Zurück in die Zukunft: Bricks oder Besser Bauen mit Backstein

Der Backstein ist wieder da! Heute heisst er ganz cool und sehr cosmopolitisch „Bricks“. Ob in Berlin oder bei den Trendsettern der internationalen Architekturszene: Der alte Baustoff der Ostfriesen ist schwer im Kommen. Jetzt kann man nur noch hoffen, dass der kreative Zeitgeist auch in das Stammland der gebrannten Ziegel zurückkehrt. Denn nichts anderes ist Ostfriesland: The Home of Bricks.

Doch neue architektonische Impulse mit dem alten Baustoff werden zur Zeit an anderer Stelle gesetzt. Vor allen Dingen in Berlin hat man den Backstein zum Symbol eines neuen urbanen und exklusiven Gebäudedesigns erklärt. Der expressive Look, den eine Backsteinmauer entwickeln kann, macht den puristischen Ziegel dort zum neuen Lieblingskind der Stadtentwicklung. Bricks Club Berlin heisst dort nicht von ungefähr einer der angesagtesten Party-Locations, und der präsentiert sich mit exklusiv modernem Design und historischem Backstein-Interieur.

Bricks Club Berlin

Ein ganzes Wohn- und Geschäftsquartier namens „Bricks“ soll dieses Jahr sogar in der Spreemetropole entstehen, im Alten Postfuhramt zwischen der Hauptstraße und dem Akazienkiez in Berlin-Schöneberg. Namenspate ist das rote Backsteingemäuer des dortigen 1901/1902 erbauten, heute denkmalgeschützten Postfuhramts West. Das Architektenbüro Graft hat zwei Neubauten mit 130 Mietwohnungen und vielen Balkonen und Terrassen geplant. Bereits ab der zweiten Jahreshälfte 2018 sollen die ersten bezugsfertig sein. Die Architekten wollen dabei den industriellen Chic des Alten Postfuhramts bewahren. Und kaum ein anderer Baustoff eignet sich so ideal zur Symbiose von zeitgemäßen Neubau und stilvollem Altbau wie Backstein.Potsdamer Platz Brick House_StockWobei auch Ostfriesland seine Spuren in Berlin hinterlassen hat – und zwar an äußerst prominenter Stelle: Am Potsdamer Platz erhebt sich eine expressionistische Bauskulptur aus Backstein hoch in den Himmel, deren Fassade aus den in Europa einzigartigen Architektur Torfbrand-Klinkern aus dem ostfriesischen Nenndorf errichtet wurde. Da ist kein Backstein wie der andere: Im ewigen Feuer des Ringofens wurden sie in zwei Wochen zu rauen Unikaten gebacken und dann von Hand sortiert.

Auch der 2014 ins Leben gerufene Fritz-Höger-Preis für Backstein-Architektur zeugt von der Renaissance des alten Baumaterials. Mit über 600 eingereichten Projekten und großer internationaler Resonanz in 2017 hat er seinen festen Platz unter den bedeutendsten Architekturpreisen in nur kurzer Zeit gefestigt. In sieben Kategorien wurden die aktuellen Preisträger gewählt. Sie wie auch die vielen anderen Nominierten präsentieren hier einen beeindruckenden Querschnitt internationaler Backstein-Architektur.

„Jetzt zeigt sich der Baustoff von seiner modernen Seite – und macht Stahl, Beton und Glas Konkurrenz“, so leitete die FAZ letzten Sommer eine große Hymne auf den Backstein ein. Denn der besticht nicht nur durch seine inneren Werte, sondern auch durch die Vielfalt seiner gestalterischen Möglichkeiten. Ob massiv oder licht gemauert, zur glatten Fassadenfläche oder zu kunstvollen Reliefs am Bau verfugt, nichts scheint unmöglich. Bei Wohnhäusern verzaubern Fassaden mit geschickt arrangierten Durchlässen im Mauerwerk, die das Gebäude in der Dunkelheit wie eine Laterne zum Leuchten bringen, wie etwa das mehrfach ausgezeichnete Brick House im argentinischen Rosario.

Nun kann man sicherlich im feuchten Klima Ostfrieslands nicht so luftig bauen wie im trockenen Südamerika, aber die ein oder andere Anregung kann man sich von den neuen Interpretationen anderer Länder bestimmt auch für die heimatliche Scholle holen: vor allen Dingen die Leichtigkeit des Steins, die im deutlichen Gegensatz steht zu der massiven Bauweise, die für norddeutsche Landstriche typisch ist.

Beispielhafte Backstein-Architektur findet sich in Ostfriesland heute vor allen Dingen in historischer Bausubstanz – und damit ist Ostfriesland reich gesegnet. Wie überhaupt die Entdeckung des Backsteins sich als wahrer Segen für das Land umgeben von Mooren und Marsch erwies, in dem die Menschen vor dem 13. Jahrhundert mangels Holz und Gesteinsvorkommen kaum massiv bauen konnten. Von den Mönchsorden lernten die Ostfriesen erstmals die Kunst, aus der im Land reich verfügbaren lehmhaltigen Erde wetterbeständige Ziegel zu brennen und aus diesen dann Steinhäuser zu errichten.


Gut zu wissen

Backstein muss nicht immer rot sein. Das hängt ganz von der mineralischen Zusammensetzung des Tons ab: Je höher der Eisenanteil, desto röter der Backstein. Ein hoher Kalkanteil führt dagegen zu einer gelben Farbe. Backstein hat eine gute Energiebilanz. Besonders Klinker bietet sehr guten Schutz vor rauhem Seeklima, da er im Gegensatz zum herkömmlichen Ziegelstein bis zur Sinterung der Oberfläche gebrannt wird und  deshalb so gut wie keine Feuchtigkeit aufnimmt, aber auch nicht so gut dämmt. Meist handelt es sich bei modernen Backsteinbauten um zweischalige Außenwände: die innere Wand aus leichterem und besser dämmenden Material, außen als Witterungsschutz der Klinker. Ist der Backstein verbaut sehr energiesparend, zeigt er sich in der Herstellung energieintensiv: Beim Brennen werden pro Tonne Mauerziegel gut 29,1 kg Kohlenstoffdioxid freigesetzt. Bei Beton ist der Wert allerdings rund dreimal so hoch.


Wer in Ostfriesland heute mit alten Steinen arbeiten möchte, der kann sich an ANNO, der  Gesellschaft zur Erhaltung Ostfriesischer Kultur- und Baudenkmale mit Sitz in Emden, wenden. Der Verein unterstützt Privatpersonen bei der Restaurierung von Gebäuden, Gärten und Parks. Er hat aber auch weiterhin das Ziel, bedrohte Bausubstanz durch Ankäufe und gegebenenfalls Restaurierung zu sichern und bedrohte Objekte an Investoren, die die fachgerechte Restaurierung und den Erhalt ermöglichen, zu vermitteln. Mittlerweile sind mehr als 300 Menschen dabei und helfen mit Informationsveranstaltungen und ehrenamtlichem Engagement das reiche kulturelle Erbe, das sich in den Gebäuden aus altem Backstein in Ostfriesland manifestiert, lebendig zu erhalten.

***

________________________________________

Literaturtipps:

  • Jens Kallfelz und Katharina Ricklefs: Moderne Einfamilienhäuser aus Backstein. Nachhaltig. Vielseitig. Individuell, DVA, München 2016.
  • Philip Jodidio: 100 Zeitgenössische Bauten aus Backstein, Taschen Verlag, Köln 2017

 

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s