Die Seenotretter: Vom Ruderboot zum High Speed-Schiff

Über Jahrhunderte hinweg strandeten immer wieder Boote vor den Ostfriesischen Inseln, schmetterte eine gnadenlose Brandung die größten Schiffe wie Spielzeug an Land. Es gab eine Zeit, da freuten sich die Inselbewohner um jedes gestrandete Schiff. Denn das Strandgut gekenterter Schiffe gehörte zur Lebensgrundlage der Insulaner, sicherte einen Teil der kargen Existenz. Was für ein glücklicher Tag, wenn wieder einmal ein großes Handelsschiff an einer der Sandbänke auf Grund lief! Ein Drittel der Beute war für die Obrigkeit, ein Drittel für die Berger und ein Drittel für den Eigentümer der Ware. Da konnte für den Einzelnen schon Mal einiges von Wert abfallen. Auch jede Menge Strandräuber waren unterwegs. Unvorstellbar, aber um die  Überlebenden an Bord gestrandeter Schiffe hat man sich noch bis vor 150 Jahren nicht sonderlich gekümmert, die waren auf sich allein gestellt. Oberste Priorität hatte die Ladung des Schiffes und das Beutemachen.

Erst mit der schrecklichen Katastrophe des Auswandererschiffs „Johanne“ vor Spiekeroog änderte sich die Situation. Am 6. November 1854 war die Dreimastbark mit 216 Passagieren an Bord gestrandet. Vor den Augen der hilflosen Insulaner zerstörte die Brandung einer aufgepeitschten und tobenden Nordsee das gewaltige Schiff. Bei dem tragischen Unglück kamen 77 Menschen ums Leben. Es führte zu ersten Forderungen nach Rettungsstationen, doch erst ein weiteres schweres Schiffsunglück brachte die Wende: Am 10. September 1860 strandete vor Borkum die englische Brigg „Alliance. Die Insulaner machten scheinbar keinerlei Anstalten der Besatzung zu helfen, neun Mann starben und die Empörung war groß. In der gesamten norddeutschen Presse wurde das rücksichtslose Verhalten der Bevölkerung öffentlich kritisiert und schließlich zu Spenden für „Errichtung von Rettungsstationen auf den deutschen Inseln der Nordsee“ aufgerufen. Mit Erfolg: Am 2. März 1861 gründete Georg Breusing, ein Oberzollinspektor aus Emden, den „Verein zur Rettung Schiffbrüchiger“.

Breusing begann mit seinem Verein auf den Ostfriesisischen Inseln und entlang der Küste erstmals mit der systematischen Errichtung von Rettungsstationen in Deutschland. Andere Küstenbereiche Norddeutschlands folgten dem Beispiel Ostfrieslands und gründeten Vereine, so auch in Bremen Arwed Emminghaus, Schriftleiter und später Profesor an der TH Karlsruhe. Der „Bremische Verein zur Rettung Schiffbrüchiger“ wurde von ihm 1863 ins Leben gerufen. Noch im Gründungsjahr wurde von den Bremern auf Wangerooge, der östlichsten der Ostfriesischen Inseln, das erste Ruderrettungsboot stationiert. Emminghaus war es dann auch schließlich, der die verschiedenen norddeutschen Rettungsvereine zusammenbrachte und am 29. Mai 1865 die „Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS)“ mit Sitz in Bremen formierte.

DGzRS – das sind „Die Seenotretter“

Logo_DGzRS_neu.svgDie Organisation nutzt den kryptischen aber traditionellen Namen noch als Zusatz, firmiert seit 2007 aber einprägsamer unter dem Label „Die Seenotretter“. Sie sind der Öffentlichkeit vor allen Dingen bekannt durch ihre weiß-roten Spendenschiffchen. Rund 14.000 davon sind im Einsatz und bringen es auf ein Spendenvolumen von knapp einer Million Euro im Jahr. Darauf sind die Seenotretter auch angewiesen, finanzieren sie ihre Hilfe doch zum größten Teil aus Spenden.

Spendenschiff DGzRSDie modernsten Exemplare der DGzRS-Spendenbüchsen sind mit QR-Codes versehen und ermöglichen auch bargeldlose Zahlung. Das Sammeln der Spendenschiffchen ist übrigens verboten. Hergestellt werden sie in Handarbeit und in Kleinstauflage seit vielen Jahrzehnten von einer Firma in Delmenhorst, jedes Jahr etwas zwischen 500 und 1000 Stück.

Die DGzRS ist eine nichtstaatliche Seenotrettungsorganisation, die zuständig ist für Suche und Rettung auf See. Sie erbringt ihre Dienste manchmal ehrenamtlich, aber immer freiwillig. Durch die DGzRs werden auch die Verpflichtungen der Bundesrepublik für Seenotfälle, wie in internationalen Abkommen festgelegt, wahrgenommen. Daher ist ihr Schirmherr der jeweils amtierende Bundespräsident.

Die DGzRS blickt auf mehr als 150 Jahre Seenotrettung aus und unter Lebensgefahr zurück. In den Anfängen wurden die Rettungsboote im schnellen Galopp noch mit Pferdewagen ans Wasser gebracht. Zum Unglücksort sind die Retter einst gerudert.

Borkum - Seenotrettung mit Ruderboot
Das Ruderrettungsboot „Otto Haas“ war von 1894 bis 1922 auf Borkum im Einsatz. Mit ihm wurden 66 Menschen aus Seenot gerettet. (Quelle/Bild: Borkumer Inselmuseum „Dykhus“)

Heute hat die Gesellschaft in der Nord- und Ostsee rund 20 Seenotrettungskreuzer und 40 -boote im Einsatz. Auf 54 Stationen zwischen Borkum ganz im Westen und Usedom ganz im Osten des Reviers wurden im letzten Jahr 490 Menschen aus Seenot gerettet. 2.056 Einsätze waren es insgesamt in 2017, bei denen die Seenotretter auch erkrankte oder verletzte Menschen von Schiffen, Inseln oder Halligen zum Festland transportiert, Schiffe und Boote vor dem Totalverlust bewahrt, Hilfeleistungen für Wasserfahrzeuge aller Art erbracht sowie Einsatzanläufe und Sicherungsfahrten absolviert haben. Seit der Gründung 1865 hat die DGzRS bisher mehr als 84.500 Menschen aus Seenot gerettet oder aus anderer Gefahr befreit. Die Zentrale befindet sich seit ihren Anfängen in Bremen, von dort koordiniert auch die heutige Seenotleitung MRCC (Maritime Rescue Co-ordination Centre) die Einsätze der rund 800 Freiwilligen auf See.

Der jüngste Zuwachs in der Flotte der DGzRS ist die Fritz Thieme auf Wangerooge, ein Seenotrettungsboot der 9,5-/10,1-Meter-Klasse. Es wurde 2017 bei der Fassmer-Werft in Berne-Motzen gebaut, ermöglicht durch eine namhafte Erbschaft des Hamburger Professor Fritz Thieme, der die Seenotretter in seinem Nachlass bedacht hatte.

Am 8. April 2018 war Taufe auf Wangerooge, direkt am Liegeplatz, einem Ponton in der Nähe des Fähranlegers. Mit dabei waren die sieben Männer der Besatzung um Vormann Roger Riehl, zahlreiche Gäste, Freunde und Förderer der DGzRS und viele Insulaner, die regen Anteil an der Zeromonie nahmen und ihr neues Rettungsschiff feierten. Frisch getauft von Dagmar Irmler, der Lebensgefährtin des Verstorbenen, zog das nagelneue Rettungsboot eine Ehrenrunde im Wattenmeer, direkt vor dem alten Westturm aus Backstein, dem Wahrzeichen Wangerooges. Es war eine Taufe mit Hindernissen: Erst im dritten Anlauf hat es geklappt, da Probleme mit abblätterndem Lack und später der traurige Anlass des plötzlich verstorbenen Bürgermeisters der Insel immer wieder Terminverschiebungen erforderlich machten. Doch dritten Mal standen die Sterne günstig, und auch der Wettergott spielte mit.

Seennotretter Heiner Fischlein, Besatzungsmitglied der Freiwilligen-Crew von Wangerooge, betont vor allen Dingen die technische Weiterentwicklung, die die Fritz Thieme so besonders macht: „Sie ist mit ihren gut zehn Metern spürbar länger als die Wilma Sikorski, die wir bisher gefahren sind. Das Heck ist größer, wodurch wir mehr Platz für Tragen bei Krankentransporten haben.“ Wangerooge habe verhältnismäßig viele Fahrten mit dem Rettungsboot, was an der besonderen Lage an der Einfahrt zum Jadebusen liege, aber auch daran, dass die Insel tideabhängig sei und nicht immer eine Fähre oder ein Hubschrauber für Notfälle zur Verfügung stehe.

Das kann auch die Zentrale der DGzRS in Bremen bestätigen: „Die freiwilligen Seenotretter von Wangerooge transportieren immer wieder Kranke, die dringend medizinische Hilfe benötigen, von der Insel zum Festland, wenn ein Hubschrauber bei Nebel oder Sturm nicht fliegen kann.“ Die Fritz Thieme sei ein Bootstyp, der durch zwei Spanten mehr in der Länge die Unterbringung und Behandlungsmöglichkeiten an Bord für Schiffsbrüchige, Erkrankte und Verletzte verbessere.

Wangerooge ist nicht nur eine der ältesten Stationen der Seenotretter, sondern auch die erste „Seestation“, wenn Schiffe das geschützte Watt- und Flussmündungsgebiet von Jade und Weser verlassen. Das Revier umfasst die offene Nordsee und das rückwärtige Wattenmeer der Insel. Dies erstreckt sich im Westen über das Harle-Seegatt bis zur Nachbarinsel Spiekeroog, im Osten über das Seegatt Blaue Balje bis zur unbewohnten Insel Minsener Oog und im Süden bis zum Festland-Fährhafen Harlesiel. Die Lage und Tiefe der Fahrwasser des Seegebietes verändern sich durch den Tideeinfluss und die damit verbundenen Sandverlagerungen ständig. Dies trifft vor allem auf das Harle-Seegatt westlich der Insel zu. Ein anspruchsvolles Terrain für das die Fritz Thieme mit ihrem Tiefgang von nur 96 Zentimetern bestens geeignet ist.

Viele erfolgreiche Rettungseinsätze und Krankentransporte mit der Fritz Thieme wünscht Ostfriesland Reloaded den Seenotrettern von Wangerooge!

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