Vom Winde verweht: Die Strandkorbparadiese der Nordsee

Strandkörbe sind ein sehr deutsches Phänomen. Für das Wort „Strandkorb“ gibt es auch keine Übersetzung in andere Sprachen. Im Englischen und Französischen benutzt man das deutsche Wort. Auch in Küsten mit ähnlichen Wetterbedingungen, wie denen von England, Dänemark oder Polen, kommt der Strandkorb nur selten zum Einsatz. Währenddessen sind die bunten Flechtkörbe fester Bestandteil der Strandkultur an der deutschen Ost- und Nordsee. Auch in Ostfriesland haben sie sich im Landschaftsbild verankert, an den Stränden und Häfen der Küstenorte und besonders natürlich an den langen Sandstränden der Ostfriesischen Inseln. Wenn die Saison beginnt, dann werden sie aller Orten herausgeholt aus ihren Winterquartieren und über die weißen Strände verteilt. Frisch gestrichen und herausgeputzt laden sie schon im späten Frühjahr zum geschützten Verweilen im Freien ein. Ein Themenschwerpunkt über „Sand und Strand“ wie dieser kommt am Strandkorb einfach nicht vorbei.

Bevor er seinen Siegeszug über die deutschen Strände antrat, gab es jedoch einige Vorläufer. Zu Beginn der aufkommenden Badelust an der Nordsee, galt es sich vor Wind, Sonne, Regen und immer gegen den wehenden Sand zu schützen, doch noch am meisten vor den begehrlichen Blicken anderer. Das galt besonders für Frauen.

Badekarren – fein getrennt nach Männlein und Weiblein

Mit den Badekarren fing es mal an: Auf Norderney tauchten sie auf den Ostfriesischen Inseln um 1800 zum ersten Mal auf. Vorbild war England, wo Badekarren seit Mitte des achtzehnten Jahrhunderts in Seebädern eingesetzt wurden. Man war prüde, wollte aber dennoch etwas für seine Gesundheit tun – denn man tauchte seinen Körper nicht zum Vergnügen ins Wasser. So stieg Mann wie Frau noch am Strand in voller Montur in den Wagen, getrennt nach Geschlecht, versteht sich. Dieser wurde dann von einem Kutscher mit Pferdegespann tiefer ins Wasser gezogen. Im Inneren der Kabine konnte man sich vor Blicken geschützt umziehen und dann seinen Zeh, manchmal, Huch!!, sogar den ganzen Körper kurz ins kühle Nass eintauchen. Von Schwimmen konnte man nicht wirklich sprechen. Das war eine Kunst, die damals allerdings nur die Wenigsten beherrschten.

Im Prinzip waren die Badekarren eine hölzerne Umkleidekabine, nur mobil, damit auch ja kein Blick auf die Badenden erhascht werden konnte. Vor allen Dingen für Frauen war dieses in der damaligen Zeit, die einzige züchtige Möglichkeit, unter Einhaltung aller gebotenen Sittlichkeit im offenen Meer zu baden.

Auch heute zieren die historischen Badekarren noch so manchen Strand. Drei ganz besonders schöne Schmuckstücke befinden sich auf Norderney am Strand der Weißen Düne unterhalb der Strandkorbvermietung. Auf Wangerooge steht solch ein Karren in strahlendem Weiß und Gelb restauriert am Ende der Strandpromenade. Dort dient er als Verkaufsraum für die Strandkörbe unserer Tage.

Badezelte – noch heute auf Borkum zu Hause

Zum Schutz vor Sonne und Wind suchte man anfangs Strandhütten auf. Später stellte man von den festen Strandbauten auf mobilere Strandzelte um. Diese gab es in allen Größen: Ganze Familien fanden darin Platz. Es gab aber auch verkleinerte Versionen für zwei bis drei Personen. Sie wurden kastenförmig oder rund angeboten. Zum Sitzen benutzte man einfache Bänke oder Strandstühle, die man in die Zelte stellte. Diese Strandzelte finden sich im Prinzip noch genauso heute auf der Insel Borkum. Sie ist die einzige der Ostfriesischen Inseln, die diese Tradition noch fortführt. Auf den anderen Eilanden hat sich seit langem ausschließlich der klassische Strandkorb durchgesetzt.

Borkum StrandzelteBis in die 1920er Jahre war es nur dem wohlhabenden Bürgertum vorbehalten, am Strand seine Freizeit zu verbringen und in die Sommerfrische zu gehen. An den Strand ging man in hoch geknöpfter Kleidung und in das Strandzelt nur, um sich darin vor dem Wetter und insbesondere vor der Sonne zu schützen. Das Entkleiden und Sonnenbaden am Strand galt als unschicklich. Gebräunte Haut war ein Merkmal der unteren Klassen. Nur an ausgewiesenen Stellen, abseits der Strandzelte, war ein Bad im Meer, getrennt nach Geschlechtern, vorgesehen.

So streng sind die Sitten auf Borkum heute nicht mehr. Und zu jedem gemieteten Strandzelt gibt es immer kostenlos einen Liegestuhl dazu. So haben wir es ein bisschen bequemer als unsere Vorfahren und können uns im Gegensatz zu diesen damit auch sonnen. Strandzelte sind aber auf jeden Fall ein echter Hingucker, ein Relikt vergangener Bäderzeiten, und als eigene Umkleidekabine auch heute noch äußerst praktisch. Sie werden von Hand gefertigt. Die Tischlerei Byl auf Borkum hat sogar ein Strandzelt im XXL-Format produziert für Staatstreffen oder ähnliche Termine …

Strandzelt XXL

Strandkörbe – wunderlich geflochtene Bestseller

Nach den revolutionären Zeiten kam in der Weimarer Republik eine Lockerung der Sitten auf. Zudem verbesserten sich in den Zwanziger Jahren die Arbeitsbedingungen für weite Teile der Bevölkerung. Der tariflich geregelte Anspruch auf Erholungsurlaub ermöglichte es nun auch Teilen der Arbeiterschaft, Ferien am Meer zu machen. Die Gepflogenheiten änderten sich und es wurde „in den meist prüden Seebädern endlich erlaubt, sich im Strandkorb zu sonnen und von dort aus ins Wasser zum Baden zu gehen.“  * Die Zeit war reif für den Strandkorb!

Der erschien gegen Ende des 19. Jahrhunderts das erste Mal auf der Bildfläche. In der damals populären Zeitschrift Gartenlaube schreibt ein unbekannter Autor bereits 1881 über die Vergnügungen auf Norderney:

„Da promeniert Männlein und Fräulein in bunter Mannigfaltigkeit der Toilette oder sitzt in den wunderlich geflochtenen Strandkörben vor Wind und Sonne geschützt.“ **

Als Erfinder des Strandkorbs gilt jedoch gemeinhin der Hof-Korbmachermeister Wilhelm Bartelmann aus Rostock, der 1882 dem Wunsch einer älteren Dame namens Elfriede von Maltzahn nach einer schützenden Sitzgelegenheit für den Strand nachkam. Schnell entwickelte er den ersten Entwurf weiter und es entstand der Prototyp unseres heutigen Strandkorbs: ein Zweisitzer, mit Markisen, Fußstützen und Seitentischen. Für den Erfolgszug des Strandkorbs ist aber seine Frau, Elisabeth Bartelmann, mindestens ebenso verantwortlich. Sie erkannte schnell, dass sich der geflochtene Korb als Saisonartikel nur schlecht verkaufen ließ, dafür aber umso besser zu vermieten war. Bereits im Sommer 1883 bot sie in der Nähe des Leuchtturms von Warnemünde die ersten Körbe zur Vermietung an und eröffnete damit einen ganz neuen Geschäftszweig – den des Strandkorbverleihers.

Schaufel und EimerAuch heute, 135 Jahre später, sind die Strandkörbe der Bartelmanns immer noch ein wichtiger Wirtschaftsfaktor an den deutschen Küsten. Mehrere Tausend werden von ihnen jährlich produziert und verkauft. Sie gehen nicht nur an die Strände von Inseln und Küste, sondern zu einem großen Teil auch ins Landesinnere und finden dort als Möbel mit integriertem Fernweh ein modisches Zuhause auf Terrassen und Gärten.

Spiekeroog trumpft mit einem Strandkorb für mehrere Generationen

Der klassische Strandkorb hat über die Jahrzehnte hinweg kaum Veränderung erfahren. In seinen wesentlichen Komponenten ist er gegenüber Modellen von 1910 quasi unverändert. Doch gerade in den letzten Jahren ist Bewegung in die Funktion und die Formensprache des Klassikers gekommen. Zu den erfolgreichsten Innovationen gehört mit Sicherheit der Schlafstrandkorb. Das mit dem Deutschen Tourismuspreis dekorierte Korbmöbel ist auch auf Norderney der Newcomer des letzten Jahres und wird überaus erfolgreich angenommen von einem Publikum, das kontrolliertes Abenteuer und eine Nacht unterm Sternenhimmel am Strand sucht.

Auch Spiekeroog zeigt sich sehr innovativ in Sachen Strandkorb. Seit 2017 ist auf der autofreien Nordseeinsel ein Mehrgenerationen-Strandkorb zu Hause.

Er ist für all jene gedacht, die nicht so mobil sind – sei es durch einen Kinderwagen oder einen Rollstuhl. Denn für diese ist eine Rampe mit geringer Steigung installiert, so dass man den Strandkorb bequem befahren kann. Es gibt zudem eine unklappbare Bank, die auch als Wickeltisch nutzbar ist. Die Sitzflächen sind ebenfalls erhöht und kürzer als bei normalen Modellen, so dass sich ältere Menschen problemlos wieder aus dem Strandkorb erheben können. Er ist ein wahres Multifunktionstalent, dieser Strandkorb für Jung und Alt.

Der Mehrgenerationen-Strandkorb fügt sich ein in ein umfassendes Konzept zur Barrierefreiheit, mit dem Spiekeroog auf sich aufmerksam macht. Er findet jedes Jahr einen anderen Standort auf der Insel. Im ersten Jahr bezog er einen Platz am Hafen. Dieses Jahr wird der Mehrgenerationen-Strandkorb auf dem Dorfplatz am Rathaus stehen. Im Gegensatz zu den klassischen Strandkörben ist dieses spezielle Modell nicht zu mieten. Es wird auch eher wie eine Ruhebank genutzt. Doch egal an welchem Ort – wer in ihm sitzt, verspürt sogleich das unnachahmliche Strandkorb-Feeling, das wir Deutschen scheinbar so lieben.

Mehrgenerationen StrandkorbUrsprünglich war der Mehrgenerationen-Strandkorb einer von fünf Strandkörben, mit denen die TourismusMarketing Niedersachsen GmbH Werbung gemacht hat. Als die Aktion beendet war, suchte man ein neues Zuhause für die geflochtenen Fünf. Spiekeroog hat sich dann mit seiner Bewerbung und der Idee eines über die Insel wandernden Strandkorbs erfolgreich durchgesetzt und den Zuschlag erhalten. Tourismusleiter Patrick Kösters freut’s und die Gäste und Insulaner scheinbar auch: Bereits im ersten Jahr wurde der neue Mehrgenerationen-Strandkorb ausgesprochen gut angenommen und gerne genutzt.

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Quellen- und Bildnachweise

* Moritz Holfelder: Das Buch vom Strandkorb, Husum 1996

** Norderney. Eine Studie von der deutschen Nordseeküste; in: Die Gartenlaube, Heft 39, S. 644–647, hier S. 646

Mehrgenerationen-Strandkorb: © Bildarchiv Nordseebad Spiekeroog GmbH

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3 Kommentare zu „Vom Winde verweht: Die Strandkorbparadiese der Nordsee

  1. So schön, ein Beitrag über Standkörbe! Danke dafür!! Und erstaunlich, dass es der Standkorb nicht an andere Strände geschafft hat, zum Beispiel nach Griechenland, wo es doch auch windig ist auf den Inseln. Mit sonnigen Grüßen aus Athen!

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    1. Schön von Dir zu hören. Es gibt noch mehr Bezüge zu Griechenland. Borkum soll für manche eine griechische Insel sein, falls sie tatsächlich das antike Burchana ist – was allerdings viele bezweifeln… Mehr dazu in der aktuellen Titelstory: Atlantis der Nordsee…
      Grüßle von Petra Wochnik – dem Kopf hinter Ostfriesland Reloaded

      Gefällt 1 Person

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