Atlantis in der Nordsee: Von Geburt und Untergang der Ostfriesischen Inseln

Eigentlich sind es ja insgesamt zwölf Inseln, die sich vor Ostfrieslands Küste aufreihen. Doch nur sieben davon sind durchgehend bewohnt und auch nur die werden zu den Ostfriesischen Inseln gezählt. Von West nach Ost wären das: Borkum, Juist, Norderney, Baltrum, Langeoog, Spiekeroog und Wangerooge. Diese sind geologisch gesehen noch sehr jung und nichts anderes als flüchtige Gebilde aus Sand. Der hat sich nach und nach beim ewigen Hin- und Her des Wassers, den Gezeiten, auf einzelnen Wattsockeln abgelagert. Im Verlauf bildeten sich parallel zur Küste liegende Strandwälle, die dann von hoch spezialisierten Pionierpflanzen besiedelt und befestigt wurden. Aus dem Schwemmland entstanden Dünen, Salzwiesen, Pflanzendecken – und schließlich feste Inseln.

Ostfriesische_Inseln_(Karte)_Wikipedia

Doch was gerade eben noch aus Sand erwachsen, ist ebenso schnell auch wieder verschwunden. Wie etwa die Insel Buise, die sich einst östlich von Juist befand und im 14. Jahrhundert durch Sturmfluten zerbrach. Aus dem östlichen Teil von Buise, dem Osterende, wurde später dann die Insel Norderney, die damit eine relativ junge Schöpfung der wehenden und strömenden Natur darstellt. Norderney bedeutet „Nordens neue Insel“.

Die morphologischen Gestaltungsvorgänge sind keineswegs schon abgeschlossen. Die „Geburt einer Insel“ ist gerade jetzt wieder zu beobachten, und zwar ganz im Westen der Ostfriesischen Inseln. Zwischen Borkum und Juist liegt die so genannte Kachelotplate, die ihren Namen vom französischen Wort für Pottwal, cachalot, hat. Vor fünfzig Jahren war dort nur eine größere Sandbank zu sehen. Heute ist das Schwemmland, die Plate, fast drei Kilometer lang und an einigen Stellen mehr als einen Kilometer breit. Auch haben sich schon Pionierpflanzen angesiedelt, die dem Salzwasser trotzen und die Keimzelle für embryonale Dünen bilden, da sich um das zarte Grün herum immer mehr Sand ansammelt. Ein Großteil der Kachelotplate wird bei Hochwasser bereits nicht mehr überflutet. An manchen Stellen ist das Eiland sogar fast zwei Meter über dem mittleren Wasserstand, dem Normalnull-Pegel für die Küste.

Das sind alles deutliche Merkmale einer Insel. Beim Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten– und Naturschutz (NLWKN) ist man aus Erfahrung eher zurückhaltend und spricht konsequent weiterhin von einer Sandbank. Denn bei der nächsten Sturmflut könnte die Insel bereits wieder mitgerissen werden, könnte das Meer sich die Kachelotplate wieder zurückholen. Wenn sie den Gewalten standhalten sollte und sich weiter verfestigt, dann hätten wir jedoch tatsächlich eine neue Insel in Ostfriesland zu verzeichnen. Eine Urlaubsinsel für Touristen wäre auf jeden Fall nicht zu erwarten. Denn das jungfräuliche Eiland befindet sich in der am strengsten geschützten Zone des Niedersächsischen Wattenmeers und bliebe für fliegende Gäste wie die Küstenseeschwalbe reserviert.

Die benachbarte Vogelinsel Memmert vor Juist zeigt, wie sich die Situation ändern kann. Die „achte Insel“, wie sie manchmal liebevoll genannt wird, verliert merklich an Grund. Sie bereitet dem Vogelwart, dem einzigen Menschen, der von März bis November auf der für den Tourismus nicht zugänglichen Insel lebt, einige Sorgen. Etwa seit Beginn der 80er Jahre haben veränderte Strömungen und Sandwanderungen sowie die erhebliche Zunahme von Sturmfluten dazu geführt, dass die Dünen vor allem an der Westseite von Memmert in geradezu dramatischer Weise kleiner wurden. Derzeit ist die Insel bei Hochwasser etwa 500 Hektar groß, bei einer Sturmflut ragen aber nur noch die höheren Dünen aus der tosenden Nordsee heraus. In nur zehn Jahren ist ein Drittel des höheren Geländes Sturmfluten zum Opfer gefallen. Ohne schützende Randdünen und breiten Strand ist auch das neue Grünland gefährdet. Der Strand ist mittlerweile sehr schmal und kann bei schweren Stürmen die Wucht der heranbrausenden Wellen nicht mehr dämpfen. Dünenschutzarbeiten sind weitgehend wirkungslos geworden.

Noch dramatischer zeigt Lütje Hörn, eine kleine Vogelinsel vor Borkum, welche Transformationen in kurzer Zeit möglich sind. 1891 lag die Größe der Insel bei 61 und 1937 bei 54 Hektar. Im Jahr 1957 betrug die hochwasserfreie Fläche noch 58 Hektar mit einem ein Hektar großen Dünenkern. Doch seitdem verändert sich die relativ stabile Lage. Durch mehre Sturmfluten erlitt das sandige Eiland erhebliche Landverluste und Dünenerosionen. Im Jahr 1987 hatte sich die Fläche fast um die Hälfte auf 23 Hektar halbiert, wenige Jahre später waren es noch 11 Hektar. 2006 verzeichneten die Experten vom NLWKN eine hochwasserfreie Fläche von rund 6,5 Hektar. Nur noch ein Zehntel der ursprünglichen Insel ist also in gut hundert Jahren übrig geblieben.

Bis heute sorgt die vorherrschende Nord-West-Richtung von Wind und den Gezeitenströmen auch dafür, dass die Ostfriesischen Inseln immer weiter nach Osten wandern. Lütje Hörn zum Beispiel ist ein regelrechter Sprinter unter den Inseln: Allein von 1961 bis 1999 hat sie sich um gut 600 Meter nach Osten und 150 Meter nach Süden verlagert. Das entspricht einer Wanderungsgeschwindigkeit von 15 Metern pro Jahr in östlicher und vier Metern pro Jahr in südlicher Richtung. Bis heute hat sie Richtung Osten weitere hundert Meter dazugelegt.

Das Wandern der Inseln entsteht dadurch, dass die Landmassen durch die Macht der Brandung im Westen abgetragen und an den östlichen Rändern durch Wind und Wellen dann wieder angeweht und angespült werden. Dieser Vorgang gibt den Ostfriesischen Inseln auch ihr typisches Aussehen, das ganz häufig einer lang gestreckten Sichel ähnelt, die ihren runden Bogen nach Westen ausrichtet. Besonders weit nach rechts gewandert ist Baltrum, wie ein Blick auf die Karten zeigt: Vor etwa 350 Jahren befand sich die kleinste der Ostfriesischen Inseln dort, wo heute das Ostende von Norderney liegt und sich die Seehunde räkeln. Auch Spiekeroog und Wangerooge haben im Laufe der Jahrhunderte einen starken Ostschub zu verzeichnen.

Bant, Burchana und Borkum: Das Rätsel der Bohneninsel

Ostfriesland hat viele untergegangene Inseln. Eine von ihnen ist die Insel Bant, die geologisch einen Spezialfall darstellte. Sie lag einst südlich vom heutigen Juist, relativ nah zur Küste. Im Unterschied zu den anderen Ostfriesischen Inseln, die sich aus einem Strandwall im Meer gebildet haben, war Bant jedoch eine Marscheninsel – und damit eher vergleichbar mit den Halligen Nordfrieslands, die vor allem durch Aufschlickung oder Aufschwemmung bei Überflutungen auf Marschland entstanden sind. Bant war bis Ende des 16. Jahrhunderts noch bewohnt. Doch durch den Abbau von Seetorf zur Salzgewinnung erodierte die Insel zunehmend. Der hochwasserfreie Teil der Insel schrumpfte dramatisch, bis sie 1780 völlig überflutet wurde. Heute ist von ihr nur noch eine Sandbank im Meer übrig.

Ein Rätsel gibt bis heute eine Insel mit dem klingenden Namen Burchana auf. Dieser Name ist von den Römern überliefert, denen insgesamt 23 friesische Inseln bekannt waren. Burchana war die „nobilissimae“, die berühmteste unter ihnen. Sie wurde um Christi Geburt herum als erstes vom griechischen Historiker Strabon entdeckt, der ihr auf einer Erkundungstour durch das damals noch unbekannte Nordeuropa den Namen Byrchanis gab. Plinius, der Ältere, latinisierte den Namen dann später zu Burchana. Wegen der vielen Bohnen, die dort von selbst wuchsen, nannten sie das Eiland auch Fabaria (von „faba“, dem lateinischen Wort für Bohnen). Über die Lage der historischen Bohneninsel herrscht bis heute Unklarheit.

Die einen vermuten, dass es sich um eine ehemalige Großinsel handele, die durch eine der gewaltigen Sturmfluten des Mittelalters in die Inseln Borkum, Bant, Juist und Buise zerrissen wurde. Gegen diese These sprechen vor allen Dingen geologische Gründe: Denn die vier Teilinseln gehören unterschiedlichen Inseltypen an (Schwemm- oder Marschlandinsel), so dass diese unmöglich eine gemeinsame „Mutterinsel“ haben können. Borkum und Bant haben geologisch nichts miteinander zu tun. Die anderen sind der Ansicht, dass das antike Burchana mit Borkum identisch sei. Dagegen spricht wiederum, dass es sich bei den Ostfriesischen Inseln um geologisch junge Gebilde handelt, die zur Zeit der Römer allenfalls nur rudimentär vorhanden waren und erst im Mittelalter besiedelt wurden.

Borkum WoW Strandsegeln 3
Ist Borkum tatsächlich identisch mit Burchana, der antiken Bohneninsel?

Die Bedenken der Historiker kümmerte Borkum wenig. 1993 feierte die Stadt ihr 2000-jähriges Bestehen und berief sich beim Jubiläum auf Burchana und die antiken Geschichtsschreiber. Auch in der deutschsprachigen Griechenland Zeitung war im Dezember 2017 ein Artikel zu lesen, der fragte: „Borkum – eine griechische Insel?“ und sich auf das antike Byrchanis des Strabon berief. Ob Borkum die Bohneninsel der Antike und damit die älteste namentlich erwähnte aller Ostfriesischen Inseln ist, ist aber immer noch heftig umstritten.

Durch eine Kreuzfahrerflotte, die sich vor der Insel versammelte, ist ab dem Jahr 1227 jedoch der Name Borkna für Borkum eindeutig bestätigt. Das kommt vom isländischen burkni und bedeutet Brombeerdickicht. Seit dieser Zeit ist die Insel wohl auch bewohnt, wie Funde am Nordstrand von Borkum belegen.

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