, den es später mit seiner Friesen-Verlags-Anstalt über Kassel nach Soltau bei Hannover verschlug. Er hat die Ost- gegen die Nordseewellen ausgetauscht, weitere Änderungen an dem ursprünglichen Text gemacht und seine Bearbeitungen als Partituren ab 1922 verlegt und publiziert.

„Wo die Nordseewellen trecken an den Strand…“ sollte einen weitaus größeren Bekanntheitsgrad erreichen als die Originalversion von der Ostsee. Im norddeutschen Radio wurden die Nordseewellen ständig gespielt, auch auf den Fähren der Frisia zu den Ostfriesischen Inseln erschallte das Lied für Einheimische und Gäste. 1934 war es als Filmmusik zu „Heimat im Meer“ in den Kinos zu hören, auch der Deutschlandsender spielte es gern und oft landesweit aus. Nach dem Zweiten Weltkrieg gehörte das Lied zu den Evergreens, wurde von Freddy Quinn, Lale Andersen und vielen anderen Sängern ins Repertoire genommen.

Auch heute gehört es in das Programm eines jeden Shanty-Chors:

Martha Müller-Grählert kämpfte jahrelang um ihre Urheberrechte und Tantiemen. Die hätte sie bitter nötig gehabt. 1914 zerbrach ihre Ehe mit Max Müller, der 1911 eine Gastprofessur in Japan erhalten und mit dem sie dort bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges gelebt hatte. Mit Vortragsreisen und Leseabenden verbesserte sie ihre finanzielle Lage. 1924 zog sie von Berlin wieder zurück in ihre vorpommersche Heimat nach Zingst, wo sich ihre wirtschaftliche Not nicht wesentlich änderte. Sie soll einsam und arm am 18.11.1939 mit 62 Jahren in einem Altersheim bei Stralsund gestorben sein.

Das Urteil, das 1936 Martha Müller-Grählert und dem Komponisten Krannig endlich die Urheberrechte zugestand, wurde erst nach ihrem Tod rechtskräftig.

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Das Lied der Friesen

  1. Wor de Nordseewellen trecken an de Strand,
    Wor de geelen Blöme bleuhn in’t gröne Land,
    |: Wor de Möwen schrieen gell in’t Stormgebrus,
    Dor is mine Heimat, dor bün ick to Hus. 😐
  2. Well’n un Wogenruschen weern min Weegenleed,
    Un de hohen Dieken seh’n min Kinnertied,
    |: Markten ok min Sehnen un min heet Begehr:
    Dör de Welt to flegen, ower Land un Meer. 😐
  3. Wohl hett mi dat Lewen all min Lengen still,
    Hett mi all dat geven, wat min Hart erfüllt;
    |: All dat is verswunnen, wat mi drück un dreev,
    Hev dat Glück woll funnen, doch dat Heimweh bleev. 😐
  4. Heimweh nach min schöne, gröne Marschenland,
    Wor de Nordseewellen trecken an de Strand,
    |: Wor de Möwen schrieen gell int Stormgebrus,
    Dor is mine Heimat, dor bün ick to Hus. 😐

Mine Heimat (Das Original)

  1. Wo de Ostseewellen trecken an den Strand,
    Wo de gele Ginster bleuht in´n Dünensand,
    |: Wo de Möwen schriegen, grell in´t Stormgebrus, –
    Da is mine Heimat, da bün ick tau Hus. 😐
  2. Well- und Wogenrunschen, wir min Weigenlied,
    Un de hogen Dünen, seg´n min Kinnertied,
    |: Seg´n uch mine Sehnsucht, un min heit Begehr,
    In de Welt tau fleigen öwer Land un Meer. 😐
  3. Woll het mi dat Leben dit Verlangen stillt,
    Het mi allens geben, wat min Herz erfüllt,
    |: Allens is verswunden, wat mi quält un drew,
    Hev nu Frieden funden, doch de Sehnsucht blew. 😐
  4. Sehnsucht na dat lütte, stille Inselland,
    Wo de Wellen trecken an den witten Strand,
    |: Wo de Möwen schriegen grell in´t Stormgebrus, –
    Denn da is min Heimat, da bün ick tau Hus.
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Lesetipp

Ein ausführliches Hörfunk-Feature zur Entstehungsgeschichte der „Nordseewellen“, ausgestrahlt am 4.7.2011, findet sich auf Deutschlandradio Kultur:

http://www.deutschlandfunkkultur.de/landerreport-liedgeschichte-ostseewellenlied-txt.media.e9c2d4730a5b1312bcce01efe206a333.txt

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