Tödlicher Ausgang: Wenn Wale im Wattenmeer stranden

Zuerst werden die Knochen in einen großen beheizten Container mit Wasser, Bakterien und Waschmittel gefüllt. Nach etwa einem Monat haben die Kleinstlebewesen das restliche Fleisch zersetzt. Danach wäscht man sie und befreit sie mit einer speziellen Lösung von ihrem Geruch. Zum Schluss werden die gereinigten Knochenteile wie bei einem 3D-Puzzle wieder zu einem überdimensionalen Skelett zusammengesetzt. Das blüht einem Pottwal, wenn er sich in die flache Nordsee verirrt, strandet und elendig im Wattenmeer verendet. Denn darin hat das riesige Säugetier, das bis zu 500 Metern tief taucht, eigentlich nichts zu suchen.

Pottwale haben getrennte Wohnzimmer

Er liebt die polaren Regionen und ernährt sich dort von tausend Kilo Tintenfisch täglich. Sie bevorzugt eher die warmen Meere, wo sie sich am Besten um den Nachwuchs kümmern kann. Zur Paarung mit den Weibchen zieht es die Bullen vom Nordpolarmeer in den Atlantik und dabei verlieren sie gelegentlich den Kurs. Jede Walstrandung hat ihre eigene Ursache: Schiffahrt, Verschmutzung, Klimawandel, Militär – verschiedenste Dinge können zur Störung des Echolotsystems bei den gewaltigen Meeressäugern führen. Wie etwa am 30. November 2003.

An diesem Tag strandeten zwei riesige Pottwale zwischen den beiden Inseln Juist und Norderney. Sie waren über 15 Meter lang und fast 40 Tonnen schwer. Vier Tage lagen sie dort im Watt, denn eine Nipptide erschwerte die Bergung. Einer der riesigen Bullen explodierte sogar liegend im Watt, Gase sorgten für zu viel Druck im Inneren. Ein 100 Tonnen schwerer Autokran war notwendig, um die Säuger in eine verschweißte Wanne zu setzen, in der Fett, Exkremente und das Blut der Pottwale aufgefangen wurden: ein Riesenspektakel damals mit entsprechendem Medienrummel. Nach ihrer Bergung wurden die beiden Pottwale zerlegt und ihr Fleisch entsorgt. Ein wahrer Knochenjob!

Apropos Knochen: Die kamen zu einem Experten in den Niederlanden, genauer zu Aart Walen. Dessen Nachname wurde quasi sein berufliches Progamm. Er ist Walpräparator und nahm sich der Knochenreste beider Pottwale an. Das überzeugende Ergebnis des überdimensionalen Puzzlespiels lässt sich heute an zwei Orten in Ostfriesland bestaunen.

Einer der beiden vor fünfzehn Jahren gestrandeten Wale befindet sich heute im Waloseum östlich von Norddeich. Das riesige Walskelett schwimmt förmlich wieder durch einen in tiefem ozeanblau illuminierten Ausstellungsraum. Er ist die Attraktion der dortigen Ausstellung und hinterlässt von allen Präparaten entlang der Inseln und der Küste den nachhaltigsten Eindruck. Der andere Pottwal des gestrandeten Duos hat seine Heimat im Nationalpark-Haus Wittbülten auf Spiekeroog gefunden. Auch er ist dort fraglos der größte Blickfang und schwebt in luftiger Höhe über dem zentralen Ausstellungsraum.


Kostbarkeiten vom Pottwal

Der Pottwal ist der größte Zahnwal der Welt. Sein gewaltiges Gebiß ist sehr begehrt. So wurden die Unterkiefer der beiden gestrandeten Wale zwischen Juist und Norderney 2003 zum Schutz vor Elfenbeinplünderern in einen Tresor gepackt. Auch Ambra ist eine Kostbarkeit, die sich im bis zu 250 Meter langen Darm eines Pottwales befindet und der Parfümindustrie als besonders wohlriechende Trägersubstanz dient. Ebenso Walrat, eine wachshaltige Flüssigkeit, die früher gern als Öl und für Kerzen eingesetzt wurde.


Massensterben von jungen Pottwalbullen

Warum Wale stranden, ist bislang noch nicht genau geklärt. Auffällig ist aber, dass bei der Strandung lebender Tiere auffällig oft Walarten mit Zähnen betroffen sind: Pottwale, Grindwale, manche Schwertwale und Delfine. Im Gegensatz zu den zahnlosen Exemplaren, wie etwa den Bartenwalen, sind sie gesellige Wesen, leben in Familien und Schulen und schwimmen sozusagen gemeinsam in die Katastrophe. Zwischen November 1994 und Januar 1998 strandeten 80 Pottwale an den Küsten der Nordseeanrainerstaaten Deutschland, Holland, Belgien, Dänemark und Schottland.

Das größte je in der Nordsee beobachtete Walsterben ist noch gar nicht so lange her. Vor zwei Jahren, im Januar und Februar 2016, starben 29 junge Pottwale an den Küsten rund um die Nordsee, in Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden und Deutschland. Allein in der Norddeutschen Bucht fanden 16 Tiere den Tod. Ihr großer Appetit auf Kalmare wurde ihnen zum Verhängnis. Ausgelöst duch heftige Stürme und ungewöhnlich warme Stömungen wurden diese Tiefseefische in die Nordsee getrieben, so die Erklärung der Experten. Die Pottwale folgten ihrer Lieblingsbeute in das für sie viel zu flache Jagdrevier der Nordsee, wo sie unweigerlich stranden mussten und letztendlich an Herz- und Kreislaufversagen verendeten.

Zwei der 29 jungen Pottwale strandeten am Ostende der Insel Wangerooge und starben dort am 8. Januar 2016. Einer von ihnen – 13 Meter lang, 16 Tonnen schwer und elf Jahre jung – fand seinen Weg wieder zu Präparator Walen in den Niederlanden und kehrte als Pottwalskelett auf die Nordsee-Insel zurück. Dort hat es seit April 2017 einen prominenten Platz vor dem Eingang des Nationalpark-Hauses von Wangerooge.

Toter Grindwal in Norddeich: Enthauptung am Badestrand

Die jüngste Strandung eines Wales in Ostfriesland war gerade erst im Dezember 2017. Da wurde direkt am Hundestrand von Norddeich, wo im Sommer Touristen und Einheimische baden, ein gestrandeter Grindwal entdeckt. Onno Gent, Ranger des Nationalpark Wattenmeer im Norderland und der Krummhörn, führte die Aufsicht bei der Bergung und erläutert: „Grindwalstrandungen sind in der Tat sehr selten hier. Dieser war der dritte innerhalb der letzten 40 Jahre. Schon verständlich, da sie im Nordatlantik beheimatet sind.“ Er kann nicht ausschließen, dass der gestrandete Grindwal nicht aktiv – also lebend -, sondern bereits als Kadaver mit den Strömungen via Ärmelkanal in die Nordsee gekommen ist. „Das wäre eine vorstellbare Möglichkeit, genau werden wir das aber niemals wissen“, so der Experte.

Der Körper landete in der Tierverwertung, der Kopf ist für die Ausstellung im Waloseum vorgesehen. Doch der musste nach Auswertung aller Proben und Freigabe durch die zuständigen Behörden erst ein Mal vom restlichen Körper getrennt werden, was gar nicht so einfach war. Ostfriesland Reloaded war zum Termin live dabei und hat die Kamera einfach draufgehalten – denn hingucken war nur schwer zu verkraften, gerochen hat es auch nicht sehr appetitlich. Aber wie heißt es so schön: „Wat mut, dat mut!“ Mit vereinten Kräften zogen die Mitarbeiter des Nationalpark-Haus Norddeich an einem langen Seil bis sie endlich das Haupt des Grindwals zum Abtransport in Folie packen konnten. Der Kopf ist zur Zeit beim Präparator und wird vermutlich in der zweiten Jahreshälfte 2018 als knöcherner Walschädel im Waloseum bei Norden zu sehen sein.

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Und noch etwas

Auch Borkum hat ein riesiges Walskelett

Die berühmten Borkumer Walfänger waren im Nördlichen Eismeer eigentlich auf der Jagd nach dem Grönlandwal, einem zahnlosen Bartenwal. Im Inselmuseum ausgestellt ist dagegen ein gewaltiges Walskelett mit einem riesigen Kiefer und großen Zähnen. Ein Pottwal, unverkennbar. Dieser ist jedoch nicht vor Ostfriesland oder seinen Inseln gestrandet, sondern stammt von der Halbinsel Eiderstedt in Schleswig-Holstein, wo er 1998 verendete. So hat das Borkumer Skelett weder sehr viel mit der langen Walfänger-Geschichte der Insel zu tun, noch mit Ostfriesland. Beeindruckend ist es aber alle Mal.

Pottwal-Skelette im Überblick: Whale Watching in Ostfriesland

Norddeich: Waloseum, Osterlooger Weg 3, http://www.waloseum.de

Spiekeroog: Nationalpark-Haus Wittbülten, Hellerpad 2, http://www.wittbuelten.de

Wangerooge: Nationalpark-Haus Rosenhaus, Friedrich-August-Straße 18

Borkum: Inselmuseum, Roelof-Gerritz-Meyer-Straße (östlich des Alten Leuchtturms)

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